Regionalbahn ins Nichts
von
Benjamin Reuter
Der Lautsprecher auf dem Bahnsteig knackte. Es war endlich 6 Uhr 56.
"Meine Damen und Herren, es fährt ein die Regionalbahn von Gerstungen nach Fulda, bitte Vorsicht bei der Einfahrt!" schnarrte auch schon eine müde kligende Frauenstimme durch den eisigen Wind, der immer wieder leichte Schneeflocken mit sich brachte. Werner hob den Kopf, sah dann herüber in die Richtung, aus der der Zug kommen musste.
So wie jeden morgen, wenn er zur Arbeit fuhr.
Doch an einem Morgen wie diesem wäre er auch viel lieber im Bett geblieben. Er fühlte sich leicht unwohl, seine Nase zeigte die ersten, untrüglichen Anzeichen für einen Schnupfen. Dazu brummte ihm der Kopf. Er fror, obwohl er unter seinem dick gefütterten Parka einen Wollpullover trug.
Den anderen schien es nicht viel besser zu gehen. Sie gingen auf dem schneeüberwehten Bahnsteig auf und ab, um sich zu wärmen, hatten ihre Hände tief in den Manteltaschen vergraben. Einige Hüstelten oder zogen geräuschvoll ihren Naseninhalt hoch. Hin und wieder hörte er auch einen Nieser. Seit gut zwei Wochen war das Thermometer nie über die minus 10 Grad Marke gestiegen. Werner konnte es kaum fassen, das sie noch vor 5 Monaten über eine wochenlang andauernde Hitzeperiode geschwitzt und geklagt hatten.
Er sah in der beginnenden Morgendämmerung die drei Spitzenleuchten eines Zuges sich dem Bahnsteig nähern. Gemächlich rollte ein mit Grafitti besprühter
Dieseltriebwagen der Baureihe 628 in den Bahnhof. Über dem Abgashutzen auf dem Dach flimmerte die Luft in der Morgendämmerung. Der Motor ratterte leise im Leerlauf, Bremsen zischen, Radlager ächzten. Kreischend kam der Zug zum Stehen.
Begleitet von einem Surren schwangen die Schiebetüren auf, die Fahrgäste drängten hinein. Werner spürte den angenehm warmen Luftschwall, der ihn beim Einstigen umgab.
Ein müde wirkender Schaffner stand neben dem Zug und beobachtete das Einsteigen. Hin und wieder gähnte er hinter vorgehaltener Hand.
Das hier ein Zugbegleiter mitfuhr war eigentlich nicht üblich, nur sporadisch kam es mal vor, das unterwegs die Fahrkarten kontrolliert wurden.
Werner machte sich darüber wegen seines Jobtickets keine großen Gedanken, wohl aber zwei Jungs, die beim Anblick des Schaffners, schon halb eingestiegen, schnell wieder zurück auf den Bahnsteig schlichen und blickten, als könne sie kein Wässerchen trüben.
Er fand eine freie Sitzbank gegenüber einer jüngeren Frau, die am Fenster saß und ihn nicht beachtete, als er sich einfach hinzu setzte.
Begleitet von einem Piepsen schoben sich die Türen wieder zu. Es klackte, als sie verriegelten.
.
Er blickte aus dem Fenster.
Die beiden Schwarzfahrer saßen draußen frierend auf einer Bank und unterhielten sich. In einer guten Stunde würde der nächste Zug kommen.
Und hoffentlich für sie ohne Schaffnerbegleitung.
Der Motor heulte auf, ein Ruck ging durch den Wagen, als der Triebwagen langsam anrollte. Immer schneller schob sich der Bahnsteig am Fenster vorüber.
Der Zug beschleunigte langsam, dann schwoll das Motorgeräusch langsam ab. Der Schnee dämpfte alles, sogar die Rollgeräusche des Zuges. Werner kam es vor, als schwebe der Zug. Draußen war alles in ein einheitliches Weiß getaucht, das sich immer mehr aus dem blauen Dämmerlicht abzeichnete.
Er hatte es noch im Radio gehört, das es in Osthessen bis zu zehn Zentimeter Neuschnee gegeben hätte. Gewiss würden sich am Wochenende wieder zahllose Skifahrer in die Rhön einfinden.
Die Regionalbahn RB 95064 näherte sich um 7.02 Uhr dem kleinen Bahnhof von Altenfeld und bremste. Die Schienen mußten vereist sein, es dauerte lange, bis der Zug zum Stehen gekommen war. Nur wenige Leute stigen hier ein, frierende Menschen mit geröteten Wangen.
Fußtrampeln, Husten, ein Schneuzer in ein Taschentuch.
Der Diesel heulte auf, und der Zug fuhr wieder an, war schon bald wieder auf freier Strecke.
Der Schaffner, der bis eben vorn im Führerstand war öffnete die Tür und kam nach hinten, die Fahrgäste zückten ihre Geldbörsen und Brieftaschen, zeigten bereitwillig ihre Fahrscheine vor.
Werner kam nun plötzlich seine Ex - Freundin in den Sinn, er sah plötzlich wieder in Gedanken ihre hellbraunen Augen vor sich, die wie Bernsteine funkelten. Erst seit wenigen Tagen war es in die Brüche gegangen mit ihnen. Kaum zu fassen, das eine Liebe, die sich in fast 2 Jahren so sehr intensiviert hatte innerhalb von Sekunden zerbrechen konnte, einfach für null und nichtig erklärt wurde. Ach Jana....
Der Zug näherte sich einem Tunnel. Die Hügel rückten dichter an das Gleis heran, plötzlich türmte sich im Fenster eine aus Steinen gemauerte Wand neben dem Zug auf.
Ihre wunderbaren Augen, ihr nach Aprikosen duftendes Haar. Werner konnte es noch immer nicht begreifen.
Der aus Granitsteinen gemauerte Rundbogen verschluckte den Zug wie ein gähnendes Maul. Dunkelheit füllte die Fenster aus, im matten Licht, das aus den Fenstern fiel sah man schemenhaft die Wand aus grobem, buckeligen Spritzbeton, die an ihnen vorüber raste. Werner spürte ein Knacken im Ohr.
Ihr Lächeln, mit dem sie ihn immer verzaubert hatte.
Die Art, wie sie ihre Haare nach hinten warf, wie sich manchmal in Momenten des Glücks aus Spaß anfing, alles was sie sagte zu lispeln. "Du bekommst einen Tsunpfen!" Wie in solchen Momenten ihre Augen funkelten. wie sich dabei vor rührung und Liebe zu ihr das Herz erwärmte, wie er sie nur noch an sich schmiegen und nicht mehr gehen lassen wollte.
Draußen blitzte es grellweiß auf.
Werner presste die Augenlider fest zusammen, so fest er konnte, doch dieses schreckliche Licht verging nicht.
Es kam nicht nur von außen, sondern auch von innen, von überall her.
Ein seltsames Singen hing in der Luft, verzweifelt hielt er sich die Hände vor die Augen, das Singen klang verzerrt, wie eine viel zu schnell ablaufende Schallplatte.
Werner hörte sich schreien, ganz entfernt. Die Schallplatte drehte sich immer schneller auf ihrem Teller, das Singen wurde immer greller und Schärfer.
Eine Urgewalt hob Werner aus dem Sitz, er spürte, wie seine Füße den Kontakt zum Boden verloren, wie er für einen Moment zu schweben schien. Überall dieses furchtbare, grelle Weiß um ihn herum. Jana.... Abrupt wurde sie aus seinen Gedanken gerissen.
Ein lautes Kreischen und Zischen von irgendwo her.
Und dann der heftige Schmerz, als er gegen die Rückenlehne des Sitzes vor sich prallte, die Kante der Lehne drückte gegen seinen Bauch, er spürte einen Sog, der ihn nach vorn über die Lehne ziehen wollte.
Verzweifelt krallte er sich irgendwo fest, kämpfte gegen den Sog an. Wieder hörte er sich schreien, alles war so unwirklich.
Er fiel wieder zurück, stieß mit dem Rücken gegen die Lehne seines Sitzes, plumpste wieder mit dem Hintern auf die Sitzfläche zurück.
Im Zug war es plötzlich sehr Still, als er die Augen öffnete. Auch der Motor lief nicht mehr. Das Grelle Licht verging, seine Augen brannten wie Feuer, noch immer hallte ihm das schreckliche singende Geräusch im Ohr nach. Mit seinen Ziegefingern rieb er sich stöhnend über die geschlossenen Augenlider. Es wurde langsam besser. Grell flimmernde Lichtpunkte tanzten ihm vor Augen.
Dann sah sich um. Das Licht war gedämpft, fast schon difus. Die Neonröhren an der Decke glommen schwach. Sein Kopf dröhnte.
Und was er dann sah, konnte er nicht glauben.
Dafür schien es keine Erklärung zu geben.
Der Waggon, der eben noch voller Menschen gewesen war, war plötzlich leer.
Er sah plötzlich ein Kleiderbündel auf dem Sitz gegenüber. Werner riss vor Schreck die Augen weit auf. Er sah vor dem Sitz auf dem Boden ein Paar Schuhe mit hohen Absätzen, der eine umgekippt, die Beine einer Hose, die wie eine tote Schlange über die Sitzkante gefaltet war.
In den Schuhen steckten Wollsocken, oben auf dem Sitz eine zusammgengesunkene Jacke. Werner griff die Jacke zögernd am Kragen, hob sie langsam nach oben.
Und da fiel eine Bluse, ein Büstenhalter und eine Halskette heraus. Die Sachen fühlten sich warm an in seiner Hand. Körperwarm.
In der Hose lag ein schwarzer Tanga - Slip. Werner hob die Augenbrauen und atmete tief durch. Was war hier geschehen? Neben der Hose stand die Handtasche auf dem Sitz.
Erschrocken sah er sich um.
Die Frau musste jetzt irgendwie nackt sein. Aber warum?
Warum hat sie sich ausgezogen?
Aber legt man so seine Kleidung hin? Man zieht sich doch Stück für Stück aus, zuerst das Oberteil, dann die Schuhe, Hose und anschließend die Unterwäsche. Oder erst die Schuhe, dann das Oberteil. Je nachdem. Man würde es auch in der Reihenfolge aufeinander legen.
Es sah eher aus, als wäre die junge Frau aus ihren Kleidern herausgezogen worden. Die in sich zusammen gesunkene Jacke. Wie ein Ballon, aus dem die Luft entwichen ist. Den Reißverschluss bis zum Hals hochgezogen.
