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Kategorien > Science Fiction >

Regen auf Tyche

von Winki

Der Zeitlümmel
Dabei war das Mädchen verteufelt hübsch. Trotzdem schäumte er vor Wut.
"Bitte beruhigen Sie sich !" Eine unsichtbare sanfte Gewalt
drückte ihn in den Sessel. "Ihr Name ?"
"Saconava !" Er presste die Silben hechelnd hervor. Der verdammte Druck
erschwerte den Atem.
"Es ist zu Ihrem und unserem Schutz, sobald sich Ihre
Herzfrequenz normalisiert hat, nehme ich den Gravidruck
weg. Versuchen Sie sich zu entspannen." Der Chronos-
mensch sprach gleichmäßig freundlich.
Saconava aber wollte sich nicht beruhigen. Er erinnerte
sich an den Unterricht in Autosuggestiver Infiltration. Der
Meditus hatte die gleichen Töne draufgehabt.
"Das liegt in Ihrer Zeit", plauderte der Chronosmensch
unbeirrt weiter. "Sie nennen es Freiheitsbestreben. Wir Jetzigen
sagen dazu übersteigerte Indivsucht! Eine historische
Krankheit sozusagen, da hilft die Autosuggestive Infiltration
nur wenig. Das baut sich erst mit den Jahrhunderten ab.
Wir Jetzigen habens überwunden. Wir sind einfach so."
"Hören Sie endlich auf", keuchte Saconave.
"Ja dann ?" Der Chronosmensch überlegte, war unsicher.
"Leider !" sagte er endlich, "es muß doch sein", und ging hinüber
zur weißen Fläche, auf deren unterem Rand eine Reihe
von Knöpfen blinkte. Einen davon betätigte er. "Gleich werden
Sie sich angenehm beschwingt fühlen."
"Nichts wird...ich muß mich, glaube ich...verd.....Was
war mit mir?" Saconava blickte sich um, strahlend, ruhig, fröhlich, heiter.
"Sie waren erregt. Ihre Indivsucht hatte Sie im Griff. Leider
muß ich Psychowellen benutzen. Wir tun das nicht gern.
Psychowellen sind künstlich, wir Jetzigen lieben das Natürliche.
Wir sind einfach so. Aber ihr in eurer Zeit. Wenn man
bedenkt, daß auch wir nichts weiter sind als eure Nachfahren...."
"Da bin ich vielleicht Ihr Urururur.....usw......opa?" Saconava lachte.
"Wer kanns wissen! Also dann: Opa! Kommen wir zur Sache.
Es liegt was gegen Sie vor...ja, wenn wir verwandt
sein könnten, will ich mal du sagen. Einverstanden ?"
"Einverstanden, ich heiße Egon !"
"Und ich Chrons !"
"Ulkiger Name ?"
"Es ist wegen meiner Tätigkeit. Wir haben die Uraltbräuche
wiederaufleben lassen. Man hat Sie - Verzeihung -, dich
wohl nicht über unsere Zeit aufgeklärt ?"
"Nein! Wir sind der Ansicht, daß die Zukunft uns gegenüber
verpflichtet ist, denn ohne uns wäre sie nicht vorhanden."
"Ja, ja, wir kennen euren Trugschluß. Du bist nicht der erste
mit dieser Anmaßung. Entschuldige übrigens, wenn ich für
dich zu ehrlich sein sollte, aber wir Jetzigen sagen, was wir
denken. Wir können nicht mehr anders. Wir sind einfach so."
Normalerweise wäre Saconava jetzt explodiert, wie eine
Rakete mit Extraschock. Aber unter dem Einfluß der Psychowellen
nahm er die Wahrheit entgegen, als hätte man ihm Schlagsahne gereicht.
"Ich weiß, ich weiß", sagte er fast fröhlich, "ihr Jetzigen,
ihr seid einfach so."
"Das sind tausend Jahre, die zwischen uns liegen", sagte
Chrons. "Mensch bleibt eben nicht Mensch ! Alles ist im
Fluß. Auch Moralnormen ändern sich, wenn auch sehr zögerlich,





womit wir dann beim Thema wären. Vermutlich weißt du nicht einmal,
warum du hier bist ?"
"Ja, wo bin ich überhaupt ?"
"Dies hier ist eine Interrogationskammer im Chronocenter,
und ich habe die Beschwerde der Dame zu untersuchen. Wir
wollen ja mit euch auskommen.Vielleicht erzählst du mir die
Geschichte aus deiner Sicht ?"
