Racheengel
von
Johannes Beck
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Racheengel
Ich traf ihn im Park am Fluss. Ich saß gerade auf einer Parkbank und blickte gedankenverloren auf den East River hinaus. „Darf ich mich zu ihnen setzten, Sir?“, fragte er höflich. Ich sah hoch und blickte in ein klassisches gutaussehendes Männergesicht: stahlblaue Augen, dunkelblondes Haar – schulterlang –, ein Mund mit schmalen Lippen, von einem Bart umrahmt. „Natürlich, Herr, setzt Euch.“, erwiderte ich zu meinem eigenen Überraschen.
Die Anrede „Herr“ schien ihm zu gefallen, denn er lächelte mich an.
„Wie ich sehe, habe ich mich nicht in Ihnen getäuscht.“ Ich runzelte die Stirn und wunderte mich über seine Worte. Erklärend fügte er hinzu: „Ich habe sofort vermutet, dass Sie ein netter Mensch sind, der gern bereit ist, die Bank mit einem wildfremden Menschen zu teilen. So jemanden findet man nicht mehr so häufig in dieser angstvollen Zeit.“
Ich lachte verlegen. „Danke, ich nehme das als Kompliment. Aber sagen Sie, warum sind Sie gerade zu mir gekommen? Ich sehe dort drüben noch zehn freie Bänke.“
„Nun, Sie wirken sympathisch und gleichzeitig einsam. Sie sind vertrauenswürdig. Und ich brauche jemanden der mir zuhört.“
„Sie sind ein guter Menschenkenner. Was liegt Ihnen denn auf dem Herzen?“
„Ich bin kein guter Mensch, wissen Sie. Es ist so: zwei meiner Freunde haben mit einer Frau schlechte Erfahrungen gemacht. Es war ein und die selbe Frau. Sie hat sie ausgenutzt und deren Zuneigung bespuckt. Für beide war es ein schwerer Schritt sich von ihr zu lösen.
Nach und nach haben meine Freunde mir die ganze Geschichte eingeweiht. Und was ich da zu hören kam...Donnerwetter, so etwas wünscht man niemandem, dass kann ich Ihnen sagen!“
Er machte eine kurze Pause, in der ich Gelegenheit hatte, meine Gespanntheit zu äußern.
„Und weiter, was passierte dann?“
„Ich habe einen Entschluss gefasst. Kennen Sie Geschichten von Racheengeln?“ Ich nickte, während er sofort fortfuhr. „Ich habe Beschlossen, meine beiden Freunde zu rächen. Es war ein spontaner Entschluss, muss ich sagen, denn ich traf besagte Frau beim Einkaufen. Sie rannte in mich hinein und zerstreute einige Dinge, die ich dabei hatte, auf dem Boden. Überschwänglich entschuldigte sie sich und lud mich auf einen Kaffee ein. Ich nahm an. Wir gingen. Während ich mit ihr im Café saß, kam mir die Idee und ich zog sie sofort durch.
Ich fragte sie allerlei Dinge, machte ihr Komplimente und schließlich bot ich ihr an, sich öfters mal nach der Arbeit zu treffen, um gemeinsam einen Kaffee zu trinken oder so etwas ähnliches. Sie widerstand mir nicht. Und so kam es dann auch. Einige wochenlang trafen wir uns, unterhielten uns mit belanglosem Gelaber und schlürften Cappuccino. An einem Freitag Abend traf ich sie dann im Piers. Sie freute sich mich zu sehen. Wir tanzten sehr viel gemeinsam an diesem Abend, tranken einige Cocktails miteinander. Und dann brachte ich sie nach Hause. Wir schliefen miteinander.
Am nächsten Morgen gingen wir Frühstücken und sie wollte wissen, ob ich dauerhaft ihr Freund sein wollte. Ich bejahte dies, immer noch mit der Absicht, meine Freunde zu rächen.
Vier Monate lang waren wir ein Paar. Die Harmonie zwischen uns war echt. Ich spürte, dass ihr ernsthaft an mir gelegen war. Ich persönlich wurde immer noch von Hass angetrieben.