Langsam stand er auf, und dann sah er auf den umliegenden Sitzen noch mehr Kleiderhaufen, Schuhe, Jacken, Brillen. Überall zusammen gefallene Jacken.
"Hallo?" rief er gegen die seltsame Stille an.
"Hallo?" Nichts rührte sich.
Er ging aus der Sitzreihe hinaus in den Mittelgang, blickte vor durch die Tür, wo das Fahradabteil war. Sah die Tür zum Führerstand.
Werner lief taumelnd nach vorn. Vielleicht war der Lokführer ja noch da. Diese Gespenstische Stille im Wagen.
Er spähte durch die Scheibe in der Tür.
Sein Blick fiel auf den leeren Sessel, ein paar schwarze Springerstiefel standen auf dem Boden, eine schwarze Hose, das Hellblaue Hemd und die schwarze Weste mit den Schulterstücken eines Oberlokführers. Vielleicht sogar einer, den er kannte? Was zum Teufel war hier blos los?
Die Stille pfiff ihm in den Ohren, das einzigste was er hörte war sein eigner Herzschlag, der ihm bis hoch in den Hals gestiegen war. Das Schnaufen seines aufgeregten, schnellen Atems.
Ganz ruhig bleiben.
Was war hier geschehen?
Wo sind die anderen?
Was ist passiert?
Werner spürte eine Angst in sich aufsteigen. Träumte er das alles hier?
Das war alles nicht zu fassen. Er spürte, wie seine Knie unter ihm nachgaben, er stieß mit dem Rücken gegen die Führerstandstür und sank schließlich daran herunter.
So saß er dort auf dem nassen PVC - Boden, seine Finger zerwühlten ihm das Haar. Nicht ein einziger Laut außer seinem Herz und seinem Atem.
Und diesen Pfeiffen der Stille in seinen Ohren. Das Pulsieren des Blutes.
Doch war da nicht plötzlich etwas anderes?
Klang das nicht eben wie eine Schiebetür?
Er hörte plötzlich nun auch Schritte durch das Abteil gehen.
Werner hob ruckartig den Kopf und sah in den Mittelgang. Die Schritte waren verklungen, stehen geblieben.
Und was er dann sah, ließ ihm einen großen Stein vom Herzen fallen.
Ein älterer Mann, mit angegrauter Halbglatze, grauem Vollbart, Rollkragenpullover und einem schwarzen Mantel, graue Hose und dunkle Schuhe, stand im Mittelgang zwischen den Bänken, und blickte mit großen Augen durch seine randlose Brille auf Werner.
Und plötzlich huschte ein Lächeln über sein angespanntes Gesicht, auch ihm schienen ganze Gebirge vom Herzen zu fallen.
Werner erhob sich mit einem Ruck, plötzlich war die Schwäche aus seinem Körper gewichen, er war nun doch nicht allein, da war noch jemand. Oder war das jetzt ein Trugbild, ein Streich der Fantasie?
Werner stand auf und ging auf den Mann zu, sie trafen sich schließlich im Gang.
Und plötzlich drückte ihn der fremde Mann einfach an sich. Werner spürte den Körper, die kräftige Umarmung, fast schon zu kräftig.
Werner fühlte sich immer mehr erleichtert. Ein Fantasiegebilde kann einem nicht beinahe den Brustkorb zerquetschen.
Der Mann ließ von ihm ab, sein Gesichtsausdruck verlegen. "Ich, äh nehme eigentlich sonst keine Männer in den Arm!" Seine Blicke schweiften umher, ihm war das scheinbar sehr peinlich.
"Macht nichts, schon in Ordnung!" sagte Werner.
Der Mann wischte sich mit dem Ärmel seines Mantels den Schweiß von der Stirn.
"Und was nun?" fragte er, als er plötzlich ein silbernes Zigaretten Etui aus der Tasche geholt und sich einen Glimmstengel zwischen die Zähne gesteckt hatte.
Werner wußte es auch nicht.
"Haben sie sonst niemanden gesehen?" fragte Werner schließlich, als der Fremde sich die Zigarrette angezündet hatte und den Rauch durch die Nase blies.
"Nein! Niemanden! Nur überall diese..."
"Was machen wir jetzt? Wir können doch nicht einfach hier bleiben?"
Und da wurde es Werner nun auch schlagartig bewußt, das sie ja in einem Tunnel und auf freier Strecke standen. War das Blocksignal hinter dem Zug auf Rot?
Während er da stand und überlegte, als sich der andere Mann erschöpft auf eine freie Bank setzte und erschüttert auf die Kleiderbündel starrte, geschah es.
Ein leises klickendes Geräusch ließ Werner aufhorchen.
Das Knarren einer Tür, dann das Geräusch, als der Schnapper des Schlosses wieder einrastete, als sie geschlossen wurde.
Werner blickte den Mittelgang hinauf, und sah plötzlich eine junge Frau auf sie zu kommen. Sie war hübsch anzusehen, fand Werner.
Groß, schlanke Figur und langes, feines Weizenblondes Haar.
Sie trug eine weiße, dreiviertel lange Stoffhose, Stiefel mit hohen Absätzen und ein creme farbenes Jackett, darunter eine weiße Bluse.
Eine goldene Halskette glänzte in ihrem Ausschnitt.
Werner schätzte sie auf anfang zwanzig.
Jetzt sah er auch ihre schwarze Umhängetasche.
Und Werner verwirrte es plötzlich, das sie recht teilnahmslos wirkte.
"Wissen sie, warum wir hier stehen? Ich komme zu spät zur Arbeit! Meine Cheffin killt mich!" Werner spürte, das sie noch nichts wußte. Aber wie konnte man DAS übersehen haben?
Es war die Toilettentür, aus der sie eben gekommen war.
Und jetzt sah er auch schon ihren Kopf in einer seitlichen Drehbewegung, sah wie ihre Augen über die Kleiderbündel auf dem Bänken schweiften.
Und ihre Gesichtszüge entgleisten mit einem Male.
"Was ist denn hier los?" Ihre Stimme klang dünn. Kurz vor der Hysterie.
Werner blickte den Mann an.
Sie warfen sich einen kurzen Blick zu, fragend, wem von ihnen es zu Teil werden würde, der jungen Dame zu erklären, das sie womöglich in großen Schwieriigkeiten waren. Schließlich stand der Fremde auf und ging zu ihr.
Er hörte ihn leise sprechen, und hörte zwischendurch immer wieder ein dünnes"Oh Gott!" der jungen Frau. "Keine Ahnung!" war das einzige, was Werner von dem leisen Sprechen aufnehmen konnte.
"Ich habe das Licht auch gesehen, aber mir nichts dabei gedacht. Ich hab gedacht, es wäre die Sonne oder so! Oh Gott! Oh Gott!"
Wieder die leise, ruhig sprechende Stimme des Mannes.
Werner fragte sich, wie er es fertigbrachte, nicht selbst auch hysterisch zu werden.
Wenig später kamen die beiden zu Werner, und er sah auch, wie sie sich ihr Handy ans Ohr setzte.
Sekunden verannen, und das Gesicht der Frau verzog sich immer schmerzhafter.
"Kein Netz!" Sie tippte wieder auf das Tastenfeld, setzte sich wieder das Gerät ans Ohr, doch nach wenigen Sekunden ließ sie den Arm wieder sinken.
"Das kann eigentlich nicht sein!" meinte der Mann stirnrunzelnd.
Auch Werner wußte, das die Bahn in allen Tunnels Antennen installiert hatte, die Mobilfunk - Signale nach draußen übertrugen und umgekehrt.
Vor jedem Tunnel standen diese kleinen Masten.
Werner überlegte nicht lange und durchsuchte eine Jacke, die offensichtlich einem Jugendlichem gehörte. Und er fand auch schon dessen Handy.
Es war eingeschaltet, er sah das der Balken der Akku - Ladestandsanzeige oben war. Und dann der Antennenbalken.
Er stand unten. Kein Netz. Das Display war in der Mitte leer. Noch nicht einmal das Betreiberlogo erschien darauf.
"Wir müssen irgendwie aus dem Tunnel raus!" meinte der Mann.
Er stand auf und ging zu der Tür des Führerstandes und ruckelte an dem Türgriff.
Sie begegte sich keinen millimeter.
Er sah sich um.
Und sein Blick blieb auf dem Feuerlöscher hängen.
"Die haben doch bestimmt Funk oder so da vorn!" Die Frau blickte ihn mit großen Augen an.
"Nehmen sie den Feuerlöscher da!" Werner stand von seinem Sitz auf.
Ein großer 12 Kilo Schaumlöscher, wuchtig und schwer, Keine Fensterscheibe würde ihm widerstehen können.
Der Mann riß den Löscher auch schon aus seiner Wandhalterung, nahm ihn in beide Hände, Werner sah, wie er sich mit dem schweren Ding abmühte. Er zögerte.
Sah auf die Glasscheibe und wieder auf das schwere Gerät in seinen Händen.
"Kommen sie, einmal kräftig und mit Schmackes!"
Der Mann brauchte tatsächlich nur einmal auszuholen und den Boden des Löschers gegen die Glasscheibe in der Tür zu stoßen.
Das Glas barst mit einem lauten Splittern.
Er holte noch einige Male aus und schlug noch die letzten Glaszacken aus der Einfassung. Dann stellte er den Löscher weg und griff innen nach dem Türgriff.
Die Tür ließ sich öffnen, Werner ging hinein und sah sich auf dem Steuerpult um.
"Ich bin zwar noch in der Ausbildung, aber..."
"Wie denn was denn? Bist Du etwa bei der Bahn?" unterbrach ihn die Frau.
"Können sie diesen Zug steuern?" mischte sich nun auch der Mann ein.
"Ja und nein! Ich bin erst im zweiten Jahr. Bisher hatte ich nur eine Unterweisung auf einer Rangierlok. Vielleicht bekomme ich es hin, vielleicht auch nicht! Mal sehen, ob ich diesen Bauern - ICE hier zum Fahren bekomme!"
"Na immerhin! Wo ist denn hier das Funkgerät?" Der Mann trat neben Werner in den engen Führerstand. Und sah auch gleich den schwarzen Telefonhörer des Zugbahnfunks, nahm ihn von der Gabel.