"Aber gern", hörte sich Saconava sagen und wunderte sich
nicht mehr über die Willfährigkeit. "Das war also so. Ich
kam hier richtig bei euch an - deine Vermutung mit den
tausend Jahren stimmt genau ! Ich habe genau die Eintau-
send-Jahre-Reise gebucht. Natürlich war ich erstmal etwas
benommen, trotz der drei Tage Training. Aber nicht lange.
Meine Beine liefen fast von selbst auf diesen eigenartigen
Wegen..........
"Rolloirs....."
"Aha....., und dann lief mir auf dem entgegenkommenden
Rolloir die freundliche Dame direkt zu. Liebe auf den ersten
Blick sozusagen, und ich bin also auf ihr Rolloir überge-
sprungen, und sie fing mich mit ihren wunderschönen Armen
auf. Was muß ich da denken ? Also hab ich ihr gesagt, daß
sie mir gefällt. Soweit sind wir auch schon, daß wir uns die
Wahrheit sagen."
"Dann sieh dir bitte die Wahrheit an." Chrons ließ die
weiße Fläche an. Für kurz tanzten ein paar Schatten und
Blitze darüber, und dann erschien das Roööoir. Nur wenige
Passanten waren unterwegs. Plötzlich materialisierte sich Sa-
conova.
"So sieht das also aus !" Saconava war echt beeindruckt -
und verwundert. "Wieso könnt ihr meine Ankunft aufzeich-
nen ? Wißt ihr denn, wann einer ankommt ?"
"Wir wissen !" Chrons lächelte freundlich. "Nachdem`s ein
paarmal Ärger gab, haben wir uns das Zeitradar einfallen las-
sen."
Das Bild auf der Sichtwand, während des kurzen Zwi-
schengesprächs automatisch angehalten, lief weiter:
Saconava glitt auf dem Rolloir vorwärts, orientierte sich,
und da tauchte auf dem Gegenrolloir auch schon die freund-
liche Dame auf. Es war zu sehen, daß sie Saconava neugierig
betrachtete.
"Na bitte ! Sie beglupscht mich !" sagte Saconova.
"Erklärlich", kommentierte Chrons, "schließlich begegnet
man nicht täglich einen Vorfahren !"
Aber es war auch das begehrliche Funkeln in Saconavas
Augen zu beobachten. Liebe auf den ersten Blich hatte er es
genannt, aber das dort war ein unverschämtes Anlüstern !
Als sich beide fast in gleicher Höhe bewegten, ließ
sich der Bericht Saconavas, bis auf verständliche Auslegungs-
differenzen, durchaus noch als sachlich bezeichnen.
Dann aber wurde die Situation eindeutig.
Saconava sprand danz richtig und mit Absicht - das hatte
er auch nicht geleugnet - aufs Gegenrolloir. Ein recht küh-
nes Unterfangen, denn fast wäre er gestürzt, und der freund-
lichen Dame blieb gar keine Wahl, wenn sie nicht einen Un-
fall verschulden wollte: sie mußte ihn auffangen, aber nicht
aus Liebe, sondern aus menschlicher Hilfsbereitschaft, und
Saconava nutzte die Situation eindeutig aus.
"So ein Zufall aber auch ! Wollen wir gleich oder später?"
hörte sich Saconava sagen, und das Bild erlosch.
Forschend betrachtete Chrons seinen Vorfahren, leicht
vorwurfsvoll sogar, doch der, nach wie vor unter Psychowel-
leneinfluß, blickte treuherzig und freute sich obendrein
noch. "Nun hast du es selbst gesehen, Chrons. Alles wie
ich es gesagt habe. Jetzt mußt du mir glauben. Warum be-
schwert sie sich, wenn sie mich doch mit offenen Armen emp-
fängt ?"
"Knüpft ihr bei euch auf diese Art Bekanntschaften ?"
"Nein !" sagte Saconava, "wir haben ja keine Rolloirs ! Eine
prächtige Erfindung. Aber wenn du wissen willst, ob wir un-
geniert Freundschaften schließen, dann kann ich das nur be-
stätigen. Wir machen da nicht viel Umstände:"
"Und eure Frauen lassen sich das gefallen ?"
"Wir haben doch Gleichberechtigung !" sagte Saconava, der
diese Frage ganz und gar nicht verstand.
