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Kategorien > Humor > Humor

Neue deutsche Welle

von Luna

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Neue deutsche Welle

Der zwanzigjährige Jüppi erzählt in seinem eigenen Sprachstil, wie er die Beerdigung seiner Tante Änne erlebt hat.

Meine Tante Änne war immer ein richtiges Urkeksi gewesen. Nett, toll und zu allen Schandtaten bereit. Nun war sie tot. Gestorben vor dem Fernseher. Als Schimanski seine Knarre zog und einen Mörder, der auf der Flucht war, abknallte, sackte sie in sich zusammen. Die hat da glatt was verwechselt, die Arme. Trotzdem guckte mein Vater nach, ob nicht doch ein Einschussloch zu sehen war.

Da Tante Änne nur eine kleine Rente bezogen hatte, bastelten wir ihren Ratzeputz selber. Viel Arbeit hatten wir damit nicht, denn sie war in ihrer Jugend eine Wachstumsverweigerin gewesen. Wir hobelten, sägten und hämmerten, was das Zeug hielt, legten Tante Änne hinein, und trugen sie in den Murmelschuppen. Mein Vater hatte ihr zu Ehren sogar seinen Achseldackel gestutzt und eine Schweißschranke benutzt. Britta, meine kleinere Schwester, die stark an Akne - X litt, wackelte auf ihren Stöckelhupen hinter uns her. Und Mama, die sich eine neue deutsche Welle geföhnt hatte, memmte künstlich vor sich hin. Da sagte die doch morgens glatt zu mir: „Jüppi, heute musst du deine Abschleppöse mal aus der Nase schrauben.“ Ich zeigte ihr einen von meinen zehn Fingern und jagte mir erst einmal ein Snickers durchs Kreuz. „Das hätte Tante Änne nicht gewollt“, wetterte ich hinter geschlossener Tür. „Tante Änne mochte mein Piercing.“

Als wir den Murmelschuppen betraten, bekam ich einen Entenparka. Meine Körperhaare standen stramm wie eine Eins, als wir den Ratzeputz, gefüllt mit Tante Änne, vor den Altar abstellten. Meine Mutter murmelte sich gleich einen ab und die Singing – Gammelfleisches, die sie heimlich bestellte hatte, husteten die Tonleiter hoch und runter. Ich sah meinem Vater an, dass er jetzt lieber in einer Knallhütte sitzen würde, als in diesem Murmelschuppen. Aber er riss sich zusammen und stellte eine Vase mit blühenden Gemüse auf Tante Ännes Sarg. In der ersten Reihe saß eine wasserstoffblonde Assi – Bratze mit ihrem Assi – Gürkchen, welches laut in einen Popelteppich schnäuzte. Hatte Mama die etwa auch bestellt? Konnte ja gut sein, denn uns fehlte es an Trauergästen. Plötzlich hörte ich, wie das Assi – Gürkchen fragte: „Mama, wer ist der Mann, der da so schlapp am Kreuz baumelt?“ Die Wasserstoffblonde kicherte und antwortete: „Kind, das ist Jupp an der Latte. Er schläft. Psssst.“ Mein Gott, die war wohl zu lange im Tussitoaster gewesen. Selbst ich wusste, dass das Dieter Bohlen war.

Der Priester, der ein paar nette Dinge über Tante Änne sagen sollte, war ein richtiger Upstyler. Man, so einen langen zeitlosen Mantel würde ich mir auch mal zulegen. Urgeil sah der Knabe darin aus. Ich hatte mal gehört, dass diese Upstyler nicht heiraten durften und auch das ramsen wurde ihnen nicht gestattet. Warum eigentlich? Das war doch total unlogisch. Jeder Mensch hatte doch hin und wieder Bedürfnisse. Und hätte Dieter gewollt, dass sie nicht durchs Leben ramsen, hätte er ihnen keinen Nahkampfstachel kreiert. So aber wurden sie zu Teilchenbeschleuniger, die heimlich ihre Atome auf die Reise schicken mussten. Die Stimme des Priesters riss mich aus meinen Gedanken.