"Ich weiß nicht, ob auf dieser Strecke Zugbahnfunk eingerichtet ist..." setzte Werner an. Doch der Mann hatte schon den Hörer in der Hand.
"Wir haben einen Notfall! Hallo, hören sie mich?" Er presste sich den Hörer gegen das Ohr. Seine Gesichtszüge verhärteten sich. Ungeduldig rollte er mit den Augen.
"Wir haben einen Notfall! SOS, SOS!" schrie er nun plötzlich mit Wut in der Stimme in den Hörer hinein. Wieder blieben seine Gesichtszüge unbeweglich.
Dann knallte wütend den Hörer zurück auf die Gabel.
"Scheint nicht zu funktionieren!"
"Ich sagte doch, nicht jede Strecke ist mit Zugbahnfunk ausgestattet!"
Der Mann zog geräuschvoll den Naseninhalt hoch und blickte mit düsterer Mine ins Leere.
Werner sah sich auf der Konsole um. Und dann entdeckte er einen blinkenden Schalter auf dem Anzeigefeld der Induktiven Zugsicherung. "Der Zug wurde zwangsgebremst!" sagte Werner. "SIFA heißt Sicherheitsfahrschaltung. Jeder Lokführer muß während der Fahrt jeweils innerhalb von 30 Sekunden auf einen Knopf drücken. Tut er das Nicht, ertönt eine Hupe, und tut er dann immer noch nichts, führt die Sifa eine Notbremsung aus. Das ist für den Fall, das der Lokführer einpennt oder Bewußtlos wird und der Zug nicht führerlos weiter fährt!"
Die beiden nickten.
"Oder wenn er verschwindet..." fügte er nach einer kurzen Pause hinzu. Niemand sagte etwas.
Werner schob die Kleider des Lokführers vom Sitz und nahm dann in dem Sessel platz, und studierte die Konsole. Vieles erinnerte ihn an die Rangierlok, und alle Tasten waren auch beschriftet. Er drückte die INDUSI Befehlstaste, um die Sifa Zwangsbremsung aufzuheben.
Die Druckanzeigen für die Bremszylinder standen allesamt auf Null, während die Druckkessel und die Bremsleitungen Maximum anzeigten. "Ich löse jetzt die Bremsen!" Werner griff sich den seitlich abstehenden Hebel des Führerbremsventils und schob ihn nach vorn.
"Züge haben Federspeicherbremsen wie beim LKW, oder?" bemerkte der Mann, Werner nickte zustimmend.
Sie hörten das scharfe Fauchen von Pressluft. "Ich schlage vor, raus aus dem Tunnel und bis zum nächsten Bahnhof. Obwohl mich das hier meinen Ausbildungsplatz kosten wird! Verdammte Scheiße!"
Nachdenkend bückte er sich zu dem Sicherungskasten unter der Konsole und drückte die herausgesprungenen Schalter wieder zurück. "Ich denke mal nicht, das sie Ärger kriegen, wir können es ja wohl bezeugen, was hier geschehen ist!" meinte der Mann und legte ihm kurz die Hand auf die Schulter. "Bring uns hier weg, bitte!" meinte nun auch die junge Frau.
Werner nickte entschlossen und klappte die letzten Sicherungshebel nach oben.
Überall im Zug gingen wieder die Lichter an, Lüfter fingen an zu laufen.
"Jetzt den Motor!" Werner drückte er auch schon den Anlasserknopf herunter, hörte etwas Klicken und Summen. Ein Lämpchen blinkte rot auf, das Summen wurde lauter. Vorglühen, Verdichten, Anlassen. Ratternd erwachte der Diesel zum Leben und schnurrte im Standgas auf niedrigen Umdrehungen. Die Konsole und der Fußboden vibrierten.
Werner klatschte sich in die Hände. "Na bitte!"
Nun griff er zum Fahrtrichtungswahlschalter und legte ihn auf "Vorwärts" um.
"Der Zug ist Fahrbereit!" verkündete er schließlich.
"Dann mal los!" meinte der Mann und stützte sich mit den Ellbogen auf die Rückenlehne des Sessels, um Werner besser über die Schulter sehen zu können.
Langsam zog Werner den Hebel des Fahrtreglers zu sich heran, und spürte auch schon, wie die Räder griffen. Der Motor heulte auf, langsam rollte der Triebwagen los. "Kampftriebwagen!" meinte Werner. Der Motor dröhnte auf höchsten Touren.
"Kämpft gegen die Schwerkraft. Mit 289 PS eindeutig untermotorisiert bei 65 Tonnen Gewicht! Aber wenn er einmal rollt...".
"Gut gemacht!" Der Mann klopfte ihm auf die Schulter.
"Fahren an sich ist einfach, das komplizierte sind nur die ganzen Signale und Vorschriften, die man kennen muss!" meinte Werner.
Sie sahen den hellen Lichtpunkt am Tunnelende, sahen, wie er immer größer wurde.
"Sagen sie mal, sind die Scheinwerfer an?" meinte der Mann plötzlich, als er sich vorbeugte und durch die Frontscheibe nach unten auf die Gleise blickte.
"Müßten an sein, eigentlich". Werner sah ein Lämpchen grün leuchten.
"Ja, aber warum sehe ich nichts da draußen?"
Werner wurde mumlig im Bauch.
Der Mann hatte recht, eigentlich müßten die Lichtkegel der Scheinwerfer jetzt die Gleise und die Tunnelwand anstrahlen. Eigentlich.
Plötzlich hatten sie alle drei unabhängig von einander ein mieses Gefühl in der Magengegend.
Was mochte dort draußen, außerhalb des Tunnels, auf sie warten?
Der helle Lichtpunkt wurde immer größer.
"Ich heiße übrigens Friedhelm Conrad!" sagte der Mann plötzlich.
"Werner Hoffmann!"
"Andrea Hellwig!"
"Jetzt wo wir uns also schon beim Namen kennen..." meinte Werner müde.
"Ja, besser spät als nie!" meinte Friedhelm. "Wegen mir könnt ihr mich ruhig duzen! Wir sind doch hier alle in der selben Gewerkschaft, oder?"
"Gut, Friedhelm!" Werner grinste müde.
Der Zug beschleunigte langsam.
"Was könnte das gewesen sein?" Werner starrte angestrengt nach Vorn.
"Es könnte sich um eine Kobaldbombe gehandelt haben!" Friedhelm kratzte sich am Kopf.
"Eine was?" Andrea blickte ihn fassungslos an.
"Das sind Nukleare Sprengköpfe, die bei ihrer Explosion eine starke Neutronenstrahlung freisetzen. Praktisch die ganze Masse wird bei der Explosion in Neutronenabstrahlung umgesetzt, weniger in Hitze oder einer Druckwelle!" fuhr Friedhelm fort.
"Also explodieren die Dinger kalt, oder wie?" Werner lief es eiskalt den Rücken herab.
"Im Prinzip schon. Diese Bomben wurden dahingehend konzipiert, um den Gegner auszulöschen ohne seine Infrastruktur zu zerstören! Denn Neutronenstrahlung wirkt im Prinzip wie in einem Mikrowellenherd, versteht ihr? Nur eben um einige Millionen Watt stärker. Die Strahlung verdampft alles Flüssige in Sekundenbruchteilen, während sie Strukturen aus Beton, Metall, Asphalt oder Stein verschont. Häuser, Brücken und so fort bleiben erhalten, während im Umkreis von einigen Kilometern sämtliches Leben vernichtet wird. Es bleiben nur blankpolierte Knochen von einem übrig. Schlagartig! Außerhalb des direkten Wirkungsbereiches stirbt man dann eben etwas langsamer. Eine wiederwärtige Waffe! Sauber und Rückstandsfrei. Die Strahlung ist nach wenigen Stunden zerfallen, und das so ausradierte Areal kann sofort besetzt werden."
"Das heißt ja, das die anderen, äh, verdampft sind?" Andrea wurde bleich.
"Ja, das könnte sich so abgespielt haben!"
"Moment!" Fuhr Werner dazwischen, " Was ist mit uns? Warum haben wir das überlebt? Und warum ist da hinten jetzt nicht alles voller grinsender Skelette?"
"Das weiß ich nicht! Wer weiß, ob es überhaupt so war. Die Frage ist ja auch, wenn es so ist, wer die Bombe auf uns geworfen hat! So weit ich weiß, haben sie nur die Amerikaner, und das auch nur in geringen Stückzahlen. Kostspielig und extrem Aufwändig herzustellen" meinte Friedhelm, und zündete sich wieder eine Zigarette an.
"Terroristen?" Werner lief es wieder eisig den Rücken hinab.
"Oh Scheiße!" Andrea wurde bleich. Ihr fielen plötzlich die verdrängten Fernsehbilder des 11. September ein. Wer zu so etwas fähig ist, der...
"Da fällt mir gerade ein, das es bei einer Nuklearen Explosion ja ein EMP freigesetzt wird. Ein elektromagnetischer Impuls, der bei Kabeln und überhaupt elektronischen Bauteilen eine Elektrische Induktion verursacht, die so stark ist, das jedes Bauteil durch einen gewaltigen Stromschlag zerstört wird. Dann würde hier nicht einmal mehr eine Glühbirne leuchten!" Friedhelm suckelte nervös an seiner Zigarrette. "Nein, dann würde hier nichts mehr funktionieren! Es muss etwas anderes gewesen sein!"
"Was auch immer passiert ist, gleich werden wir es wissen!" meinte Werner, und biss sich die Zähne zusammen, als durch die Windschutzscheibe des Führerstandes der helle Lichtpunkt am Ende des Tunnels immer größer wurde.
"Ich glaube, ich will das gar nicht wissen!" meinte Andrea, und im selben Moment schoss der Zug mit 80 KmH aus der Tunnelröhre heraus ins Freie.
Friedhelm warf als erstes einen Blick nach draußen. Fassungslos, seine Augen waren weit aufgerissen. Werner, der nach unten auf seine Füße geblickt ahtte hob nun auch vorsichtig den Kopf. Und schlug die Hände über dem Kopf zusammen.
Als er sah, das die Landschaft dort draussen völlig kahl war.
"Heilige Scheiße!" entfuhr es ihm.
Friedhelm stöhnte, Andrea stieß einen spitzen, dünnen Schrei hervor.
Eine erdige, braune Fläche, rechts ein Berghang, erdig braun, felsig.
Nicht ein einziger Baum war zu sehen.