Nach den ersten drei Monaten begann ich sie zu betrügen. Mit allen möglichen Mädchen und Frauen, die ich kannte. Es waren insgesamt vierzehn in 36 Tagen. Als letztes schlief ich mit ihrer besten Freundin, die ich total betrunken auf einer Party traf. Als sie am Morgen danach nackt neben mir aufwachte, erschrak sie zutiefst. Natürlich müsse das unter uns bleiben, sagte sie. Doch ich erzählte ihr, was ich in den letzten Wochen so getrieben hatte. Jetzt war sie schockiert und auch erzürnt über so viel Niedertracht. Ich hatte ihr natürlich nicht den Grund meines Verhaltens erzählt und so hielt sie mich einfach nur für ein Riesenarschloch.
Am nächsten Tag rief mich meine Freundin unter Tränen an und fragte mich, warum ich sie so betrogen hätte und warum ich ihr das Herz gebrochen hätte und erzählte mir, dass wir doch ein so tolles Paar gewesen wären und dass sie mich liebte. Ich legte auf, nachdem ich ihr einen Satz hingeschmettert hatte: Denk mal über deine eigene Hinterhältigkeit nach. Dann war für mich die Sache erledigt.
Das einzige, das ich noch tat war, den beiden betrogenen Freunden meine Taten zu erzählen. Sie lobten mich und sagten, es gäbe doch noch eine Gerechtigkeit in der Welt. Sie erzählten es weiter und gestern kam ein Anruf. Der Herr am Apparat fragte mich, ob ich seine Exfrau genauso behandeln könnte wie, meine eigene Exfreundin, er würde gut dafür zahlen. Sekundenlang war ich baff. Dann sagte ich, ich müsse darüber nachdenken und er solle in zwei Tagen wieder anrufen.“
Er war so in seiner eigenen Erzählung gefangen, dass er nur noch gedankenverloren vor sich hin starrte und nachdachte. Ich war ehrlich überrascht, so eine Geschichte zu hören, die angeblich auch noch wahr sein sollte.
„Was soll ich tun?“, fragte er mich. In seinen blauen Augen stand ehrliche Ratlosigkeit.
„Ich denke, dass ist Ihre Entscheidung. Ich will Ihnen da nicht hineinreden. Aber eines will ich Sie fragen: Möchten Sie jemals eine Familie haben? Denn wenn ja, so sollten Sie aufpassen, dass Sie irgendwann nicht einmal eine perfekte Ehefrau für sich für Geld betrügen, nur um anderen Leuten Genugtuung zu verschaffen.“
Er blicke mich an, in seinen trüben Augen keimte ein Funken Hoffnung. Er nickte, als ob er mir zustimmen würde. Dann sagte er: „Ja, dass hat mir geholfen. Danke.“
„Gern geschehen.“
Wir saßen noch stundenlang nebeneinander auf der Parkbank am East River, kannten uns nicht, wussten nicht den Namen des Anderen und doch verband uns ein stilles Einvernehmen, das man nicht erklären kann.
Irgendwann fragte ich ihn:
„Und, wie haben Sie sich entschieden?“
„Ich suche mir eine perfekte Ehefrau und spiele nicht weiter mit den Gefühlen von anderen Menschen, denn ich möchte nicht, dass mir das einmal passiert.“
Dann schwiegen wir wieder, solange, bis die Sonne im Westen unterging und die Nacht hereinbrach. Dann erhoben wir uns schweigend, schüttelten einander die Hand und jeder ging seiner Wege.
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Kommentare
franke, sina schrieb am 2007-11-26 17:30:07:
ich habe deine geschichte kritiesiert, aber unter deinem anderem namen, nicht das du es nciht ließt : )
lg sina
Shakti1420 schrieb am 2007-08-19 19:43:44:
Eins muss man dir lassen, deine beiden Storrys sind wirklich vom feinsten!
ich hoffe du schreibst fleißig weiter.
Gesselschaftskritik ist noch immer viel zu selten und wenn es schon einmal welche geben sollte, dann wird sie ignoriert.
Aber bitte lass dich nicht in diese Spaßgesellschaft einordnen, nur um großen erfolg zu haben.
mfg
Shakti1420
SchwarzeEngelsRose schrieb am 2007-03-06 17:53:11:
Deine Geschcihte ist sehr gut.. ich bin nur durch zufall draufgestoßen.. die Überrschrift hat mich gelockt^^ Eine wirklcih schöne geschichte...
bye bye Sarah
Vanessa Bloch schrieb am 2007-03-06 08:35:47:
Schöne Geschichte mit einem lehrreichen Inhalt
pinkyrose schrieb am 2007-03-05 19:43:53:
Schöne Geschichte! Der Schluss gefällt mir sehr gut...
lg pinky
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