Paul
von
emil
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Kennst du diesen Zustand? Wenn die Realität zum Film wird? Wenn dein Leben zur Mattscheibe und Gefühle zu Musik zerfließen? Wenn du tief in deiner Hülle sitzt und Zeit hast deinen Hohlraum von Innen zu betrachten? Wenn nicht, tröste dich, denn ich bin verrückt!
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Paul saß in einem Zugabteil und weinte. Ein Vorhang aus Tränen umschloss seine Seele und machte ihre Sprünge zäh. Seine Augen versuchten die vorbeirasende Welt durch das milchige Fenster hindurch festzuhalten. Unermüdlich spielten sie mit den Bildern, klebten bald an Dächern und ließen sie frei. Doch Pauls Herz reagierte nur träge. Gedanken zogen an ihm vorbei. Müde bemühte er sich kaum sie zu fangen. Bremste dann doch ein Gesicht, ein Geruch oder Musik wie zufällig, schmerzte seine Brust. Dann atmete er tief ein um beim ausatmen wieder in sich zu versinken.
Ein Salatblatt… Im Nachhinein lache ich oft darüber. Ein grünes Blatt Kopfsalat war schuld daran gewesen, dass sich mein Leben gründlich überschlug und strampelnd neben seinen Eingeweiden liegen blieb. Dabei mag ich Salat. Wunderbar wenn die Pflanze den Gaumen hinuntergleitet. Wie herrlich prickelndes Mineralwasser. Wohlig wissend wie sich langsam Vitamine zu spalten und die Gesundheit zu schnalzen beginnt. Wenn Säfte wie auf Befehl beginnen in deinen Adern zu wandern.
Der Salat war als Beilage zu bayerischem Spanferkel serviert worden. Mit saftigen Knochen und Kruste. Mein Hochzeitsessen.
Vielleicht lag es am rhythmischen Schaukeln des Zugabteils. Vielleicht klebte ein Gesicht zu lange an Pauls Herz. Vielleicht waren es aber auch nur die Anstrengungen der letzten Stunden, die Paul in einen unruhigen Schlaf warfen. Unter Pauls schwer gewordenen Lidern hetzten seine jetzt völlig selbstständig gewordenen Augäpfel immer noch Bild um Bild hinterher. Dächer, Bäume und immer wieder Salatblätter stoben in seinem Kopf von keinem Ende ins Leere. Seine Ohren bogen sich nach Stimmen. Manche vertraut. Die meißten aber fremd geflüstert. Unverständliches Geplapper, das allmählich zu unerträglichem Geschrei anschwoll und sich mit Dächern und Salatblättern zu einer Wand formierte, die gefährlich zu schwanken begann, bevor sie Paul unter schrillem Lachen begrub.
"Entschuldigung"
Mit einem Schlag war Paul hellwach. Er blickte in das Gesicht des Schaffners.
"Entschuldigen Sie, hier ist Endstation"
Erst jetzt bemerkte er, dass das monotone Schaukeln aufgehört hatte.
"Wie spät ist es?"
"Gleich sieben"
"Sieben?"
Er musste Stunden geschlafen haben. Hinter dem blau uniformierten Schaffner standen, etwas ungeduldig, zwei türkise Putzfrauen.
"Es wird gereinigt."
Als Paul etwas zu schnell aufstand wurde ihm schwarz vor Augen. Schwankend wartete er bis die blinkenden Lichter verschwanden bevor er sich "auf Wiedersehen" murmelnd am Schaffner und den beiden Putzfrauen vorbeischob. Er stolperte an den leeren Abteilen vorbei und schließlich auf den verlassenen Bahnsteig.
Kennst du diesen Zustand? Wenn die Realität zum Film wird? Wenn dein Leben zur Mattscheibe und Gefühle zu Musik zerfließen? Wenn du tief in deiner Hülle sitzt und Zeit hast deinen Hohlraum von Innen zu betrachten?
Ich glaube, ich war gerade fünf Jahre alt, als es anfing. Heute noch spüre ich den kalten Fliesenboden. Meine nackten Füße springen über die scharfkantige Schwelle, die das Bad vom Hausflur trennt. Ich lande auf dem rauen, abgetretenen Teppich (Wenn man nicht aufpasst und beim Rennen die Füße nicht hoch genug hebt, kann man sich die Oberseite der Zehen aufschürfen).Das Parkett im Kinderzimmer ist hart, ich nehme Anlauf und fliege jauchzend ins Bett. Meine kalten Füße, mein ganzer Körper wird in die Decke gewickelt. Mit geschlossenen Augen warte ich auf den feuchten Kuss meiner Mutter. Als die heißgeglühte Leselampe erlischt, bleibt die Wärme an meiner Wange. Ich beobachte die bunten Lichter und suche nach dem Baumhaus um die beim Zähneputzen geplante Konstruktion zu verwirklichen. Zufrieden stelle ich fest dass mein Haus gleich beim ersten Versuch schwimmt. Ich achte auf das sanfte Schaukeln meines Floßes, höre das Kreischen der Möwen, Menschen winken von den Ufern der Flüsse. Das Meer ist glatt. Manchmal kommen Vögel und setzen sich zu mir. Das sprechen lernen sie schnell.