Das dunkle Band der Fulda zog sich Bewegungslos durch diese öde Fläche.
Werner sah entsetzt die still stehenden Wellenkämme, still erstarrte, bewegungslose Strudel auf der Wasseroberfläche des Flusses.
Dort draußen schien es kein Leben mehr zu geben.
Nicht ein einziger Grashalm stadn auf der erdig - felsigen Ödniss.
Dort, wo früher ein Wald in Ihren Erinnerungen war, befand sich nichts mehr.
Niemand sagte ein Wort, niemanden fiel hierzu etwas mehr ein.
Fassungslos glitten ihre Blicke hin und her.
Jemand schluckte laut.
"Grundgütiger!" entfuhr es nun auch plötzlich Friedhelm, als sein verwirrter Verstand endlich halbwegs begriff, was er sah.
"Da muss ich dir recht geben!" meinte Werner mit düsterer Miene.
Auch Andrea blickte fassungslos auf diese fremdartige Szenerie.
"Was ist hier um alles in der Welt passiert?" Ihre Stimme war nun noch dünner geworden, Schweiß lief über ihren vor Angst zitternden Körper. Friedhelm nahm sie umständlich in den Arm und reichte ihr ein Taschentuch.
Eine Hupe ertönte krächzend.
Werner drückte einmal kurz den Totmannknopf.
Auch er spürte eine Angst seine Kehle zuschnüren.
War an der Sache mit der Neutronenbombe doch etwas dran?
Aber was war dann mit dem EMP?
Wie in einem Alptraum.
"Das muss etwas gewaltiges gewesen sein. Vielleicht doch eine richtige Atombombe, Friedhelm?" Werners Stimme war dünn.
"Dann würden hier auch keine Schienen und Fahrdrahtmasten mehr stehen. Ich kann nicht sagen, was es war. Tut mir leid!"
Mit zitternder Hand drückte er die aufgerauchte Kippe am Deckel des Mülleimers aus, der im Fahrradabteil an der Wand hing, während er sich eine neue zwischen die Lippen gesteckt hatte.
Das Gleis schlängelte sich ursprünglich durch den Wald hier am Hang eines Berges, am Fuldaufer. Jetzt schlängelte es sich durch eine tote Welt.
Werner bekam Angst, als er an den nächsten Bahnhof dachte.
Was würde er sehen?
Er schob den Fahrtregler zurück in den Leerlauf.
Der Triebwagenzug rollte das seichte Gefälle hinab.
"Werner, drück doch mal die Signalhupe!" meinte Friedhelm plötzlich.
Werner fand den kleinen Hebel.
Doch er hörte nichts.
Er probierte es wieder, doch es blieb still.
Nur das monotone Rattern der Räder, das Rollen der Radreifen, das Kurvenkreischen.
"Was hat das zu bedeuten?" fragte Andrea.
"Das weiß ich noch nicht!" meinte Friedhelm, ging nach hinten und klappte im Fahrradabteil ein Fenster auf.
Er zog aus seiner Manteltasche ein Päckchen Papiertaschentücher, zog eines heraus und streckte es mit zwei Fingern festhaltend aus dem gekippten Fenster.
Was er dann sah konnte er nicht glauben.
Friedhelm sah gebannt auf das Taschentuch, wie es ihm schlaff nach unten hängend zwischen den Fingern steckte. Es bewegte sich nicht, obwohl der Triebwagenzug gute 100 KmH auf dem Tacho hatte. Es hätte wie wild flattern müssen. Friedhelm ließ es fallen.
Und er erschrak noch mehr, als er durch das Fenster beobachtete, wie es schnugerade abwärts zu Boden fiel, ohne zu flattern, ohne vom Fahrtwind fortgerissen zu werden. Und er begann etwas zu ahnen.
Werner bemerkte seine Abwesenheit erst, als er wieder in den Führerstand kam.
Andrea hatte sich neben dem Sessel auf den Fußboden gesetzt und den Kopf in die Hände gestützt. Wer weiß, welche Gedanken ihr in diesem Moment durch den Kopf gingen.
"Ich war mal kurz auf der Toilette!" log Friedhelm, und lehnte sich gegen die Rückwand hinter Werner.
Werner sah inmitten der Ödnis ein paar Häuser auftauchen. Und sah ein Signal am Streckenrand, ein Mast mit einer Orangefarbenen Runden Scheibe mit schwarz - weißem Rand. "Dies ist ein Formsignal - Vorsignal. Es zeigt mir mit der Scheibe an, das vor uns ein Signal auf Rot steht, wahrscheinlich das Ausfahrtsignal im Bahnhof. Normalerweise ist die Scheibe waagerecht nach hinten geklappt. Ich muss das Signal mit der INDUSI - Taste quittieren, sonst kassiere ich von der PZB die nächste Zwangsbremsung! Darauf hab ich keinen Bock mehr, erhrlich nicht!"
Werner begann den Bremshebel zu sich heran zu ziehen, langsam, Druckluft zischte, der Triebwagen verlor an Tempo.
"PZB?" fragte Friedhelm
"Du kennst doch diese gelben Kästen neben den Gleisen? Das sind Elektromagneten, die je nachdem wie sie eingestellt werden ein bestimmt starkes Magnetfeld erzeugen, das dann hier im Zug eine elektrische Induktion auslöst. Je nach Strärke des Magneten schwankt der induktierte Strom, und so erkennt die PZB zum Beispiel das der der Lokführer, also ich jetzt hier, innerhalb von 4 Sekunden das Signal eben mit dem Taster da quittieren muss, damit sichergestellt ist, das ich es auch beachtet hab!"
"Ganz schön streng!" meinte Friedhelm
Immer mehr Häuser tauchten auf, mit Schneeweißen Dächern.
Autos standen mitten auf der Straße, niemand war darin.
Werner drückte den INDUSI - Taster, als er über das Vorsignal fuhr.
"Da stimmt was nicht. Eigentlich müßte hier bei mir die Hupe kommen, wenn ich über den gelben Induktionsmagneten da unten vor uns fahre!"
Er deutete auf einen gelb gestrichenen Kasten, der am Rande des Gleises im Schotterbett saß und sich aus der weißen Schneedecke hervorstach.
"Hier stimmt was ganz gewaltig nicht, denn die Anzeige hier bleibt tot. Normalerweise müßte das rote Lämpchen da aufleuchten, weil ich mich jetzt einem roten Signal nähere. Das macht der Magnet da ein paar Meter weiter. Hier stimmt ganz gewaltig etwas nicht!"
"Da muss ich dir beipflichten, Werner! Hier stimmt so einiges nicht!" Friedhelm setzte ein gequältes Grinsen auf.
Jetzt tauchte der Bahnhof vor ihnen auf, Werner bremste stärker ab, zog den Hebel vorsichtig immer dichter zu sich heran, die Tachonadel sank schneller nach unten.
Rutschend und ruckelnd kam der Triebwagenzug zum Stillstand.
Werner atmete tief durch und stand von seinem Platz auf.
Andrea hatte schon den Türöffner betätigt..
Mit einem Ruck schwang die Tür auf.
Sie setzte ihren rechten Fuß vorsichtig auf den verschneiten Bahnsteig.
Als sie ihn auf dem Boden hatte fasste sie mut und zog das andere Bein nach.
Sie ging ein paar Schritte, und dann drehte sie sich zu Werner um, der in der Tür stand.
Und dann sah er es:
Die Stiefel von Andrea hatten keine Abdrücke im Schnee hinterlassen.
Dort, wo sie vor wenigen Sekunden entlang geschritten war, war die zentimeterdicke Schicht aus harschigem und frisch gefallenem Schnee darüber unberührt.
Und dann sah er, wie sie ihren Mund weit aufriss, ihren Unterkiefer bewegte, wie ihre Zunge an Zähnen und Gaumen Worte formte. Sie schrie, und Werner hörte es nicht.
Er stieg aus dem Zug und ging zu ihr hin, er öffnete den Mund, wollte fragen, was los sei, er hatte schon die Worte auf der zunge, bewegte seine Kiefer, spürte seine Zunge, wie sie diese Worte formte. Aber er konnte nichts hören.
Eine furchtbare Angst kroch an ihm hoch.
Er packte Andrea am Jackett und zog sie zurück in den Zug.
Und jetzt, als sie innen im Fahrradabteil standen, hörte er, wie sie plötzlich schimpfte. "Bist du Taub geworden? Ich hab dich fünfmal was gefragt!" zischte sie böse.
"Wir können draussen nichts hören!" meinte Werner dumpf.
"Das bestätigt, was ich vermute!" sagte auf einmal Friedhelm, der eben wirklich auf der Toilette gewesen war. Die Aufregung schlug ihm auf den Magen.
"Was?" Andrea´s Augen funkelten böse.
"Ich weiß nicht, wie ich´s erklären soll, aber es scheint, als sei diese Welt eingefroren!"
"Ja klar, Friedhelm, es ist Winter, aber soo kalt wird´s nicht, das Töne in der Luft einfrieren können!" meinte Werner.
"Von wegen kalt! Es ist warm draussen! Vom Winter keine Spur!" Andrea war außer sich.
"Das bestätigt meine Theorie!" sagte Friedhelm ruhig.
"Was für ne Theorie?" Andrea fauchte.
"Ich vermute, das ein Großteil der Naturgesetze aufgehört hat zu bestehen! Überlege doch mal: Licht breitet sich nicht aus, es geht kein Wind und Schallwellen breiten sich auch nicht aus. Und die Haut fühlt keine Temperatur!"
"Schuhe hinterlassen keine Abdrücke im Schnee!" fügte Werner hinzu.
"Die Naturgesetze außer Kraft?" fragte Andrea ungläubig
"Nicht ganz. Zumindest die grundlegendsten Dinge funktionieren noch. Wir können atmen und wir fangen nicht an zu schweben, weil es noch eine Erdanziehung gibt!"
erklärte Friedhelm.
Werner nickte.
"Immerhin etwas!" sagte er grinsend.
"Wir sollten von jetzt ab jetzt alle Entscheidungen gemeinsam treffen!" sagte Friedhelm jetzt ruhiger.
"Sollen wir nicht nachsehen, ob hier Menschen sind?" meinte Andrea und ließ ihre Blicke aus den Fenstern schweifen.
"Sieh nur mal dort hinten unter dem Dach, die Klamotten im Schnee! Ich fürchte, hier draussen ist das selbe passiert! War ja abzusehen!" meinte Werner.
