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Kategorien > Gesellschaft > Alltag

Precious and Grace

von Matthias Augustin

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Martin suchte die Toiletten. Bunte Lichter blendeten ihn, Menschenmassen engten ihn ein, ließen ihm kaum Luft zum Atmen. Mit ausgestreckten Armen drehte er sich einmal um sich selbst, um sich Freiraum zu verschaffen. Mit wütenden Gesichtern drückten die Menschen zurück, schubsten ihn herum wie eine Kugel im Flipperautomat. Als er die Toiletten schließlich sah, lief ihm ein kalter Schauer über den Rücken. Martin schüttelte sich und steckte die Hände in die Hosentaschen. Ihm war kalt, und er zitterte am ganzen Körper, weil nur sein dünnes Hemd ihn vor der unglaublich eisigen Luft in der Disco schützte. Er ging auf die Tür mit dem weißen, kugelköpfig und breitbeinig dastehenden Plastikmännchen zu und drückte sie auf, wozu er sich mit ganzer Kraft dagegen werfen musste.
Martin betrat den gekachelten Raum und fand sich zwischen Pissoirs stehend, in die gerade mehrere kräftige gelbe Strahle abgegeben wurden. Über das Rauschen des Urins hinweg hörte er noch schwach die Musik aus dem Tanzsaal. Die weiß gekachelten Wände verschwammen vor seinen Augen, so dass er sich an ihnen abstützen musste. Martin fühlte in seiner Tasche, und fand, was er suchte. In seiner Hand spürte er das beruhigende Gewicht der Spritze, deren Inhalt ihn sofort von diesen unangenehmen Gefühlen erlösen würde, wenn er nur einen Platz fände, um sich einen Schuss zu setzen. Er suchte nach einer freien Toilettenkabine, konnte aber keine finden. Bei allen war der kleine rote Plastikstreifen zu sehen, der auf ihm verschlossene Türen hinwies.

