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Kategorien > Aus dem Leben > zauberhafte Geschichten

Muschelscherben

von Michael Huber

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Ein schottisches Märchen,
geschrieben von Michael Huber,
auf Reisen im geheimnisvollen Lande
der Zaubermeister und deren Lehrlinge.
Schottland, Sommer 2008

Rau war die Klippe, in deren unteren Hälfte er auf einem kleinen Felsvorsprung sass. Ebenso rau war das Leben des zwölfjährigen Jungen. Doch so steinig hart Aris Umgebung auch sein mochte, so lieblich weich waren seine Gefühle. Er dachte an die Geschichtenabende, bei welchen die Alten seines winzigen Heimatdorfes von uralten Zauberern, feuerspeienden Drachen und verhexten Klippen erzählten.
Gerade zwei Nächte zuvor hatte seine Grossmutter die Geschichte vom Zauberlehrling Tarrus und seinem Meister Elwin vorgetragen. Die ansonsten stille, wenn nicht gar mürrische Frau, hatte in Aris einmal mehr eine alte Sehnsucht geweckt. Mit gespitzten Ohren hatte er auf einem Schaffell vor dem wärmenden Feuer gelegen, um ja kein Wort zu verpassen. Obwohl er es vor seinen älteren Brüdern nicht zugegeben hätte, wünschte er sich noch immer sehnsüchtig, wie Tarrus aus seinem Bauernleben auszubrechen. Er müsste nie mehr Schafe hüten und würde seine Kräfte mit arglistigen Rittern und heimtückischen Hexen messen.
Seine Tante Ren war die Einzige, der er je von seinen Träumen erzählt hatte. Ernst und aufmunternd blickte sie ihn jeweils an, ohne damit zu verraten, was sie wirklich über Aris Wünsche dachte. Er hatte sie nie danach gefragt, aus Angst, seine einzige Zuhörerin deswegen zu verlieren. Demgegenüber war er bei seinen Brüdern sicher, was sie davon hielten: Sie glaubten weder an Zauberer noch an Drachen.
Doch er, Aris, würde irgendwann einen Zauberstab finden und Blitze und Donner heraufbeschwören, um seine Geschwister zumindest ein wenig zu verängstigen. So sicher war er sich dessen, wenn er in der heimischen Geborgenheit einer der alten Sagen lauschte...
Jäh wurde er aus seinen Träumereien gerissen, als ihm die Gischt einer besonders hohen Welle ins Gesicht spritzte. Kalter Wind zerzauste seine blonden Haare und erinnerte ihn an die mühsamen Pflichten eines Bauernjungen. Er bemerkte erschrocken, dass das Wasser durch die aufkommende Flut bereits um vier Fuss gestiegen war. Eigentlich hatte ihm seine Mutter aufgetragen, bei der Mühle im südlichen Nachbardorf ein schweres Stück Lammfleisch gegen einen Sack Mehl zu tauschen und danach wieder heimzukehren. Aris, der diesen Weg wohl schon hundert Male auf sich genommen hatte, kannte natürlich alle Abkürzungen. Jedoch vergass er bei jeder Heimkehr, seiner Mutter von diesen Schleichpfaden zu berichten. Er hatte schliesslich die Wege selber gefunden und somit ein Anrecht auf die geliebten Pausen. Dies und Ähnliches redete er sich zumindest ein, um gegen sein schlechtes Gewissen anzukämpfen.
So war er auch an diesem grauen Tag auf dem Rückweg leichtfüssig an den weissen Sandstrand gelaufen. Erst vor dem letzten Vollmond hatte er einen Felsvorsprung entdeckt, der bei Ebbe einfach zu erklimmen war. Da er sich dort geborgen und frei zugleich fühlte, hatte er dieses Nest seither so oft als möglich besucht. Trotzdem war er bisher noch nie so tief in seinem Geist versunken, dass er die weite See ganz aus den Augen gelassen hätte. Der raue Wind und das Rauschen der Wellen befreiten seine Träume jedes Mal von der Last des Alltags. Nur am Meer erschienen ihm die magischen Erzählungen noch fast realer als während den geliebten Geschichtenabenden.
Doch je bedrohlicher das Wasser an diesem Spätsommernachmittag erschien, desto wütender verwünschte er seine Unwachsamkeit. Unter ihm schlugen tosende Wellen gegen die Klippe, hinter ihm ragten zerfurchte Steine auf und in ihm stieg schleichend Angst auf. Er musste hier weg, bevor die Flut ihren Höchststand erreicht haben würde. War Tarrus vor der Durchquerung des Moors von Lochbog auch so furchtsam gewesen? Wie abenteuerlich und einfach sich die Geschichten alle angehört hatten! Nun da das Meer Aris wirklich bedrohte, wünschte er sich nach Hause vor das behagliche Feuer zurück. Trotz seiner Angst fasste der Junge einen Entschluss.
Den Mehlsack an den Arm gebunden, kletterte er fahrig das erste Stück der Steilwand hinunter. Immer wieder drohte ihn die hochspritzende Brandung ins Meer zu reissen. Fast unten angelangt, hangelte er sich bereits geschickter seitwärts in Richtung Sandstrand. So sehr auf die anbrausenden Wellen konzentriert, bemerkte er nicht, wie brüchig die Steine waren. Zu schnell bröckelte der Sims ab, an dem der Junge seinen mageren Körper mit der linken Hand hatte hochstemmen wollen...