"Oh Gott! Stöhnte Andrea. Ihr wurde das alles zu viel.
"Ja, ich fürchte, wir drei sind zumindest hier allein. Deswegen sollte einer auf den anderen aufpassen!" Friedhelm schnippte die aufgerauchte Kippe durch die offene Tür hindurch nach draussen in den Schnee.
Die Glut verlosch nicht, kein Rauch stieg von der Rest Glut empor.
Er registrierte es mit besorgter Miene, und war froh, das keiner es bemerkte.
"Ich möchte etwas Vorschlagen!" sagte Werner, und ging in den Führerstand. Die beiden folgten ihm. Werner setzte sich langsam in den Sessel, massierte sich den Nacken. "Ich meine, wir sollten nach Fulda durchfahren. Ich meine, die Stadt hat doch fast Fünfzigtausend oder noch mehr Einwohner! Ich meine, da stehen unsere Chancen doch nicht ganz so schlecht, oder?"
Friedhelm nickte mit dem Kopf
"Ja, das halte ich auch im Moment für die vernünftigste Lösung. Wie siehst du es, Andrea?"
"Wegen mir!" Sie hob nur teilnahmslos die Schultern.
"Dann los!" meinte Werner.
"Ich muss mich mal hinlegen!" sagte Andrea und schritt schon nach hinten.
Werner hatte den Zug schon wieder zum Fahren gebracht, sie rollten langsam aus dem Bahnhofsbereich hinaus auf freie Strecke.
"Weiß du was noch komisch ist, Friedhelm?" meinte Werner, als Andrea außer Hörweite war.
"Ich überfahre wohl zum ersten und zum letzen Mal in meiner beruflichen Laufbahn ohne Genehmigung eines Fahrdienstleiters ein auf Hp0 stehendes Hauptsignal! Ich fasse es nicht!"
Er deutete auf den Mast eines Formsignals, dessen Signalarm waagerecht stand. Der Triebwagen rollte langsam beschleunigend immer dichter an das Signal heran, schließlich passierte er den gelben Magneten neben dem Signal. "Das Ding da unten müßte mir jetzt eine Zwangsbremse verpassen! Kommt aber nichts! Verrückt!"
Der Zug überfuhr nun das rote Hauptsignal.
"Es wird vieles geben, das uns noch erschüttern wird, Werner!" Friedhelm hatte sich wieder eine angezündet.
"Weißt du was ich glaube, Werner?" Er blies nervös den Rauch aus den Nasenlöchern, " Ich wollte es eben nur nicht vor Andrea sagen, aber dir sage ich es! Ich glaube, das wir drei die einzigsten Lebewesen auf diesem Planeten sind!"
Werner schluckte.
"Sieh nur mal die Pflanzen! Sie sind alle weg! Die Menschen sind weg!"
Werner dachte plötzlich an eine Welt ohne Leben.
Leere Schulklassen, Kleider und Schuhe überall, Stifte neben aufgeschlagenen Heften, halb fertig geschriebene Wörter, angefangene Buchstaben in Schönschrft,
leere Vogelkäfige, Aquarien, die nur noch Kies und Wasser enthielten.
Herumliegende Hundehalsbänder, Kleiderhaufen in Bussen, Zügen und Straßenbahnen, die irgendwo auf freier Strecke standen.
Auf freier Strecke
"Oh mein Gott!!"
Daran hatte er noch nicht gedacht. Das rote Hauptsignal! Nicht umsonst hatte es auf Rot gestanden.
Werner spähte angstrengt nach vorn, Schweißperlen rannen ihm über die Stirn.
"Wir müssen höllisch aufpassen, da könnte was vor uns stehen geblieben sein! Ich gehe mit dem Tempo runter! Verfluchte Scheiße, das ich da nicht eher dran gedacht hab!"
Und dann sah er auch schon einen anderen Br 628 Dieseltriebwagen auf dem Nachbargleis, wie ihr eigener über und über mit Grafittis besprüht. Sie fuhren an ihm vorbei. Alles war dunkel im Inneren.
"Wann ist denn der letzte Zug nach Fulda in Gersfeld raus, weißt du das?" fragte Friedhelm.
"Keine Ahnung, ich fahr nur immer mit dem hier! Aber es fahren ja auch noch Güterzüge zwischen den Takten der Personenzüge!" Werner biss die Zähne aufeinander.
"Ein zusammenstoß mit einem Güterzug, einem Tonnenschweren Containerzug hinten drauf fahren, und das mit einem Dieseltriebwagen in der Leichtbauweise einer Wellblechgarage! Schönen Dank auch!"
Er drosselte das Tempo und ließ den Zug mit 20 KmH die Strecke entlang rollen.
Was sein würde, wenn sie hinter einem stehen gebliebenen Zug anhalten müßten, daran dachte er lieber nicht.
"So wäre es recht gemütlich, wenn die Umstände nicht so wären!" meinte Friedhelm
"Ja, da ist was dran! Oh Mann, wäre ich heute bloß im Bett geblieben!"
"Ich hege einen ähnlichen Gedanken!" meinte Friedhelm trocken.
Die Hupe krächzte schrill.
Werner schlug mit der Faust auf den Totmannknopf.
"Lokführer wäre nicht gerade mein Traumjob!" meinte Friedhelm leise vor sich hin murmelnd.
Werner sah auf das Band der sich vor ihm schlängelnden Gleise.
"Was machst du eigentlich, Friedhelm?"
"Ich bin Dozent für angewandte Mathematik an der Universität Göttingen. Also ich unterrichte dort, gebe Vorlesungen und forsche natürlich für mich nebenbei weiter. Nächstes Jahr wollte ich eigentlich meine Professoren - Habilitierung..." Friedhelm verstummte.
"Was hast du in Gersfeld gemacht?" fügte Werner vorsichtig an.
"Ich bin über das Wochenende bei meiner Lebensgefährtin geblieben. Sie wohnt dort! Ich wollte eigentlich um Neun Uhr in Göttigen sein, ich wäre in Fulda in den ICE nach Berlin umgestiegen, der hält in Göttingen."
Werner nickte. "Klar, muss ja auch mal sein!"
"Wir werden im Frühjahr in Göttingen in eine gemeinsame Wohnung ziehen. Bis dahin muss ich jedes Wochenende diese kleine Weltreise auf mich nehmen." Friedhelm lächelte müde und drückte die aufgerauchte Kippe im Deckel der Mülltonne aus.
"Erinnere mich bitte daran, das ich mir in Fulda neue Zigarretten besorgen muss. Das war meine letzte!"
Sie schwiegen.
Friedhelm warf schließlich einen neidischen Blick auf Werner, der mit der Aufgabe, den Zug zu steuern wohl zu ausgelastet war, um sich Gedanken zu machen. In seinem eigenen Kopf rotierten die Gedanken, und er verspürte den starken Drang danach, sich eine Zigarrette anzuzünden.
Er verließ den Führerstand und ging nach hinten, wo er sich gegenüber von Andrea auf einer Bank niederließ. Sie schlief, jedenfalls hatte sie ihre Augen geschlossen. Ihr Körper wurde von den Fahrbewegungen hin und her geschaukelt, doch sie lag da ganz still. Was wird blos aus uns werden?
Friedhelm lehnte sich gegen die Wand und legte den Kopf an das Seitenfenster.
Starrte hinaus in die unwirtliche, braune Ödnis.
Der Zug passierte im Bummeltempo einen weitern Bahnhof.
Werner sah die vielen Kleiderbündel auf dem zugeschneiten Bahnsteig, sah auch, das die Uhr stehen geblieben war. Sie stand auf 7 Uhr 15.
Doch jetzt mußte es später sein. Mindestens 8 Uhr.
Die Hupe krächzte heiser. Werner drückte den Totmannknopf herunter. Bei einem Bahnübergang standen die Schranken hoch aufgerichtet. Eine verrückte, verkehrte Welt.
Friedhelm begann an seinen Fingernägeln zu kauen.
Werner fühlte sich elend. Es gab dort draußen nichts mehr, das so war wie er es kannte. Es war, als hätte es sie auf einen fremden Planeten verschlagen.
Irgendwie war es ja auch so.
War das noch ihre Erde, die als dritter Planet im Sonnensystem seine eliptischen Bahnen um ihr Zentralgestirn zog?
Friedhelm war aufgestanden und wieder zu Werner in den Führerstand getreten.
"Wenn ich das heil überstehe bin ich reif für die Psychiatrie!"
"Dann können die uns beide gleich zusammen in ´ne Gummizelle sperren!"
Werner grinste müde.
Sie kamen an einer Fabrik vorbei, an deren Schornstein eine Rauchwolke hing, hing dort oben am Schlot wie angeklebte Zuckerwatte. Friedhelm schüttelte bei dem Anblick traurig den Kopf.
Plötzlich schrie Werner erschrocken auf.
"Was ist denn? Friedhelm beugte sich von hinten über die Sessellehne und starrte nun auch auf das blinkende Warnlämpchen.
"Kraftstoff"
"Uns geht der Diesel zur Neige! Das gibts doch nicht!" Werner schlug sich die flache Hand in die Stirn.
"Es kommt heute auch wirklich Eines zum Anderen! Aber wie kann denn das passieren? Werden die denn nicht jeden Tag gewartet oder so?"
"Du sagst es! Irgendeiner hat das Ding letzte Nacht fast leer gefahren und die Idioten haben dann im Betriebswerk vergessen zu tanken! Schlamperei, verdammte!" Werner zischte noch etwas unverständliches hinzu.
Friedhelm hob die Augenbrauen.
"Du weißt doch gar nicht, was bei der Bahn gepfuscht und geschlampt wird! Überall wird nur gespart, nur das Nötigste gemacht. Vor allem bei uns, bei der DB Regio!Ich sehe es doch fast jeden Tag! Da kommt es schon mal vor, das eine Diesellok liegen bleibt, weil sie ihren Tank trocken gefahren hat!"
"Wir müssen also irgendwie versuchen zu tanken!" Friedhelm schüttelte den Kopf.
Der Zug passierte die Vororte von Fulda. Immer mehr Gleise zweigten ab, Vorsignale taucheten auf, die eine beginnende Langsamfahrtelle markierten. Dann die Einfahrtsicherungssignale, die ersten kleinen Rangiersignale auf den Nebengleisen. Matt schimmernde Fenster in einigen Hochhäusern. Sonst spiegelte sich immer darin die aufgehende Morgensonne.
