Plan B
von
planlos
1
2
„Sie glauben also, dass es nicht mehr helfen wird?“ Mein Prof runzelte die Stirn und blickte auf den Boden. Er schüttelte den Kopf.
Als ich draußen vor der Universität stand fühlte ich keine Erleichterung, keine Befreiung, obwohl mir doch die ganze Welt offenstand. Ich versuchte glücklich die Straße hinunterzuschlendern, achtete darauf, dass niemand einen falschen Eindruck von mir bekam. Endlich! Jetzt kam Plan B! So hatte ich mir das immer ausgemahlt. Damals, als sie mich alle unglaublich angestarrt hatten: „Philosophie studieren? Und dann?“, viele hatten ungläubig gelächelt, manche hatten anerkennend genickt. Sie sahen: Da ging einer seinen Weg und niemand konnte ihn aufhalten.
An der Ecke bei Martin's, dem Kiosk, der mir jahrelang als Ersatz zum Literatencafé gedient hatte, drehte ich mich nochmals um. Sicherlich war mein Blick in diesem Moment voller Entschlossenheit und vielleicht lief mir sogar eine dieser Tapferkeitstränen über die Wange. Ich schloss die Augen, drehte mich um und ließ die Universität hinter mir zurück. Dieses Kapitel war abgeschlossen.
Vor mir brüllten die Motoren, Autoflüsse überschwemmten die Kreuzungen. Ich stand an der Ampel und berührte mit meiner linken Hand den „Bitte Berühren“-Schalter. Wie Moses damals mit seinem Stab, so wichen jetzt vor mir die Naturmassen zurück und ließen mich die Straße überqueren. Auf gehts! Langsam besserte sich meine Stimmung. Die Melodramatik war weggewischt. Wohin jetzt? Eine Weile schlenderte ich durch die Fußgängerzone, beobachtete Menschen, so wie das die unergründlichen Außenseiter nunmal tun. Ich gehörte nicht dazu und ich war stolz darauf! Jetzt zurückkehren in meine Studentenwohnung? Nein, damit hatte ich abgeschlossen. Mein Plan war ein anderer. Ich griff in meine linke Hosentasche und zog das alte Stoffportmonee mit dem schönen Muster hervor. An jeder Ecke warteten sie! Hier ein Euro, hier zwei, du bekommst 50 Cent, und dieser alte Herr, dem gebe ich den Rest. 5 Euro, weil er so schön auf seiner Gitarre spielte. Er lächelte dankbar und ich lächelte zurück. Die letzte Station auf meinem Weg zum neuen Leben war das Bürgeramt: „Bitte sehr! Nehmen Sie ihn ruhig! Nein, ich brauche ihn nicht mehr!“ - „Aber mein Herr, es besteht Ausweispflicht!“ Ich hob die Schultern und ließ sie lässig wieder fallen. Schnell war ich wieder durch die Tür geflutscht und ließ den verdutzten Beamten hinter mir zurück.
Jonny mit dem langen Gesicht und dem faserigen Graubart erklärte mir die Regeln: „In der Stadt ist eigentlich fast alles aufgeteilt, aber du hast Glück. Letzte Woche hat Fritze sich aus dem Staub gemacht. Armer Kerl, aber jetzt kann er wenigstens in Ruhe schlafen.“
Ein besserer Einstieg hätte mir nicht gelingen können. Tagsüber verbrachte ich fast meine ganze Zeit in der Bibliothek und las Hesses gesammelte Werke rauf und runter. Sobald die Bücherei geschlossen wurde, huschte ich durch die schillernden Straßen und betrachtete die Menschen, lachte sie aus. Sobald ich müde wurde legte ich mich auf die Bank, auf der vor kurzem noch Fritze gelegen hatte. Ich schlief schnell und gut, sodass ich meist von alleine gegen zwei oder drei Uhr nachts aufwachte, um meine Tour zu laufen. Zwanzig Mülleimer waren zwischen 2:00 Uhr und 6:00 Uhr morgens für mich reserviert. Wenn dann die Sonne aufging lief ich mit meiner Beute zum Supermarkt und ließ mir meine 5 Euro Pflaschenpfand auszahlen. Ich frühstückte meist vor dem Geschäft bei den Fahrradständern, Weißbrot mit Butter. Es war ein schönes Leben.
