Neil und das Geistermädchen
von
anoriel bina
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Neil und das Geistermädchen
Leise und stetig prasselten die Regentropfen gegen die Fensterscheibe, bis die trommelartige Melodie das ganze Haus erfüllte. Neil saß an seinem Schreibtisch, die linke Wange auf eine Hand gestützt und strich mit dem Zeigefinger eine Linie seines Schreibtisches nach. Er seufzte und sah auf das grün beleuchtete Ziffernblatt seines Weckers, der neben ihm stand.
11 Uhr.
Neil ließ die Hand mit einem Klatschen von seiner Wange auf die Tischplatte fallen und rückte seinen Schreibtischstuhl nach hinten.
Was nun?
Er rieb sich über sein müdes Gesicht und stand auf, langsam und lustlos. Für einen Moment erwog er den Gedanken nach unten in die Küche zu gehen, um seiner Mutter beim Frühstücken ein wenig Gesellschaft zu leisten. Doch dann entschied er sich dagegen. Sie hatte wieder einmal eine ihrer lang anhaltenden Migräne und das hieß für ihn, bloß nichts Falsches sagen und sich im Hintergrund zu halten. Zudem konnte er ihr leidendes Gesicht und das ständige Stöhnen über die unsäglichen Kopfschmerzen nicht ertragen.
Er hatte sie in den letzten zwei Jahren genug leiden sehen, um genau zu sein, seit dem Moment, da auch ihr letzter Freund, Karl, von ihren Stimmungsschwankungen genug hatte und sie verließ. Er wünschte, er könnte auch einfach gehen. So sehr er auch seine Mutter liebte, in den letzten Monaten war sie unerträglich geworden.
Schon wenn er von der Schule nach Hause kam, die Tür öffnete und das Wohnzimmer betrat, drang aus ihrem Zimmer eine heisere Stimme, die ihm gequält zurief:
„Bitte mach nicht so einen Lärm, mein Schatz.“
Sie arbeitete nicht einmal mehr. Früher hatte sie immer mit Begeisterung für Zeitschriften, Büchereinbände oder teilweise auch für Werbungen kleine Bilder und witzige Comics gemalt, doch jetzt lag sie nur noch in ihrem Bett und hielt ihre dünnen Hände auf die Stirn gepresst.
Ob sie wirklich Schmerzen hatte? Beinahe hoffte er es, dann wäre seine Mutter immerhin keine billige Schauspielerin!
Sie ging auch nicht mehr ihren Hobbys nach. Joggen, Tanzen, Stricken und das wöchentliche Treffen mit den Freundinnen bei Kerzenlicht und bestellten Essen war mit der Zeit vergessen. Dabei hatte er es immer gemocht, wenn er abends die plappernden Stimmen vom Wohnzimmer gedämpft gehört hatte, durchsetzt mit schallendem Gelächter.
Alles Vergangenheit! Und er?
Er war selbst anders. Ein Außenseiter, der sich nie mit Freunden traf, was wohl daran lag, dass er überhaupt keine besaß.
Neil sah aus seinem Fenster und bemerkte nicht einmal die Windrose hinter der Scheibe, in deren Fängen braune Blätter tanzten.
Sein Leben war eine Ruine, ein Alltag mit Löchern, in denen er wie jetzt einfach nur herum saß und über die vergangene Zeit nachgrübelte.
Warum konnte er es sehen? Er schloss die müden Augen und öffnete sie wieder. Geister….so ein Unfug! Er sah keine Geister, was ihm viele seiner Mitschüler spöttisch nachriefen. Er hörte nur ihre Stimmen und manchmal entdeckte er auch einen blassen Schimmer, wie eine geballte Kraft aus glänzender Luft, die wohl ein Überbleibsel ihrer Aura war. Sie waren da, er war nicht verrückt! Zuweilen hatte er das Gefühl, als suchten sie seine Nähe oder seine Aufmerksamkeit. Er konnte sich diesen seltsamen Umstand nicht erklären, man vermag es womöglich auch nicht! Neil fürchtete sich nicht vor ihnen, zumindest nicht vor den Lichtgeistern, wie er sie heimlich nannte. Ihre Aura war klar und strahlend, so silbrig wie das Mondlicht, ein Schimmer in einer Welt von Menschenleibern. Und da waren noch die Schattengeister, die finsteren Wolken, die Wesen mit den grausamen Stimmen, doch sie hielten Abstand zu ihm, sie fürchteten Neil. Warum, dass wusste er selbst nicht so recht.