Plötzlich wechselte der Zug auf einer Weiche das Gleis.
Werner erschrak etwas. Überall standen aneinander gekuppelte Waggonreihen auf den Gleisen, mehere E-Loks der Baureihe 141, Ozeanblau, Verkehrsrot, Chromoxyd - Grün und Lichtgrau - Mintgrün lackiert.
Der Zug kam auf Gleis 9 in den Bahnhofsbereich. Die Kanten des Bahnsteiges tauchten auf.
Werner bremste ab, als sie in der Mitte der Bahnsteiglänge waren.
"Wir sind da!" sagte er schließlich, als der Zug gestoppt hatte.
Hinten auf Gleis 4 standen zwei ICE´s der zweiten Generation aneinandergekuppelt, eine Hälfte würde nach Stuttgart gehen, die andere nach München. Werner versuchte sich daran zu entsinnen, wo man sie schließlich trennen würde. In Mannheim? Werner fand das putzig, wie diese Züge Triebkopf an Triebkopf aneinader hingen. Wie zwei knutschde Teenager, deren Zahnspangen sich ineninander verkeilt haben.
Mannheim. Stuttgart, München. Ob es dort genau so aussehen würde wie hier?
Berlin, die Millionenstadt, die Hauptstadt. Würden auch dort nur noch Schuhe und Kleiderhaufen von der Existenz der Menschen zeugen?
Und überall Koffer, Rucksäcke, Taschen, Plastiktüten, Schuhe, Mäntel, Wollmützen, verstreut auf dem Boden des Bahnsteiges hier. Wahrscheinlich würde das überall so sein. Um diese Uhrzeit, wo wohl auf jedem größeren Bahnhof der Teufel los sein würde. Berufsverkehr, Pendler.
Der Flughafen Frankfurt. Was würde eigentlich mit den Flugzeugen passieren, die sich zum Zeitpunkt dessen, was auch immer geschehen war, in der Luft befunden hatten?
Fulda war wie ein nasser Feuerwerkskörper.
Tot und ohne Leben.
Überall standen Autos herum, mitten auf der Straße, wie während der Fahrt einfach stehen geblieben. Keinen einzigen Baum.
Auch der schöne Aueweiher würde eine kahle braune Fläche sein.
Friedhelm ging nach hinten, um Andrea zu wecken, während Werner den Motor stoppte und die Bremsen auslöste.
Doch von dem Stoppen des Dieselmotors war Andrea schon wach geworden, bevor Friedhelm an ihrer Bank angekommen war.
"Wo sind wir?" gähnte sie verschlafen.
"In Fulda! Aber jetzt hör mir gut zu!"
Andrea sah sein besorgtes Gesicht.
"Es wird da draußen Dinge geben, die Dich beängstigen werden. Nichts gefährliches, aber nichts wird so sein wie du es kennst! Ich sage dir wie´s ist! Uns hat es anscheinend auf eine andere Welt verschlagen, fürchte ich!"
"Oh Gott!"
Werner kam hinzu.
"Ich schlage vor, wir teilen uns auf! Treffen uns immer wieder hier. Dummerweise geht ja keine Uhr mehr, sonst würde ich sagen alle Stunde!" meinte Friedhelm.
"Ich könnte was zu Essen vertragen!" meinte Andrea.
"Und Diesel!" fügte Werner hinzu.
"Gut, ihr besorgt etwas zu Essen, ich hab nämlich auch Appetit. Und seht euch um, ob es hier eine Tankstelle oder einen Tanklaster in der Nähe gibt. Dann denken wir uns schon was aus, wie wir es hierher bringen!" Friedhelm stand auf und ging zur Tür.
"Und was machst du in der Zwischenzeit?" Werner sah ihn erschrocken an.
"Ich sehe mich um, was hier eigentlich los ist. Es muss doch eine Erklärung für das alles hier geben!" Schon war er ausgestiegen und über den Bahnsteig hinab in der Unterführung verschwunden.
"Wissenschaftler!" Werner schüttelte den Kopf.
"Dann wollen wir wohl auch mal, oder?" meinte Andrea und zog sich ihre Jacke an.
"Mehr aus Gewohnheit im Winter, auch wenn ich hier wohl keine brauche!"
Werner nickte.
Sie traten aus der Tür hinaus in eine Fremde, leere Welt.
Der Bahnsteig wirkte gespenstisch. Überall zahllose Kleiderbündel und darunterliegende Schuhe auf dem Boden. Kleidung aller Formen, Farben und Größen.
Und daneben dutzende herrenlose Koffer und Taschen.
Die Luft war warm, aber nicht so, das man die Wärme spürte.
Kein Wind ging, nichts regte sich.
Es war, als würden sie beide über den Boden schwebend gehen, kein Laut war zu hören außer der eigene Atem und das pulsieren der Blutströme im Ohr. Ihre beiden vor Aufregung heftig klopfenden Herzen. Nichts regte sich, kein Wind, nicht das leisteste Lüftchen.
Immer wieder drehte Andrea sich um, aber sie sah jedesmal auf´s neue, das ihre hoch hackigen Stiefel keine Abdrücke im Schnee hinterließen. Immer wieder stießen ihre Füße gegen paarweise zusammenstehende Schuhe, sie traten in Hosen und Mänetel hinein.
Sie erreichten die lange Rampe, die nach unten in die Unterführung unter den Gleisen einmündete.
Die ganze Rampe herab die herrenlosen Koffer kreuz und quer im Spalier, ein einsamer Kofferwagen vollbepackt bis oben hin mit Rucksäcken.
Dort unten war ein düsteres Halbdunkel, nur das einfallende Licht aus den Aufgängen warf einen faden Schein nach unten. Vorsichtig tasteten sie sich vorran.
Noch mehr Kleider, Koffer, Taschen, Rucksäcke.
Langsam schritten sie die Unterführung entlang und kamen nun in die 2 stöckige Bahnhofshalle.
Hier unten gab es einen Bäcker mit Stehcafe, einen Imbiß und einen Buch / Zeitschriftenladen.
Die Schalter der Fahrkartenausgabe waren verwaist, überall Kleiderhaufen in Warteschlange.
Alle Computerbildschirme dunkel, im Servicepoint nur die Kleidung des Personals, ein großer Kleiderberg vor der Theke.
Andrea zog Werner in Richtung des Imbisses.
Warum auch nicht. Etwas zu essen konnte er nun auch vertragen.
Alles war still und verlassen.
In einem Grill an der Wand hinter der Theke auf Stangen aufgesteckte Brathähnchen.
Auf einem Rost lagen braun gebratene Bratwürste und Frikadellen.
Daneben der Döner - Spieß. Werner warf einen Blick auf die Preisliste an der Wand neben der großen Dunstabzugshaube. Ganz schön gesalzen. "Zwei Euro Fünfzig für ne Portion Fritten!" er schüttelte den Kopf.
Über der Friteuse hing noch der Korb zum Fett abtropfen, er war randvoll mit gold gelb frittieren Pommes Frites. So ein Brathähnchen wäre jetzt etwas.
Auch Andrea schien so zu denken, und ehe Werner es sich versah hatte sie einen der Spieße aus dem Grill genommen und sich so einen Gummiadler herunter genommen.
Werner fand, das er sich weder kalt noch warm anfühlte, als er ein gebratenes Hähnchen am Stück in den Händen hielt. Merkwürdig kam es ihm auch vor, das seine Finger nicht vor Fett trieften.
Andrea hatte schon einmal gierig in ihr Hähnchen hinein gebissen.
Doch während Werner das wasser im Mund zusammenlief, sich schon beinahe schmerzhaft der Speichel im Mund zusammenzog, sah er, wie sie den Bissen ausspuckte.
Sie ballte die Faust und streckte den Daumen nach unten.
Waren sie schlecht gewürzt?
Oder noch innen halb roh?
Egal. Werner biss hinein.Vielleicht hatte er ein besseres werwischt.
Und es schmeckte wie nasses, aufgequollenes Styropor ohne jegliche Konsistenz.
Nach nichts. Seine Zähne durchtrennten die feinen Fleischfasern, doch es hatte keine Konsistenz.
Er hätte in einen Schwamm beißen können.
Angeekelt spuckte er den Bissen in einen Mülleimer hinter der Theke, warf den halben Gockel hinterher. Und wunderte sich, warum seine Finger sauber geblieben waren.
Auch Andrea starrte ungläubig auf ihre Hände. Ihre Augenbrauen waren eng zusammen gekniffen, ihre Augen fassungslos.
Werner dachte an die Pommes.
Und noch ehe er in den Korb greifen konnte, sah er das flüssige, gelbliche Fett in der offenen Friteuse. Es war nicht erstarrt, obwohl die Friteuse keinen Strom bekam. Es hätte erstarrt sein müßen, es müßte ohne die Hitze zu einer gelblichen Masse erstarrt sein.
Er konzentrierte all seine Willenskraft und tauchte den Finger hinein, vorsichtig, mit der Fingerkuppe prüfend. Bereitete sich auf ein Schmerzereignis vor, doch die Neugier war stärker. Was war mit dem Fett los? Er spürte nichts, auch nicht, als er mit dem Finger in dem flüssigen Fett herumrührte.
Werner schien es, als rühre er in der Luft herum, denn er spürte noch nichtmal etwas flüssiges.
Die Oberfläche des Fetts war glatt und unberührt, obwohl er jetzt wild mit dem Finger darin herumrührte. Und als er den Finger herauszog, war er trocken.
Angst schnürte seine Kehle zu.
Was um alles in der Welt war hier nur geschehen?
Friedhelm lief die Straße in Richtung Innenstadt hinunter.
Der Bahnhof lag hinter ihm.
Aus dem Bahnhof heraus führte eine Fußgängerstraße geradeaus in die Altstadt. Es erstaunte ihn, wie zentral der Bahnhof in dieser Stadt lag.
Er hatte das große Gebäude des Karstadt schon von der Bahnhofshalle aus gesehen.
Überall auf den zugeschneiten Betonplatten lagen Kleider.
Er stolperte über eine Hundeleine, an deren Ende sich ein zu geschnalltes Geschirr befand.
Neben dem anderen Ende der Leine ein Kleiderhaufen.
Offenbar hatte hier eine ältere Dame ihren Pudel spazieren geführt. Oder zumindest eine Frau einen kleinen Hund.
