Paul Kirchens,eine Wahre Geschichte Teil II
von
Jan-Erik
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Teil II
Nach einer Woche mußte mein Bruder Mathias wieder zum Arbeitsdienst.
Nun war es in unserem landwirtschaftlichen Betrieb in Afst kritisch, denn es fehlte eine Arbeitskraft. Die Lage verschlimmerte sich noch, als mein Vater im August 1941 an einer schweren Kopfgrippe erkrankte.
Er war während des ersten Weltkrieges in den Vogesen durch einen Schrapnellsplitter genau in der Mitte der Stirn wurde mein Vater verwundet.Solche Schrapnellgranaten explodierten
in der Luft, bevor sie die Erde berührten; die Splitter sowie das mit Bleikugeln gefüllte Geschoss zerstreute sich in alle Richtungen.
Als mein Vater die Kopfverwundung erlitt, hat er mehrere Wochen lang im Lazarett in Colmar gelegen, wo man auch den Splitter aus der Stirn entfernt hat.
Durch diese Kopfverwundung war eine Kopfgrippe extrem gefährlich.
Als er 1941 erkrankte,erklärten die hiesigen Ärzte, sie könnten nichts für ihn tun. Deshalb transportierte man ihn ins Luisenhospital nach Aachen.
Zu dem Zeitpunkt waren wir gerade bei der Roggenernte. Wir riefen regelmäßig im Luisenhospital an, wo wir stets die Antwort erhielten, es stünde nicht gut um ihn. Wir durften
ihn auch nicht besuchen.
Später erzählte er uns, er erinnere sich noch schwach, dass man ihn in ein Badezimmer verlegt habe. Meistens wäre dieses Zimmer die letzte Station gewesen.
Da sei einmal ein Arzt gekommen und habe ihm eine Handvoll Pillen hingehalten und ihn aufgefordert, er solle so viel davon schlucken, wie er könnte.Nachher hat sich herausgestellt,dass es sich um ein ganz neues Medikament gehandelt hat.
Gott sei Dank, ist mein Vater dann auch wieder gesund geworden. Er war damals 53 Jahre alt.
Er hat dennoch das Alter von 80 Jahren erreicht.
In diese Zeit fällt auch meine Mitgliedschaft in der Hitlerjugend (HJ). Soweit mir bekannt, war es
keine direkte Pflicht, der HJ-Organisation beizutreten, aber je nach Arbeitsverhältnis empfehlenswert.
Wohl deshalb meinte mein Vater, es sei besser, wenn wir auch mitmachten; er sei bei der Bahn
beschäftigt, wo man ihm verübeln könnte, dass seine Söhne keine HJ-Mitglieder seien.
Wir trafen uns dann in der Schule zu Krewinkel. Die HJ-Führer waren: Peter Hostert (Hergersberg) und
Peter Jousten (Kehr).Bei diesen Zusammenkünften wurden meistens Lieder gesungen. Zum gängigen Repertoire gehörten: "Es zittern die morschen Knochen...", "Steige hoch, du stolzer Adler","Märkische Heide, märkischer Sand..." usw.
Ab und zu mussten wir auch in Formation singend durch
die Ortschaft marschieren. Begegnete man mal außerhalb des Dienstes einen HJ-Führer, so musste man die Hacken zusammenschlagen und mit erhobener Hand "Heil Hitler" grüßen.
Damals hatten wir an den Schuhabsätzen hufeisenförmige Eisen, sodass man auch ein zackiges Klacken bei der Begrüßung vernehmen konnte.
An eine Begebenheit kann ich mich noch genau erinnern: Während einer Dienststunde fragte ein HJ-Führer meinen Bruder Nicolaus: Nikla,was kommt nach dem Dritten Reich?" Prompt erwiderte er "das vierte..." Da ging es aber los: "Nikla,du weißt doch, dass es nach dem Dritten Reich nur
das Großdeutsche Reich gibt!
Wieso kanntst du das nicht wissen?
Meine Eupener Zeit!
Nach Vollendung der Berufspflichtschule in Malmedy hieß es dann im Jahre 1942 seitens der Schulleitung, jetzt sei die Berufsschule abgeschlossen; jetzt beginne die Berufsberatung.
Zu diesem Zwecke hatte man in der Domäne Berterath ein kleines Büro eingerichtet.
