Mit allen Sinnen
von
amaryllion
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„Wollen wir beginnen, Abby?“ Der verzierte Brieföffner lag auf dem niedrigen Couchtisch und fand wie von selbst den Weg in seine Hand. „Erwarte nicht zuviel – wir haben alle Zeit der Welt. Ich möchte diesen Augenblick in einen ganz besonderen verwandeln... Und ich habe mich für einen sehr klassischen Beginn entschieden. Wir werden durch 27 Jahre eines Lebens gehen und ich werde verzeichnen, was es zu verzeichnen gibt...“ Und damit beugte er sich zu ihr hinab und begann mit diesem Brieföffner in sehr kleinen, verschnörkelten, absolut regelmäßigen und eng geschriebenen Worten auf ihren Körper zu schreiben...
Er begann bei ihrem linken Handknöchel und würde einfach an Kleidung beseitigen, was ihm auf seinen Weg über den Körper in eben jenen kommen mochte. Blut trat an den Stellen aus, die er berührte und es schrieb in roten wunderschönen Lettern das, was Abigail gleichzeitig vor ihrem inneren Auge zu sehen bekam. Und wer hatte schon die Gelegenheit, an sämtlichen Erinnerungen im Mutterleib, seiner eigenen Geburt teilzuhaben? Der ersten Liebe durch die Eltern? Den ersten Worten? Und den ach so frühen ersten herben Enttäuschungen, die dieses Leben zu bieten hatte? Alles in einem Geist versammelt, der bislang nur einfach nicht fähig gewesen war, diese Dinge dem inneren Auge zur Verfügung zu stellen...
Kurz merkte er auf, hörte die Worte, die sie zu sagen hatte. „Das alles würdest du tun, wenn unsere Rollen vertauscht würden? Nein, das macht mir keine Furcht. Ich bezweifle, daß du besser bist als die Kerker der Hölle, Abby.“ lächelte Azrael dann kopfschüttelnd. „Aber du hast natürlich Recht. Anatomie ist vermutlich der Schlüssel zu jedem Schmerz, den man entdecken mag. Das weißt du so gut wie ich, nicht wahr? Aber wenn dir all das bewußt ist, wie konntest du mich nur zu dir einladen?“ Er mochte trotz allem das Versprechen in ihrer Stimme. Es zeigte, daß sie seine Arbeit zu schätzen wissen würde. Aufmerksam lauschte er ihrer Beschreibung dessen was sie sah, wenn sie ihn ansah. Dann nickte er bedächtig. „Ich bin ein ENGEL, Abby.“ Was wohl allein schon Erklärung für eine gewisse Perfektion in Gestalt und Gebaren darstellen sollte. „Du siehst irgendwelche Äußerlichkeiten. Vielleicht weil Deine Augen in dieser Blindheit geschaffen wurden, die Deiner gesamten Rasse gemein ist. wenn du nur hingesehen hättest, wenn du nur hingesehen hättest, Abby... hättest du es vielleicht auch gesehen: der Tod ist das einzige wirkliche Versprechen, das du in meinen Augen finden kannst. In eurer Zeit bezeichnet ihr Gefahr als Mystik... vielleicht ist das der Grund, weshalb ihr bald letztendlich das sechste Siegel brechen und eure ganze Welt mit in den Abgrund reißen werdet... aber ich muß euch nicht verstehen.“ Frauen lagen ihm zu Füßen? Ganz abgesehen von der Frage, was er damit sollte – wenn er es wollte, würde ihm jeder dieser sprechenden Affen zu Füßen liegen. Und dann? Er zuckte desinteressiert mit den Schultern, während sie weitersprach.
„Ach Abby...“ Der Todesengel schüttelte bei solch trotzigen Worten bedächtig den Kopf. „Ich verwandele Deinen Tod in eine unvergleichliche Erfahrung, in ein ästhetisches Bild - und du weißt nicht einmal zu würdigen, daß du nicht elend, allein und verflucht gewöhnlich in einem eurer Häuser für all eure Kranken dahinsiechst? Was bist du dort, Abby? Eine Nummer? Eine unter vielen? Eine Fußnote in einem der Bücher eurer Verwaltung? Ein Vermerk in der Registratur? Ein Kostenfaktor?“ Natürlich erwartete Azrael nicht, daß sie es ihm einfach machen würde. Es würde den Moment nur süßer machen, an dem er ihren Willen brechen sehen würde, irgendwann in einigen Stunden vielleicht, kurz vor dem Ende?