Ob es weh getan hatte, als es passierte?
Wie um alles in derWelt konnte alles Leben so einfach verschwinden?
Er sah die mit Randsteinen eingefassten runden Erdflächen im Schnee, auf denen sonst Bäume gestanden hatten. Mitten in der Erde ein tiefes Loch, er sah unten sich kleine Gänge verzweigen.
Wo normalerweise die Wurzeln des Baums waren. Verwirrt ging er weiter.
Die Geschäfte rings um waren allesamt geschlossen.
Die Schaufensterscheiben dunkel, hinter den Türen abgstellte Auslagekörbe, "Geschlossen" Schilder.
Mit Kopfschmerzen erreichte er den Karstadt.
Auch hier war noch alles verschlossen. Wann machte der Karstadt auf? Um 10 Uhr?
Friedhelm kämpfte mit seinem Gewissen.
Sein Ehrgefühl und sein Anstand verboten ihm, was er ins Auge gefasst hatte.
Aber dies war ein Ausnahmezustand, oder etwa nicht?
Oder konnte man ihm eventuell Plünderung vorwerfen?
Obwohl er das nicht vor hatte.
In solchen Fällen wird der Katastrophenzustand ausgerufen, eventuell sogar der Notstandsparagraph. Plünderer würden hart verfolgt werden.
Aber es war niemand mehr da, so schien es.
Die Welt war aus den Fugen geraten.
Vollkommen.
Friedhelm dachte nicht mehr weiter über sein Gewissen nach, als er ein Baustellenschild aus seinem Gummisockel zog. Keine andere Wahl.
Die Stange als Rammbock in beiden Händen nahm er Anlauf und rannte gegen die verschlossene Glastür an. Wie im Mittelalter, fand er.
Nur noch ein paar Schritte.
Er rannte, fixierte den Blick ein letztes Mal auf sein Ziel und drehte dann den Kopf zur Seite.
Er spürte einen harten Wiederstand, das Schild flog ihm aus den Händen, und er stieß mit der Schulter hart gegen das Glas.
Das keinen einzigen Sprung bekommen hatte. Nicht einmal gewackelt hatte die Automatiktür.
Friedhelm rieb sich seine schmerzende Schulter und spürte eine heiße Wut in sich aufsteigen.
Er packte das Schild vom Boden hoch und riß das "Vorsicht, Baustelle" Dreieck von der Stange und warf es fort.
Es schlug auf die Betonsteine auf ohne das leiseste Geräusch.
Friedhelm nahm die Stange am hinteren Ende und holte aus.
Mit aller Kraft schlug er die Stahlrohrstange gegen die Glastür.
Immer wieder, er sah keinen Effekt, das Glas schien ihn zu verspotten mit seiner Unversehrtheit.
Er prügelte wie besessen auf die Scheibe ein, alle Wut über diese Unsicherheit, diese Fremde, dieses sich verloren fühlen.
Bis ihn die Kräfte verließen.
Die Stange fiel lautlos zu Boden, Friedhelm setzte sich mit letzter Kraft im Schneidersitz vor die Tür in den Schnee und fing an zu weinen. Ganz plötzlich kamen die Tränen, nichts, aber auch gar nichts mehr war so wie er es kannte. Es war ihm, als hätte man ihn auf einen völlig fremden Planeten ausgesetzt, der der Erde nur nachgebaut war, wo alles nur dazu diente um ihn zu verspotten und zu verunsichern.
Werner und Andrea blickten sich in der gespenstisch wirkenden, leeren Bahnhofshalle um.
Rings um die Halle führte oben eine Galerie entlang, über die man das Obergeschoss ereichte.
Eine ausgeschaltete Rolltreppe führte nach oben.
Sie stiegen müsam sie hohen Stufen hinauf, bis sie vor einem "Ihr Platz" Drogeriemarkt standen.
Er hatte wohl schon geöffnet gehabt, die Automatiktür stand weit offen.
Überall Kleiderhaufen.
Überall Einkaufswagen, mit Waren beladen, die vor Kleiderhaufen mitten im Gang standen.
Nur durch die offene Tür fiel etwas Licht in den Laden.
Sie stiegen an den Wagen vorbei in die düsteren Regalgänge.
Werner hatte schon seit einer Weile Durst.
Im Regal boten sich Colaflaschen zum Kauf an.
Doch es war niemand hier, der ihnen das Geld abziehen würde. Bestimmt nicht.
Werner nahm sich eine 0,5l PET - Flasche, mit einem gewissen wiederwilen.
Verstohlen blickte er sich um, ob nicht doch plötzlich noch jemand war.
Doch dann sah er auch schon Andrea ihrerseits mit einem Becher Buttermilch in der Hand, wie sie schon den Aludeckel abzog und ihn an den Mund setzte.
Nun drehte Werner den Verschluss auf.
Auch wenn es nach nichts schmecken sollte, Flüssigkeit würde er schon in sich bekommen.
Er setzte die Flasche an und nahm einen Schluck.
Es schmeckte wie destilliertes Wasser.
Andrea machte ein trauriges Gesicht.
Die Welt war eine einzige Totengruft, schal und abgestanden.
Wolken, die am Himmel hingen wie angenagelt.
Es war noch alles vorhanden, aber es war ohne jegliches Leben oder Funktion.
Andrea kam auf Werner zu.
Plötzlich spürte er ihre Hand in seiner.
Ein seltsames Kribbeln lief ihm über den Rücken.
Er spürte eine, warme, schwitzige Hand, spürte zarte, grazile Fingerknochen.
Sie war warm und weich.
Auch wenn er an Andrea überhaupt nichts fand.
Sie war absolut nicht sein Typ.
Aber dieser Vorgang hatte hier plötzlich in dieser total aus den Angeln gehobenen Welt eine völlig andere Bedeutung gewonnen. Das einzig Lebendige um ihn war Andrea, dessen Hand er jetzt in seiner hielt. Das einzige hier das er spüren konnte, das eine gewisse Konsitenz hatte.
Nach einer Weile löste sich ihre Hand wieder, und sie gingen auf den Ausgang zu.
Auf dem Weg zur Kasse kamen sie durch die Kosmetikabteilung, in der an einem Regal ein kleiner Spiegel angebracht war.
Andrea warf einen Blick hinein, doch das Spiegelglas reflektierte nichts mehr.
Wie mattes Metall lag das Glas vor ihrem Gesicht, doch sie konnte nichts sehen.
Werner bekam es mit, wie sie zusammenzuckte.
Wie hatte Friedhelm gesagt?
Es wird vieles geben, das uns erschrecken wird.
Friedhelm war wieder aufgestanden.
Der Karstadt war eine uneinnehmbare Festung.
Doch da drin würden sich Antworten finden lassen.
Hier gab es genug Material für Experimente. War denn alles Leben verschwunden?
Wie eine mitteralterliche Burg stand es das und ließ sich nicht bezwingen.
Oder doch?
Friedhelm ging um das Gebäude herum.
Und dann drückte ihm wieder der Zorn aus der Galle.
Aber diesmal mehr über sich selbst.
Vor der Hinterfront des Gebäudes, in einer Seitenstraße liegend,
stand ein LKW an der Laderampe.
Die hydraulische Bordwand war heruntergefahren, und auf der Verladerampe stand ein Hubwagen, gemeinin als "Ameise" bekannt. Auf der Ameise eine vollbepackte Europalette.
Und das Tor zur Warenanahme stand sperrangelweit offen.
Friedhelm kletterte auf die Laderampe und stieg über einen Kleiderhaufen.
Hier war es mitten während der Anlieferung passiert. Die Palette war mannshoch und mit Plastikfolie umwickelt, damit die gestapelten Kästen nicht umfielen. Er konnte nicht erkennen was darauf war.
Friedhelm ging durch das dunkle Lager hindurch. Das einzige Licht fiel durch das offene Tor.
Dann war er im Erdgeschoss des Kaufhauses.
Das was er suchte gab es oben in der Spielwarenabteilung. In der Regel immer oben. Hier bestimmt nicht anders. Unten gab es Süßwaren, Schreibzeug und Sonderangebote, Kosmetik und Parfum.
Wie in jedem Kaufhaus.
Mühsam stieg er die hohen Stufen der stillstehenden Rolltreppe nach oben.
Licht kam durch zahlreiche Fenster und reichte vollkommen aus.
Er überlegte, völlig außer Atem, vielleicht doch das Rauchen aufzugeben. Schwer atmend war er im zweiten Obergeschoss angelangt, wo es laut Plan neben der Treppe Spielzeug gab.
Er ging suchend durch die Regalreihen, Lego, Playmobil, Plüschtiere, Modellbaukästen, Modellautos, Puppen und Brettspiele. Ein dunkler Fernseher glotzte ihn an, Playstation, X-Box, Nintendo. Hier würden wohl keine Kids am Nachmittag kommen, oder während der Schulzeit, um sich an den hier aufgebauten Videospielen die Zeit zu vertreiben.
Wie lange war es wohl her, seit er selbst mit großen Augen durch eine Spielwarenabteilung gebummelt war. Doch zu seiner Zeit gab es keine so riesige Auswahl wie heute. Eigentlich traurig, fand er. Kind müßte man noch mal sein dürfen.
Für ihn als erwachsenen Mann Anfang 50 war der Gang durch die vielen Spielsachen eher befremdlich.
Und dann fand er es, was er suchte. Ein Mikroskop.
Wenn auch mehr für Kinder gedacht, so würde es doch hoffentlich Klarheit verschaffen.
Und er ertappte sich, wie er sich mehrmals verstohlen umsah.
Das was er hier tat war wirklich der letzte Gipfel.
Nie hatte er es sich träumen lassen, sich an fremden Eigentum zu vergreifen.
Doch das war eine Ausnahmesituation, versuchte er seinem mahnenden Gewissen einzureden.
Er, der offene Rechnungen sofort nach Erhalt beglich, grundsätzlich Kassierern, die ihm zuviel Wechselgeld herausgaben auf ihren Fehler hinwies, sich nie etwas hatte zu schulden kommen lassen.
Er fühlte sich schlecht dabei, als er mit dem Mikroskop wieder hinunter ins Erdgeschoss stieg.
Werner und Andrea waren aus der Bahnhofshalle hinaus ins Freie getreten.
Das Licht war seltsam milchig, es erinnerte Werner an die Sonnenfinsternis vom 20. August 1999, kurz bevor die Sonne in den Mondschatten trat.