Mein Vater begleitete mich dorthin. Da es mehrere Anmeldungen gab, mussten wir eine Weile warten - ich glaube, es waren die Gebrüder Collas aus Berterath,
die vor uns waren. Als ich dann schließlich aufgerufen wurde, fragte mich einer der anwesenden Herren:
Nun Bub, was möchtest du denn werden? Ich antwortete prompt: "Ich will Uhrmacher werden".
Voller Aufregung und Entsetzen rief er: Was Uhrmacher! Wir stehen im Krieg,wir können jetzt keine Uhrmacher gebrauchen!Da können wir dir nichts anbieten.
Wir raten dir, gehe auf die Handelsschule in Eupen.
Das Angebot sagte mir zu,zumal ich Verwandte in Eupen hatte.Da lebten eine Tante mütterlicherseits mit ihrem Gatten Daniel Schmitz und die beidenKusinen Lenchen und Käthchen.
Die Schule befand sich auf dem Heidberg.
Ich belegte folgende Fächer, die von Fachlehrkräften gelehrt wurden: Maschinenschreiben,
Stenografie, Buchführung, Schriftverkehr, Rechnen, Geschichte, Erdkunde usw..
Ab und zu erschienen in der Schule Nazi-Funktionäre.Sie zeigten uns großdeutsche Werbefilme.
Ihr Ziel war die Eingliederung von Freiwilligen. Noch recht gut kann ich mich an einen Film erinneren - er handelte über die deutsche Kriegsmarine. Alle Kriegsschiffe der Amerikaner, Engländer und Russen wurden versenkt; nur die deutsche Kriegsmarine blieb als glorreiche Siegerin übrig.
Zum Schluss war noch ein wunderschönes Segelschiff auf der
Leinwand zu sehen. Da wurde ein Torpedo abgefeuert, das Segelschiff versank in den Fluten.
Die Folgen des Krieges waren in dieser Zeit von 1943 bis Juli 1944 deutlich spürbar. Alle 2-3 Tage
gab es Luftalarm, und wir mussten in die Luftschutzkeller. Meistens so um zwei Uhr in der Nacht gab es den Fliegeralarm. Dann wurden wir aufgefordert, das Haus zu verlassen.
Wir mussten noch etwa 500 M bis zur Aachener Straße, wo sich der Keller befand.Derselbe lag tief im Boden und war relativ sicher.
Eupen war jedoch nie das Ziel eines Angriffs.
Wir hörten wohl die Flugzeugverbände, wenn sie Eupen überflogen. Ab und zu konnten wir auch die Leuchtspuren der über Aachen operierenden Flak sehen. Gelegentlich war auch am Himmel eine Art Christbaum zu sehen, der offensichtlich dazu bestimmt war, jede Funkverbindung zu stören.
So um 4-5 Uhr in der Nacht kam dann die Entwarnung. Es verblieb noch eine kurze Schlafzeit, etwa 2 bis 3 Stunden. Um 8 Uhr mussten wir wieder in der Schule sein - meistens
noch sehr übermüdet.
Mein Onkel in Eupen hatte die gefährliche Angewohnheit, an jedem Abend den englischen Sender zu hören. Aus dem Gerät ertönte dann eine Stimme, gefolgt von einem Gong, mit der
Stationsmeldung der BBC mit Nachrichten in deutscher Sprache.
Natürlich wurden dann die Gardinen zugezogen. Das Radiogerät wurde so leise wie möglich gestellt. Man musste das Ohr schon sehr nahe an den Apparat halten, um überhaupt etwas mitzubekommen.
Mithörer war ein guter Bekannter meines Onkels; er war Sattler von Beruf, war 50 Jahre alt,verheiratet und hatte fünf Kinder.
Nachts wurde er von der Gestapo verhaftet, in ein KZ gebracht,wo er auch gestorben ist. Irgendjemand hatte etwas über seine Gesinnung mitbekommen,er wurde denunziert und abgeführt.
Meine Kusine, namens Lenchen, war eine gelernte
Modistin (auch Putzmacherin oder Hutmacherin genannt). Lenchen wurde zum Arbeitsdienst einberufen, kam ins Reich-Innere, ist aber nicht mehr heimgekehrt.Wahrscheinlich ist sie bei einem Bombenangriff auf eine deutsche Großstadt um's Leben gekommen.
Mein ältester Bruder
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