OTTO
von
Karl - Heinz Stein
Otto, für die meisten nur ein Katalog.
Selbst für die Frau Vorsitzende war die Geschichte vom Otto nicht als eine aus der Nachbarschaft zu erkennen. Eine Bemerkung zeigte, daß sie diese Geschichte sehr wohl mit der Realität ihrer Umgebung verglichen hatte. Beim Thema Urlaub auf dem Bauernhof meinte die Frau vom Jürgen nämlich: "Siehste Jürgen, das hätte mer auch mache solle. Die Kannebäckersch verdiene sich dumm dran." Doch man kann es Jürgens Frau nicht verübeln, weil ich ja das Geschehen mehrerer Jahre in dieser Erzählung zusammengezogen hatte. Heute würde sie nur noch bei Ottos Reiterhof merken, welcher Otto gemeint sein könnte. Aber ich mußte diese Geschichte hier erzählen, da sie hilft, die nachfolgende besser zu verstehen.
Otto, der Heiratskandidat.
Otto fnd ich gut, so hört man es in der Werbung. Es könnte ja etwas dran sein, zumindest ist es glaubwürdiger, als wenn ein bekannter Alkoholiker für Buttermilch Reklame macht. Das nehme ich dem einfach nicht ab. Doch das mit Otto klingt glaubwürdig. Besagter Otto unserer Geschichte ist ein sogenannter Nebenerwerbslandwirt. Das sind solche Menschen, die nur in den Wintermonaten einmal Zeit zum Luftholen haben. Die kleine, ererbte Landwirtschaft reicht nicht, um davon zu leben. Also macht Otto Schichtdienst bei einem Wachdienst. Einmal abends von achtzehn Uhr bis kurz nach Mitternacht. Das andere Mal von Mitternacht bis morgens um acht. Das paßt ganz gut, weil er dann über Tag das Vieh versorgen kann, und auch die Feldbestellung plant er zwischen seinen Arbeitsschichten ein. Solange seine Mutter noch gelebt hatte, war ihm eigentlich nie aufgefallen, daß ihm eine Frau fehlen könnte. Doch nun war der Haushalt auf zwei Personen geschrumpft. Der Vater war kaum noch in der Lage, viel zu helfen. Er konnte gerade mal das Schwein füttern oder den Hühnern die Eier aus dem Nest nehmen. Im Kochen war er auch keine Leuchte. Das war es wohl auch, was Otto dazu brachte, endlich eine Anzeige aufzugeben. Auf einem Bauernhof ist die Stelle der Bäurin zu besetzen. Der bereits vorhandene Bauer ist achtunddreissig, einmeterneunzig und trinkt nicht. Das war doch eine klare Aussage. Das mit dem Trinken müssen wir ein wenig einschränken, denn bei der Kirmes hat Otto bisher immer einige Bierchen getrunken, aber in das Wirtshaus geht er nicht. Wann denn auch?Nachdem Otto einige Wochen gewartet hatte, merkte er wohl selber, daß sich heute kaum jemand um die Arbeit auf einem Bauernhof reißt. Er hatte nur ein Dutzend Zuschriften von Ehevermittlungen bekommen. Nun komme ich in dieses Spiel. Klar, sonst hätte ich ja wohl kaum darüber schreiben können.
Wir kennen uns nämlich, Otto und ich. Eine seiner Wiesen grenzt an einen Weiher. Dort hat er gelegentlich ein Pferd weiden. Ich bin manchmal am Weiher, um Tiere zu beobachten oder zu fotografieren. Mit dem Pferd hatte ich zwar keine Freundschaft geschlossen, doch ab und an einige Brotkanten mitgebracht. So schloß ich dann mit Otto bei einer solchen Gelegenheit Bekanntschaft. Irgendwann hatte er soviel Zutrauen zu mir gewonnen, daß er mir die Sache mit der schiefgegangenen Heiratsanzeige erzählte. Er meinte, wenn ich schon so gut über Viecher schreiben könnte, dann könnte ich ihm einmal eine bessere Anzeige aufsetzen. Abgeben und auf die Antworten schreiben, das tät' er dann schon selber. Da ich inzwischen von Angelina mit Strategie auf dem Heiratsmarkt ausgerüstet bin, habe ich natürlich zugesagt. Gemeinsam formulierten wir nun: 'Einer jungen Frau, die gerne reitet und auch vor landwirtschaftlicher Arbeit keine Angst hat, bietet sich die Möglichkeit der Einheirat auf einen kleinen Hof mit Pferdezucht.' Dagegen hatte Otto zwar laut protestiert, denn auf dem Pferd sei schon seit Jahren keiner mehr geritten und mit einem Pferd könne man ja auch nicht züchten. Doch ich habe ihm erklärt, daß er notfalls noch ein zweites Pferd kaufen könne, und anstatt mit dem Mofa auf das Feld zu fahren, könne er ja in Zukunft mit seiner Frau zusammen dorthin reiten. Der Markt an reitlustigen jungen Damen war wirklich so groß, wie ich vermutet hatte. Nun endlich bekam Otto seine Zuschriften. Es hatte ihn ein wenig gekränkt, daß die meisten sich hauptsächlich nach den Pferden erkundigten und alles mögliche über Stockmaß und Rasse erfahren wollten. Er schrieb lakonisch zurück, es gäbe im Moment nur eines, und das wäre ein Haflinger, also nicht gerade ein eleganter