Nachtbus durch die Unendlichkeit (komplett)
von
blacknight99
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Nachtbus durch die Unendlichkeit
*
Träume können fliegen.
Manche schwirren wie Schmetterlinge durch unseren Kopf, prachtvoll und doch so verletzlich und ungreifbar. Andere sind wie Wespen, Hornissen oder Bienen, sie stechen dich und quälen dich mit den furchtbarsten Gedanken.
Pierre saß auf der Fensterbank und blickte aus dem Fenster hinauf zum glitzernden Firmament der Sterne. Alle anderen im Schlafsaal lagen in ihren Betten und ließen sich von den Traumschmetterlingen und -hornissen in fremde Welten entführen.
Pierres Mutter hatte immer gesagt, dass die edelsten und größten Träume zum Himmel hinauffliegen und dort ewig erstrahlen.
Pierres Mama war tot. Gestorben, als er fünf gewesen war.
Es war genau so eine wolkenlose Nacht wie an diesem Tag gewesen.
Mama hatte Pierre eine Gute-Nacht-Geschichte erzählt, ihn zugedeckt und war aus dem Zimmer gegangen. Gerade als die Traumfalter Pierre umschwirren wollten, hatte es lauten Krach aus Mama's Schlafzimmer gegeben.
Pierre war vorsichtig aus dem Bett gestiegen, hatte sich Pantoffeln und einen Bademantel angezogen und war in ihr Zimmer gehuscht.
Und in dem Moment, in dem er das Zimmer betrat, war seine Kindheit verloren gewesen.
Mama war nackt gewesen, sie hatte ein Seil um ihren Hals gebunden und dieses an der Deckenlampe befestigt. Von dort hing sie wie ein Hampelmann herab, trat mit den Füßen aus und hustete.
"Mama!"schrie Pierre und machte sich in die Hose. Mamas Gesicht lief blau an und ihre Zunge hing ihr aus dem Hals.
"Was machst du da?"rief Pierre.
Und dann hatte Mama schlagartig aufgehört sich zu bewegen. Sie hing dort steif wie ein Patomime auf dem Marktplatz.
Pierre hatte damals nicht verstanden was mit Mama war. Er hatte sich auf dem Bodne unter seiner erhängten Mutter eingerollt und war eingeschlafen. In dieser Nacht hatte Pierre ihn zum ersten Mal gespürt. Wie ein Windhauch hatte er ihn umgeben und dann hatte der Tod ihm auf die Stirn geküsst und war durchs Fenster davongeflogen, die Seele seiner Mutter bei sich.Seitdem kam der Tod jede Nacht. Umfing ihn wie ein Liebhaber und gab Pierre jedesmal seinen eisigen Kuss.
Am nächsten Morgen hatte der Hausmeister Pierre gefunden, der friedlich unter seiner toten Mutter schlief. Der Mann hatte Pierre vorsichtig geweckt.
Verschlafen hatte Piere die Augen geöffnet.
"Warum macht Mama das?"fragte Pierre.
Der Hausmeister hatte mit brüchiger Stimme gesagt:
"Ich weiß es nicht!"
Dann war Pierre ins Waisenhaus gekommen. Und der Tod küsste ihn immer noch jede Nacht.
*
Immer noch blickte Pierre hinaus in die Nacht.
Das Licht der Sterne war das einzigste, was ihn beruhigte und ihn Sicherheit verspüren ließ.
Tagsüber war er wortkarg und unruhig. Die anderen Kinder mochten ihn nicht und hänselten ihn. Wegen seiner schwarzen Haare, seinen schwarzen Augen und der blassen Haut nannten sie ihn Kind des Todes.
Pierre spürte das in dieser Nacht irgendetwas anders war.
Die Kälte des Todes war noch erdrückender und unheimlicher denn je.
Dann spürte Pierre, wie der Tod langsam ins Zimmer huschte. Wild wie ein Windstoß wirbelte der Tod durch das Zimmer, tötete auf seinem Weg Bakterien, drei Spinnen und eine altersschwache Ratte und wirbelte letzendlich wild um Pierre herum.
"Diese Nacht nehme ich dich mit, mein Sohn!"wisperte er.
"Ich sterbe doch gar nicht!"meinte Pierre.
"Oh, doch! Du stirbst schon seit dem Tod deiner Mutter. Heute Nacht wird dein Schiksal vollendet."
"Das verstehe ich nicht, Gevatter!"
"Niemand versteht es!"
"Verstehst du es denn?"
Der Tod wirkte kurz verdattert. Bisher hatte ihm noch niemand diese Frage gestellt.
"Deine Mutter erwartet dich in der Ewigkeit! Du brachst nur noch zu ihr zu kommen!"
"Und wie?"
"Dafür bin ich zuständig. Ich muss ja auch mein Geld verdienen!" antwortete der Tod wispernd.
Dann wirbelte ein ungewöhnlicher Luftstoß durch den Schlafsaal, erfasste Pierre und ließ ihn aus dem Fenster stürzen.
Drei Stockwerke tief fiel er. Mit einem dumpfen Aufprall schlug er auf der Rasenfläche auf.
"War doch gar nicht so schwer!"sagte der Tod erfreut.
*
Pierre öffnete die Augen als hätte er lange geschlafen.
Verstört blickte er sich um. Er stand an einem Bushaltestellenschild.
Doch das Schild neben ihm stand im Nichts. Auch er stand im Nichts.
Um ihn herum waren nur die Sterne und Planeten.
Auch allein war er nicht. Neben ihm standen mehrere Menschen.
