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Kategorien > Kurzgeschichte > Sci-Fi - Drama

Pavor Nocturnus

von Slade

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Alec öffnete die Augen.
»Keine visuellen Fehler mehr vorhanden. Wie ist der Kontakt?«
»Wir können dich wieder klar und deutlich hören. Der Systemneustart scheint wohl erfolgreich gewesen zu sein. Versuche, etwas zu berühren.«
Alec schaute vor sich auf den Wiesenboden. Langsam ging er in die Hocke und streckte seine Hand zu einer Sonnenblume, die dort zwischen den Gräsern wuchs. Als er sie ergreifen wollte, fuhr er zusammen. Seine Finger glitten durch die Pflanze, ohne daß die Bewegung eine Wirkung zeigte.
»Bryce, hier ist eine Fehlfunktion! Ich kann sie nicht ergreifen. Ich schlage vor, daß ihr mich wieder zurückholt!«
»Ruhig Blut, Alec. Du kannst nichts berühren, was du siehst. Gar nichts. Gene und ich haben uns überlegt, daß es besser ist, wenn dein Umfeld vorerst nicht auf dich reagieren kann. Es klappt also hervorragend.«
Alec runzelte die Stirn und setzte sich dann langsam auf den Rasen. Obwohl sich die Gräser bewegten, konnte Alec keinen Wind spüren. Er saugte einmal tief die Luft in sich hinein, doch er roch nicht den Duft der grünen Natur, die er in letzter Zeit so vermißt hatte. Er vernahm nur die sterile Laborluft.
»Also gut. Ich befinde mich auf einer grünen Wiese. Das Klima und die Fauna entspricht etwa einem nordeuropäischen Frühling. Die Temperatur beträgt etwa zwanzig Grad Celsius. Ein bißchen kalt für meinen...« Alec unterbrach kurz, weil ihm etwas auffiel. »Wieso gibt der Boden eigentlich nach?« fragte er dann. »Theoretisch müßte er doch hart und eben sein. Ich kann hier sogar kleine Mulden und Erhebungen spüren!«
Bryce überlegte eine Weile und schaute dann Gene fragend an, doch der zuckte mit den Schultern, denn auch er kam zu keiner Antwort.
»Um ehrlich zu sein: Wir wissen es ebenfalls nicht. Und das macht mir Sorgen. Ich glaube wir holen dich wieder zurück, bis wir das geklärt haben. Kein Risiko eingehen.«
»In Ordnung. Ich bin bereit. Ihr könnt mich Heim holen.«
Alec stand wieder auf und schaute sich noch einmal um. Die Wiesenfläche, auf der er sich befand, war etwa einen halben Hektar groß und zu jeder Richtung grenzte dichter Wald an das Gras. Leise konnte er einige Vögel zwitschern hören, doch mit einem kurzen Nicken verabschiedete sich Alec dann von der Landschaft. Für immer.
Gene ging zum Tisch, auf dem Alec mit geschlossenen Augen lag. Dann betätigte er einige Schalter und Hebel daneben. Der Raum blitzte hell auf und riesige Motoren, die sich tief im Verborgenen befanden, fuhren langsam wieder herunter. Gene legte seine Hand vorsichtig auf ein Modul, das auf Alecs Augen lag und betätigte dort wieder einige Knöpfe. Dann nahm er es vom Gesicht und legte es behutsam in einen kleinen Kasten, den Laien wohl für eine gewöhnliche Friteuse gehalten hätten. Als er ihn geschlossen hatte, drehte er sich wieder zu Alec und wartete. Langsam öffnete er die Augen.
»Alles okay, Partner?« fragte Gene lächelnd.
Alec setzte sich auf, sah ihn an und antwortete zögernd: »Ich denke schon. Da ist wieder dieses komische Gefühl, daß ich immer habe, wenn ich aufwache.«
»Das ist Wehmut, glaube ich. Aber du weißt, daß es sein muß. Es ist nur zu deinem Besten«, versuchte Gene ihn aufzumuntern. »Es sind einfach nicht deine Träume. Du hast nicht das Recht, sie zu behalten.«
Routiniert wartete Alec dann, bis Gene ihm das Gedächtnisserum injiziert hatte.
»Wir müssen noch die Tests mit dir durchführen.«