„Liebe Trauergäste, liebe Familie. Wir haben uns hier versammelt, um von Änne A. Abschied zu nehmen. Herr, nimm Änne in dein Reich auf. Lasse es ihr an nichts mangeln und nimm dich ihrer an.“ Ich schluckte, denn jetzt ging die Kistenparty richtig los. „Also Dieter, wenn du sie schon bei dir aufnimmst, kannst du ihr auch gleich einen Plattenvertrag geben“, murmelte ich. „Machst`e auch nichts verkehrt, denn schließlich war unser Urkeksi mal erste Stimme bei den Singing – Gammelfleisches. Wäre echt cool, wenn ich nicht mehr in regelmäßigen Abständen beim Freizeitphilosophentreff, genannt Arge, aufschlagen müsste. So ein Geldregen von oben, wäre der Hammer. Der Upstyler redete noch etwa fünf Minuten auf uns ein und bat uns dann, Tante Ännes Ratzeputz nach draußen zu schleppen.

Dort wartete mein Onkel Freddy schon mit seinem Hafermoped, welches vor einen Karren gespannt war. Vorsichtig schoben wir Tante Ännes Ratzeputz auf den Karren und schneckten mit gebeugten Kopf hinter dem Hafermoped her, bis hin zu der Einzimmerwohnanlage, die am Rande der Stadt lag.

Mein Vater hatte zwei dicke Sargträger mit Blutgruppe Nutella bestellt, die uns Tante Änne nun abnahmen. Für das kurze Stück bis hin zum Grab hatten wir zusammengeschmissen. Wegen der Nachbarn, damit die nicht auf krumme Gedanken kamen. Arme Leute oder so.

Am Grab angekommen, wartete ein anderer Pfarrer auf uns. So ein kleiner Nabelküsser, der kaum über Tante Ännes Ratzeputz gucken konnte. Er hatte eine typische Nashornfrisur. Nach vorne gegelte Haare. Neben ihm stand mit versteinerter Miene ein Pickelpinocchio und nebelte uns mit seiner Weihrauchschleuder ein. Voll der Schaukelschorsch.

Als der Nabelküsser seine Grabrede hielt, dachte ich an Tante Änne. Stellte mir vor, wie sie in ihrem Sarg lag. Mit gefalteten Händen, ihrem roten Strickkleid und offenen Augen. Die hatten wir einfach nicht zubekommen. Als mein Vater sie das erste mal zudrückte, schnappten sie sofort wieder zurück und meine Mutter rief : „Sie lebt, haltet ein!“ Aber da war nichts mehr mit Leben. Wir haben ihr die Augen minutenlang zugehalten, aber es nützte nichts, sie schnappten immer wieder auf. Mein Onkel Freddy kam auf die glorreiche Idee, ihr zwei alte Türstopper auf die Augen zu legen. Wie Gummigeschosse, flogen die nach ein paar Sekunden durch den Raum und zerschmetterten zwei Blumentöpfe. Also blieb uns nichts anderen übrig, als sie so zu beerdigen.

Als der kleine Nabelküsser, Asche zu Asche, Staub zu Staub sagte, kehrte ich in die Wirklichkeit zurück und stellte fest, dass Tante Änne schon ein Stockwerk tiefer lag.
Nacheinander gingen wir zu ihrem Grab, griffen nach einer kleinen Schaufel und schmissen ihr Erde hinterher. Wozu das gut war, wusste ich auch nicht. Als ich an der Reihe war, schaufelte ich gleich das ganze Loch zu. Man konnte ja nicht wissen, ob die später noch ein paar Ratzeputze obendrauf legten. Besser war besser. „Check die Wurst, bis bald mal“, sagte ich zum Abschied und memmte noch einen Augenblick rum.

Meine Mutter hatte Tante Ännes Sparstrumpf nach intensiven suchen gefunden, und wir konnten uns einen Besuch in dem Restaurant „Zu den zwei goldenen Bögen“ leisten. Zwei doppelte Hamburger für jeden waren locker drinnen. Abends drehte ich mir eine Grasroulade und ließ den Tag Revue passieren. „Eigentlich cool, so eine Kistenparty“, murmelte ich und grinste wie ein Langnasenhirsch.

„Alter Schwede, macht`s gut. Ich muss jetzt mal ne` Doppelrunde chillen. Habe euch ja Euch schon eine Matratze ans Ohr gelabert. An alle Teletubbiezurückwinker. Checkt die Wurst, bis bald mal.“ Euer Jüppi.

copyright Monika Litschko

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