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Kategorien > Fantasy > Emotionen

Mittsommer (Vorgeschichte zu Wasserherz)

von Lucia

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Eine neue Idee hat mich erreicht, diesmal hat die Natur sie mir auf Spaziergängen zugeflüstert. Ich war richtig überrascht, aber es hat mir gefallen und es gefällt mir immer noch. Eigentlich entstand diese Geschichte für einen kleinen Wettbewerb, der eine Zeilenbegrenzung hat, weswegen ich ein bisschen kürzen musste. Ich hoffe aber trotzdem, dass sie auch anderen gefällt und nicht allzu verwirrend ist.
Inzwischen gibt es auch den Anfang einer Fortsetzung, die ich Wasserherz getauft habe - und vorraussichtlich ebenfalls hier einschicken werde.



Mittsommer

Nun die Sonne soll vollenden
Ihre längste, schönste Bahn,
Wie sie zögert, sich zu wenden
Nach dem stillen Ozean!
Ihrer Göttin Jugendneige
Fühlt die ahnende Natur,
Und mir dünkt, bedeutsam schweige
Rings die abendliche Flur.
- aus „Sonnenwende“; Ludwig Uhland

Man sah den milchigweißen Mond am blauen Sommerhimmel. Das war ein hervorragendes Zeichen, das beste, das man zum Mittsommerfest erwarten konnte. Aacal war heilig, ebenso wie die Milch, die heute zu Ehren der Götter fließen würde.
Airu betrachtete schon seit dem Morgen das rege Treiben im Dorf von einer hohen Eiche aus. Die Erfüllte saß gerne auf Bäumen, auch wenn sich das für sie vielleicht nicht ziemte. Im Wind schwankende Zweige, sanftes Rascheln und nur der blaue Himmel über ihr gaben ihr das Gefühl völliger Freiheit. Losgelöst von allen Sorgen lebte sie allein mit der Natur. Sie kannte die Weisheit der Bäume und den Kreislauf des Wassers, seine Philosophie. Die Vögel erzählten ihr Neuigkeiten und der Wind brachte Erinnerungen und Vorahnungen. Die Erfüllte stand mit der Seele der Wälder in Kontakt, und nur sie konnte den Keim dieses uralten Bewusstseins ihrem Volk übermitteln.
Die Stunden verstrichen schnell, die Sonne wanderte übers Firmament. Als Platz der Zusammenkunft hatte man diesen Sommer eine große Lichtung außerhalb des Dorfes gewählt, auf der Kinder gerne spielten. Ihre goldenen Augen folgten den Leuten, die hin und her eilten, anderen sagten, was sie tun sollten, Essen, Trinken und Sitzgelegenheiten aufbauten. Am gegenüberliegenden Rand der Lichtung, auf der Nordseite, bereiteten die Freunde und Schüler Airus alles für das Ritual vor.
Ein Dorf wie viele andere, inmitten hoher Bäume und beschützt von ihnen, mit freundlichen Leuten, die keine Arbeit liegen ließen und den Göttern des Waldes für das lange Leben dankten, das sie ihnen schenkten. Das die Erfüllte überbrachte.
Plötzlich knackte es unter ihr – jemand hatte eine Eichel ins Geäst geworfen. Sie blickte nach unten, konnte Melas am Fuße der Eiche gestikulieren sehen. Nicht ohne noch einmal in die Ferne geschaut zu haben verließ sie ihren Platz und kletterte hinab.
Melas war schön ... obwohl nicht älter als fünfzehn Sommer. Seine dunkelvioletten Augen strahlten schon jetzt in eigenem Glanz und sein schwarzes Haar war meist durcheinander. Airu strich ihm eine Strähne nach hinten. So weich ... im Gegensatz zu ihrem eigenen, blondweißen Haar, das sich nie bändigen ließ.
Ein Blick zwischen die Bäume verriet ihr den Stand der Sonne. „Ich sollte mich wohl vorbereiten ...“ Melas nickte, sein Lächeln wärmte sie. Zusammen suchten sie die Quelle auf, in deren klarem Wasser die Erfüllte und ihre Freunde badeten, um sich zu reinigen. Die Kälte belebte die Sinne, und sie sprangen im Wasser umher, spritzten sich gegenseitig nass und lachten. Als sie fertig waren und ihre Kleider wieder anzogen, blitzten nur noch einzelne Strahlen zwischen den Baumstämmen hervor. Airu schlüpfte in ihr schlichtes, weißes Kleid, das sie nur viermal im Jahr trug. Während die anderen die letzten Vorkehrungen trafen, Milch holten und den Stein mit Wasser und Salz reinigten, versuchte Airu, in Meditation etwas zur Ruhe zu kommen. Melas drückte stumm ihre Hand und legte vertraulich den Kopf auf ihre Schulter. Mit geschlossenen Augen sog sie den Duft seines Haares ein, für einen kurzen Moment, bevor die anderen sie holten.
