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Kategorien > Aus dem Leben > Nachdenkliches

Plötzlicher Trauerfall

von Oliver Dauterich

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Es ist der Tag der Beisetzung meiner Großmutter.
Ihr Tod kam sehr plötzlich und unerwartet.
Sie hinterlässt uns, ihre Angehörigen, völlig fassungslos.
Um die Umstände dieses Vorfalls zu begreifen, sollte ich vielleicht etwas ausholen und ich würde sagen, der passende Zeitpunkt um zu beginnen, ist die Hochzeit meiner Großmutter mit meinem Großvater.
Sie heirateten vor dem Beginn des 2. Weltkrieges, genauer gesagt am 14. Mai 1935.
Zu diesen Zeiten fehlte es überall an Geld und die beiden Elternhäuser des Brautpaares machten dabei leider keine Ausnahme.
Es wurde also keine pompöse Feier, wie sie sich meine Großmutter insgeheim erträumt hatte aber alle gaben ihr Bestes, um zu dem Gelingen beizutragen und so entsprach das Ausmaß doch einem, für die damaligen Verhältnisse, gehobenem Standard.
Ein Jahr später kam mein Vater zur Welt und auf den Tag genau, wieder ein Jahr darauf (dies sei nur erwähnt, um zu zeigen, wie kurios einem das Schicksal mitspielen kann), wurde Großvater in die Wehrmacht eingezogen.
Ich habe ihn nie kennengelernt, denn er ist gefallen, oder wie man damals sagte, "im Krieg geblieben".
Meine Großmutter aber glaubte nicht daran, denn eigentlich wurde er nie als gefallen gemeldet, denn tatsächlich wurde er vermißt.
Oma hatte nie daran gezweifelt, daß er wieder nach Hause kommen würde, hatte ihn daher auch nicht für tot erklären lassen.
Somit hat sie nie wieder geheiratet, obwohl ich mir habe sagen lassen, daß einige willige Mannsbilder um sie angehalten haben. Meine Großmutter war nämlich damals ein echter Kracher, wie man das heute bezeichnen würde.
Nein .... sie ist Großvater immer treu geblieben, sie hat sogar ihrer beider Silberhochzeit gefeiert, natürlich nur im engsten Familienkreis. Alle machten das Spielchen mit, welches ihr so viel zu bedeuten schien.
Nur ich, der ich damals ein Kleinkind von gerade mal vier Jahren war, begriff dies alles nicht so recht und wollte wissen, ob der tote Opa denn auch zu diesem Fest kommt. Ich meinte es selbst -verständlich nicht böse und habe nur gesagt, was mir in den Sinn gekommen ist.
Kinder lernen und verstehen durch sehen, hören und vor allem fühlen und in dieser Situation war nichts von alledem enthalten, was die kindlichen Gedanken in meinem kleinen Kopf in die richtige Richtung hätte lenken können. Kinder sind furchtbar direkt.
Jedenfalls erntete ich Blicke der Anwesenden, die mir sagen wollten: "Junge, kannst du nicht deinen Mund halten?"
Aber Oma strich mir über das Haar und lächelte dieses Lächeln, das Erwachsene immer aufsetzen, wenn sie einen nicht ernst nehmen, es aber glauben dahinter geschickt verbergen zu können.
Doch ich glaubte für einen Augenblick einen Schatten endloser Traurigkeit über ihr Gesicht huschen zu sehen.
Sie war immer sehr vital und lebensfroh gewesen, ging oft auf Reisen und hatte einige Hobbys, die sie regelmäßig ausübte.
Eines Tages jedoch sollte alles eine entscheidende Wende nehmen. Großmutter befand sich mitten in den Vorbereitungen für die goldene Hochzeit, als es an der Tür klingelte. Es war ein Mitarbeiter des internationalen Roten Kreuzes.
Er überbrachte ein stück Metall. Wie ich später erfuhr, handelte es sich dabei um die Erkennungsmarke meines Großvaters, die zusammen mit den Überresten eines Körpers auf der russischen Halbinsel Krim gefunden wurde, als man eine Ausschachtung für ein Bauvorhaben begann.
Der Mann erklärte, daß man es als einer der Pflichten des Verbandes ansieht, die Angehörigen zu verständigen, wo der Verwandte seine letzte Ruhestätte gefunden hat.
Großmutter zog sich zurück, sie sagte sie wäre müde und wolle etwas ausruhen.
Sie ist in der selben Nacht gestorben.
Der Arzt sagte später, daß oft gerade die Menschen, die nie mit größeren Beschwerden zu tun hatten, ganz plötzlich und aus heiterem Himmel entschlafen.
Aber ich weiß es besser, das internationale Rote Kreuz hat meine Oma auf dem Gewissen

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Kommentare

sina franke schrieb am 2007-06-21 14:46:48:
mich hat grade eine kalte gänsehaut überzogen. einfach wundervoll geschrieben.
hochachtungsvoll
sina

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