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Kategorien > Fantasy&Märchen > Fantasy

Rave&Kria: The Legend

von Mary

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Rave & Kria
- The Legend -

“Mist!” fluchte ich und stellte die Heizung in meinem kalten Auto noch etwas höher. Ich befand mich auf dem Weg zu meiner Urgroßmutter, einer rüstigen Rentnerin von 80 Jahren, bei der ich zurzeit wegen meines Studiums lebte. Es war schon spät und daher ziemlich dunkel. Seufzend stellte ich das Radio an. Eine weibliche Stimme berichtete gerade über das Wetter der nächsten Tage. Ich hörte nur mit halbem Ohr hin. Gähnend versuchte ich mich auf die Straße zu konzentrieren. Ich war völlig übermüdet. Schließlich war ich den ganzen Tag in der Universität gewesen und hatte an einem Projekt über altenglische Literatur gearbeitet. Ich und die anderen Studenten waren so damit beschäftigt gewesen, dass wir nicht gemerkt hatten, wie die Zeit verflog. Meine Urgroßmutter machte sich bestimmt schon Sorgen. In meiner Familie hatten alle recht früh Kinder bekommen. Bis auf meine Mutter führten auch alle eine recht glückliche Ehe. Mein Vater lebt zurzeit mit einer netten Frau zusammen. Er ist furchtbar stolz auf mich. Er ist zwar nicht so glücklich, dass ich Literatur studiere, doch es freut ihn, dass ich überhaupt studiere. Das liegt wahrscheinlich daran, dass ich nie sonderlich gut in der Schule war. Es interessierte mich einfach nicht. Mich faszinierten nur zwei Dinge: Bücher und Geschichten. Alles andere war mir eigentlich egal. Einer meiner liebsten Bereiche der Literatur waren Sagen und Legenden. Meine Urgroßmutter war daran schuld. Als ich klein war, verbrachte ich viel Zeit bei ihr. Sie erzählte mir sämtliche Sagen und Geschichten über das Dorf und die Umgebung. Ich bekam nie genug davon und war wie besessen. Wir saßen oft stundenlang vor dem kleinen Kamin in der Küche. Ich hörte zu, unterbrach sie, stellte Fragen. Nur zu oft gerat meine Urgroßmutter in Erklärungsnot. Meist lauteten meine Fragen so: Warum? Wieso hat sie das getan? Wo liegt dieser Ort? Einer meiner liebsten Geschichten war eine sehr alte Legende, von der meine Urgroßmutter bis heute behauptet, dass sie wahr sei. Es geht darin um zwei Mädchen die die Tore zur Geisterwelt hüten. Die eine Wächterin heißt Rave, die andere Kria. Rave wird als Rabe dargestellt und Kria als weiße Taube. Es heißt, wenn eine der beiden stirbt, dann werden die Welten zusammenstoßen und in ein entsetzliches Chaos stürzen. Dann werden die Welten sterben. Dann stirbt die Zeit, weil keine Wesen mehr sind, die sie ausleben könnten. Und dann stirbt auch der Raum, weil es keine Wesen mehr gibt, die sie bevölkern könnten. Ich finde die Sage bis heute wundervoll dramatisch. Vermutlich ist deshalb meine Lieblingsgeschichte. Schade, dass sich meine Großmutter und meine Mutter nicht dafür interessieren. Ich drehte das Radio etwas lauter und dachte über die Legende nach. Es war schade, dass sie schon so alt war. Ich würde gern mehr darüber wissen. So in meinen Gedanken versunken hielt ich an der Kreuzung an. Meine Urgroßmutter lebte in einem abgeschiedenen kleinen Dorf. Deshalb dauerten die Fahrten immer etwas. Ich sah Scheinwerfer hinter mir und wollte gerade nach links abbiegen, als ich etwas Weißes aufblitzen sah. Neben der vor mir liegenden Straße waren zwei dicke Holzpfähle. Und auf dem einen saß eine weiße Taube und starrte mich an. Ich erschrak heftig und bremste. Entsetzt starrte ich auf die Taube. Und dann sah ich den Raben auf den anderen Pfahl. Fassungslos und voller Angst starrte ich auf das Bild vor mir. Mein Herz raste und der Fahrer hinter mir hupte wütend. Ich zitterte stark und versuchte nicht auf die starrenden Vögel zu blicken. Mit verkrampften Händen umfasste ich das Lenkrad und bemühte mich um Ruhe. Doch es gelang kaum. Wieder ertönte ein Hupen und ich bog nach rechts ab. Ich wusste, dass es die falsche Richtung war, aber es war mir in diesem Moment egal, denn ich spürte die Blicke der Vögel. Mir war eiskalt. Meine Augen wanderten nach links, wo der Rabe saß. Er sah mich direkt an. Ich hatte das Gefühl, das er genau wusste was er tat. Mit heilloser Panik trat ich in die Pedale und fuhr davon.

