NEBELGEFLÜSTER ZU HALLOWEEN
von
Melusine Silber
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Nebelgeflüster zu Halloween
Der frühe Abend auf meinem Weg nach Hause ist kühl.
Ich puste wie eine altersschwache Lokomotive, Stuttgarts verdammte Stäffele haben es eindeutig in sich. Weißgraue Wölkchen die aus meiner Nase dringen vernebeln mir von Zeit zu Zeit den Blick. Oben angekommen tut sich der alte Tunnel wie ein Höllenschlund vor mir auf. Die lasziv dahingestreckte steinerne Dame über ihm lächelt mir aufmunternd zu und ich gehe hinein.
Um diese Zeit reiht sich ein Auto an das andere. Die Motoren verbinden sich zu einem lauten Wettkampf miteinander und schallen hundertfach verstärkt von den Wänden an meine Ohren. Das Dröhnen dringt in meinen Kopf, wo es aufbraust bis ich Angst habe es könnte ihn zum platzen bringen. Die Lichter an den Wänden werfen lange Schatten die mich langsam überholen, gehetzt sehe ich mich um, aber es ist niemand hinter mir, außer den Autos, von dessen Insassen sich keiner um mich kümmert, bin ich allein in den von Motorenlärm widerhallenden Weiten des Tunnels.
Froh darüber, dass er nicht lang ist und über meine eigene Dummheit lachend eile ich mit großen Schritten auf das Ende zu.
Aber was ist das?
Auf der anderen Seite des Tunnels hat sich dichter Nebel gebildet, der watteweich in die große Öffnung wie überkochende Milch hereinquillt. Je näher ich dem Ausgang komme, um so mehr verschlingt mich das weiße Nichts. Erst als ich aus dem Tunnel trete merke ich, dass der Nebel nicht nur mich in sich begraben hat, sondern auch den Lärm der Autos, ja, er scheint sogar alles um sich herum in seinem gierigen Rachen aufgesaugt zu haben.
Nichts existiert mehr, ich bin in einer Wolke aus Totenstille gefangen.
Nur noch die Häuser die mir am nächsten stehen treten am Rande der Strasse wie graue Mahnmale hervor und lassen erahnen, dass es da draußen noch eine Welt gibt. Ein dunkler Schatten schält sich aus dem Nebel, kommt direkt auf mich zu. Eiskalte Schauer laufen mir über den Rücken.
„Hallo Margot“, sagt der Schatten.
„Hallo Silvia“, gebe ich zurück. „Na das nenne ich vielleicht eine Überraschung!“
Die blonde Frau umarmt mich leicht, wo ihre Lippen meine Wangen streifen, lassen sie einen kalte Spur zurück. Auch ich lege meine Arme kurz um sie, bevor ich meine Hände wieder tief in die Taschen meines Mantels vergrabe.
„Was tust du hier?“ Dumme Frage, aber ich bin um des plötzlichen Treffens verlegen.
„Ich hab dich gesucht“, sagt Silvia und ihre Augen finden die meinen. „Gehst du ein Stück mit mir?“
„Natürlich!“
Ich bin so froh Silvia zu sehen. Es müssen Jahre vergangen sein ...
Verlorene Jahre!
Wir laufen durch den Nebel wie Schlafwandler durch die einsame Dichte der eigenen Träume. Um uns herum ist alles still.
„Heute ist die Nacht von Halloween“, sagt Silvia. Sie spricht leise, fast verschwörerisch, ich muss mich anstrengen, dass ich sie überhaupt verstehe.
