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Kategorien > Story > Erinnerung

Nervenzerren

von Michael Behofsics

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Ich bin Neun Jahre alt, lautes Poltern reißt mich aus einem traumlosen Schlaf. Ich öffne langsam die Augen und lausche. Es ist dunkel, bis auf das Fahle leuchten der Straßenlaternen das sich durch den dünnen Vorhang kämpft. Zuerst höre ich nichts außer meinem eigenen Blut das durch meinen Körper schießt, und ein paar zirpenden Grillen. Es ist Sommer und mir ist heiß, ich bin verschwitzt, darum trete ich die Decke weg und drehe mich auf den Rücken. Dann höre ich eine Stimme durch die Tür dringen, zuerst klingt sie fremd und irgendwie undeutlich, aber schnell erkenne ich sie als die Stimme meiner Mutter wieder. Doch sie klingt anders als sonst, sie spricht sehr undeutlich, es bereitet mir Mühe zu verstehen was sie sagt. Mein Herz fängt an zu hämmern und für einige Sekunden höre ich nichts als meinen Herzschlag. Ich zwinge mich zur ruhe und konzentriere mich auf die Worte, doch es fällt schwer. Dann flucht sie, lauter als sonst. Trotz der Hitze bricht kalter Schweiß aus meiner Stirn. Ich begreife dass sie Betrunken ist, und hoffe dass sie nicht in mein Zimmer kommt.
Sie fängt an zu schreien und zu fluchen und jemanden zu beschimpfen. Meinen Vater. Nur wieder einschlafen, das ist mein einziger Wunsch im Moment. Einschlafen und dieses Gefühl der Angst vergessen. Tränen rollen mir aus den Augenwinkeln und über mein Ohr. Jetzt nicht losheulen, sonst kommt noch jemand und sieht nach dir. Still sein. Schließ die Augen und schlaf ein. Draußen laute Schreie, feste Schritte auf dem Parkett. Schweres Glas zerschellt auf dem Boden. Der Aschenbecher. Das Geschrei geht weiter, doch jetzt mischt sich verzweifeltes Seufzen dazwischen. Verzweiflung von jemandem der sich beschimpfen lassen muss ohne etwas dagegen unternehmen zu können. Vor meinem inneren Auge kann ich sie sehen, wie sie da steht mit der Zigarette in der einen Hand, und einem halbvollen Glas in der anderen und auf meinen Vater flucht. Es macht mich wütend. Steh auf, steh auf und geh raus. Beende das, dann kannst du schlafen und alles vergessen. Nein bleib liegen, du fängst dir nur Ohrfeigen. Ich fange an zu zittern. Die Wut auf meine Mutter und diese Situation, nichts tun zu können, treibt mir wieder die Tränen in die Augen. Beinah wäre mir ein Schluchzer entwischt, aber ich hab ihn rechtzeitig erstickt. Sie schreit und flucht immer lauter. Mein Vater versucht sie dazu zu bringen leiser zu sein. Er wird kommen um zu sehen ob du wach bist, und wenn du wach bist wird er mit dir reden, darüber was du vielleicht gehört hast. Er ist sicher auch betrunken, und wird stinken. Also schlaf ein. Langsam greife ich nach der Decke und ziehe sie Hoch, der Bezug ist nass vom Schweiß, also drehe ich sie um. Dann merke ich wie trocken mein Mund und meine Kehle sind. Ich muss was trinken sonst kann ich nicht einschlafen. Du kannst jetzt nicht raus, es wird dir nicht gefallen raus zu gehen. Verdurste lieber bevor du dein Zimmer jetzt verlässt, dann hat auch die Angst ein Ende und die Wut und die Verzweiflung. Vorsichtig ziehe ich die Decke wieder weg. Das Geschrei wird wieder lauter. Ich schwinge die Beine über die Bettkante und setzte mich auf, unschlüssig ob ich nun gehen soll oder nicht. Ich öffne die Augen und betrachte meine Hände, sie zittern immer noch. Das erschreckt mich noch mehr, was hat das zu bedeuten, dass meine Hände so zittern. Egal was ich mache ich kann sie nicht ruhig halten. Holst du dir Wasser? Willst du das wirklich tun? Willst du dass sie dich ansieht, mit ihren glasigen Augen und verzerrtem Gesichtsausdruck? Willst du dass sie dich jetzt anspricht oder anschreit, oder dich schlägt?
Weiter rollen die Tränen über mein Gesicht, doch ich gebe keinen Mucks von mir. Ich fühle mich erschöpft und hilflos. Jedes Schimpfwort das durch die Tür dringt schürt die Angst, und ich zittere stärker. Fast als würde mein Verstand bröckeln. Ich spüre wie ich mich dem Point of no return nähere. Wie eine Abrissbirne die auf ein Kartenhaus kracht. Leg dich wieder ins Bett. Deck dich zu und schließ die Augen. Schwere Schritte kommen auf die Tür zu. Dreh dich zur Wand und sei ganz still, beweg dich nicht und atme hörbar. Langsam wird die Türklinke herunter gedrückt und die Tür geöffnet. Licht zerschneidet die Dunkelheit hinter mir, ein Schritt ins Zimmer, dann einige Sekunden nichts. Jetzt bloß still sein. Den Durst überstehst du schon. Die Tür schließt sich wieder und das Licht weicht der Finsternis.
Hör den Grillen zu, hör zu wie sie zirpen. Blende alles andere aus. Hörst du es? So friedlich.
Ich höre die Zikaden und merke wie ich wieder in den Schlaf rutsche.

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Kommentare

Marika schrieb am 2009-01-30 16:30:07:
ojeh... das macht mich traurig. Aber gut geschrieben...
Lara-Malou schrieb am 2009-01-29 14:17:17:
Mh, nach deiner Beschreibung hab ich eigentlich fantasy erwartet^^ aber diese geschichte ich auch wirklich gelungen! es hört sich wirklich erschreckend echt an, vielleicht liegt das auch an der ich-perspektive, dass man sich gut in die situation hineinversetzen kann. gut geschrieben!
lg von

Lara-Malou

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