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Kategorien > Krimi > Kurzgeschichte

Nacht über der Stadt

von Naya Belle

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Mein Fortsetzungskapitel des Kollektivromans "www.penopolis.com".
Wenn euch mein Kapitel gefällt, würde ich mich über eure Stimme freuen.

Es war kurz vor Mitternacht. Immer noch dieser vermaledeite Montag! Oberinspektor Smizker – korrekterweise war sein Dienstrang ja Kriminaloberkommissar, aber irgendwie hatte sich unter den Kollegen auf dem Revier der längst nicht mehr gebräuchliche Rang eines Oberinspektors für ihn etabliert, was wohl an seiner frappierenden äußerlichen Ähnlichkeit mit dem Fernsehkommissar „Derrick“ lag - rieb sich die müden Augen. Er war noch immer auf dem Revier, auch wenn der Großteil seiner Ermittler längst nach Hause gegangen war. Das gräuliche Licht einiger noch eingeschalteter Monitore zauberte ein gespenstisches Licht in das hastig eingerichtete Hauptquartier der Soko „Stick“, den sogenannten War Room. In einer nur schwach erleuchteten Ecke des Raumes brütete Brauner immer noch über dem Code und diskutierte flüsternd mit einem IT-Kollegen.
Smizker war frustriert. Die ersten 24 Stunden nach einem Mordfall waren die wichtigsten, wenn der Täter innerhalb dieser Frist nicht gefasst war, wurde es exponential schwieriger und unwahrscheinlicher, ihn später noch zu fassen, und bisher hatten sie schlichtweg keinen Anhaltspunkt. Jürgen Smizker tränten die Augen vor Müdigkeit, aber dennoch wollte er ein letztes Mal alle Fakten durchgehen, um sicher zu sein, kein Detail übersehen zu haben. Er starrte auf das Whiteboard, das an der Wand hing und auf dem die Fakten in Stichpunkten dargestellt waren. Viel war es nicht.
„Also, Jürgen, komm, noch ein letztes Mal alles rekapitulieren, vielleicht fällt Dir noch was auf“ versuchte er sich zu motivieren.
Da war zu allererst die unbekannte Tote. Ihre Identität war immer noch ungeklärt. Die Obduktion war für den frühen Dienstag Morgen angesetzt. Smizker war immer noch sauer, weil die Kollegen der Gerichtsmedizin die Sektion seiner Joggerin nicht früher ausführen konnten, aber anscheinend herrschte dort momentan Hochbetrieb.
Zumindest war klar, dass sie an einer Schussverletzung gestorben war. Der Pathologe hatte auf eine kleinkalibrige Waffe getippt, sich aber vor der Obduktion nicht festlegen wollen. Aber eigentlich rechneten sie alle damit, dass es sich um eine Standardschusswaffe als Tatwaffe handeln würde, dem Einschuss nach zu urteilen. Smizker seufzte. Sie mussten unbedingt schnellstens herausfinden, wer die Tote war, denn sonst würde es verdammt schwer werden, Rückschlüsse auf den Inhalt des Sticks und den Mörder zu ziehen. Wahrscheinlich wäre es am Besten, nach der Obduktion ein Foto der Toten an die Presse zu geben, falls sie innerhalb des nächsten Tages hier nicht weiterkommen würden.
Und die Zeugin schien wohl wirklich nur eine Zeugin zu sein, wieder eine Sackgasse, obwohl er sie ziemlich in die Mangel genommen hatte. Wahrscheinlich würde die Sache noch ein Nachspiel haben, denn eigentlich hätte er die Zeugin nicht so lange festhalten durften, das war ihm schon klar. Aber er hatte eben nichts unversucht lassen wollen.
Auch das Gespräch mit dem hochgelobten Williamson hatte überhaupt keinen Erfolg gebracht, was Kollege Brauner extrem enttäuscht hatte. Smizker konnte da eh nicht folgen, er war froh, wenn er es schaffte, die Datenbanken der Polizei ohne größere Probleme zu benutzen und seine diversen Passwörter nicht vergaß, alles andere musste er den Spezialisten überlassen. Aber anscheinend konnte dieser dubiose Code nicht geknackt werden, welcher aber laut einstimmiger Einschätzung der Spezialisten so oder so nur ein Code zur Verschlüsselung des Zugangs war und nicht der Daten selbst, von denen waren sie noch so weit entfernt wie die NASA von einem bemannten Flug zur Venus.
Wenigstens hatten sie mehr über die 666 – die Zahl des Tieres – erfahren. Smizker war sie gleich irgendwie bekannt vorgekommen, er meinte sogar, eine Geschichte darüber mal in irgendeinem Kinofilm gesehen zu haben. Jedenfalls handelte es sich hierbei wohl um einen Passus aus der Bibel, nämlich der Offenbarung des Johannes, der das Böse, das der Welt noch widerfahren wird, beschreibt und woran man das Böse erkennen kann – nämlich gerade eben an dieser Zahl, der 666. Morgen würde er sich die Bibelstelle mal durchlesen, viel Hoffnung setzte Jürgen aber nicht darauf. Nachdem bei ihm aber gerade so oder so Endzeitstimmung herrschte, war es doch mehr als passend, ein bisschen über die Apokalypse zu lesen, resümierte Smizker im Stillen.
Auch die Fahndung nach Giovani Veter war bisher ein Flop. Smizker war sich sicher, dass sein Verschwinden nur dadurch zu erklären war, dass der Treffpunkt Green Spirit Bar nichts anderes als ein großes Ablenkungsmanöver war und in den großen Plan passte, der sicherlich nichts mit militantem Umweltschutz, Weltverbesserern oder gar spirituellen Sitzungen zu tun hatte. Das sagte ihm einfach seine große Polizeinase, auf die er bisher immer zählen konnte. Aber wie der große Plan dann aussah, davon hatte er bisher keinen Schimmer. Er wusste nur: wenn er hier weiter im Dunkeln tappte, dann könnte er sich seine Beförderung zum Kriminalhauptkommissar abschminken. Auf Wiedersehen, Besoldungsgruppe A 12, leb wohl, kleine Jolle.
„Macht Schluss für heute, Jungs!“, rief Smizker in die hintere Ecke, „gönnen wir uns und den Ganoven ein paar Stündchen Schlaf und morgen geht die fröhliche Jagd dann weiter.“ Damit stand er auf, schnappte seine wattierte Jacke vom Haken und ging in den dunklen Flur hinaus.

