Nicht auf den Boden legen.
von
Roland Mückstein
Nil hatte diese Regel schon in den ersten Jahren seines Lebens erlernt. Mit drei Jahren kam Nil in den Kindergarten, und später in der Schule versteckte er sich hinter Holzschulbänken und schrie rückenprügelnd nach allgemeiner Aufmerksamkeit. Er fand seine Sparte und verbarg sich in Besonderheiten; es ging ihm ja gut, und er tanzte nach Vorgabe, tanzte im Saal, auf der Bühne, im Zimmer, tanzte sich müde und tanzte sich wach, rief mit Sprüngen und Sehnenzerrung seine schwache Liebe in den Taubenschlag und beschränkte sich auf Selbstfreunde, glücklich, aber resigniert. Bald lernte er Schmerzen und lernte zu hassen; er lernte zu fürchten und Sehnen zu spüren; er ging Wege um Wege und träumte vom Schweigen. Stets war die Bühne ein großes Erlebnis, liebkoste er schmerzende Zehen und lauschte nächtens zur Erschöpfung unbenannte Klänge am blechgrauen Lautschirm des Bettradios. Träumend und stets krampfte er sich durch die Öffentlichkeit; winterlich war die Straße, der Wagen warm, ein enges Leder bot Projektilschutz; Blicke waren aktiv als Terrorinstrument genehm und einsetzbar, ängstigend im Angriff: Der Fisch mag kreisen, wie er will, stets spiegeln seine wässrigen Augen sich in den dunklen Wänden zur Aussenwelt. Er tanzte und träumte von Gehör; er prügelte und verlor sich in Momenten, stets war die Vergangenheit Stil, das Jetzt Spannung, die Zukunft Traum und nicht wesentlich unterschieden, und hinter einer spanrissigen Platte verbarg sich ein erster Nicht-Kuss. Die Straße war winterlich, und Nil, nicht notwendigerweise so, legte sich auf den Boden.
(geschrieben am 25. 01. 2002)
Kommentare
amoebe-xy@t-online.de schrieb:
Irgendwie seltsam, ungewöhnliche Sprache. Verletitet zum Nachdenken, wenn man mag.
nein@nein.de schrieb:
sehr interessant, aber ziemlich anstrengend zu lesen.
Laudwig@gmx.de schrieb:
reflektiert unsere Gesellschaft -- alle Tabus werden gebrochen ich frage mich warum?
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