Nagellackentferner
von
Sternenmädchen
1
2
NAGELLACKENTFERNER
1. Kapitel
Ich starre auf meine Finger.
Genauer gesagt auf den rechten Zeigefinger.
Dort blättert an einer Ecke der rote Nagellack ab.
Ich höre die Uhr.
Sie tickt.
Für mich tickt sie eine Melodie.
Aber eine eintönige.
Eintönig.
Wie mein Leben.
Vor zwei Monaten war mein Leben noch normal.
Doch, was genau ist normal?
Gibt es normal?
Ist nicht alles anders?
Was genau ist dann normal?
Mein Leben war normal.
Das normale Leben einer siebzehnjährigen Realschülerin war für mich mein Leben.
Ich hatte eine Familie.
Und ich hatte eine Clique.
Und einen Freund.
Jetzt hab ich nichts mehr.
Nur noch mein Leben.
Aber, ist das noch ein Leben?
Ein Leben, das man nicht leben will?
Ein Leben, das man sich nicht ausgesucht hat?
Ein Leben, das ich nicht gerne lebe.
Nicht mehr.
2. Kapitel
Ich erinnere mich gerne an die Zeit zurück.
Ich hatte viel Spaß mit meinen Freunden.
Meine Freunde, von denen ich dachte, sie wären meine Freunde.
Heute weiß ich es besser.
Doch damals glaubte ich noch, sie würden immer zu mir stehen.
Egal was kommt.
Zu meinen Freunden gehörten Lydia, Niko, Nina, Larissa und Flo.
Und Roy.
Roy.
Ich liebte Roy.
Liebe ich Roy noch immer?
Ich weiß es nicht.
Ich unternahm jeden Tag etwas mit meiner Clique.
Wir waren nie alleine, mindestens zwei von uns waren immer zusammen.
Lydia und Flo kenne ich noch aus der Grundschule.
Seitdem bin ich mit den beiden befreundet.
Gewesen.
Die anderen vier kennen wir erst seit der zehnten Klasse.
Also seit einem Jahr.
Wir verstanden uns von Anfang an super, waren auf jeder Party dabei und auch sonst bald nicht mehr auseinanderzukriegen.
Sie nannten uns "die schwarze Acht", weil wir gefürchtet wurden.
Die wenigsten gaben es zu, doch wir wussten, dass viele Angst vor unseren Sprüchen hatten.
Sprüche, die toll klangen in einer Gruppe von acht Leuten, die aber nichts aussagten.
Wie unsere Freundschaft.
3. Kapitel
Vor etwa drei Monaten kam ich mit Roy zusammen.
Ich liebte ihn sehr und glaubte, den Mann fürs Leben gefunden zu haben.
Auch wenn ich es nicht zugab.
Er war halt mein Freund.
Er unterschied sich im Verhalten zu mir nicht von den anderen sechs.
Außer, dass wir uns küssten und liebten.
Auf irgendeiner Party küsste er mich das erste Mal.
Ich hatte sehr viel getrunken.
Er auch.
Ab da waren wir zusammen.
Roy sagte mir nie die berühmten drei Worte.
Doch das bemerkte ich erst spät.
Wir ließen uns viele Freiheiten.
Er flirtete gerne mit anderen Mädchen.
Auch mit meinen Freundinnen.
Das störte mich schon, aber ich sagte es nicht.
Ich wollte kein Spielverderber sein.
Ein Spiel.
Das war's für Roy.
Für mich nicht.
4. Kapitel
Ich schaue auf die Uhr.
Immer wieder.
Als wär ich abhängig davon.
Abhängig.
Wie von Drogen.
Scheißdrogen.
Letzten Monat kam Roy mit einer kleinen Plastiktüte in der Tasche auf eine Party.
Eine Plastiktüte voll mit den unscheinbaren weißen Pillen.
Stimmungsverbesserer nannte er sie.
Ich nenne sie Stimmungszerstörer.
Zerstörer.
Zerstörer.
Immer wieder geht mir dieses Wort durch den Kopf.
Zerstörer.
Zerstörten wirklich die Drogen mein Leben?
Nein.
Eigentlich nicht.
Eigentlich der Nagellackentferner.
Und die Leute, die die Drogen nahmen.
Die Leute, die nicht akzeptierten, dass ich keine Drogen will.
Ich wusste nicht, was ich tun soll.
Ich saß in der Zwickmühle.
Ich wollte meine Freunde nicht verlieren.
Ich wollte vor allem Roy nicht verlieren.
Aber Drogen?
Nein, damit wollte ich nichts zu tun haben.
Ich wollte, ich wollte...
Man bekommt nicht immer das, was man will.
Ich verlor das, was ich wollte.
5. Kapitel
Ich verstand mich gut mit meiner Familie.
Ich ließ sie in Ruhe und sie mich.
Doch jetzt habe ich zwei Familien.
Zwei, aber doch keine.
Meine Eltern trennten sich vor fünf Wochen.
Warum?
Das weiß ich nicht, das interessiert mich auch nicht.
Mich interessiert nichts mehr, was mit ihnen zu tun hat.
Warum trennten sie sich?
Warum taten sie mir das an?
Sie interessieren mich doch.
Aber das werde ich nicht sagen.
Meine Eltern sind für mich gestorben.