Hin und wieder traf ich einen meiner alten Kollegen in der Bibliothek. Alle grüßten sie freundlich und ich grüßte zurück, sofern ich sie erkannte. Einmal traf ich den stillen Jusse mit dem Pferdeschwanz, der bei den Seminaren oft mit mir zusammengearbeitet hatte. Er lächelte nicht.
„Was ist los mir dir?“ fragte er mich und setzte sich zu mir an den Tisch. Ich war etwas irritiert über die Störung. Jusse sollte doch wissen, dass ich beim Lesen nicht gestört werden will. Trotzdem lächelte ich als ich antwortete: „Wie geht es dir in der Uni?“ Er schien meine Frage nichteinmal gehört zu haben. Sein Blick schweifte über den Bücherberg, den ich vor mir aufgehäuft hatte. „Zuviel lesen ist ungesund. Was machst du jetzt eigentlich beruflich? Willste wieder anfangen zu studieren?“ Ich hatte keine Lust ihm zu antworten, denn ich wusste, er würde mich nicht verstehen wollen. „Ja, vielleicht fang ich bald wieder an“ - „Ja, vielleicht Wirtschaft oder ne Lehre als Fachhandelskaufmann.“ - „Ja, ist schon komisch so alles neu, ich vermisse euch auch!“
Dann musste er zur Lesung.
Ich begann darüber nachzudenken, ob es wirklich ungesund sei, den ganzen Tag zu lesen. Ich fragte den bärtigen Jonny, was er darüber denke, aber er konnte nicht lesen. Er sagte vom Lesen, davon würde er auch nicht satt. Ich beschloss, mir einen neuen Sinn zu suchen.
Wieder lief ich die wuseligen Straßen entlang, immer geradeaus, bis keine Menschen mehr zu sehen waren, nur noch ab und zu ein Auto. Jetzt den Daumen zur Seite raushalten und sofort war ich auf der Reise. Bis nach Hannover könne er mich mitnehmen. Ich fand es schrecklich aufregend im riesigen LKW zu sitzen und auf alles hinuntergucken zu können. Paul fand es auch ganz nett. Man gewöhne sich dran, meinte er. Ich wollte nicht nach Hannover und so ließ Paul mich in einem kleinen Dörfchen auf halber Strecke aussteigen. Fröhlich pfeifend schlenderte ich die einzige betonierte Straße hinab und klopfte an einem der zwanzig weißen Häuser mit den braunen Holztüren und den blaubgelben Blumenbeeten. Ob sie vielleicht ein paar Schnitten hätten. Ja, in gewisser Weise sei ich ein Student auf Durchreise, sozusagen im Urlaub. Frau Kramer hatte selbst einen Sohn, der gerade studierte – Medizin in München, was ja sehr schwer sei. Aber sie war froh, dass er das mache, genau wie sein Vater, dessen Praxis er dann vielleicht einmal übernehmen würde.
„Wie geht es ihnen so, Frau Kramer?“, fragte ich. „Danke, danke!“, sagte sie lachend, aber antwortete nicht. Ich lachte auch: „Und, wie geht es ihnen nun?“. Da wurde sie stutzig und ich fühlte mich auf einmal wie ein kleiner Junge, der etwas ungezogenes gesagt hatte. Dann lächelte sie wieder: „Mein Sohn ist erfolgreicher Medizinstudent, die Praxis meines Mannes läuft prächtig! Wie soll es mir da schon gehen?“ Scheinbar schien sie meine Frage nicht beantworten zu wollen und so blieb ich stumm und biss in mein Schinkenbrot, das mir Frau Kramer soeben zubereitet hatte.
Wieder draußen, erblickte ich ein paar Meter weiter in einer Nebenstraße eine Holzbank stehen. Größer und hölzerner als Fritzes Bank war diese und keine Plastiktüte lag darunter.
Als es schon dunkel war und ich verträumt in die Sterne über mir blickte, hörte ich leichte Schritte im Kies immer lauter werden. Ich setzte mich aufrecht auf meine Bank, zog mir das Hemd gerade und sah die Beiden. Sie ihre Hand um seine Hüfte, er seine Hand auf ihrer Schulter. Der glückliche Mond machte die Umrisse dieser beiden
1
2
Kommentare
Keine Kommentare vorhanden.
Kommentar hinzufügen