Kälte. Benommen öffnete Aris die Augen und tastete den harten, durchnässten Sand unter ihm ab. Im nächsten Moment floss eine Welle über seine nackten Füsse hinweg. Nun wusste er zumindest, in welcher Richtung das Meer lag. Mit der darauffolgenden Gischt schlug etwas Hartes gegen seine Hand. Er griff sofort zu und ertastete eine Muschel in der Grösse einer Pflaume. Langsam richtete er sich auf, wobei ihm leicht übel wurde. Erst als er sich die Haare aus dem Gesicht strich, bemerkte der Junge das Blut an seiner Stirn. Mit der Unbekümmertheit eines Zwölfjährigen wusch er den Kopf einfach im Salzwasser. Da ihn sein Fundstück stärker interessierte als eine brennende Wunde, betrachtete er zum ersten Mal die Muschel.
Feine Kerben bedeckten ihre helle Oberfläche und trafen sich alle in einer Spitze. Obwohl das Sonnenlicht nur spärlich durch die graue Wolkendecke drang, schimmerte die Muschel geheimnisvoll. Unwillkürlich erinnerte sich Aris an den weissen Stein, den Tarrus unmittelbar vor seinem Zusammentreffen mit Elwin entdeckt hatte. Erwartungsvoll blickte er um sich: Auf seiner linken Seite stachen dunkle Felsen zum Himmel empor, während sich auf der rechten der weisse Strand bis zur nächsten Klippe erstreckte. Vor ihm lag das weite Meer, auf dem nicht einmal ein Fischerboot zu erkennen war. Langsam drehte sich Aris um die eigene Achse. Er zuckte zusammen, als er eine Bewegung direkt hinter sich wahrnahm.
Doch statt einem weissbärtigen Zauberer in einem langen Gewand, erblickte er ein dunkelhaariges Mädchen in einem schwarzen, zerschlissenen Kleid. „Nur ein Mädchen“, stellte Aris verärgert fest. „Was willst du hier?“, blaffte er sie an.
„Du blutest am Kopf“ entgegnete sie mit besorgter Stimme. Irgendwie erinnerte sie Aris an seine Mutter.
„Na also, was machst du hier?“, fragte er ein zweites Mal gereizt.
„Ich mag das Meer. Was hältst du in deiner Hand?“
„Eine Muschel, die mich zu einem grossen Zauberer führen wird!“, schoss es aus Aris Mund, bevor sein Bewusstsein überhaupt eine Antwort zurechtlegen konnte. Um nicht kindisch zu wirken, versuchte er ein verschwörerisches Lächeln aufzusetzen.
Zu seiner Überraschung lachte ihn das ungefähr gleichaltrige Mädchen nicht aus, sondern musterte Aris noch interessierter. Ihre fast schwarzen Augen fixierten die seinen, bis der Knabe den Blick abwandte. „Wo ist denn dieser Meister? Soll ich dir helfen, ihn zu finden?“, fragte sie, stolzierte bis zum trockenen Sand und setzte sich auf den

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Kommentare

Gimliy schrieb am 2008-10-04 11:15:52:
Wow, ohne Scherz, als ich die Geschichte gelesen hab, war ich überwältigt. Extrem guter Schreibstiel, wahnsinnig toller Einblick in die Gefühlswelt und einfach spannend und rührend.
Liebe Grüße: Gimliy
Milly schrieb am 2008-10-01 14:10:04:
Eine wundervolle Gesichte - sehr schön geschrieben!

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