Oma entschlüsselt Geheimbotschaften
von
Bene 2000
Oma entschlüsselt Geheimbotschaften
Die Zeiten, da Omas Hände zitterten, wenn sie zum Handy griff, sind vorbei.
Sie hat im Seniorenclub Nachhilfe genommen. Seither sagt sie »Du« zu dem Ding und zu allen seinen Tasten. Während sie anfangs das Gerät wie eine Pillendose behandelte und gleich wieder ins Schubfach steckte, nutzt sie es heute zu jeder Stunde als elektronischen Lassowerfer.
Sie ist den Erfindern und Betreibern des Mobilfunks überaus dankbar, dass sie - als permanent Aufsichthabende der Sippe – jedermann, an jedem Ort, jederzeit damit einfangen kann. So hatte sie den jüngsten Enkel, Bastian, unter Beachtung der Nebengeräusche in seinem Handy, schon zweimal aus einem Horrorfilm herausgeholt, was Bastian aber nicht so witzig fand.
Drum war der auch richtig froh, als Oma eines Tages sagte:
«Hör mal, Basti, ich musste mein Handy zur Durchsicht bringen. Das Ding hat' ne Macke. Das gibt immer nach fünf Minuten seinen Geist auf. Kannst du mir bis Freitag mal dein Handy hier lassen? Als Leihgebühr gibt's Kinogeld.«
Bastian war einverstanden.
Nicht nur, um Oma aus der Klemme zu helfen, auch, um sich endlich wieder, unkontrolliert von Omas Lassowerfer, einen supergeilen Horrorfilm mit Mega-Action reinzuziehen.
Was der Knabe nicht bedachte, war, dass Oma nun Gelegenheit hatte, mitzukriegen, welche anderen Lassos da gelegentlich um Bastis Kopf schwirrten. Nicht dass Oma neugierig war, aber als während ihres Mittagsschlafes mehrfach ein unüberhörbares »Viep-Viep!« den Eingang einer E-Mail ankündigte, griff sie schließlich zu Bastians Leih-Handy, um nachzusehen, ob da in der Mail-Box vielleicht etwas für sie angekommen war. Da sprangen ihr dann tatsächlich einige Nachrichten entgegen. Doch die schienen von einem anderen Stern zu sein:
»He, Panda, lass meine Bierdeckel endlich rüberwachsen! Tini.«
»Hi, Basti! Hatte Date mit deiner Tussi in unserer Location. Wurde voll zugefönt, bis zum Switschen. Ciao!«
Im Speicher für die Ausgangspost ging es noch rätselhafter zu.
Basti an Babsi: «W-W-P?«
Babsi an Basti: »N-O-K!«
Oma starrte entgeistert auf die Wörter und Zeichen. Was sollte das alles heißen?
Mit wem hatte der Junge da Umgang? War er womöglich in die Fänge einer geheimen Sekte geraten?
Sie wollte sich unbedingt Klarheit verschaffen und ging in den Seniorenclub, um die Profis aus dem Internet-Zirkel zu fragen.
Sie hatte Glück.
Der Gustav erkundete mit Rita gerade am Computer den Stellenmarkt für Ritas Tochter. Zu dritt begann nun ein Quizspiel zur Entschlüsselung der geheimen Botschaften.
»Na, Bierdeckel, ist doch Klartext«, sagte Gustav.
»Dein Enkel sammelt wahrscheinlich die Dinger und die Doppelten werden ausgetauscht. Das is' n harmloser Spaß.«
Oma protestierte: »Der trinkt kein Bier und sammelt auch keine Deckel!«
»Nee, nee«, meinte Rita. »Da steht, dass einer beim Frisör zugefönt wurde.«
Oma schüttelte den Kopf: »An Bastians Stoppeln ist nichts zu fönen! «
Doch Rita bohrte weiter: »Was heißt denn switschen?«
»Vielleicht ist zwitschern gemeint. Das kommt aus der Ganovensprache und meint singen. Also eine Aussage machen, andere verpfeifen.«
Nun wurde Oma nervös: »Andere verpfeifen? Unter Folter mit Fön?«
Gustav beschwichtigte sie: »Das ist wahrscheinlich ein Tippfehler und soll schwitzen heißen. Ist doch logisch, wenn er unterm Fön sitzt.«
Doch Oma war so einfach nicht abzuschütteln:
«Was sagt Euch denn die Abkürzung W-W-P? «
Rita kraulte sich am Kopf und rief:
«Auch ein Tippfehler! Alle Internetadressen fangen nämlich mit an. «
Doch nun schüttelte Gustav den Kopf:
»Das könnte die Abkürzung von, Wald und Wiesen-Party, sein. Die Jungchen lassen doch gerne mal die Sau raus. «
Als hätte Rita auf dieses Stichwort gewartet, warf sie ein:
»Ich hab neulich in einer Drogenfibel von einem Rauschgift mit dem Namen Wilde Wolke Pakistans gelesen! «
Oma war entsetzt: »Das hätte ich gemerkt, wenn ihn so etwas interessiert. Vielleicht heißt das einfach: Warte weiter auf Post? Bloß: Was heißt dann N-O-K mit Ausrufezeichen? «
Rita kicherte. »Nie offenes Kuvert! «
»Quatsch«, knurrte Gustav. »Das heißt doch ganz klar: Nationales Olympisches Komitee! Vielleicht übt der Junge heimlich für die nächste Olympiade? «
Oma stöhnte: »Fragt sich bloß, in welcher Disziplin? «
»Na, frag ihn doch einfach«, riet Gustav.
