Montag 7:00
von
Mathias
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Langsam steigt die weiße Wolke den Innenrand der Flasche empor. Mit einem leisen Sprudeln im Hintergrund drängt sich der aufgeschäumte Inhalt der Flasche scheinbar in Zeitlupe durch den noch halb verschlossenen Plastikdeckel.
Scheiße, rufe ich vor mir her und bemerke, wie sich der klebrige Inhalt der Waldfruchtschorle über meine Hand und auf dem Teppichboden des Büros verteilt.
Na besser kann es ja nicht mehr werden, denke ich und begebe mich auf dem schnellsten Weg zur Toilette, um wenigstens den klebrigen Zuckersaft von meiner Hand abzuwaschen.
Das Wasser aus der Leitung ist Eiskalt und lässt mir das Blut in den Adern gefrieren. Durch das Fenster erkenne ich die letzten braunen Blätter, die noch am Baum vor dem Haus hängen. „Ziemlich kalt geworden, oder?“ Fragt der Radiomoderator seinen Kollegen vom Wetterdienst. Dieser steht angeblich irgendwo im tiefsten Harz und ergibt sich gerade den ersten Herbststürmen dieses Jahres.
Bei dem Bild, dass da jetzt irgendwo in Sorge oder Tanne im tiefsten Harz so ein armer Außenreporter im Regen oder Schnee steht, nur um seinen Wetterbericht für die morgendliche Radiosendung vorzulesen bringt mich kurz zum Lachen.
Schon allein die Tatsache um diese zeit in Sorge oder Tanne sein zu müssen wäre schon amüsant. Aber durch den Sturm und den Regen wirkt es noch lustiger.
Sicherlich könnte man auch einfach einen Mitarbeiter in ein warmes Studio nebenan setzen und ihm seine 5 Minuten zu jeder vollen Stunde überlassen.
Aber so eine Liveberichterstattung wirkt doch schon professioneller. So denken dann die Menschen, vom ganzen wir-spielen-die-hits-von-gestern-heute-und-das-beste-von-morgen-hören, „man die lassen sich was einfallen und bieten uns was“.
Das denken die Leute bestimmt und schalten Ihr Radiogerät aus, um den Ton des Fernsehers besser zu verstehen, denn schließlich ist es auch angenehmer und nicht zu phantasievoll den armen Außenreporter auch dabei zu beobachten, wie er gerade gegen Windböen in Orkanstärke in sein kleines, pelziges Mikrofon mit dem Senderlogo anbrüllt.
Kurz denkt man dann vielleicht, der hat vielleicht einen miesen Job. Dem Mann im Radio weint niemand eine Träne hinterher. Der kann ja auch nur so tun.
Eigentlich könnte man das denken, aber in Wirklichkeit interessiert es niemanden. In Wirklichkeit würde sich auch niemand darüber beschweren, wenn der arme Außenreporter in einem warmen Studio seine Wetternachrichten von einem Teleprompter in ein normales Mikrofon sprechen würde.
Denn eigentlich vergisst man ja sowieso schnell was der Wettermann gerade gesagt hat und dann vergisst man ja erst recht wo er es gesagt hat.
Mittlerweile läuft meine Hand vom vielen, kalten Wasser schon blau an.
Erschrocken ziehe ich sie aus dem klaren Strahl und greife reflexartig zu dem Spender mit den Einmalhandtüchern an der Wand. Kurz überlege ich, ob ich meine Hand noch spüren kann und denke wieder an den armen Außenreporter, der sich mittlerweile sicherlich genauso fühlt wie meine unterkühlte Hand.
Gerade als Johnny Cash im Hintergrund sein Lied „Hurt“ ansingt drehe ich den Wasserhahn zu, öffne die Tür der Toilette, schließe sie hinter mir und gehe langsam zurück ins Büro. Erleichtert stelle ich fest, wie wieder Blut in meine Finger schießt und das ich glücklicherweise in einer Stunde nicht wieder für 5 Minuten eine Unterkühlung riskieren muss.
Pfeifend schlendere ich den langen Gang zu meinem Büro, drehe den Schlüssel und öffne die Tür. Eigentlich sollte mich die riesige Lache der Waldfruchtschorle im dunklen Teppich jetzt daran erinnern, dass es wohl immer Menschen geben wird, denen es schlechter geht als einem selbst. Aber in Wirklichkeit denke ich bloß, Scheiße.
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Kommentare
Babs schrieb am 2006-11-17 07:04:48:
hey matt.
deine Geschichte find ich toll,
lässt sich sehr flüssig lesen
und die Gedankengänge sind gut nachvollziehbar....
mach bitte weiter so
lg Babs
Phoebe Caulfield schrieb am 2006-11-05 11:32:14:
Hey Mathias
gäbs hier smileys, hätt ich dir hier mindestens 5 von diesen affigen Icq-Lach-smilies hingedonnert.
so kann ich dir leider nur schreiben, dass deine geschichte einfach nur klasse ist!!
So absurde Gedankengänge kenne ich. *g* hmmm was kann man dir noch schreiben? - gut formuliert, verwirrend geschildert (wie das bei so gedanken ja nun mal ist) und einen schönen (oder sollte ich eher sagen einen passenden) schluss hast du gefunden.
njoa auf alle fälle werd ich mir gleich mal deine anderen geschichten angucken (falls es hoffentlich welche gibt)
ganz liebe grüße
Phoebe Caulfield =0) <--- okee.... so smilies hätt ich auch machen können =D
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