„Oh ja“, entgegne ich mit einem Augenzwinkern und ein klein wenig lauter als nötig. „Die Nacht der Hexen und bösen Geister made in USA.“
„Nein!“, sagt Silvia aufgebracht und ich wundere mich über ihre Heftigkeit, wenn auch der Ton ihrer Stimme dabei kaum lauter wird. „Halloween, beziehungsweise Samhain, wie dieses Fest früher hieß, ist ein uraltes europäisches Fest. Die keltischen Völker wussten, dass in dieser Nacht die Nebel die unsere Welt von der Anderswelt trennen besonders dünn sind. Nicht selten konnte ein sensibler Mensch diese Barriere überschreiten und in Kontakt sowohl mit den übersinnlichen Wesen, die wir heute Feen und Elfen oder auch Engel nennen, als auch mit den Toten treten. Die Kirche hat zwar den alten heiligen Feiertag beibehalten, hat ihn aber - wie so vieles andere auch - verfälscht, sodass aus der Möglichkeit mit den lieben Verstorbenen noch einmal in Verbindung zu treten, eine Begegnung mit dem Bösen, den Hexen und Gespenstern geworden ist. Geblieben ist davon nur noch der allgemeine Gang auf den Friedhof, an Allerheiligen dem ersten November.“
Bei diesen Worten stellen sich mir die Nackenhaare auf und ein kaltes Prickeln lässt mich meinen Mantel enger ziehen, denn die Nebelschwaden um uns herum sind dichter als Pudding und ich hoffe, dass es die Leute von der anderen Seite nicht schaffen dort hindurchzustoßen. Übersinnliche Wesen statt Hexen oder Gespenster hin oder her, ich kann auf ein freudiges Treffen mit den Toten, auch wenn sie nett sein sollten, sehr gern verzichten.
„Willst du mich begleiten?“, fragt mich Silvia verschwörerisch.
„Wohin, zur Gespensterschau?“, antworte ich mit einer Gegenfrage.
Ist Silvia etwa eine Nekromantin geworden? Ich straffe die Schultern, um mir Mut zu machen.
Gut, mir ist alles Recht, wenn wir nur wieder miteinander sprechen, da ist es mir doch so was von egal, wenn Silvia jetzt schwarze Klamotten trägt und an Halloween auf irgendeinem Friedhof mit den Toten sprechen will.
Aber mir wird doch etwas mulmig, als um uns herum ganz plötzlich ein paar uralte Grabsteine aus der Dichte des Nebels auftauchen. Ich will sagen: Das war doch nur Spaß. Ich habe nicht wirklich daran geglaubt, dass du mich ausgerechnet auf einen Friedhof führen würdest. Aber ich sage nichts, versuche mich auf die Stille zu konzentrieren, um notfalls die Beine in die Hand zu nehmen und das Weite zu suchen; denn das ist immer noch besser, als lebende Tote zu finden, oder von ihnen gefunden zu werden ...
„Ich wollte dich um Verzeihung bitten“, sagt Silvia ganz leise.
Ein Eichhörnchen sitzt direkt vor uns, es legt den Kopf schief und beäugt uns ganz so, wie wenn es weiß um was es geht. Wir machen einen weiteren Schritt und schneller als mein Blick ihm folgen kann ist es auf dem nächsten Baum verschwunden. Jetzt weiß ich wo wir sind. Es gibt mitten zwischen den Häusern der Stadt einen sehr alten Park in dem unter großen Bäumen vereinzelte, uralte Grabsteine vor sich hin verwittern. Ich habe keine Ahnung ob darunter noch irgendwelche Tote liegen, geschweige denn, wer sie sein könnten, ich weiß nur, dass dieser Park bei Tageslicht ein sehr schöner Ort von besinnlicher Ruhe ist.
Bei Tageslicht ...!
Am späten Abend aber, wenn sich die Nebelschleier durch die alten Grabsteine und die wie faule Zähne in der Landschaft stehenden Denkmäler frisst, noch dazu zu Halloween, Samhain oder wie man diese Nacht der Geister sonst noch nennen will, finde ich diesen Ort alles andere als lustig.
Ein neuer eiskalter Schauer rieselt mir über den Rücken.
Wie ist es möglich, dass wir so schnell bis zu diesem Friedhof gekommen sind? Wir sind doch nie und nimmer in dieser kurzen Zeit so weit gelaufen. Durch den Nebel habe ich komplett die Orientierung verloren, der Gang mit Silvia erschien mir kaum länger als ein paar hundert Meter gewesen zu sein; viel zu wenig um bis zu diesem alten Park zu gelangen ...
„Ach hör schon auf“, erwidere ich verlegen. Besser ich konzentriere mich wieder auf das Gespräch mit Silvia, als um unsere beunruhigende Umgebung. „Das sind doch uralte Geschichten.“
„Mag sein, aber sie lassen mich einfach nicht zur Ruhe
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