Ein schwarzhäutiger Junge kam humpelnd auf ihn zu. Teile des linken Beines, des Rumpfes und des Kopfes des Jungen waren verbrannt und eingeäschert.
"Hallo!"grüßte er.
"Hallo!"entgegnete Pierre.
"Was machst du hier?"fragte Pierre.
"Ich war Kindersoldat in Uganda. Die Offiziere wollten, das ich über ein Minenfeld laufe, damit ich einen Weg für die Soldaten austeste. Dabei ist das passiert."er deutet an seinem Körper hinab.
Ein alter Mann kam auf die beiden zu.
"Ich hab einen Schlaganfall bekommen. Ich hab den Krankenwagen sogar noch gehört. Die waren aber zu langsam!"
Die beiden Jungen betrachteten ihn mitfühlend.
Der Mann winkte ab.
"Ist halb so wild. Ich hab seit einem Jahr im Bett gehockt und den ganzen Tag Fernsehen geguckt. Ich war überfällig."
Ein schwarzgekleideter Mann mit blonden, zerzausten Haaren trat herbei.
"Ich war auf 'ner Party von'nem Kumpel. Wollt' ma' Koks ausprobieren. Dann war ich auf einma' weg."
Ein kleines Mädchen, vielleicht fünf, näherte sich. Ihre Kleidung war zerissen. Sie hatte eine Platzwunde am Kopf und war ihrer Unschuld beraubt.
"Ein Mann hat mir wehgetan. Er hat mich...wo ist Mama?Mama!?"
Der alte Mann versuchte sie zu beruhigen.
Ein kahlköpfiger Mann mit stählernen Musklen trat herbei. Er trug Sträflingskleidung.
"Ich wurd' zum Tode mit der Giftspritze verurteilt."Er zeigte eine Injektionswunde.
"Dabei war ich unschuldig! Unschuldig!"
Plötzlich tauchte am Bushalteschild ein schwarzer Bus wie aus dem Nichts auf.
Eine Seitentür öffnete sich.
Ein Skelett im schwarzen Kapuzenmantel trat hinaus.
"IIIICHHHH BINNN DDEEERRR FÄHRMANN!" sagte es mit gewichtiger Stimme.
Doch auf einmal fing es an zu husten und schluckte ein Hustenbonbon.
"Immer verhunze ich meinen Auftritt!"fluchte es mit piepsiger Stimme.
"Hast du als Fährmann nicht ein Boot?"fragte Pierre.
"Hach! Wir müssen auch mit der Zeit gehen! Wir sind immer auf dem neusten Stand im Personenahverkehr."
Der Fährmann räusperte sich.
Dann deutete er mit weitausholender Geste auf den Bus.
"Willkommen, ihr seid Reisende im Nachtbus durch die Unendlichkeit. Bitte zeigt mir eure Tickets.""Welche Tickets?"fragte der alte Mann.
"Seht in eurer rechten Hosentasche nach!"antwortete der Fährmann und schluckte ein weiteres Hustenbonbon.
Die Menschen griffen in ihre Hosentaschen und holten entweder grüne, gelbe oder rote Tickets
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Kommentare
kaseopeia schrieb am 2007-05-10 13:34:44:
die geschichte ist wirklich klasse, nur ist es schade dass sie so abgehackt endet.
Du solltest dir einen anderen Schluss überlegen bzw wärs doch am besten wenn noch mehr teile schreibst.
denn die story kann man bis zur unendlichkeit ausbauchen.........hihi
aber ich hab die überarbeitete version gesehn und hoff dass das jetzt auch passiert.....
gruss
blacknight99 schrieb am 2006-11-27 18:20:05:
hey, leute!
Erstmal einen herzlichen Dank für all eure Kommentare!
@:RisingSun:
Danke für dein großes Lob.
Meine Geschichte sollte eigentlich nicht allzu lange werden, außerdem wollte ich das Thema nicht überreizen. Eine Fortsetzung ist auch kaum möglich, wenn man sich das Ende ansieht.
Doch ich überlege mir vielleicht noch andere Geschichten, die sich in diesem Kosmos abspielen. bVersuch dich doch auch selber mal an sowas.
P.S: Würde mich sehr über Kommentare zu "Kinder des Mondes" freuen- das, wie ich finde, mir besonders gelungen ist. Einfach mal reinlesen.
RisingSun schrieb am 2006-11-18 21:35:24:
Wirklich schöne Geschichte, aber am besten gefällt mir wahrscheinlich der Anfang mit dem verrückten Fährmann.
Nur eins muss ich sagen: Ich hätte da irgendwie mehr erwartet, nachdem du in den ersten vier Kapiteln, die du noch einzeln veröffentlicht hast, sozusagen die Grundlagen für eine lange Geschichte gelegt hast. Schade, dass es danach so plötzlich zu Ende ging. Man hätte daraus noch so viel mehr machen können, schließlich ist die Idee dermaßen genial...
Lexa schrieb am 2006-11-13 01:36:21:
Hätte gerne 36 Std. Tage, dann könnte ich viel mehr von Euch lesen, schade, eine schöne Story, lese die Tage
weiter, wirklich ein superaffengeiler Auftakt. Die geringe Gewichtigkeit, die Du dem Tod und dem Fährmann zuteil werden lässt ,finde ich sehr gelungen. Du streifst gewichtige Problematiken mit einen Hauch von Banalität und nimmst ihnen
so den Schrecken. Und es ist spannend, dabei hab ich erst die erste Seite gelesen. LG Lexa
Nymphe schrieb am 2006-11-12 11:24:40:
Das ,Fortsetzung folgt` stört mich ein bisschen du hättest die G
eschichte auch in Kapitel unterteilen können
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