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Kategorien > Nachdenkliches > Gedanken

Novemberschnee

von Miriam Robens

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Es war schon fast dunkel draußen. Schneeflocken tanzten vor dem Fenster und schienen die ganze Welt zudecken zu wollen. Eine Weile starrte sie gedankenlos auf das dichte Schneegestöber, das keinen klaren Gedanken hindurch ließ.
Nach einer schieren Ewigkeit schaltete sie die kleine Lampe auf dem Tisch ein. Dort lag das leere Blatt Papier vor ihr. Neben dem Blatt lag der Füller. Neben dem Füller die Füllerkappe. Neben der Füllerkappe der restliche Briefblock. Neben dem Briefblock der Briefumschlag. Auf der linken Seite neben dem Blatt Papier lag die Pistole.
Sie nahm den Füller zur Hand und schrieb ein großes „L“. Minuten verstrichen. Sie begann das „L“ zu verzieren wie den Anfangsbuchstaben in einem neuen Kapitel eines alten Buches.
Sie musste diesen Brief schreiben. Das war sie ihm schuldig. Sie konnte es nicht. Noch nicht. Auf dem Briefblock klebte noch das Preisschild. 2,90DM. Der Block war schon alt. Mindestens sechs Jahre. Sie schrieb selten Briefe und auch diesmal ging es nicht. Draußen wirbelten und tanzten die Schneeflocken in der Dunkelheit. Der Schneefall nahm weiter zu.
Sie legte den Füller wieder auf den Tisch und starrte das fast leere Blatt an. Ihre Gedanken schweiften in die Ferne. Jedoch blieben sie nicht lange dort, denn sie hatte einen Brief zu schreiben. Heute. Jetzt. Ihr Blick wanderte durch den vertrauten Raum. Im Kamin brannte noch immer ein kleines, wärmendes Feuer, obwohl sie schon lange kein Holz mehr nachgelegt hatte. Zu lange. Hatte sie überhaupt jemals das Feuer entzündet? Sie wusste es nicht mehr. Es spielte jetzt aber auch keine Rolle mehr.
2,90DM war viel zu teuer für einen einfachen Briefblock. Alles war zu teuer und doch nicht teuer genug, um es zu schätzen zu wissen. Sie dachte an den vergangenen Sommer. Oder war es schon zwei Jahre her, als sie in Teneriffa am Strand gestanden und den Sonnenuntergang angeschaut hatte? Damals war sie allein gewesen. Jetzt war sie auch allein. Allein in einer verschneiten Novembernacht.
Nein, sie würde den Brief nicht schreiben können. Weder jetzt noch in fünf, zehn oder neunzig Minuten.
Die Schneeflocken draußen vorm Fenster wurden weniger. Sie wartete noch eine Weile und es hörte gänzlich auf zu schneien. Sie stand von ihrem unbequemen, alten Stuhl auf und schob ihn heftiger als nötig zurück, sodass er mit einem dumpfen Geräusch umfiel. Sie löschte die Lampe und durchquerte das dunkle Zimmer. Als sie aus der Tür getreten war, durchbrach ein lauter Knall die nächtliche Stille des Hauses. Das Geräusch hing noch Minuten später wie ein ungebetener Gast in der Luft. In der Wohnung nebenan wurde das Licht angeschaltet und es begann wieder zu schneien.

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Kommentare

Chrissy schrieb am 2009-06-09 18:30:40:
hmm...traurig. aber super geschrieben :)

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