REMISSION
von
Christian Heynk
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„Weißes Mädchen, weißes Mädchen“, sagt der schwarze Mann mit den dunklen Augen und den langen Fingern. „Weißes Mädchen, du musst sterben. Es tut mir leid, es tut mir leid, dich trifft keine Schuld, aber deine Väter haben unser Land zerstört, sie haben uns beraubt, sie haben uns den Tod gebracht und doch am Leben gelassen. Jeden Tag sehen und fühlen wir den Tod, er ist mitten unter uns, er lacht und weint und isst und trinkt mit uns. Du musst büßen, kleines, weißes Mädchen, du musst büßen für deine Väter. Du musst sterben, damit Amoke und Atonga leben können.“
Heather weinte. Sie verstand nicht, was er meinte, aber sie hatte Angst, entsetzliche, lähmende Angst. Ich will nicht sterben, dachte sie. Dann schrie sie.
*
Bräunlichgelber, trockener, tönerner Sand. Im Sahel in einem Dürrejahr: Ein kleines Kind, allein auf weiter Flur, sitzt auf brüchiger Erde. Ein erbärmlicher, dicklicher Bauch. Aus diesem Bauch ragen vier knochige Gliedmaßen hervor, Beine und Arme, wie Streichhölzer. Der Kopf des afrikanischen Kindes ist auf das Kinn gesackt. Der Blick des Kindes zeugt von der Benommenheit, von der Schwäche, von dem nur Halbdasein des Verlassenen. Fliegen schwirren um die Augen des Kindes, laben sich an den mit gelbem Eiter vollgelaufenen Tränensäcken. Sandkörner, aufgewirbelt vom schwachen Wind, schleifen und feilen die lederne und faltige Haut des Kindes. Es spürt nichts. Es sitzt nur da, wie ein elend alter Greis, der schon alles gesehen hat und nur noch sterben will. Das Fehlen jeglicher Energie lockt die Aasgeier aus weiter Ferne herbei. Über dem Kind fliegen sie in konzentrischen Kreisen. Könige der Lüfte, die einen Knochen mit etwas Fleisch gefunden haben.
Knapp hundert Meter entfernt: Die Mutter. Ebenso übermannt von der Hitze, ebenso schwach und energielos versucht sie, sich an ihr Kind heranzutasten. Die Sonne, die Sonne. Anansi, der Gauner, auch „die Spinne“ genannt, hat sie erschaffen. Die Sonne, die Sonne. Weit und breit gibt es keine Bäume. Zumindest keine, die Schatten spenden könnten. Und an den Schatten, die die dürren Sträucher werfen, kann man nur die Zeit ablesen. Zeit, die hier quälend langsam verrinnt.
Der Stamm ist einen guten Kilometer entfernt. Die Männer des Stammes haben die Frau und ihr Kind aufgegeben. Sie hat ihren Mann verloren und damit ihr Recht auf Leben. Der Stamm der Mbnosa lebt seit Jahrhunderten nach diesen Regeln. Eine Frau, die nicht mehr jung und bedürftig ist, braucht einen Mann. Wenn sie keinen hat, dann darf sie nicht auf die Güte und Milde der Stammesgenossen hoffen. Sie kann sich, wenn sie Glück hat, bei einer anderen Familie als Sklavin verdingen. Aber das geschieht nur selten. In einer Welt, in der die Ressourcen knapp sind, ist der Sozialdarwinismus Naturgesetz. Die Starken überleben und pflanzen sich fort. Die Schwachen, die Anstand und Würde besitzen, opfern sich auf, entfernen sich vom Stamm und sterben in Einsamkeit. Es ist ihre Pflicht, dem Stamm das eigene Sterben nicht zuzumuten.
Die sengende Hitze lässt die Erde ringsum aufglänzen wie Wasser. Der trübe Blick der Mutter erkennt die Fata Morgana. Sie sitzt auf einer Insel, die keine ist.
*
„Heather“, sagt der Aufnahmeleiter, „kann diesen Pyjama nicht tragen. Die Streifen irritieren die Kamera!“.
Der Regisseur, John Sloan, überlegt nicht lange.