Sie hatte ihm also vertraut? „Auf wen solltest du wohl vertrauen wenn nicht auf den Tod?“ erwiderte Azrael dann belustigt. „Aber wenn du Deinen Trotz erst hinter dir gelassen hast, wirst du vielleicht sehen können was ich sehe. In fast allen Augen kann man das Erkennen sehen, wenn es soweit ist...“ Immerhin blieb sie ruhig. Und das war schon ein Glücksfall unter tausenden. Es hatte seinen eigenen Reiz, sie schon von Beginn an fast zu Tode zu ängstigen und ihre Schreie zu hören. Doch Schreie hatte er noch vor kurzem zur Genüge bekommen - und später würde er sie ohnehin erhalten. Und wenn er die Gelegenheit hatte, bis zum Schluß so viel Zeit und Ruhe zu haben, daß er ein ganz einzigartiges Bild daraus schaffen konnte, war das manches mal noch wesentlich wertvoller. Und je beherrschter sie war, desto mehr Zeit und Ruhe würde es geben. Es würde ihren Tod zu einer ganz persönlichen Erfahrung machen...
Das Geräusch, mit dem sie einen Schmerzenslaut unterdrückte, zeigte, daß er auf dem richtigen Wege war. Doch das hatte er schließlich gewußt, nicht wahr? Er nickte leicht. Und schrieb in akkurater Weise weiter und je mehr Jahre auf den Körper und ihr vor Augen gebannt wurden, desto aufnahmebereiter würden ihre Nerven werden. Alle Sinne würden nach und nach hellwach werden und es würde keine Ablenkungen mehr geben. Letztendlich würde sie bereit sein für die Wahrheit – die einzige letzte Wahrheit, die es je geben konnte...
Abigail öffnete ihre Augen wieder und sah ihm zu. Ohne aufzusehen lächelte der Todesengel leicht. „Ja, es ist wunderschön, nicht wahr? Diese Schrift ist eure Erfindung. Es ist arabisch. Kannst du arabisch lesen, Abby?“ Es war nicht notwendig, diese Zeilen lesen zu können, sie konnte sie schließlich gleichzeitig in viel lebendigerer Form vor ihrem inneren Auge sehen. Doch vielleicht mochte sie die Anfänge dieses Bildes besser verstehen, wenn sie es dazu noch lesen konnte. Einerlei. Er selbst konnte es und das war für den Anfang genug. Die Schrift aus Blut zog sich nun bereits in einer feinen Spirale um ihren Unterarm und der Todesengel trennte den Ärmel der Bluse auf, um die Spirale der Worte schließlich über ihren Oberarm weiterzuführen.
„Ja, jetzt siehst du es, Abby.“ Er zuckte noch einmal gleichmütig mit den Schultern. Der Engel des Todes als Magnet für die irdische Frauenwelt? Sie schien sich noch immer an diesen Gedanken zu klammern, als könne er ihr beim Sterben helfen. „Jedes andere Tier wäre nicht dumm genug, sämtliche Warnungen in den Wind zu schlagen, die ihm der Instinkt mitzuteilen versucht.“
Sie sagte etwas, das der Todesengel nicht nachvollziehen konnte... und wohl auch nicht mußte. „Nach allem was ich mir von Deiner so geliebten ‚Aufgabe’ für dein Land angesehen habe, ist die Möglichkeit einer Kugel in einem Körper, die unter Umständen ein recht langes und häßliches Ringen mit dem Tod beschert hätte, durchaus nicht unwahrscheinlich. Auch du hattest eine Menge Schmerz zu vergeben, nicht wahr? Und der Schmerz ist für jeden Menschen der gleiche, ob er nun deine Sprache spricht oder eine andere. Du siehst also Abby: Ganz gleichgültig zu welcher ‚Seite’ man bei eurem Spiel gehört – es gibt keine ‚Guten’...“ hielt er dagegen, winkte jedoch schnell wieder ab. „Einerlei. Rede dir ein, was immer du möchtest. Und wenn du dieses
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