Zum selben Zeitpunkt war Lene immer noch wach und aufgewühlt. Zwar hatte sie einen halbwegs entspannten Abend mit Steve und Sophie verbracht, bei dem alle tunlichst vermieden hatten, noch ausführlich über die Geschehnisse des Tages zu philosophieren. Ein gutes Essen und ein heißes Schaumbad hätten sie eigentlich entspannen müssen, aber Lene plagten Gewissensbisse. Sie hätte die Polizei nicht rufen dürfen, das war ihr nun klar. Eine Sterbende hatte sich mit ihrer letzten Bitte an sie gewandt, und sie, Lene, hatte versagt. Das nagte an ihr, aber sie fand nicht den Mut, Steve oder Sophie in diese Gedanken einzuweihen. „Morgen ist auch noch ein Tag“, dachte Lene und versuchte energisch, den Gedanken an die letzten Worte der Frau wegzuwischen. Was ihr aber leider nicht gelang, und so lag sie noch lange wach.

Auch in einem anderen Stadtteil war noch jemand wach. Ein Mann goss sich den dritten Whiskey ein. Seine Hand zitterte, sein Gesicht war grau.
Wie hatte es nur so weit kommen können? Er hatte doch nur mit ihr reden wollen, und jetzt war sie tot. Alles, wofür er je gearbeitet hatte, war nun in Gefahr. In noch wesentlich größerer Gefahr, als er noch am Morgen befürchtet hatte. Er wusste selbst nicht, wieso er beim Verlassen des Hauses die Waffe eingesteckt hatte. Hatte er unterschwellig geahnt, dass so etwas passieren würde? Dass er zu so etwas fähig sein konnte? War er wirklich ein kaltblütiger Mörder?
Er stützte verzweifelt den Kopf in die Hände. Wenn er doch nur die Zeit zurückdrehen könnte! Er hatte

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