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Kategorien > Avantgarde > Bizarr

Nur keine Nachrichten sind gute Nachrichten

von Clemens Ottawa

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NUR KEINE NACHRICHTEN SIND GUTE NACHRICHTEN

Und so war er in diese Welt geboren worden. Dem Schoße seiner Mutter entsprungen, wie ein Kobold der Finsternis des Waldes. Emphatisch wurde er von allen Menschen empfangen. Noch kaum sehend stellte sich ihm sein Vater vor, der die monotone Stimme eines vom Leben gebeutelten Individuums gegen die Fontanelle des kleinen Säuglings prallen ließ.
Die Mutter, eine Wissende, hatte die Krämpfe der Geburt kaum überstanden, als sie vom Schlag des Gehirnes dahingerafft wurde. Ihr lebloser Körper lag inmitten der versammelten Verwandtschaft – ihr Geist wirbelte durch die freie Luft und hatte ihr Kind im grauen Alltag des Lebens allein gelassen. Das kleine Wesen blickte sich ängstlich und verloren um, als da eben auch Mannen versucht hatten dessen Lebensgeberin abseits ins Geschehen zurückzuholen. Die Tränen des Lebensspenders besiegelten jedoch ihr endgültiges Ableben.
Ihr Corpus wurde entfernt. Das Blut der Gehirnwindung, welche implodiert war, floss durch eine Öffnung im Ohr über die kleine, unfertige Physiognomie des Kindes. Das Rot verlieh ihm nun einen recht gesunden Eindruck, der allerdings durch die Ohnmacht des Erzeugers erneut untergraben wurde. Die Pfütze des roten Lebenssaftes formierte sich zu einem recht grotesk anzusehenden Muster. Die Verwandtschaft zeigte sich nun einigermaßen irritiert von all den Vorgängen die sich in den letzten Minuten zugetragen hatten und konnten ein staunendes Gesicht nicht verbergen. Diese Geburt stand unter einem seltsam – bizarren Stern. Der Eindruck war allen beteiligten Personen anzusehen.
Sein Vater erholte sich nur dürftig von den Schlägen die ihm das Schicksal hatte abgefordert.
Und seine Zuneigung zum Kinde ward ebenfalls vom Vorwurf der vorsätzlichen Tötung des Eheweibes belastet worden. So ist es denn nicht verwunderlich, dass er vom ersten Momente an auch eine gewisse Dämonie in seinem Nachwuchs sah. Welch seltsame Kreatur dieses Kind doch war, dachte er dann und wann. Es war die Tante, des Opfers Schwester, die in den ersten Lebensmonaten, in dieser schwierigen Zeit, vor allem als Neugeborener, einen Bezug zum kleinen Menschlein aufgebaut hatte. Sie wurde ein Ersatz für die so gierig benötigte Mutter, oder eine Art des obsolten Standes der Hebamme. Eine Form von Liebe, hatten auch die großen Eltern über. Die alten, weisen selten zu belehrenden Wesen, die ihrem kleinen Enkel oftmals ins Gesicht starrten, erzeugten bei diesem ein divergentes Gefühl zwischen Abscheu, Abneigung und tiefstem Respekt.
Der große Vater, ein ehemals in russischer Kriegsgefangenschaft geschundener Pedant, der die meiste Zeit seines als Postbeamte verdingten Lebens, Briefmarken und Silbermünzen gesammelt hatte, besaß ein breites Lächeln sowie ein relativ negroid anmutende Nase.
Die große Ehefrau und Mutter der Verblichenen sah beinahe wie eine hollywoodeske Dame der ersten Reihe aus, hatte ein Sprachtalent und ein Augenpaar, das zwei bis höchstens drei unterschiedliche Farbtöne bot. Ob sie dadurch nun zu einem besseren Menschen hochzustilisieren war, galt für den kleinen Spross noch herauszufinden. Nun war er einmal in dieses Ungeheuer, mit Namen Erde gekommen und hatte sich auf eben dieser zu beweisen. Grauenhaftigkeiten, Abnormitäten und Schicksale würden sich ihm noch in den Weg stellen und diese galt es mit einer gewissen Bravour zu überstehen. Er konnte nur hoffen nicht die gewöhnliche Hirnschwäche seiner Lebensspenderin geerbt zu haben oder vielmehr die Weinerlichkeit und Lebensträgheit seines Spenders.
Er würde sobald mit den eindeutigen Gefühlen und Regungen der Liebe und des grenzenlosen Hasses in Berührung kommen. Doch derzeit stand der infinitesimale Prozess des Wachsens im Vordergrund – Ihn zu bewältigen hatte absoluten Vorrang.
Schon früh verspürte er die Schönheiten der Natur, da ihn seine Tante des öfteren auch an die frische Luft gesetzt hatte. Er bewegte sodann seine kleinen Nasenflügel, sog die herumfliegenden Duftimpressionen ein und bildete über manche ein großzügiges, über andere ein vernichtendes Urteil. Man könnte es beinahe als einen naturellen Fanatismus bezeichnen, da er, sobald man ihn eine gewisse Zeit im ungelüfteten Raume hatte eingesperrt, eine agitatorische Laune bekam und seine Stimmbänder in die ungeahntesten Bereiche der menschlichen Stimme trieb. Sein Lebensspender zeigte dann erneut eine Überforderungen praktisch aller essentiellen Pflichten. Dem Spross war dann eine Unzufriedenheit anzumerken. ER verlieh dieser mit weiteren Unmutsäußerungen auch Ausdruck. Die Aversion der beiden gegeneinander wuchs stündlich, täglich, andauernd.
Man konnte nur annähernd das Nebeneinander – Vegetieren aushalten. Was die Sachlage noch weiter erschwerte, ist die Tatsache, dass er schon früh mit einer sagenhaften Intelligenz gesegnet war und ihn dieser Umstand gänzlich von seinem Erzeuger unterschied.
Als er zirka sechs Lenze zählte und von seinem Vater, mehr oder weniger motiviert, in die Schule gebracht wurde, ging der kleine Mann stets drei Schritte vor dem Manne, dem er sein bis dato unspektakuläres Leben zu verdanken hatte. Auch für die Schule konnte er sich nicht erwärmen, da sie so überhaupt nicht seinem Intellekt entsprach. Oftmals fand er die, altersgemäßen Neckereien oder Spielereien, sogar recht albern und mied allzu viel Kontakt zu seinen Kollegen. Durch solche Umstände hatte er, sofern dies möglich war, schon bald einige Todfeinde in der Klasse. Doch dies sei hier nur als völlig sekundärer Faktor angemerkt. Wir wollen uns doch lieber seiner apotheotischen Liebe zu den schönen Künsten widmen.
Bereits im Alter von sechs Jahren und vier Monaten begann er eine eigen Farbenlehre zu kreieren, die sich vor allem mit den Dunkeltönen befasste und nur gut zwei Monate danach war seine erste kleine Missa in c – moll vollendet. Er sah dies als sein eigentliches Frühwerk an. Seinem Vater waren solcherlei Genialitäten seines Sohnes entgangen. Seine Bezugspersonen waren Repräsentanten des weiblichen Geschlechts. Man könnte ihn an dieser Stelle durchaus als einen Casanova der Kleinheit benennen. Schon in Kindesalter genoss er so das Leben eines Hedonisten, eines Anakreontiker, eines Bohemien. Die Kluft zu seinem Vater war nun immens und keiner der beiden war bereit diesen Umstand in eine Gegenteil umzumünzen. Man war stur. Dies war die einige Parallele.








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