Nada
von
A.F.
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Sie ging bedächtig die Straße entlang; den Kopf abwechselnd gen Fußboden oder gen Himmel gerichtet.
Von Weitem betrachtet war sie ein ganz normales Mädchen: Mittelgroß, mitteldick, mittelhübsch. An Ihr war im Allgemeinen nichts besonderes. Sie war durchschnittlich intelligent, durchschnittlich lustig, durchschnittlich interessiert an ihrer Umwelt, durchschnittlich geschickt mit Hammer und Nadel, ja, man könnte sogar sagen, durchschnittlich freundlich. Sie war eigentlich so normal, dass das schon wieder etwas besonderes war. Würde jemand zu ihr sagen, dass Sie Jedermann sein könnte, dann würde Sie sich vielleicht dabei denken, dass Jedermann zu individuell für sie wäre. Doch ob dieser Gedankenblitz tatsächlich ihren Kopf erschüttert hätte, steht nicht fest.
Sicher war, dass sie mit jedem Mal, das sie nach oben blickte, die Allee, die aus dem bescheidenen Städtchen führte, Schritt für Schritt auf sich zukommen sah.
Ob Sie sie bewusst wahrnahm, war wiederum fragwürdig, da sie hinter einem geheimen undurchdringbaren Gedankenschleier versteckt war, wie von der Außenwelt abschottete. Nur Plötzlichkeit in ihrer nächsten Umgebung hätte ihn möglicherweise wegreißen können, um ihre wahren Gefühle zu entblößen. Eventuell hätte sie instinktiv auf, erstaunt umher geblickt; oder ebenso möglich: sie hätte wütend nach der Ursache geforscht, weil sie gerade die entscheidende Idee ihres Lebens aufgedeckt hätte und durch das Erwachen ihr diese eine bedeutsame entflogen wäre.
Doch man durfte von dieser jungen Frau nicht zu viel erwarten. Richtig, die Allee verschwand nicht plötzlich, egal wie oft man nach oben blickte.
Das Alter der gewaltigen, Schatten spendenden Bäume fiel ihr nicht wirklich auf, und sollte dies geschehen, würde es an sich nichts bedeuten. Naturaktivisten waren sowieso nicht zu verstehen, dass sie so etwas schützten, was Jahrhunderte schon an einem Fleck gestanden hatte. Heutzutage forderte man Veränderungen, Anpassungsfähigkeit.
Die alte Generation versuchte sich kläglich anzupassen, während die Technik jährlich ein neues Handy/einen Computer nacheinander herausbrachte, bekrönt mit den sinnlosesten Spielereien. Doch für den modernen Mensch waren sie nun mal zwingend notwendig, wie sie als erfahrene Fernsehsehseherin wusste.
Nüchtern betrachtet, fand sie, dass alte Leute sowieso keine Chance hatten. Sollten sie es je schaffen sich das Know-How, das alleine schon ein schwieriges Wort ist, anzueignen, wären sie im nächsten Moment schon wieder veraltet gewesen, weil sie einfach zu lange brauchten um dieses Wissen zu erlangen. Sie hingen zu sehr an ihrer gleich bleibenden, traditionellen Welt. Irgendwann würde sie selbst einer dieser Rentner sein, die auf einmal nicht mehr verstehen, wie man einen Ticketautomaten bedient, obwohl mit zahlreichen Pfeilen darauf, alles klar und deutlich erklärt ist; zumindest nachdem man ihn einige bedeutungsvolle Minuten inspiziert hat.
Ebenso passte diese Allee nicht mehr ins 21. Jahrhundert. Sicherlich, sie war nett anzusehen, imposant, aber nach einigen Blicken langweilig, vor allem lang. Wären all die Bäume weg; man würde ebenso gut das Feld betrachten können, das sich dahinter in unendliche Weiten erstreckte.
Ehrlich gesagt, wusste sie nicht einmal, wozu diese Allee da war. Schutz oder Zierde? Aber bei genauerem Nachdenken ließ sich feststellen, dass es unnütz war, sich so etwas durch den Kopf gehen zu lassen. Was sie mit Sicherheit wusste, war nur, dass einige Autofahrer sich an ihr tot gefahren hatten.
Unten auf dem Boden grabbelte eine Ameise hektisch entlang; auf ihrem Rücken ein Stöckchen, beinah ein Stöckchenchen. Doch das Mädchen überholte sie schnurstracks – verbotenerweise von links -. Welch ein ungleicher Wettkampf.
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