Es war fast ein Uhr, als Martin aus der Disco kam. Seit drei Stunden hatte er drinnen nach einem stillen Platz gesucht, aber jedesmal, wenn er dachte, er hätte ihn gefunden, kam wieder irgendein Besoffener oder eine geile Schlampe und störte ihn.
Draußen war es auch nicht sicherer. Es war Wochenende, also fuhr die Polizei verstärkt Streife, was die Wahrscheinlichkeit erhöhte, dass er erwischt würde, wenn er versuchte, sich hier irgendwo eine Spritze zu setzen.
Es blieb ihm nichts anderes übrig als weiterzusuchen. Er merkte nach den ersten Schritten an der frischen Luft wie ihm der Schweiß auf der Stirn ausbrach und tausend kleine Käfer seinen Rücken hinunterzuwandern schienen. Die Leuchtreklamen der Lokale, die Straßenlaternen, die auf ihn zu und von ihm weg schwebenden Lichter der Autos verschwammen vor seinen Augen zu einem undurchdringlichen Mus aus rotem, weißem, blauen Licht und ließen ihn für einen schrecklichen Augenblick vergessen, wo oben, unten, rechts und links war. Er hielt sich an der Hauswand fest und versuchte, Luft zu bekommen, die aufkommende Panik im Keim zu ersticken. Der Schweiß lief ihm in Strömen das Gesicht hinab, und Magenschmerzen ließen ihn sich krümmen. Er konnte beobachten, wie die Schreier der zwielichtigen Clubs und Bars um vorbeikommende Leute warben und sie aufforderten, doch hineinzugehen und „mit allem verwöhnt zu werden, was das Herz und andere Körperteile begehren“. Sie bemühten sich fast verzweifelt um jeden Vorbeigehenden. Um jeden, nur um ihn nicht. Er, der vollkommen kaputt an dieser vollgepissten Hauswand stand und sich vor lauter Verlangen nicht gerade hinstellen konnte. Was das hieß, war ihm klar: Es hieß, dass man ihm seine Abhängigkeit inzwischen so sehr ansah, dass er nicht einmal mehr in der heruntergekommensten Kneipe erwünscht war. Ein erneuter Magenkrampf ließ in aufstöhnen. Aus dem Augenwinkel beobachtete er die Passanten: Niemand sah ihn an, alle schauten sie angestrengt geradeaus in dem Bemühen, dieses Häufchen Elend am Straßenrand schnellstmöglich wieder zu vergessen.
Martin stieß sich von der Wand ab und schloss die Augen. Einige Sekunden blieb er so stehen, und als er das Gefühl hatte, einigermaßen geradeaus gehen zu können, ohne zu stark aufzufallen, sah er auf und ging los. Schon nach einigen Schritten brach die Fassade, die er vor sich selbst aufgebaut hatte, zusammen. Er stolperte und wäre beinahe auf dem Bürgersteig aufgeschlagen, hätte ihm nicht ein junger Mann unter die Arme gegriffen. Als Martin die fremden Hände an seinem Körper spürte, war er zugleich erschrocken und froh darüber, dass es doch nicht allen egal war, wie es ihm erging, jedenfalls solange, bis er das Gesicht des Mannes sah. Denn was er darin erkannte, war Scham, Scham angesichts der Tatsache, dass er sich mit einem abgewrackten Junkie auf der Straße sehen ließ ... Scham, dass er nicht wie die anderen einfach weitergegangen war, obwohl ein Außenstehender dies vielleicht als eine gute Tat angesehen hätte. Dabei sein ist alles.
Martin packte seinen Helfer an der Schulter.
„Geht schon, danke!“
Als er wieder stand, wurde er augenblicklich losgelassen, und der Fremde ging zu seinen Freunden, die ein paar Meter weiter mit hochgezogenen Augenbrauen und in den Jackentaschen steckenden Händen auf ihn warteten.
Martin stützte die Hände auf die Knie, aber das war ein Fehler. Von plötzlichem Schwindel ergriffen richtete er sich schnell wieder auf. Er musste hier weg.
Fest entschlossen endlich einen ruhigen Platz zu finden taumelte er weiter, den Blick nach rechts gewandt, um eventuell auftauchende kleine Gässchen für einen Abstecher zu nutzen.
Als er schließlich eine schlecht beleuchtete Seitenstraße bemerkte, bog er nach rechts ab, stieß gegen die Wand, taumelte zurück. Er ging noch ein wenig weiter, gebeugt und sich mit beiden Händen an der dreckigen Hauswand abstützend, bevor er sich mit dem Rück an die Wand gelehnt auf den feuchten Boden setzte.
Zitternd zog er die Spritze zusammen mit dem Löffel und einem Feuerzeug aus seiner Tasche. Martin legte die Sachen so vorsichtig wie es seine zitternden Hände zuließen auf den Boden. Er schüttete etwas braunes Pulver aus dem kleinen Papierbriefchen auf den Löffel und fügte Zitronensäure und Wasser aus einer Plastikflasche hinzu, wobei ihm ein wenig auf die Hose tropfte. Dann versuchte er, das Feuerzeug anzuzünden, aber sein Daumen wollte ihm nicht gehorchen. Schließlich fiel ihm der Löffel aus der Hand und der Inhalt vermischte sich mit dem Regenwasser und dem Dreck der Straße.
Verzweifelt schlug er seinen Kopf gegen die Mauer und brach in Tränen aus. Er kniff die Augen zusammen und versuchte, sich unter Kontrolle zu bringen. Es waren nur Sekunden bis zum befreienden Schuss. Er musste sich zusammenreißen, sonst würde man ihn morgen früh zitternd und leichenblass hier finden.
Plötzlich hörte er, wie ziemlich nah eine Tür geöffnet und wieder geschlossen wurde. Den Atem anhaltend zog er die Beine zu sich heran und umklammerte sie mit seinen Armen.
Er hörte das Klacken von Absätzen auf Asphalt, dann kam eine hochgewachsene, und – wie selbst er in seinem Zustand sehen konnte – gut gebaute Gestalt an ihm vorüber. Leicht bekleidet wie sie war, stöckelte die Frau zur Hauptstraße. Die Tür wurde noch einmal geöffnet, und ein dicker Mann in Unterhemd und Boxershorts rief ihr hinterher, sie solle am nächsten Tag zur selben Zeit kommen. Als die Frau sich noch einmal umdrehte und der Lichtschein aus der

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