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Kategorien > Horror > Unheimliches

PESTLAND (1 von 7)

von blacknight99

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"Mein Himmel ist Messing
Meine Erde Eisen
Mein Mond ein Klumpen Lehm
Pestilenz meine Sonne
Brennend am Mittag
Und ein Dunst des Todes
Bei Nacht."

-William Blake, Enions zweiter
Klagegesang




Anno Dominis 1349...

1. Die sterbende Stadt

1.1
Der Nachthimmel über Köln war so tiefschwarz und unergründlich wie Obsidian.
Mond und Sterne waren hinter Wolkenbergen versteckt. Vielleicht hatten sie aber auch nur ihr Antlitz verborgen, um nicht das Grauen zu sehen, das sich in den Straßen der Stadt ereignete.
Tod, Chaos und Schrecken hatten sich wie ein Leichentuch über die Häuser gelegt; die Dunkelheit der Nacht schien auch die letzte Hoffnung zu erdrücken.
Überall brannten rußige Fackeln und tauchten die Türme und Erker, Häuser und Hütten, Paläste und Kathedralen in orange-schimmerndes Licht, was diese wie vom Himmel niedergestürzte Sterne wirken ließ. Doch wie die Sterne am schwarzen Himmel, die in dieser Nacht nicht schienen, so waren auch die hell erleuchteten Höfe und Häuser nur winzige Punkte in der schieren Unendlichkeit der Finsternis.
Die Menschen glaubten, sie könnten die schreckliche Geißel, welche die Stadt in ihrem klammen Würgegriff hielt, durch die Feuer fernhalten.
Aber gegen die Pest gab es kein wirksames Mittel; was blieb, war in Gott zu vertrauen und ihn anzuflehen, dass einen der schwarze Tod verschonen möge. Doch als ich durch die Straßen der Stadt wanderte, ein Tuch vor den Mund gepresst, zweifelte ich immer mehr daran, dass der Herrgott unser Flehen erhört hatte.
In dem Viertel, durch das mich mein Weg führte, waren die Häuser ärmlich, die Straßen ungepflastert und voller Morast. Vor einem kleinen Häuschen mit Strohdach war eine Bank. Auf ihr saß eine hagere, junge Frau. Sie wäre schön gewesen, hätte die Armut sie nicht mit schütterem Haar, eingefallenen Wangen und leblosen Augen gezeichnet. In ihren Armen wog sie einen Säugling, den sie liebevoll betrachtete und streichelte. Mein Blick heftete sich kurz auf das Gesicht des Kindes; es war blass, die Augen waren weit aufgerissen und starr, am Hals konnte man schwarze eiternde Beulen sehen.
Es war tot; die Pest hatte es seiner Mutter schon längst entrissen, doch sie hielt es immer noch fest und klammerte sich an die Illusion, es würde noch leben. Für sie war es ein Relikt aus hoffnungsvollen Zeiten und wenn ich ihr jetzt gesagt hätte, es wäre tot, hätte sie vermutlich den Verstand verloren.
Ich lief weiter, jeder Schritt war eine Qual, jeder Blick ließ neue Schreckensbilder an meinen Geist dringen und ich wunderte mich darüber, dass ich selbst noch bei Sinnen war und nicht beim Anblick der Leichenberge verrückt wurde, die sich in den Gassen türmten, da die Friedhöfe längst überfüllt waren und kaum noch jemand lebte, der sich die Mühe machte, die unzähligen Toten zu beerdigen.
Gestalten liefen an mir vorbei; manche stolperten und landeten platschend im Morast, wo sie liegenblieben und nie wieder aufstanden, manche husteten Blut, andere stammelten Gebete vor sich hin, weinten einfach nur oder brabbelten unzusammenhängende Worte.
Man sah in den Straßenecken auch Leute, die Wein tranken, feierten und hurten. Sie wussten, dass sie sterben werden, manche hatten schon die schwarzen Pestbeulen unter den Achseln. Deshalb trieben sie es frivoler und ausschweifender denn je.
Nur wenige waren noch gesund und klaren Verstandes; leider waren kaum Ärzte oder Priester, so wie ich einer war, darunter.
Ich umklammerte das silberne Kreuz, das ich unter meiner groben Franziskaner-Kutte trug; es war wie ein letzter Anker der Hoffnung. Meine Finger prickelten wohlig vor Wärme, obwohl das Silber völlig kalt war.
"Hey, Mönch! Schnell, kommt hierher!", rief plötzlich eine Stimme.
Ich wandte mich um und erblickte einen Jungen, der in einer dunklen Gasse stand und mir zuwinkte. Er konnte nicht älter als zehn sein, seine Augen waren groß und vom Weinen gerötet, sein Gesicht war von Syphilis gezeichnet -wahrscheinlich hatten ihn seine Eltern mehrmals an Perverslinge verkauft, um ein wenig Geld daran zu verdienen- , doch er hatte noch etwas Lebhaftes, etwas Hoffnungsvolles an sich und ich betete insgeheim, er möge diese schrecklichen Zeiten überleben.
"Was willst du, Junge?" Ich schritt auf ihn zu.
"Mein Großvater liegt im Sterben! Wir haben ihn zur St.-Michels-Kapelle gebracht, damit er näher bei Gott ist, doch er will unbedingt noch einmal mit einem Priester sprechen!", der Junge sprach hastig, seine Worte überschlugen sich.
Ich legte ihm kurz eine Hand auf die schmale Schulter. "Ich komme mit,mein Sohn! Zeig mir den Weg!"
Seine Augen leuchteten kurz dankbar auf.
"Folgt mir einfach!" Er drehte sich um und rannte die Gasse entlang, ich eilte ihm nach, wobei sich meine Kutte aufbauchte. Mit der einen Hand hielt ich das Tuch, das ich mir gegen den Gestank vor den Mund hielt, mit der anderen umfasste ich das Kreuz, das für mich wahrscheinlich dieselbe Bedeutung hatte, wie für die hagere Frau ihr totes Kind.
Und auf irgendeine Weiße war auch das Kreuz ebenso tot wie das Kind; denn der Glaube an Gott war auch in mir nur noch ein schwaches, sterbendes Leuchten. Wie konnte Gott dies alles nur geschehen lassen?