Araber. Daraufhin hatten sich bereits mehr als die Hälfte der Zuschriften erledigt. Die Enttäuschung über den Haflinger war offenbar so groß, daß man Otto glatt vergessen konnte. Einige ganz zähe Briefeschreiberinnen wollten aber doch noch wissen, wann Otto sich noch weitere Pferde anschaffen würde und ob man einmal zum Reiten vorbeikommen könne und dergleichen mehr. Diese Briefe wollte Otto mir zur Beantwortung geben, aber als ich ihm sagte, daß ich das nur gegen Zeilenhonorar machen würde, siegte sein Geiz über seine Bequemlichkeit. Ein halbes Jahr später hatte er sich dann so weit erholt, daß er meinte, nun könne man noch einmal einen Anlauf nehmen. Also setzten wir uns neben den Weiher auf die Böschung, und ich versuchte wieder einmal, eine Zielgruppe ausfindig zu machen, an die Otto sich mit seiner Werbung wenden könnte. Doch von solchen Marktstrategien wollte er nichts hören. "Ei, wenn se aus Russland wär' und schon ein Kind hätte, das wär doch egal." Damit war die neue Marschlinie festgesteckt. 'Welche Frau, auch Ausländerin, oder mit Kind, möchte auf einen deutschen Bauernhof einheiraten? Der Bauer ist 39 und 190 cm groß, blond, blaue Augen und macht die meiste Arbeit auf dem Hof allein. Er wünscht sich jedoch ein wenig Hilfe in Haus und Hof'. Das war ehrlich, meinte Otto, aber ich sagte ihm, daß er mit seiner Ehrlichkeit ja schon das erste Mal einen Reinfall erlebt hatte. Doch er sagte, das, was ich jetzt so professionell formuliert hätte, wäre halt doch so, daß man nicht gleich Angst vor der Arbeit haben müsse. Danke für das Lob, Otto, aber ich wollte nicht unbedingt deine Arbeit machen. Von wegen Urlaub auf dem Bauernhof!
Urlaub auf dem Bauernhof wäre vielleicht die richtige Formel gewesen, um ein Maximum an Zuschriften zu erhalten. Das werde ich mir für die kommende Anzeige merken. Inzwischen ist der zweite Winter vorbei. Otto ist vierzig, und es ist immer noch keine Frau für ihn in Sicht. Eine hatte er in die nähere Wahl gezogen. Aber er erzählte mir, es habe schon reichlich komisch ausgesehen: er mit seinen fast zwei Metern und daneben eine ganz zierliche Thai, die aussah, als ginge sie noch in die Schule. Sie konnte auch nicht deutsch sprechen, und er mußte noch eine andere Thailänderin mitnehmen, die ihm übersetzte, was seine beinahe Zukünftige sagte, und natürlich auch das, was Otto gerne zu ihr gesagt hätte. Er versuchte die Lautfolge und den Tonfall nachzuahmen. Ich habe vor Lachen fast auf dem Boden gelegen. Otto spricht Thailändisch.
Aber wenn man es recht besieht, ist das nicht zum Lachen. Ein Heiratsinstitut würde Ottozu den allerschwersten Fällen rechnen, obwohl er gut aussieht, genug Geld hat, nicht trinkt und von früh bis spät arbeitet. Das einzige, was ihm fehlt, ist Zeit. Deshalb war er noch nie in Urlaub, denn das Vieh braucht selbst im Winter seine Pflege. Otto ist einfach unabkömmlich.
Ich habe dann in einer Zeitung eine Anzeige gelesen, in der eine junge Bäurin für ihren verwaisten Hof einen lieben Mann suchte. Das genau könnte doch etwas für Otto sein! Also habe ich, ohne ihm etwas zu sagen, dieser einsamen Bäurin die Suche von Otto nach einer lieben Frau geschildert. Ich schrieb natürlich auch, daß gerade sie beide meiner Meinung nach wie füreinander geschaffen wären. Diese liebe Frau schickte mir einen freundlichen Brief und bat mich, den beigelegten Brief an Otto weiterzugeben, was ich sofort erledigte. Otto hat gleich geantwortet. Die beiden schreiben sich, so weit ich informiert bin, heute noch, aber keiner will den ererbten Hof aufgeben. Jeder ist fest mit seiner Scholle verbunden. Da man dort sein Zuhause hat, geht man ja nicht ohne weiteres weg, schon gar nicht, wenn das Vieh zu versorgen ist und niemand da ist, der das einmal übernehmen könnte. So weiß ich nicht, ob sich die beiden je persönlich kennengelernt haben. Bei Otto steht ein Foto dieser jungen Frau auf dem Wohnzimmerschrank direkt neben dem Fernseher, den er aus Zeitmangel nie einschaltet. Das wär' schon die Richtige, sagte er mal zu mir, doch es geht Otto und dieser jungen Frau wie den zwei Königskindern in der Volksballade, die sich auf Hero und Leander bezieht. Sie wurde auch von Hans Sachs, Grillparzer und Schiller nachgedichtet. Meine Version lautet so:
Es waren zwei Bauernkinder,
die hatten einander so lieb.
Sie konnten zusammen nicht kommen,
die Arbeit war viel zu viel.
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