Neil ging ein wenig durch sein Zimmer und hielt plötzlich in der Bewegung inne. Er entschloss sich, nicht länger untätig herum zu sitzen. Es war Samstag und jeder unternahm etwas am Wochenende! Mit einem Mal breitete sich ein Lächeln über sein milchiges Gesicht aus.
Er lief zur Tür, riss sie auf und schlich mit Rücksicht auf die Nerven seiner Mutter lautlos die Stufen hinunter. Unten hastete er durch den Flur und öffnete vorsichtig die Haustür. Als er draußen stand, umgeben von Wind und Regen, atmete er erleichtert aus. Perfekt! Seine Mutter hatte nicht bemerkt, dass er gegangen war. Wahrscheinlich schlief sie bereits wieder, ihre Lieblingsbeschäftigung.
Er sah sich, grinsend über seine Entschlossenheit etwas zu unternehmen, um und blickte in beide Richtungen der sauberen Straße.
Wohin?
Vor seine Augen schob sich ein Bild von einem verfallenen Haus.
Warum eigentlich nicht? , sagte er sich leise und starrte hinter die dichte Dächerfront der Häuser auf die seichten Hügel. Er wusste nicht, weshalb es ihn plötzlich dorthin zog. Neil stülpte sich die Kapuze seines Pullis über die braunen Haare und rannte auf die andere Straßenseite. Seine Gestalt verschwand im Dunkeln einer schmalen Gasse zwischen zwei Häuserfassaden und tauchte wieder am Grund der Hügel auf.
Der Regen wurde schwächer und beschüttete die Welt nur noch mit schwachen Tropfenfällen. Der Asphalt von Bürgersteigen und Straßen glänzte feucht, die wenigen Autos, die zu dieser Uhrzeit unterwegs waren, schalteten die Geschwindigkeit ihre Scheibenwischer eine Stufe niedriger und die Oberflächen von Pfützen wurden wieder ebenmäßiger, jetzt, da der Regen sie nicht länger wild durcheinander wühlte.
Im Laufen flog Neil die Kapuze wieder vom Kopf. Doch er scherte sich nicht länger darum, ob er auf seinem Gesicht Kälte und Regen spürte, seine Haare triefend nass oder trocken waren, von den Spitzen seiner Haare das Wasser in den Nacken floss oder der Stoff seines Pullis durchweicht wurde.
Er dachte an das Haus hinter dem Hügel. Gleich würde es sicher vor seinen Augen auftauchen.
Sein Atem flog, das Herz raste. Von einer unerklärlichen Aufregung angetrieben sprintete er die letzten Meter hinauf. Seine Hose wurde schwer, da sie sich unten bereits mit Wasser und Schlamm voll sog, seine Schuhe trieften vor Morast, kleine Gräser klebten an der Spitze. Er lächelt, als er oben angekommen war und das kleine, verfallene Haus entdeckte.
Für einen Augenblick blieb er dort oben stehen und hob seinen moosfarbenen Blick in den Himmel. Wolkenknäuel in einem tristen Grau schmiegten sich aneinander und schoben sich vor einen trüben Himmel. Ein Schwarm von nachtschwarzen Krähen kreiste über seinem Kopf. Ihr Krächzen hallte in der Stille des verebbten Regens unwirklich wieder. Wie ein Tuch breiteten sich ihre Schreie über ihn aus.
Unheimlich, fand Neil und schüttelte sich. Langsam spürte er die Kälte an seinen Schultern, sie kroch an ihm herauf, zerrte an den Haaren seiner Arme und zog sie in die Höhe. Er wandte sich von dem Anblick der Krähen ab und starrte fasziniert auf das Haus am Fuße des Hügels. Er lief durch die Wiese hinunter. Mit jedem Fuß, den er einen Schritt weiter setzte, sehnte er sich mehr, das Haus zu erreichen. Endlich stand er davor.
Seine Augen
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Kommentare
Mary schrieb am 2009-05-01 14:16:09:
Das ist eine schöne Geschichte. Gibt es auch eine Fortsetzung?
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