Inzwischen hatten sich alle Dorfbewohner auf der Lichtung versammelt und warteten gespannt auf das Ritual. Es dämmerte, Aacal stand groß und hell am Himmel. Der Augenblick war unverkennbar, nur zu dieser Zeit konnten die Götter hören und antworten.
Widerwillig löste sich Airu von Melas und trat zum Stein. Eine dicke, schwere Platte Granit, in die geheimnisvolle Zeichen einer längst vergessenen Schrift geritzt worden waren. Nur die Erfüllte konnte noch lesen, was dort geschrieben stand, und sie las es viermal im Jahr im Geiste durch, ohne ihre Stimme zu erheben.
Jemand brachte ihr die Schale, die frische Milch einer jungen Hirschkuh enthielt – eine heilige Flüssigkeit, süß und stark zugleich, die neues Leben nährte. Langsam trank Airu davon und genoss die dicke Süße, dann streckte sie den Arm und schüttete die Milch über den Stein. Wie immer sammelte sie sich in den Zeichen, doch die Erfüllte interessierten die Rinnsale, die den Weg ins Gras fanden.
Ihr war bewusst, dass alle Dörfler gespannt auf ihre Vorhersage warteten. Aus dem Weg der Rinnsale konnte sie das Schicksal des Dorfes im nächsten Jahr erkennen.
Sie drehte sich zu den Leuten um. „Man wird auf viele Irrwege geraten. Vielleicht wird die Verzweiflung manchmal Überhand gewinnen, und man wird keinen Weg sehen, doch letztendlich wird sich alles zum Guten wenden. Habt Vertrauen zu unserer Mutter Erde!“
Auf den Gesichtern zeigte sich Erleichterung, sie lachten und jubelten. Doch nur kurz, denn schon kam Melas auf Airu zu und Stille kehrte ein. Der wichtige Teil begann, die Erneuerung der Kräfte.
Mit ausdruckslosem Gesicht reichte Melas ihr die Fackel mit der lodernden Flamme, doch Airu kannte ihn und sah versteckte Angst auf seinen Zügen, und noch etwas ... doch sie musste sich konzentrieren. Sie spürte die Hitze, und als sie die Fackel nahm, begrüßte sie die warme Umarmung der zuckenden Flammen. Knistern und Knacken, rot, orange und gelb schloss sie ein, leckte an ihrem Körper, durchdrang ihre Adern und vereinte sich mit ihrem Blut. Ihre Augen versprühten goldene Funken. Ihr Körper stand in Flammen! Die Hitze steigerte sich, das Feuer umschloss sie in einem einzigen, hellweißen Wirbelsturm, ihr Blut kochte und dröhnte zusammen mit dem allgegenwärtigen Knistern. So heiß! Die Flammen versengten ihre Haut, ihr Haar; ihre Augen brannten! Panik ergriff sie, blindlings taumelte sie und tastete nach etwas, das sie stützte. Diese Qual! Das Feuer verzehrte sie, ihre Haut wurde schon zu Asche! Ein Schrei entrang sich ihr, tief aus ihrer Brust schrie sie weiter, um den Schmerz loszuwerden, der sie doch nicht erlöste. Feuergötter, lasst ihr das zu? Ist das etwa eine Prüfung? Sie schrie, krümmte sich weinend zusammen – wenn doch der Tod nur endlich käme!
Plötzlich spürte sie etwas anderes durch die unerträgliche Hitze – eine kühle Hand legte sich auf ihre Schulter. Die Flammen schienen zu weichen, wurden von dieser ruhigen Hand aufgesogen und befreiten ihren Körper. Entferntes Gemurmel. Keuchend richtete Airu sich auf –

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Kommentare

Alexandra schrieb am 2008-03-23 20:57:35:
Das ist wirklich schön geschrieben. Man kann sich die Orte lebhaft vorstellen.

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