«Mach ich auch«, sagte Oma.
Als Bastian nach der Schule an Omas Mittagstisch saß, hatte Oma sein Handy auf den leeren Teller gelegt.
«Gibt’s denn heute gar kein Essen? « fragte Bastian.
»Doch«, sagte Oma. »Aber erst gibt's Auskunft! Ich bin da zufällig in deine Mail-Box gekommen. Da stehen so sonderbare Sachen drin... «
«Wieso sonderbar? Ich simse mit meinen Kumpels. «
»Was heißt simsen? «
«Na, S-M-S verschicken, elektronische Briefchen. «
»Sind die Kumpel im Olympischen Komitee? Und warum haben die nicht eingegriffen, als du mit der Wilden Wolke aus Pakistan zugefönt wurdest? «
»Welches Komitee? Welche Wolke? « fragte Bastian verdaddert.
Oma schaltete das Gerät ein, holte die sonderbaren Geheimbotschaften heran und ließ sich von Bastian Wort für Wort erklären, was dahinter steckte.
Als sie dann mit dem Jungen erleichtert gegessen hatte, ging sie noch einmal in den Seniorenclub, griff sich den Gustav und wetterte:
»Hör mal, Gustav! Du machst hier auf Superhirn bei der elektronischen Kommunikation, dabei hast du Oberhaupt keine Ahnung, was bei der Jugend im Handy abläuft. Wenn sie von ‚Bierdeckel’ reden, meinen sie ihre CDs und nicht Pilsner. ‚Zugefönt,’ heißt vollgequatscht. Und ‚switschen’ heißt, abhauen.
Das ‚W-W-P,’ ist nicht Ritas ‚Wilde Wolke aus Pakistan,’ sondern die kesse Anfrage: ‚Wollen wir poppen?’ Das Wort ‚poppen,’ war mir auch neu, aber die Enkel meinen dasselbe, was unsere Kinder ‚bumsen,’ genannt haben und was bei unseren Eltern noch ‚begatten,’ hieß. Das Kürzel ‚N-O-K’ heißt deshalb nicht, dass sie nun eine olympische Disziplin daraus gemacht haben, sondern, dass schlaue Mädchen antworten: ‚Nicht ohne Kondom!’
Siehste, und wir Doofis dachten, dass da irgendeine Schweinerei im Gange ist! «
Kommentare
Gigu schrieb am 2007-06-11 15:05:02:
Äh ja ich bleib lieber bei Gruselgeschichten
Das is einfach LAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAANGWEILICH
le.pc@gmx.net schrieb:
echt super zu lesen und wirklich eine alltagserzählung. gibt es die Oma wirklich?
luna_mac_aran@gmx.at schrieb:
*kicher*
jawoll, bitte, wir wollen doch keinerlei schweinereinen unterstützen, bitteschön!
super stil, angenehm zu lesen!
Faust schrieb:
Hey, nicht schlecht. Eigentlich wollte ich die Geschichte nur lesen, um sie nachher richtig runterzumachen, hab aber schnell gemerkt, dass sie gar nicht so grottig ist und teilweise sogar äußerst lustig. Die Idee find ich gut!!
chrisgruell@web.de schrieb:
Lustig! Find ich echt gut.
saschagirl1986@yahoo.de schrieb:
hei diese geschichte finde ich einfach TOTAL gut!!super geschrieben,und auch diese abkürtzungen gefallen mir*g*
viele grüße juli
anna@gmx.de schrieb:
absoluter schrott
- schrieb:
ich find sie schön ;)
teresa04@gmx.at schrieb:
Ich bin aus dem Gymnasium Neusiedl am See und wir nehmen gerade in dem Fach Deutsch die Kurzgeschichten durch.Ich finde,dass diese geschichte eine sehr gute pointe besitzt und man darüber lachen kann.Natürlich kann man sich den Schluss auch selber ausdenken das ist sehr schön da eine Kurzgeschichte immer ein offenes Ende hat.Doch ich finde der Autor hat die Oma sehr ausfühlich beschrieben (was sie für Hobbies hat und das sie erst das Handy in die Hand bekommt)man könnte doch gleich schneller anfangen!Aber ihr seid ja schließlich die Spezialisten und ich die Schülerin, doch ich finde ich kann meine persönliche Meinung dazu abgeben!Trotzdem finde ich diese geschichte Inhaltlich gut!
rohr@hotmail.com schrieb:
irgendwie coole gschicht, aber a bissal fad zum schluss *sorryy*
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