"Ich weiß, ich weiß !" Chronos nickte eifrig. "Du bist ja nicht
der erste aus dieser Zeit. Vermutlich sind eintausend Jahre
menschlicher Entwicklung doch nicht ohne weiteres zu über-
brücken. Jedenfalls hat sich die freundliche Dame beschwert.
Hören wir uns an, wie sie den Vorgang beschreibt."
Diesmal erschien die freundliche Dame auf der Sicht-
wand, und Saconava pfiff ungeniert seine Anerkennung.
"Verteufelt hübsch aber auch."
"Das ist nun in der Tat unleugbar die Wahrheit"; bestätigte
Chrons.
"Der Zeitlümmel hat mich belästigt", sagte aber die freund-
liche Dame. "Ich fing ihn hilfsbereit auf, als er in unverant-
wortlicher Weise die Rolloirs wechselte - dabei war der
nächste Übergang nur zwanzig Meter entfernt -, und statt
mir dankbar zu sein, hat mich dieses männliche Fossil umfas-
send betatscht. Dazu trug er mir den baldigen Beischlaf
an."
"Ein Mißverständnis"; Saconava wies die Anschuldigung
weit von sich. "Ein absolutes Mißverständnis."
"Du erhebst Einspruch ?"
"Natürlich erhebe ich Einspruch. Sie stellt das vollkommen
subjektiv dar. Bei allen Respekt vor euch, aber mir scheint
da eine ganze Menge Prüderie lebendig zu sein. Wir hatten
solche Perioden auch immer mal wieder. Da hat sich wohl
gar nichts verändert:"
Aber auf dieses Thema ging Chrons nicht ein. Er kannte
die Ansichten von Saconavas Zeitgenossen. "Immer dasselbe",
seufzte er, mehr für sich. "Also sehen wir uns den entscheidenden
Moment noch einmal an und in Großaufnahme."
"Da bin ich aber neugierig!"
Das Bild rollte in bekannter Weise ab, aber als Saconava
zum Sprung ansetzte, um aus Gegenrolloir zu kommen,
drehte Chrons einen kleinen Knopf, und das hatte große
Wirkung. Rasens schnell erschien ein Ausschnitt, und
merkwürdigerweise genau der Ausschnitt, in dem die Hand
Saconavas unter den Rock der freundlichen Dame rutschte.
"Aus Versehen", stotterte Saconava, von der Gekonntheit
seines Griffs selbst verblüfft. Schließlich sah er sich selbst
zum ersten Mal in Aktion.
"Da wird sich kaum was regulieren lassen, oder erhebst du
immer noch Einspruch?"
"Nein!" Saconava sprach fest und bestimmt. Ich sehe ein,
man kann es so auslegen!"
"Schön, daß du das einsiehst, ich muß dich nämlich internieren,
und das kann und darf ich nur, wenn deine Einsicht zu
Protokoll geht. Wir sind nun einmal so."
Normalerweise hätte Saconava nun auf sein Recht und
sehr lautstark gepocht: -Der Gast ist König. - Gastfreundschaft
ist heilig. - Ich bin Gast und wer ist mehr. - So war
er es gewohnt, aber die Zukunft besaß die Psychowellen.
Was er von sich gab, war nur ein gedämpfter Abglanz des
Wutausbruches, dessen er fähig war.
"Internieren? Was heißt hier internieren? Wenn ihr mich nicht
haben wollt, dann schießt mich zurück. Ich bin einverstanden.
Sehr sogar!"
Chrons seufzte.
"Leider! Da ihr ja inzwischen auch ins Zeitreisealter getreten
seit, dürfte euch bekannt sein, daß die Chronotismen
vorwärtskonstant sind, also nur aus der Abschußzeit zu dirigieren."
"Ich dachte, ihr hättet die reziproken Chronotismen
inzwischen entdeckt?"
"Ich weiß, ihr sucht sie noch. Aber die Naturgesetze lassen sich
nicht umstoßen."
"Ja dann?" Saconava breitete beide Arme zum Offenbarungseid aus.
"Ich brauche deine Einsicht!"
"Was soll ich denn verd...noch...., na ja, was soll ich begreifen?"
"Du sollst mit deiner Internierung einverstanden sein."
"Niemals", antwortete Saconava.
"Noch einmal also deinen Bericht."
"Ich habe alles gesagt."
"Hör es die an!"
Die Sichtwand füllte sich und gab den Bericht Saconavas
wieder, der sich nun sozusagen selbst gegenübersaß.
