Ob reich, ob arm
von
Willy
Mag der Mensch reich und beliebt sein, mag er ganz arm und einsam sein, am Heiligen Abend holt einem das Leben wieder ein, freilich, an diesem Abend sind die Menschen freundlich zueinander, selbst Fremde nicken einem zu und wünschen gute Festtage.
In solchen Momenten verspürt man im Herzen wieder so etwas wie Wärme und Zuneigung, in der Stille der Zeit glaubt man auch Engelstimmen zu hören, Friede, singen sie, Friede den Menschen auf Erden!
Mag der Mensch, der reich und beliebt ist, der dem Fest der Liebe entflohen ist, sich an diesem besonderen Tag am tropischen Palmenstrand bei herrlichen Sonnenschein, blauen Himmel und sommerlichen Temperaturen vergnügen, am Abend sitzt er dennoch vor einem Christbaum, bestückt vielleicht nur mit elektrische Kerzen und ein wenig Lametta, es gibt kein Entrinnen, die Erinnerung kommt zurück.
Mag der Mensch, der ganz arm und einsam ist, an diesem Abend sein bestes Gewand anziehen, sein bescheidenes Heim mit Tannenreis schmücken, alle Menschen werden an selige Zeiten ihres Lebens zurückdenken, vielleicht hört man noch sein eigenes Kinderlachen, damals, als es noch keinen Wohlstand gab.
Damals, als ich bei klirrender Kälte in den tief verschneiten Wald stapfte, mit Erlaubnis der Eltern, mir selber einen Christbaum zu holen und ihn dann auch selbst zu schmücken.
Damals, als mein Christbaum im Wachslicht erstrahlte, Sterne und Kugeln aus Stanniol, eingewickelte Nüsse im Geäst hingen, ein paar vergoldete Lärchenzapfen und ein paar Zuckerstücke den Anblick des Weihnachtsbaumes verschönerten, da stand ich als kleiner Bub nun überwältigt vor dieser gleißenden Pracht.
Voll des Staunens meine Familie war, zusammen alles betrachtete, was man sich doch selbst beschert hat, einen andächtigen Blick auf die Krippe warf, vielleicht sich Gedanken machte über das arme Krippenkind, wie es in jener kalten Nacht geboren wurde.
Damals, als wir alle noch gemeinsam am festlich geschmückten Tische saßen, den Weihnachtskarpfen uns schmecken ließen, wir uns anschließend aufmachten, um der Christmette in der drei Kilometer entfernten Kirche beizuwohnen.
Knietiefer Schnee und eisiger Wind konnte niemanden davon abhalten, ob jung und noch voller Tatendrang, ob alt und schon gebrechlich, alle Dorfbewohner hatten sich zur Mitternachtsmette eingefunden.
Sternenklare Nacht, die verzauberte Schneelandschaft, die Bäume eingehüllt in weißen Mänteln, die hohen Wipfel wie geflügelte Wesen aussahen, wie weißbeschwingte Engel am Himmel, der Wind durch die Bäume fuhr, es schien so, als würden die Engeln lieblich dazu ein Lied summen, eine sonderbare und feierliche Stimmung, niemand sprach während des Weges ein Wort, jeder hing seinen Gedanken nach, diese Eindrücke sind unauslöschlich in meinem Gedächtnis, ich höre heute noch die Kirchenglocken, den Ton der Orgel und das Lied: Stille Nacht, Heilige Nacht, und ich sehe die Lichter am Hochaltar, und die Engeln, die über dem Altar standen, mit ihren breiten goldenen Flügeln, als würden sie versuchen, jeden Moment in der Kirche umher zu fliegen, und um so älter ich werde, die Sehnsucht immer größer wird, so einen Heiligen Abend noch einmal zu erleben.
Damals gingen wir nach dem Besuch der Christmette fröhlich aber besinnlich nach Hause, erfreuten uns, wie wir wieder in unseren Dorf ankamen, überall noch warmer Kerzenschein aus den Fenstern fiel, man spürte, wie glücklich und zufrieden die Menschen doch waren.
Heute fällt nur noch selten warmer Kerzenschein aus den Fenstern, die meist verdunkelt bleiben, selten hört man noch das Kinderlachen wie einst, es scheint, in vielen Menschenherzen ist es auch dunkel geworden, selten flackert ein wärmendes Licht auf, es ist kalt geworden in der Welt, der Heilige Abend viel an seiner Bedeutung verloren hat.
Kommentare
Katrin schrieb am 2010-10-15 10:20:26:
Wunderschöne nostalgische Geschichte! Mit soviel Herz und Wahrheit geschrieben, vielen Dank!
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