My Miss Mollie
von
Immortal Spycat
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My Miss Mollie (La vie en rose)
Sieh sich das einer an. Voluminös, gewaltig, massig, wuchtig. Zum ersten Mal ergibt sich für mich die Möglichkeit, ihre fleischige Üppigkeit in aller Ruhe zu betrachten. Nicht unbedingt freiwillig, aber weg schauen kann ich auch nicht. Bei Anblicken wie diesem vergesse ich die Anstandsregel, fremde Leute nicht anzustarren.
“Sie schauen so zerknirscht. Stimmt mit Ihrer Getränkebestellung etwas nicht?”
Der besorgte Frageton eines Kellners des Cafés “La Bohème” bringt mich dazu mein Starren zu unterbrechen und mein Augenmerk auf den Angestellten zu richten. Er schaut aus als hätte er durch die Bestätigung seiner Frage sofortige Lohnabzüge zu befürchten.
Gedanklich bin ich noch bei dem Blickmagnet. “Ziemlich unappetitlich” ,murmele ich.
Der Kellner beugt sich über meinen Kaffee und sucht mit den Augen in der schwarzen Flüssigkeit nach dem Objekt meines Unbills.
Ich wedele mit der Hand. “Nicht der Kaffee. Der ist gut, wie immer. Ich habe nur laut gedacht.” Mit einem großen Schluck aus meiner Tasse will ich beweisen, dass wirklich alles zu meiner Zufriedenheit ist und er sich anderen Gästen des Cafés widmen kann. Doch der junge schlaksige Kellner (nach meiner Schätzung kaum 25 Jahre alt, allerdings gehört er mitunter am längsten zum Servicepersonal), der eine moderne Version des berühmten Beatles-Pilzkopfes trägt, bleibt an meinem Platz an der Kaffeetheke stehen. Er dreht sein momentan leeres Serviertablett in den Händen. “Sie haben nichts entdeckt, was sie stört? Es sah eben so aus und hörte sich auch danach an.”
Wie der eilfertige Kerl wohl reagiert, wenn er den Grund für mein Stirnrunzeln und Murmeln erfährt? Ich probiere es aus. Als Stammgast, praktisch sogar einer der ersten Gäste des Cafés, wird man es mir nachsehen, wenn ich kein Blatt vor den Mund nehme. Gerade, wo ich diesen jungen Kellner schon eine ganze Weile kenne, auch, wenn ich weder seinen Vor- noch seinen Zunamen weiß (genau genommen habe ich den Namen wohl recht oft von Gästen und Kollegen gehört, ihn mir jedoch nie gemerkt). “Es geht um die junge Frau da drüben am Fenster. Irgendwie unappetitlich” ,sage ich.
Nachdenklich wirft der Pilzkopf einen diskreten Blick zu besagtem Gast hinüber. Seiner Miene nach zu urteilen, teilt er meine Meinung nicht. Kein Wunder, der Körperumfang der Dame lässt mich annehmen, dass sie bei jedem Besuch im “La Bohème” ein ansehnliches Sümmchen für Schlemmereien da lässt. Und an einem guten Kunden übt das Servicepersonal für Gewöhnlich nicht offen Kritik aus. Fast zwei Jahre kehrt sie bereits regelmäßig hier ein. Nicht so lange wie ich.
Kurz nach meinem 30. Geburtstag, also vor knapp fünf Jahren, fiel mir das neu eröffnete “La Bohème” auf dem Heimweg vom Büro ins Auge. Der Hauch von Paris und seinem dörflichen Künstlerviertel Montmartre, Mitten in dieser grauen nüchternen Stadt, lockte mich an. Meinen ersten Kaffee, den ich mir dort servieren ließ - eine Mischung so stark, dass man annehmen könnte, der Löffel würde nach dem Umrühren von allein in der Tasse stehen bleiben - machte mich süchtig nach mehr. Ich hatte nie einen besseren Kaffee getrunken. Seit dieser erkenntnisreichen Entdeckung lasse ich jede Bürowoche hier im “La Bohème” ausklingen. Immer freitags um viertel vor drei verlaufe ich mich für anderthalb Stunden in das kleine Stückchen Paris auf halber Strecke zwischen Arbeit und Zuhause. Während ich meine zwei Tassen Kaffee trinke (kein Zucker, keine Milch, der obligatorische Keks bleibt grundsätzlich unangetastet), lasse ich die Woche Revue passieren. Wenn ich vom Reflektieren genug habe, gehe ich zum Flirt mit einer hübschen, aber kaum nobelpreisverdächtig intelligenten Frau über und verabrede mit ihr ein Treffen für den Abend, Schrägstrich Nacht, nachdem ich und meine beiden besten Kumpel feiernder Weise ins Wochenende gestartet sind. Jeden Freitag sitzt diese hübsche Frau an einem anderen Platz und hat ein anderes Gesicht.