Die Forschungen von Alec Payden, Bryce Kennel und Gene Dining waren schon lange entbehrlich geworden, trotzdem aber wurden sie nicht eingestellt. Vielleicht weil die Laboratorien in Area 51 zu zahlreich waren und die drei Forscher den Hochrangigen im Militär deshalb einfach nicht auffielen. Vielleicht aber auch weil es dort jemanden gab, dem die Forschungen eben nicht entbehrlich waren.
Trotz allem war dieser Tag der folgenschwerste in ihrer Karriere.
»Weil wir nicht angekündigt wurden«, antwortete der Colonel kühl auf die Feststellung hin, daß er äußerst überraschend erschienen war. »Wir wollen nur einmal schauen, was Sie hier all die Jahre so getrieben haben. Machen Sie in ihrem Tagesablauf einfach weiter, als... als wären wir nicht anwesend.«
»Jawohl, Sir«, verstand Gene. Der Colonel, einige weitere Beobachter seines Stabes und er selbst standen im Eingangsbereich der Laboranlage. »Die Vorbereitungen für den heutigen zweiten Test sind früher als erwartet abgeschlossen. Schon in wenigen Minuten können wir beginnen. Ich darf Sie zu Ihrer eigenen Sicherheit in unseren Beobachtungsraum führen«, sagte er und deutete zur Tür. »Beim Start entladen sich manchmal kleine Blitze, und da wir leider nur drei Schutzmäntel haben...« Er räusperte sich kurz und zeigte dann auf die Tür. »Gentlemen? Nach Ihnen.«

Alec lag auf dem Tisch und war noch wach. Er betrachtete, wie schon so oft, die verschiedenfarbigen Lampen, die dazu dienten, daß er seine Konzentration so lange wie möglich aufrecht erhalten konnte. Bryce stand einige Meter von ihm entfernt und bediente eine Konsole.
»Ich bin gleich bei dir, Alec.«
Bryce drehte sich zur Kamera, die neben ihm auf einem Stativ befestigt war, setzte sich auf einen kleinen Hocker und schaute in das Objektiv. »Test-Nummer 2.7, Zeit: 8-50, Datum:...« Bryce überlegte fieberhaft, doch es fiel ihm nicht ein. Er schaute zu Gene im Beobachtungsraum, der ihm hektisch mit den Händen zu helfen versuchte.
»Ah ja, Datum: 6. April 2007. So, ich habe das Modul jetzt eingeschaltet. Der Systemcheck ist angelaufen und erfolgreich beendet. Die VP ist...« Bryce unterbrach erneut und wandte sich zu Alec.
»Ich bin bereit«, sagte dieser entschlossen.
»Gut, die VP ist also bereit. In T Minus 15 Sekunden sollte er sein Bewußtsein verlieren.«
Bryce stand auf und ging zu ihm.
»Du bist auf dem Weg, Alec. Ich wünsche dir schöne Träume«, sagte er und lächelte, während Alec langsam alle seine Sinne verlor und einschlief.

Alec öffnete die Augen.
»Steht der Kontakt?«
»Wir hören dich gut«, bestätigte Bryce durch das Nanofon im Ohr.
»Ausgezeichnet. Ich befinde mich, wie es scheint, in einem Krankenhauszimmer. Ich bin nicht allein. Auf einem Bett, ca. einen Meter vor mir entfernt, liegt eine Frau, deren Kopf in Verband gewickelt ist. Das EKG neben ihr zeigt eine normale, regelmäßige Herzfunktion an. Ich kann auch das Piepen hören.«
»Bis jetzt stimmt alles mit unseren Angaben überein. Versuche wieder etwas zu berühren«, bat Bryce.
Alec sah sich um und entdeckte eine Blumenvase mit roten und weißen Tulpen auf einer Fensterbank. Er ging zum Fenster und streckte seine Hand zu den Blumen aus. Wie erwartet, konnte er sie nicht ergreifen.
»Ich kann sie nicht berühren. Es scheint bis jetzt alles okay zu sein. Was soll ich jetzt tun?«
»Warte einen Moment, bis etwas passiert.«
Alec entdeckte zwischen den Blumen eine kleine Karte auf der etwas geschrieben stand.

Wir wünschen dir, liebe Margaret, alles Gute und einen kurzen, aber umso schöneren

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