„Heather“, sagt er, „zieh den roten Pyjama an. Den bordeauxroten. Der passt besser.“
Heather, ein etwa zehnjähriges, blondes Mädchen, nickt eifrig und läuft direkt aus dem Bild. An den Lichtstrahlern, Arriflex-Kameras und Kabelträgern vorbei, läuft sie direkt vom Set in die Maske. Julie, die für die Requisite zuständig ist, läuft ihr hinterher. John Sloan nutzt die freie Zeit, um die anstehende Szene noch mal mit dem Aufnahmeleiter zu besprechen.
„Also“, sagt er, „Heather, aufgeschreckt durch ein Geräusch, fährt aus dem Schlaf hoch. Der Regen prasselt an die Fensterscheiben und sie sieht einen Blitz, der für einen Moment lang ihr Schlafzimmer erleuchtet. Sie beginnt zu zählen, um die Entfernung des Gewitters zu messen. Wenn sie bis sieben gezählt hat, lasst ihr den Donner ertönen. Dann, beim nächsten Blitz, sieht sie die Silhouette des Mannes vor ihrem Bett. Sie kann das blutverschmierte Gesicht ihres toten Vaters erkennen. Sie schreit. Panikartig greift sie zum Lichtschalter. Sie schaltet das Licht ein und findet sich alleine in ihrem Schlafzimmer wieder“.
„Sollen wir den Nachtfilter auf die Linse schrauben?“, fragt der Aufnahmeleiter.
„Nein“, erwidert Sloan. „Ich will diese künstlichen Effekte nicht. Heather soll sich in die Situation versetzen. Macht alles so dunkel wie irgend möglich, aber zeig mir einen Screenshot, bevor ihr anfangt zu drehen. Es soll wie eine normale Gewitternacht aussehen. Nein, scheiß auf den Screenshot, macht einfach!“.
Der Aufnahmeleiter nickt und leitet die entsprechenden Anweisungen an den Kameramann und die Tontechniker weiter. Das Licht am Set wird abgedunkelt, die Regenmaschine angestellt.
Kurze Zeit später kommt Heather, nun im roten Pyjama, aus der Maske zurück. Sie geht zurück an den Set und klettert ins Bett. Alles ist bereit für die Szene.
„Also“, bellt Sloan durch das zur Hand genommene Megaphon. „Alles auf seinen Platz. Los geht’s!“
Der Regieassistent stellt sich vor die Kamera. Er hält die Klappe vor die Linse.
„Gewitter im Schlafzimmer, die Erste“, sagt er und schlägt die Klappe zu.
„Uuuund Action“, ruft Sloan und lehnt sich entspannt in seinen Regiestuhl zurück. Er lehnt sich zurück in der Gewissheit, die für sein Filmprojekt am besten geeigneten Leute engagiert zu haben. Heather ist ein Goldesel, denkt er. Sie sieht süß aus, und doch strahlt sie etwas Dunkles, Geheimnisvolles aus. Die beste Besetzung für einen Horrorfilm.
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Für einen Europäer, der das leidende afrikanische Volk nur aus dem Fernsehen kennt, ist es schwer vorstellbar, dass diese Angehörige des Mbnosa Stammes eine eigenständige Identität hat. Für ihn ist diese Frau nichts weiter als eine von tausenden und abertausenden Afrikanerinnen, die seelenlos vor sich hin vegetieren und das Bewusstsein eines verendenden Tieres haben. Gefühle und Erinnerungen kann man sich bei dieser Frau und ihrem Kind nicht vorstellen. Für den Europäer sind diese kranken Wesen nichts weiter als eine mit niederen Instinkten ausgestattete Spezies. Sie haben keine Kultur, keine Vergangenheit und erst recht keine Zukunft. Daher rührt auch die Gleichgültigkeit eines Europäers, wenn er im Fernsehen diese Bilder unter die Nase gerieben bekommt. Er empfindet mit diesen Menschen nicht mehr Mitleid als mit einer sterbenden Eintagsfliege.
Die Frau aber hat eine Identität. Sie hat dreißig Jahre unter ihresgleichen gelebt. Sie hat eine Erinnerung an ihre eigene Kindheit, an die Güte und Wärme ihrer Mutter, an schöne Tage und an schlechte Tage. Sie hat eine Erinnerung an ihren Mann, Adetokunbo, der für sie und ihr Kind gesorgt hat bis er an schlechtem Wasser starb, sie erinnert sich an Babafemi, den Medizinmann, der
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