1.2

Die St.-Michels-Kapelle lag auf einem flachen Hügel, der von Grabsteinen gespickt war. Der schwarzhaarige Junge eilte flink zwischen den verwucherten Steinen und Holzkreuzen hindurch, es fiel mir schwer, ihm zu folgen.
Beinahe stolperte ich dabei in eine enorme Grube, neben Pestleichen übereinandergehäuft waren. Krähen flogen kreischend über sie hinweg, doch die Vögel wagten es nicht, sich auf die Leiber zu stürzen und ihnen die Augen auszuhacken, da noch einige Menschen dabei waren, die Toten nach Wertsachen zu durchsuchen.
"Leichenfledderer!", zischte ich zähneknirschend. In diesen Zeiten war wohl nichts mehr heilig, selbst die Toten wurden hemmungslos entehrt. Doch was nützte es diesen Gestalten, den Toten ihre Habseligkeiten zu rauben, wenn sie schon bald genau wie sie im Gras liegen würden, vor sich hinfaulten und von den Krähen zerfressen würden.
Die Stadtwache kümmerte sich schon längst nicht mehr darum; viele waren gestorben oder einfach aus der Stadt geflohen. Die Verbrecher verreckten elendig in ihren Zellen, da sie kein Essen mehr erhielten und vergessen wurden.
"Wie heißt ihr, Mönch?", fragte der Junge.
"Lucius, Lucius von Schleierfels. Und du?"
"Johannes, wie der Täufer von Jesus!", antwortete er. -Und wie jener, der die Apokalypse vorhersah, fügte ich in Gedanken hinzu.
"Warum seid ihr hier?" Der Junge schien neugierig zu sein, jedoch schwang in seiner Stimme nicht ein Hauch von Argwohn mit.
"Ich bin Franziskaner! -Es ist meine Pflicht, den Leuten zu helfen und ihnen in diesen dunklen Stunden Beistand zu leisten.", antwortete ich knapp.
Johannes gab sich damit nicht zufrieden. "Habt ihr denn kein Zuhause oder Menschen, die ihr kennt?"
Ich schüttelte den Kopf.
"Nein, mein Sohn! Mein Zuhause ist die Straße, meine

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