"Das war also so"; begann der Sichtwand-Saconava, "ich
kam hier richtig bei euch an - deine Vermutung mit den
tausend Jahren stimmte genau, ich hatte genau eine Eintau-
send-Jahr-Reise gebucht. Natürlich war ich erst mal etwas
benommen, trotz der drei Tage Training..."
Saconava freute sich über die sachliche Darstellung. Jetzt
gleich mußte die Begegnung mit der freundlichen Dame
kommen. "...und dann lief mir auf dem entgegenkommenden
Rolloir dieses Flittchen direkt zu..."
"Moment mal..."
Das Bild hielt wieder automatisch an. Toll ! dachte Saconava
und protestierte. "Das habe ich nicht gesagt!"
"Aber gedacht, mein Lieber! Gedacht! Du hast unter Psy-
chowelleneinfluß ausgesagt, mitgeschnitten wird aber grundsätzlich
über Entzerrer. Wir sind für die Wahrheit, aber das sagte
ich wohl schon. Bitte..."
Um den Anschluß zu erhalten, wiederholte die Automatik
ein Stück der Aufzeichnung, und Saconava hörte sich ein
zweites Mal mit dem schönen Satz.
"...auf dem entgegenkommenden Rolloir dieses Flittchen
direkt zu. Was fürn Lustkörper, dachte ich, sozusagen auf
den ersten Blick, und da war noch mehr, ich mußte sie haben,
also rüber auf ihr Rolloir und genau so, daß sie mich
auffangen mußte. Toller Trick, was? Da konnte ich dann so
tun, als würde ich denken, sie findet mich auch dufte, und
habe mich gleichzeitig überzeugt, ob sie unterm Kleid hielt, was
sie überm Kleid versprach. Und weils so war, hab ich gleich
mal gefragt, wo wir beischlafen wollen. Soweit sind wir auch
schon, daß wir uns die Wahrheit sagen. Den Rest muß ich ja
wohl nicht noch erzählen. Die doofe Pute hat sich ja gleich
beschwert."
Die Sichtwand erlosch. Saconava schüttelte seinen Kopf.
"Nein, Chrons, mach mit mir, was du willst. Das war ich
nicht. Euer Entzerrer ist nicht genau justiert."
"Du bist nicht der erste aus deiner Zeit in meinem Interro-
gationskabinett", sagte Chrons, nach wie vor milde und
freundlich. "Euch muß man Stück für Stück eure eigene Per-
sönlichkeit entdecken lassen. Von allein kommt ihr nicht
darauf. Ich nehme jetzt gleich zur Autovisitation die Psycho-
wellen fort. Versuch dich zu beherrschen. Achtung!"
Chrons verließ sich aber nicht auf die Beherrschung, sondern
schaltete sofort den Gravidruck ein. Sacovana wurde
unbarmherzig in seinen Sessel gepreßt. Wütend versuchte er
dagegen anzukommen. "Ihr Schweine", schrie er, "ich bin
Gast in eurer Zeit. Ihr habt meine Wünsche zu respektieren.
Aber vermutlich achtet ihr die Gastfreundschaft nicht mehr.
Ihr denkt nur an euch und das euch niemand stört. Dabei
wärt ihr ohne uns einen Dreck wert, gar nicht vorhanden.
Ich verlange meine unverzügliche Freilassung und das
Flittchen dazu."
Er stöhnte, verzerrte sein Gesicht zur Grimasse, bäumte
sich auf, stieß seine Worte abgehackt und in Atemnot heraus.
Bis Chronos meinte, es würde genügen. Der Druck auf Saconava
ließ nach, und gleichzeitig stellte sich das angenehme
Beschwingtsein wieder ein.
"Bei allen Zeitgeistern", rief Saconava, "welcher bin ich
denn nun? Der von eben oder der von jetzt?"
"Beides", antwortete Chrons. "Jede Zeit fördert das in und,
was ihr gemäß ist. Sind die Umstände menschlich, wird das
menschliche gefördert..."
"Das heißt, ich lebe in einer Zeit, die das Unmenschliche
fördert? Nein. Nein. Nein. Entschuldige bitte, aber ich habe
den Verdacht, ihr manipuliert einen ganz nach eurem Belieben?"
"Du verstehst nur deine Zeit, Saconava, jeder versteht nur
seine Zeit und findet sie normal."
"Dann können wir ja niemals zusammenkommen. Chrons!
Dann wären Zeitreisen eine Unmöglichkeit?"