Seit knapp zwei Jahren gibt es jedoch ein Frauengesicht, das ich immer beim Verlassen des Cafés sehe und welches mich im Gegensatz zu meinen anderen Flirts nicht in Verzückung versetzt. Es gehört zu einem massigen Körper, der sich am Freitag gegen viertel nach vier durch die Eingangstür schiebt. Diese Frau erscheint in exakt dem Moment, in dem ich die Tür aufgezogen habe, was sie als an sie gerichtete galante Geste missversteht. Sie bedankt sich bei mir, ohne mich anzusehen und drängelt ihre enormen, mit Tuniken oder anderen Walle-Walle-Stoffen bekleideten Hüften an mir vorbei. Jeden Freitag. Bis heute.
Eine kurzfristig anberaumte und schlecht strukturierte Konferenz ist der Grund dafür gewesen, dass ich zum ersten Mal in zwei Jahren das Büro am letzten Tag der Arbeitswoche erst nach halb zwei verlassen konnte. Ich kam daher nicht dazu, Miss Mollie die Tür aufzuhalten. Als ich das “La Bohème” gegen zwanzig nach vier betrat, hatte sie bereits einen Platz am Fenster in Beschlag genommen. Dort sitzt sie immer noch, auf einem Gobelinsofa, das an und für sich schon kein großes Möbelstück ist, aber unter ihren gewaltigen Pobacken wirkt es geradezu winzig. Sobald sie ihr Gewicht verlagert, gibt das Sofa ein gut vernehmliches, gequältes Knarzen von sich. Ich empfinde aufrichtiges Mitleid für das Polstermöbel. Wäre ich Bedienung im “La Bohème”, hätte ich Miss Mollie auf eine stabilere Sitzgelegenheit verwiesen. Doch anscheinend hegt das Café großes Vertrauen in die Belastbarkeit seiner Einrichtungsgegenstände. Zumindest bin ich mir sicher, dass es der junge Kellner an meiner Seite tut. Verständnislosigkeit gepaart mit leichter Verwirrung blinzeln mir durch seine tief hängenden Stirnfransen entgegen. “Ich fürchte, ich kann Ihnen nicht ganz folgen” ,sagt er, “Was genau meinen Sie mit ‘unappetitlich’?”
“Willst du es ernsthaft wissen?” Ich duze ihn nicht schon immer. Erst ein paar Monate, nachdem er mit der Arbeit im Café begonnen hatte, war ich vom Sie zum Du übergegangen. Er hatte sich nie beschwert, also beließ ich es dabei.
Der Pilzkopf lehnt einen Ellbogen auf die Theke. “Sicher, deswegen frage ich ja.”
“Na schön.” Ich senke die Stimme. Was ich sagen will, muss schließlich nicht jeder mitbekommen. Am wenigsten Miss Mollie auf ihrem Puppensofa: “Es ist doch wohl offensichtlich, dass dieser ziemlich, ähm starken jungen Frau eine Diät nicht gerade schaden würde. Vergleichen Sie ihre Statur nur mal mit dem Körperbau der üppigen Can-Can-Tänzerin auf dem Kunstdruck hinter ihr an der Wand. Das Moulin Rouge Mädel ist eine Barbiepuppe gegen sie. Trotzdem lässt sich die Dame ein gigantisches Stück Käsesahnetorte schmecken. Jede Gabel, die sie sich in den Mund schiebt, ist dermaßen voll - eine normale Frau müsste für diese Portion den Unterkiefer ausrenken. Und zum Runterspülen steht an ihrem Tisch kein simpler Kaffee oder Cappuccino, sondern einen Berg aus Sahne und Sirup im hohen Glas, unter dem irgendwo ein Schuss Kaffeegetränk dümpeln muss. Eigentlich ist die Mischung zu dickflüssig um durch den Strohhalm
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