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OPERNBALL oder Die Andere Seite

von Roland Mückstein

Sie hatte ihre Schere mitgebracht, schnitt damit den überhängenden Faden ab, fuhr sich leicht nachdenklich mit dem kühlen Metall über die Unterarme. Es rauschte, Beata richtete ihr Tutu mit aufwendigen Dreh- und Stoßbewegungen, traf Virginie wenig schmerzhaft, aber gleichgewichtsgefährdend in die Nierengegend; diese stand, wankte auf einem Bein, hielt sich am Oberarm der hüpfend tänzelnden Maria fest, stabilisierte sich, schlüpfte in den linken Schuh, war auch schon fertig. Evas Augen waren vom Reiben leicht gereizt; sie ließ die Schere sinken. Müdigkeit, sie kannte das, dachte sich das warme, bald heiße Bühnenlicht auf der Schneidekante gebrochen; alles rauschte, viele waren in Streß, alle aufgeregt, die Musik begann irgendwo, durch bleiche Gänge gedämpft, hier war es heiß und stickig. Wenn sie sich nicht bewegte, wußte Eva, würde sie verschont bleiben. Wenn sie sich nicht bewegte.
Taschen, Handys, Kleidung, nirgends mehr war Platz; alles dampfte, mehrfach belegt, alles rauschte, eilig und beengt, in der Ecke standen zwei Bonga-Trommeln neben einem halboffenen Cellokoffer, irgendjemand redete, jemand fiepte. Die Schere hatte auf den Trommel Platz (die Tasche: weiß, gelb bedruckt, an der Lehne des dritten Sessels türeinwärts, unter Carinas lila Plüschjacke) als sie ausrückten; noch war Drängeln ja erlaubt, noch gab es keine Formation. Es war das dritte Mal für Eva, sie war noch klein und längst gut genug, für die meisten anderen hier das erste. Lisas Schuh verhängte sich, man sah nichts mehr vor Wirbel und blindem Rauschen und verließ sich aufs Geradeaus; Eva trippelte, neben ihr im Gleichtakt eine Unbekannte.
Die Bühne war momentan erfrischend frei und fast geräumig kühl, doch die Lichtanlage schlug bald heißer; bald schon war Schritt für Schritt vorbei und der Anzug durchgeschwitzt, und Virginie fing einen feisten Blick und trottete voll Unverständnis zurück: Wer waren die Leute, die das sahen, das wollten, sich vor Kameras lächerlich tanzten und noch noble Bewunderung zeigten, und was machte sie trotzdem so gewöhnlich? Sie sah Evas wippenden Haarknoten, er hatte sich beinahe aufgelöst; ihre breiten Knochen und die Hühnerhaut, aber es war ja alles eine Frage des Verhältnisses. Jetzt die Sporthose und das Top, und ausschwitzen, kalte Luft, warmes Auto, duschen, liegen: frohe Wörter erfinden, Stolz, um die Eltern zu befriedigen, in die Decke beißen, kriechen: hinaus ins Freie, U-Bahn, bewundernde Blicke, gemütliches Bett. Wieder rauschte es, nur sehr langsam abschwellend; sie hatte ihre Schere mitgebracht, fuhr sich leicht nachdenklich mit dem kühlen Metall über die Unterarme. Beata kippte unter hysterischem Gelächter nach hinten, wuzelte die Strumpfhose von den Beinen, schnappte, noch liegend, nach Luft; Maria stopfte den zweiten Schuh ganz einfach in die Tasche, grüßte allgemein und ungehört und begann zu drängeln. Eva verstand nicht, wieso auf einmal jemand schrie; es war doch überstanden.

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