Jedenfalls sollen sie das glauben.
Ich tue fast alles dafür, dass meine Mutter nicht merkt, wie oft ich weine.
Wegen ihr.
Und wegen ihm.
Und wegen des Nagellackentferners.
6. Kapitel
Wir stritten uns nie.
Weil wir den Problemen einfach aus dem Weg gingen.
Doch vor drei Wochen passierte es.
Wir picknickten.
An unserem Lieblingssee.
Wir hatten Spaß.
Bis Roy wieder sein Plastiktütchen hervorholte.
Danach hatten alle viel Spaß.
Und ich hatte keinen Spaß.
Denn ich wollte keine Drogen nehmen.
Ich hoffte, dass die anderen es akzeptieren würden.
Obwohl ich wusste, dass das so unmöglich war, wie einen Sturz aus dem 20. Stock unverletzt zu überleben.
Erst versuchten sie mich zu überreden.
Dann lachten sie mich aus.
Und dann wurden sie richtig fies.
Niko versuchte sogar, mich zu schlagen.
Niemand hielt ihn zurück.
Nicht einmal Roy.
Ich ging nach Hause.
Ich war nicht traurig.
Ich war nicht wütend.
In mir drin war alles leer.
7. Kapitel
Von da an war ich nur noch allein.
Und das war das schlimmste.
Mich störten die fiesen Attacken von meinen ehemaligen Freunden nicht.
Dass sie mich verfolgten und sogar gewalttätig wurden.
Auch dass alle, die zuvor vor mir Angst hatten, über mich lachten, störte mich nicht.
Mich störte das Alleinsein.
Ich war nie zuvor in meinem Leben allein gewesen.
Natürlich war ich nicht jede Minute mit jemandem zusammen.
Aber es gab immer jemanden, den ich hätte anrufen können, den ich hätte um Rat fragen können.
Seit diesem Tag nicht mehr.
Mich hatte immer nur meine Clique interessiert.
Ich hatte keine Hobbys und andere Leute waren mir egal.
So behandelte ich sie auch.
Kein Wunder, dass ich unbeliebt bin.
Meine Mutter fragte mich einmal, warum ich nur noch zu Hause bin.
Nicht aus Interesse.
Ich glaube eher, sie war schadenfroh.
Sie war immer neidisch auf mich gewesen.
Sie hatte früher keine Zeit für Freunde.
Denn sie musste ihren Eltern helfen und bekam mit vierzehn ihr erstes Kind - mich.
Und jetzt freute sie sich, dass ich keine Freunde mehr hatte.
Aber ich sagte ihr nichts.
Meine Mutter fragte nicht weiter.
Und ich saß jeden Tag auf einer Brücke, mitten in der Stadt.
Von dort schaute ich ins Wasser.
Dunkel.
Dunkel und dreckig.
Aber nicht durch eigene Schuld.
Es wurde durch Fremde dunkel und dreckig.
Wie ich.
Ich, ganz tief drinnen.
8. Kapitel
Seit 3 Stunden sitze ich jetzt schon auf der Brücke.
Das Wasser sieht ganz ruhig aus.
Aber nur die Oberfläche ist es wirklich.
Unter ihr ist es hektisch.
Wie bei mir.
Ich lasse mir nichts anmerken.
Ich will nicht, dass sie wissen, wie es mir geht.
Denn es macht sich keiner von meinen alten Freunden Gedanken darüber.
Nicht von alleine.
Erst wenn ich in der Öffentlichkeit weinte oder schrie.
Dann würden sie auf mich und meine Gefühle aufmerksam werden.
Nur manchmal springt ein Fisch aus
1
2
Kommentare
offre_moi_un_smile_91@hotmail.com schrieb am 2007-11-13 21:01:51:
Hallo^^
Louis hat Recht: Mein Bruder und ich finden, dass du einen wunderschönen Stil und dass deine Geschichte sich gut lesen lässt (prima Idee immer die Zeile zu wechseln; so wirkt es viel übersichtlicher und man wird nicht vom Text erschlagen. Wir beiden sind begeistert ung wünschen dir noch viel Erfolg!
louis.reding@tele2.lu schrieb am 2007-11-13 20:12:09:
Ok, hatte vielleicht etwas übertrieben. :-) Nein, im Ernst, ich finde diesen Text super.
Heute noch habe ich im Radio gehört, dass eine siebzehnjährige Schülerin sich auf dem Klo in ihrer Schule umgebracht hat. Das ist so unglaublich zu hören. Mein Onkel hat sich auch umgebracht, doch der war "schon" 40 und nicht erst 17!
Sternenmädchen schrieb am 2007-11-13 11:56:51:
Wow, danke für diese Lob! Das hat mich umgehauen!
louis.reding@tele2.lu schrieb am 2007-11-10 19:25:53:
Wow!
Ich liebe Geschichten wie diese. Der Stil, das Thema und die stillen Schreie nach Hilfe. Solche Texte haben mehr verdient als nur die veröffentlichung auf einer Internetseite.
Obwohl mir von Anfang an klar war, dass das Mädchen sterben wird (da meine Texte auch so enden), erschreckte mch der Schluss auf eine angenehme Art und Weise.
Danke, dass es Schriftsteller wie Sie gibt.
---------> www.mike-michels.blogspot.com
Kommentar hinzufügen