Als ich nach einer Stunde endlich bei meiner Urgroßmutter ankam, war ich noch immer fertig mit meinen Nerven. Ich trank einen selbst gemachten Kräutertee von meiner Urgroßmutter und erzählte ihr, was ich erlebt hatte. Sie sah mich erstaunt an und am Schluss lächelte sie. “Sie passen auf dich auf.” “Sie haben keinen Grund dazu.” sagte ich verächtlich, weil meine Urgroßmutter immer noch an die Sage glaubte. “Oh, doch das haben sie. Du liebst ihre Geschichte und die Charaktere, die darin vorkommen. Also Rave und Kria. Und das wissen sie. Das schätzen sie nun mal. Und darum passen sie auf dich auf.” lachte sie mit ihrer Alten-Frauen-Stimme. Kopfschüttelnd legte ich mich in mein Bett und versuchte zu schlafen.

Am nächsten Morgen war ich noch immer verwirrt über die gestrigen Erlebnisse. Meine Urgroßmutter schlief immer lange und so frühstückte ich immer alleine. Ich holte die Zeitung und setzte mich mit Müsli und einer Tasse Tee an den Tisch um sie zu lesen. Gerade als ich an meinem Tee nippen wollte, stach mir ein kleiner Artikel ins Auge:


Schwerer Unfall auf Landstraße

Gestern Nacht ereignete sich auf der Straße zwischen der Stadt und dem Dorf Rainfield ein schwerer Autounfall. Ein Lastwagen raste ungebremst in einen dunkelblauen Toyota. Der Insasse, ein 54-jähriger Mann aus der Stadt, starb auf der Stelle. Der Fahrer des Lastwagens starb auf dem Weg zum Krankenhaus. Die Polizei geht davon aus das in dem Lastwagen die Bremsen aus bisher ungeklärter Ursache nicht funktionierten.


Ich fing an stark zu zittern und verschüttete dabei den heißen Tee. Wäre ich nicht vor lauter Panik nach rechts abgebogen, wäre ich jetzt tot. Und da ich einen Umweg gefahren war, war ich auch nicht an der Unfallstelle vorbeigekommen. Tränen liefen mir die Wangen hinunter. “Das kann nicht wahr sein!” Ich sah auf und sah einen Raben vor dem Fenster sitzen, der nun erschrocken davonflog. Immer noch zitternd stand ich auf und ging zur Tür hinaus. Auf dem großen, kahlen Baum saßen eine weiße Taube und ein Rabe, die mich anblickten. Es war ein kühler, grauer Herbsttag. Der Wind blies kräftig und die Wolken kündigten baldigen Schnee an. Einzelne Blätter flogen durch den Garten. Ich sah zu den Vögeln, die über mich wachten. Es war einkomisches Gefühl hier zu stehen. “Danke.” Meine Stimme war nur ein Flüstern. Wie auf ein Stichwort flogen meine Wächter davon. Ich sah ihnen hinterher, wie sie in verschiedene Richtungen schwebten. Überwältigt von den Geschehnissen ging ich ins Haus und schloss die Tür.

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