"Leider sind sie es nicht, das beweist der Ärger, den wir mit
euch haben. Ihr kommt ungefragt, benehmt euch wie zu
Hause und glaubt, wir müssen euch noch besonders gern
aufnehmen, verwöhnen, umsorgen. Warum nur sucht ihr uns heim?"
"Weil der Mensch im Urlaub doch was erleben will!"
"Dann ist dein Wunsch doch erfüllt! Jetzt hast du was erlebt!"
"Und das reicht mir vollkommen! Ehrlich Chrons, nimms
mir nicht übel, du bist ein netter Mensch, aber die Zukunft
ist mit - zu moralisch."
"Na siehs du!" Chrons freute sich. "Da bist du nun doch
einsichtig geworden. Wie lange hast du gebucht?"
"Drei Wochen."
Drei Wochen!- Chrons seufzte auf. Für einundzwanzig
Tage mußte man diesen Egon aus dem vorigen Jahrtausend
umsorgen, umhegen und umpflegen. Für einundzwanzig
Tage mußte man ihn beschäftigen, so daß er freiwillig auf
jede Unternehmung außerhalb seines Aufenthaltsortes verzichtete.
"Du kommst in die Kolonie deines Jahrhunderts", sagte
Chrons. "Da ist alles echt. Wir habens erhalten. Ursprünglich
war es als Museum gedacht, doch dann waren wir froh, euch
eine Umwelt liefern zu können, inder ihr euch wohl fühlt.
Wenn du Beschwerden hast, in der Rezeption findest du eine
Sprechkabine. Machs gut, Soconava, verlebe den Rest deines
Urlaubs nach deinem Wohlgefallen."
Ein duftiger Nebel hüllte Saconava ein, er fühlte sich em-
porgehoben, schwebte und fand sich nach sanfter Landung
in einer Gegend wieder, die ihm irgendwie bekannt vorkam.
"Phantastisch!" rief Saconava. "Das Hotel dort. Der
Strand, das Meer, fehlt eigentlich nur noch die Blondine von damals."
Aber dann? Stille ringsum, nur das monotone Rauschen
des Meeres. Das kann ja heiter werden, dachte er. So öde
und leer? Doch kaum gedacht, kam aus dem Hotel eine Brünette
mit klassischer Figur. Blinzelte in die Sonne, entdeckte
ihn und kam auf ihn zu.
"Auch ins Fettnäpfchen getreten?"
"Ist das hier immer so einsam?"
"Knüppeldickevoll, sag ich dir. Die schlafen bloß alle noch. Komm."
Saconava warf seine Kleider ab und begann einen Urlaub
nach seinem Geschmack.
Er briet den lieben langen Tag in der immer strahlenden
Sonne, hockte ab Sonnenuntergang in der Bar vor dem Automaten,
der auf Knopfdruck die phantasievollsten Cocktails
servierte, und nachts, nun ja, die Brünette hatte die gleichen
Vorstellungen von der Gestaltung eines Urlaubs. Schließlich
war man im gleichen Jahrhundert zu Hause.
Nur einmal in der ganzen Zeit hatte er Anlaß, die Sprech-
kabine für eine Beschwerde in Anspruch zu nehmen: Die
Frühstücksbrötchen waren nicht frisch genug. Ansonsten
schien ihm die sinnvolle Denkmalpflege seiner Nachfahren
erstklassig und der Service nicht zu übertreffen. Insofern
fand er bedauerlich, daß die Menschheit noch eintausend
Jahre benötigte, um diesen hervorragenden Stand zu errei-
chen. Nicht allerdings bedauerte er die Heimreise seiner brü-
netten Gespielin. Sie war nicht die einzige, die eine Eintau-
send-Jahr-Reise gebucht hatte.
Wenn es überhaupt eine Enttäuschung gab, dann die über
die charakterliche Entwicklung des Menschen in den eintau-
send Jahren, und er fand es demgemäß noch beachtlich, daß
man soviel Anstand wahrte, die Zeittouristen in den
Kolonien nicht zu behelligen.



Aus: Die große Reserve
"Phantastische Geschichten aus einer utopischen Zeit"
von Wolfgang Kellner
Greifenverlag zu Rudolstadt
1981

Kommentare

e-g-h@arcor.de schrieb:
Regen auf Tyche
von Winki -
Muß man das verstehen, daß jetzt ein auszug aus "Zeitlümmel" zu lesen ist?
Ich hatte eine Geschichte von "Winki" erwartet.

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