Um punkt sieben Uhr löste sich in 512 Metern Höhe ein kleiner Tropfen aus dem schweren Tiefdruckgebiet. Als er an Geschwindigkeit gewann, verformte ihn die Beschleunigung zu einer wabernden Birne. Wenig später zu einem länglichen Gebilde, das jetzt eine Böhe aus Nord-Ost ergriff. Der Tropfen wurde im Fall gebremst und fast waagrecht zum Horizont getragen. Als der er eine späte Schwalbe überholte, die sich kurz drauf entschließen sollte in dichteren Luftschichten nach Eintagsfliegen zu jagen, riss der Wind ab. Senkrecht beschleunigte der Tropfen wieder und raste richtung Erde um nach wenigen Sekunden an Pauls rechter Wange zu zerplatzen.
Paul war froh, als es anfing zu regnen. Er war gerade wieder dabei gewesen der Melancholie zu verfallen. Der süße Duft der Gleise und die nur von der flackernden Beleuchtung in Szene gesetzte Dunkelheit hatte den Bahnhof in Filmmusik getaucht.
Pauls Fingerkuppen berührten die nasse Kussstelle. Er genoss den Regen. Jeden Einzelnen Tropfen. Der Folgende traf sein blinzelndes Auge. Ein nächster zerplatzte auf seiner Stirn, oder explodierte auf seiner Nasenspitze. Jetzt schüttete es wie aus Kübeln. Es prasselte auf Pauls dürren Körper. Wie Granaten schlug das Wasser ein, als wollte es Pauls zum Himmel gerichtetes Gesicht durchlöchern.
Ein Salatblatt.. Bei jedem Versuch einer Rechtfertigung gerate ich ins Stocken. Wie soll ich auch einen fremden Menschen davon überzeugen, dass gerade ein Salatblatt für meine unerhörte Tat verantwortlich gewesen war. Natürlich war das Salatblatt nicht direkt Schuld gewesen... Aber nur die gottverdammte Arroganz eines Wirklichkeitsjunkies, nur die bornierte Beschränktheit eines Augenblicksmenschen könnte mir die Schuld geben, meine eigene Hochzeit in eine Katastrophe verwandelt zu haben. Nur solch blinde Erscheinungen könnten mir vorwerfen, während der Vorspeise nicht auf die gut gemeinten Fragen Tante Gertrauds geantwortet, nicht über die Witze Hermanns gelacht und die kleine Ida nicht ausgesprochen süß gefunden zu haben. Man könnte mir vorwerfen, der Rede Gustavs kein Ohr und der dreistöckigen Torte keinen bewundernden Blick geschenkt zu haben. Ich glaube nicht, dass es je ein Mensch verstehen wird, warum ich plötzlich wankend aufgestanden bin, ohne ein Wort den gedeckten Tisch verließ, um wenig später aus dem Saal zu stolpern und nicht mehr wieder zu kommen.
Doch ich will es versuchen.
Ich sitze also an dem weiß gedeckten Tisch. Gerade hatte ich die bemalten Marzipanfiguren, zwei rosa Schweinchen im Hochzeitsgewand, probiert. Mit leichten Bauchschmerzen spüre ich, wie ich langsam der Wirklichkeit entgleite. Ich kenne diesen Zustand. Meine
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Kommentare
karlotta schrieb am 2007-01-13 00:40:10:
ich finde es sehr gut beschrieben, frei von kitsch, aber trotzdem schoen und tiefergehend. eine absolut gelungene sache. gruesse aus berlin
karlotta
emil schrieb am 2007-01-05 17:57:32:
hallo hexe!
find ich ja toll dass endlich einer mal ne anmerkung schreibt.. (=
ne ich hab mir die sätze schon immer wieder durchgelesen und solang gefeilt, bis es schön klingt,
die geschichte hat deswegen auch ziemlich lange gebraucht (; schön dass es dir gefällt!
paulinchen: XD
grüsse
niklas
Hexe schrieb am 2007-01-04 01:29:03:
junge, ich bin ehct begeistert!
wirklich!
wie du beschreiben kannst ist der hammer!
Ihc weiß zwar nicht ob ihc ein ganzes buch durchhalten würde zu lesen das so geschriben ist aber für so eine kurzgeschichte ist es echt der absolute wahnsinn so was zu lesen!!!
sag mal schreibst du so eine geschichte in einem zug durch oder ließt du sie dir immer wieder durch bevor du weiterschreibst?
ich könnte mir gut vorstllen das du , vor allem bei der beschreibung wie die braut den salat isst, echt viel gedult aufbringen musstest, oder?
mmmm kann mich aber natürlich auch irren! *g*
aber ehct klasse, weiter so!
bin schon gespannt ob's da noch was neues gibt! liebe grüße hexe
Paulinchen schrieb am 2007-01-03 17:47:00:
Wer ist schon Paul? Die bornierte Beschränktheit eines Wirklichkeitsjunkies und die gottverdammte Arroganz eines Augenblick(s)menschens, wir blinde Erscheinungen, fragen Dich tatsächlich - nicht wirklich , gell? Aber mit dem Schuld geben; gar keine schlechte Idee.
"... und Minz und Maunz, die Katzen erheben ihre Tatzen, sie drohen mit den Pfoten...". Und die Moral von der
Geschicht : " Iss bloss die Beilagen nicht!" - oder, man gewöhnt sich an die Ehe. Tolle story. LG L.
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