Mit allen Sinnen
von
amaryllion
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Kunstwerk nicht zu würdigen weißt, dann werde ich es an Deiner statt zu würdigen wissen. Aber letztendlich wirst du gern sterben Abby, denn der Tod wird zum ersten Mal in deinem Leben dein Freund sein...“
Abbys Atem ging für einige Momente etwas schneller und brachte ihm ein Schmunzeln auf die Lippen. Sollte sie ruhig noch einmal erwähnen, daß das hier nichts Erregendes hatte – es gab mehr Parallelen als er hätte aufzählen können. Nun – zugegeben – vielleicht waren sie von ihrer Position aus schwerer zu entdecken... „Nein Abby.“ widersprach ihr der Engel sanft. „Diesen Augenblick versäume ich nie. Und noch ist er lange nicht erreicht. Er kommt viel viel später. Dann, wenn alle Masken gefallen sind. Dann, wenn nur noch Dein echtes unbekleidetes Selbst übrig ist. Dann wenn keine falschen Schutzmechanismen mehr greifen. Wenn du mit allen Sinnen erkennen kannst – und nicht nur mit einem Teil deines ach so rationalen Verstandes. Dann werde ich in deinen Augen das Erkennen sehen, die letzte Wahrheit. Und dieser Augenblick ist der einzige Grund für all das hier...“
So? Sie hatte erkannt, daß sie in die Hölle kommen würde? Azrael lachte. „Ja... vermutlich wird es so sein. So wie es sein muß. Kein Priester, der sich deine Sünden anhört und dir damit auf eine solch billige Art und Weise den Weg in den Himmel erkauft...“ Ihre Lippen bewegten sich mit dem Klang der arabischen Worte und er nickte während er weiter fortfuhr zu schreiben. Das Ende des Oberarmes war erreicht und Stück um Stück der Bluse mußte weichen bis schließlich nicht mehr viel davon übrig war. Über die Schulter und über die Schlüsselbeinknochen hinweg... „Wann es langweilig wird, bestimme ich ganz für mich selbst, Abby. Und ich habe alle Zeit der Welt. du sollst nicht ungeduldig werden. Wenn ich 27 Jahre auf deinem Körper verewigt haben werde, wird er damit vollkommen überzogen sein – und dann wirst du sehen, was folgen mag...“
Was das Leben wert war, wenn man keine Risiken einging? „Sag du es mir, Abby...“ Was das Leben überhaupt wert war – solche Fragen konnte der Todesengel nun wirklich nicht beantworten. Einer ihrer Träger fiel den Worten auf ihrem spiralenen Weg um den Körper herum zum Opfer. Nun, vom Tod verstand er mehr. Doch bevor er weiter Antwort gab, schwieg er eine kleine Weile, um keine einzige der Reaktionen Abigails zu versäumen, die nun doch häufiger wurden. Leise Anzeichen dessen, was noch folgen würde. „Es ist niemals egal, wie man stirbt.“ unterbrach er die Stille schließlich mit noch immer sanfter Stimme, als Abigail wieder etwas ruhiger atmete. „Und ist es auf diese Weise nicht um einiges sinnlicher als du ihn hättest erteilen können? Und wenn du wirklich keine Angst vor dem Tod hast, müßtest du noch besser verstehen, wovon ich spreche.“
Schon ließ sich ein wenig mehr von diesen Schmerzensbekundungen hören und Azrael wirkte, als nehme er jeden Laut davon in sich auf. „Wenn wir dort sind, wirst du es wissen, ohne daß ich noch ein Wort sagen muß, Abby. Und wenn du dich wirklich nicht einmal mehr selbst kennst, so wird es höchste Zeit. Ich führe dich schon wieder dorthin zurück, wo du dich wiederfindest. Und am Ende wirst du sehr genau wissen, wer du bist.“
Langsam, ganz langsam begann ihre Beherrschung zu bröckeln. Zeitlich gesehen perfekt. Nicht zu schnell und nicht so langsam, als daß er die Lust verloren hätte. Doch eigentlich brauchte es Äonen bis Azrael sich bei einer Beschäftigung wie dieser langweilte. „Das tust du nicht? Das ist gut so. Doch damit bist du wohl wirklich die Minderheit. Jeder von euch beichtet sonst so bereitwillig, wenn er sich sicher sein kann, seine Seele damit zu retten. deine ist die wesentlich ehrlichere Einstellung als den einfachen Weg zu gehen. Menschen wie du gehören in die Hölle – es ist schön, daß du das einsiehst.“ Wieder ein Keuchen. Abigails Lebensjahre umgaben nun in Gänze die linke Schulter und der Rest ihrer Oberbekleidung fiel zu Boden als sich der Kreis über die linke Brust und den rechten Schulteransatz über den Rücken wieder zurück zu schreiben begann. Die Augen geschlossen, das Leid ansatzweise in ihren Zügen begann sie tatsächlich jetzt schon eine Andeutung der Schönheit zu zeigen, die sie zum Ende hin besitzen würde...
Abigail kämpfte mit dem Schmerz und Azrael beobachtete. Irgendwann würde sie den Kampf aufgeben. Doch noch nicht... Und schließlich konnte er den ersten kleinen Funken des Erkennens in ihren Augen ausmachen. Kurz bevor ihre Worte und die Überraschung in ihrem Lachen folgten. Er nickte langsam und schmunzelte. Ja, das hier war ein sinnliches Bild. Doch ob es ihr Vergnügen bereitete oder nicht, war nicht der wirkliche Unterschied... „Nein, ich denke nicht, daß du schon erkannt hast, was das Wesen dieses Bildes ist.“ widersprach er denn also ihrer letzten Aussage nachdem es fast schien, als sinne er tatsächlich darüber nach.
Ruhig betrachtete er das zusätzliche Blut, das Abby verursacht hatte, ohne mit dem Schreiben zu pausieren. „Müssen wirst du gar nichts, Abby. ‚Müssen’ setzt voraus, daß du irgend etwas tun könntest. Aber weder kannst du – noch mußt du irgend etwas tun. Zumindest jetzt noch nicht. Und vielleicht wirst du tatsächlich dankbar sein, vielleicht auch nicht.“ Der Schmerz wurde sichtlich größer und ihre Selbstbeherrschung verringerte sich zusehends.
Abigails gelebtes Leben überschritt soeben den Zenit und der erste kleine Schrei klang in Azrael Ohren. Nichts Spektakuläres, nichts Lautes – und doch der erste. War der erste nicht immer etwas Besonderes? Das Brechen des ersten Widerstandes? Dieser Ansatz der Wahrheit, das Erkennen, das sich in einem Augenpaar spiegelte, das so klar und rein sein würde, wenn das Leuchten in ihnen erlosch. Ja, der Todesengel lächelte liebevoll. „Oh, Abby... Bald können wir wirklich beginnen...“
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