Ravioli
von
Dirk Wenzel
Es begann, wie es immer begann. Josefs Wecker klingelte, aber er blieb wie immer noch einige Minuten liegen um die wohltuende Wärme seines Bettes noch voll auszukosten. Meistens blieb er solange liegen, bis er einfach aufstehen musste um seinen Bus in die Schule nicht zu verpassen. Ein Gedanke half ihm immer auf die Sprünge; der Gedanke, dass er mit jedem Tag seinem Schulabschluss immer näher kam.
Dieser Gedanke erfüllte ihn nicht nur mit Freude und Hoffnung, sondern er verspürte immer eine unterschwellige Angst vor der Zukunft, vor seiner Zukunft. Was sollte er nach dem Abitur machen? Er wusste nichts mit sich anzufangen.
Während er so seinen Gedanken nachhing, erreichte der Bus den Bahnhof und Josef machte sich auf den Fußweg zur Schule.
Die Aula war schon voller Leben; Irgendwelche Kleinen aus der Unterstufe gingen fröhlich schreiend irgendwelchen sinnlosen Spielen nach. Ein paar Lehrer führten Aufsicht und kontrollierten, dass die Kleinen es nicht gar zu toll trieben.
Dies alles lief an Josef vorbei. Das Schreien drang nur gedämpft an sein Ohr. Die Teilnahmslosigkeit hatte Besitz von ihm ergriffen. Niemand schien ihn zu bemerken. „Wenn ich hier nackt durch laufen würde, würde es auch niemandem auffallen“, schmunzelte Josef und es zeigte sich ein kleines Lächeln auf seinem steinernen Gesicht.
Der Schultag verlief ereignislos. Einige Lehrkräfte meinten, sie müssten ihn wegen seiner Geistesabwesenheit tadeln. Als ob ihm das nicht egal wäre! So was brachte ihn nur noch mehr runter. Die Einsamkeit machte ihm sowieso schon genug zu schaffen. Die Einsamkeit und das Gefühl nicht anerkannt zu sein. Er war wohl zum Looser-Dasein bestimmt, da führte wohl kein Weg dran vorbei. Er sehnte sich schon seit Ewigkeiten nach einer Freundin. Aber wie sollte er eine abbekommen, wenn er mit sich selbst nicht im Reinen war? Und wenn ihn schon mal ein Mädchen ansah, vermasselte er sich alles durch seine Schüchternheit und seine Unfähigkeit mit fremden Personen zu sprechen.
Josef entschied sich heute nicht mit dem Bus nach Hause zu fahren, sondern die drei Kilometer bis zu der Wohnung seiner Mutter, mit der er nach der Scheidung seiner Eltern allein zusammen lebte, zu Fuß zurück zu legen.
Der Schulgong gab das Zeichen, dass es für heute überstanden war. Stühle wurden krachend auf Tische gestellt, lärmend liefen seine Mitschüler an ihm vorbei, ein Lehrer blockierte mit einem mobilen Fernsehgerät den Gang. Geschrei der Kleinen, Murren der Großen.
Endlich ging es weiter. Scheiß egal, ob er fünf Minuten früher oder später daheim ankam. Es erwartete ihn sowieso niemand. Seine Mutter war wie jeden Tag bis gegen 17.00 Uhr in ihrem kleinen Kleidergeschäft in der Innenstadt.
Er nahm die Abkürzung über den Feldweg. Eine riesige Pfütze versperrte ihm den Weg. Brauner Schlamm verdreckte seine Schuhe. Er sperrte die Wohnungstür auf, knipste das Licht an und setzte sich vor den Fernseher. Nur Schrott im Fernsehen. Josef entschloss sich eine Konservendose aufzuwärmen. Er entschied sich für Ravioli. Nach einer Weile brodelte der Inhalt des Topfs. „Was für eine Henkersmahlzeit!“, dachte sich Josef. Ravioli aus der Dose! Es schmeckte genauso fade und lustlos wie sein Leben war.
Nach dem Essen stellte er den Teller in die Spüle, zog sich seine Schuhe an und bestieg sein Fahrrad.
Die Fahrt dauerte etwa acht Minuten, dann befand er sich mitten im Wald auf einer alten Holzbrücke. Unter ihm eine 20 Meter tiefe Schlucht.
Ihn schwindelte, als er auf das Geländer stieg. Der Wind pfiff ihm um die Ohren.
Ein Vogel stieß einen Schrei aus, als er sich vom Holz des Geländers abdrückte.
Dann löschte jemand das Licht.
Kommentare
Laura-Teufel@web.de schrieb:
nicht schlecht gemacht ... ich kann mich ziemlich gut in Josef hineinversetzen ... seine eindrücke von der schule finde ich richtig gut geschildert!
webmaster@kaktuswelt.de schrieb:
Ich finde keine Beweggründe für einen Selbstmord. Tut mir Leid, es geht vielen Menschen so wie dem Protagonisten, aber deswegen bringt man sich nicht einfach um.
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