Überhaupt schien sich die Sonne nicht von ihrem Platz bewegt zu haben.
Sie stand noch immer dort hinter den Häusern und kam nicht weiter hinauf.
Obwohl es nach seinem Zeitgefühl mindestens gegen 10 Uhr sein mußte, und die Sonne sich auf ihrer Bahn dem Zenit nähern müßte.
Langsam stiegen sie eine Treppe hinauf, die zum Zentralen Omnibusbahnhof führte.
Hier am ZOB liefen sämtliche Stadtbuslinien zusammen.
Werner sah auch schon einen Bus der ÜWAG, ein Mercedes Benz vom Typ O405, Linie 2 "Zum Haimbach"
Dessen Türen standen offen, kein Laut war zu hören.
Werner stieg ein.
Auf dem Sitz des Fahrers Kleidung, überall Kleidung.
Wo er auch hinsah.
Es war grauenhaft.
Sie hatten alle diesen grellen Lichtblitz gesehen, als das Letzte wohl, das sie jemals wahrnehmen solten.Vielleicht hatten sie auch noch das grauenvolle Singen gehört.
Werner setzte sich auf den Fahrersitz, einfach auf die Kleidung.
Jetzt wollte er es wissen.
Er überblickte das Armaturenbrett.
Und dann sah er die Motortemperaturanzeige, die noch auf 40 Grad stand.
Den Drehzahlmesser auf niedrigen Touren, obwohl von dem Motor nichts zu hören war.
Öldruck, Tankanzeige, alles war oben.
Die Feststellbremse war angezogen.
Der Schlüssel steckte, und Werner sah sofort, das der Bus ein Automatikgetriebe hatte.
Der Knopf stand noch auf "3"
Werner löste die Feststellbremse und trat auf´s Gas, so wie er es schon oft bei einem Busfahrer gesehen hatte.
Nicht wirklich hatte er erwartet, das der Bus sich in Bewegung setzen würde.
Und er tat es auch nicht.
Noch immer war die Drehzahl niedertourig, obwohl er das Gaspedal bis zur Fussmatte durchtrat.
Der Motor lief laut Anzeige, aber nichts tat sich. Es war alles wie erstarrt.
Er fluchte lautlos und schlug auf das Lenkrad.
Hastig stieg er wieder aus.
Und dann fiel es ihm ein: Der Tank des Busses. Vielleicht kam man ja dort heran.
Er blickte suchend an der Flanke des Busses entlang nach hinten, und sah dann auch schon kurz hinter dem Vorderreifen die Tankklappe. Andrea machte nun plötzlich auch große Augen, sie ahnte was er dachte. Warum lange suchen? Schoss es ihr durch den Kopf, als Werner die Klappe geöffnet und anschließend wieder in den Bus zurück gestiegen war und in der zusammen gesunken auf dem Sitz liegenden Hose zu suchen.
Schon hatte er auch schon einen Schlüsselbund in der Hand, triuphierend hielt er ihn nach oben.
Andrea grinste, endlich ein Lichtblick.
Werner stieg wieder aus dem Bus und überlegte, welcher der Schlüssel wohl zu dem Verschluss des Tankstutzens passen könnte.
Die ÜWAG hatte bestimmt nichts dagegen, wenn man in einer solchen Situation aus einem ihrer Busse etwas Diesel klaut, oder nicht? Werner tat den Gedanken ab.
Er probierte rasch den ersten Schlüssel aus.
Friedhelm war in der Lebensmittelabteilung des Karstadt, die sich dort im Untergeschoss befand. Auch das kam ihm bekannt vor, jeder Karstadt den er kannte hatte die Lebensmittelabteilung im Keller.
Im Halbdunkel stolperte er über einen Pappkarton.
Fluchend trat er ihn beiseite und ging zur Kühltheke.
Er brauchte nicht lange zu suchen, bis er zwei Becher Joghurt und Kefir gefunden hatte.
An der Kasse nahm er sich eine Plastiktüte und stopfte das Mikroskop und die Becher hinein. Und ein Päckchen Lucky Strike. "Rauchen läßt ihre Haut altern!" prangte es ihm schwarz umrahmt entgegen. Und wenn schon, fand er.
Friedhelm hatte Hunger, aber ihm verging der Appetit wenn er daran dachte, das die Speisen genau so tot sein würden wie alles andere um ihn herum.
Der Käse in seiner Hand hatte nicht gestunken, obwohl es Limburger war.
Er fand das Schnaps-Regal und griff sich eine Flasche Glenfidich, pure Malt Whiskey aus Schottland, Edel und Teuer. Die Flasche zu 25 Euro. Zwölf Jahre im Eichenfass gereift. Er drehte den Verschluss auf und versuchte daran zu riechen. Nichts.
Wenn er das jetzt schon versuchen wollte, dann wenigstens nicht mit billigem Fusel.
Friedhelm Conrad setzte die Flasche an und nahm einen kleinen Schluck daraus. Kein Brennen, kein Beißen, es floss seine Kehle hinab wie Wasser. Als er die angebrochene Flasche zurück stellte merkte er, das er auch nicht einen kleinsten Schwips verspürte, wo er doch überhaupt keinen Alkohol vertrug, er, der bei Sylvester nach 2 Gläsern Sekt schon nicht mehr geradeaus laufen konnte.
Er war froh, als er aus der Verladerampe heraus wieder ins Freie trat. Er suchte die Packung Zigarretten aus der Plastiktüte, riss die Einschweißfolie herunter und zog den Deckel auf, riss die Alufolie heraus und zog mit zitternden Fingern einen Glimmstengel hervor.
Mein Gott, wie hatte ihm das gefehlt, ihm war als hätte er seit Stunden keine mehr geraucht.
Er nahm sein silbernes Feuerzeug in die Hand. Seine Freundin hatte es ihm zum Geburtstag geschenkt. Sofort wurde ihm schmerzhaft die Ungewissheit bewußt, das er seine Gertrud vielleicht nie wieder sehen würde. Dieses Feuerzeug und ihr Foto in seiner Brieftasche, vielleicht alles, was ihm von ihr geblieben war.
Sein Daumen drehte das Zündrad, während er die Spitze der Zigarrette gegen die Flammöffung hielt, doch es kam keine Flamme heraus. Er versuchte es wieder, er sah nun auch plötzlich auch, das es nicht einmal Funken schlug.
"Es kotzt mich an, es kotzt mich an, es kotzt mich...!" Immer wieder drehte er das Zündrad, bis ihm die Daumenkuppe schmerzte. Seine Schreie blieben Stumm.
Als es mit einem Schlag dunkel um ihn herum wurde.
Erschrocken verlor er das Gleichgewicht und stürzte hin, das Feuerzeug fiel ihm aus der Hand.
Das Gesicht schmerzverzogen rappelte er sich hoch. Sein Stöhnen verhallte im Nichts.
Er konnte nichts mehr sehen.
Nervös rieb er sich die Augen.
Es blieb dunkel.
Er spürte nichts, hörte nichts.
Fühlte nur etwas hartes unter sich, spürte, wie seine Finger suchend die Plastiktüte fanden.
Hastig zog er die Sachen zu sich heran.
Verzweifelt versuchte er in dieser Kohlensackschwarzen Finsternis etwas zu erkennen.
Seine Ohen suchten vergeblich nach einem Laut ausser dem heftigen Schnaufen seines eigenen Atems und dem Herz, das ihm bis zum Hals schlug.
Was war jetzt passiert?
Auch werner und Andrea hatte es urplötzlich in absolute Dunkelheit verschlagen.
Vorsichtig hatten sie sich durch die offene Vordertür in den Bus getastet und auf einer Bank Platz genommen. Es war, als hätte man ihnen urplötzlich einen schwarzen Sack über die Köpfe gestülpt.
Ihre Hände suchten und fanden sich, und sie waren das einzig tröstende, das sie dieser grauenhaften Dunkelheit entgegensetzen konnten.
Werner hatte einen kurzen Moment lang überlegt, schnell zum Zug zu laufen, doch wie hätte er im dunkel die Treppe finden sollen, geschweige denn im Bahnhof das richtige Gleis.
Entweder wären sie gestürzt, oder sie häten sich hoffnungslo verirrt.
Wie dunkle Finger tastete die schwarze Finsternis nach ihnen.
Sie saßen dort, spürten ihre Hände in der Hand des anderen, Schutz und Geborgenheit suchend.
Sie dachten beide gleichzeitig an Friedhelm, der jetzt irgendwo dort allein in der Dunkelheit war.
Unerreichbar.
Sie sehnten sich beide nach einer dritten Hand, die ihnen verdeutlichte, das es ihm gut ging.
Werner wußte, das Friedhelm etwas ahnte.
Vielleicht wußte er schon, was passiert war.
Plötzlich hatte er wieder dieses Lied im Ohr.
"May it Be" von Enya, der Titelsong von "Der Herr der Ringe"
Auf Deutsch übersetzt soviel wie "Kann es sein?"
Kann das wirklich sein, was hier passiert ist? Oder sitze ich noch schlafend im Zug nach Fulda, wache auf, wenn er im Fuldaer Hauptbahnhof bremst? Sehe nach draußen und alles ist in Butter?
Das konnte wahrhaftig nur ein Alptraum sein.
Aber ganz gleich was es war, wie schlimm es auch gekommen war, wie es ausgehen konnte, hauptsache sie waren zu dritt. Auch wenn es ein traum sein sollte.
Werner hatte noch nie in seinem Leben gespürt, wie wichtig es war, jemanden anderes zu haben.
Vielleicht wußte Friedhelm schon einen Ausweg.
Friedhelm saß dort im Schnee und weinte ein zweites Mal.
Sein Knie schmerzte höllisch, und beim abtasten merkte er, das es geschwollen war.
Zumindestens geprellt, denn bewegen konnte er es noch.
Es hatte ein Ereignis gegeben, das war sicher.
War dieses Ereignis nur auf sie drei beschränkt oder war es von globalem Ausmaß?
Doch was konnte innerhalb von Millisekunden Leben verschwinden lassen?
Was konnte die grundlegenden Naturgesetze aushebeln?
Es funktionierte noch die Schwerkraft, die Newton´schen Gesetze über Masse, Massenträgheit und Reibung, und die Luft enthielt Sauerstoff. Das war´s aber auch schon. Zwar die absoluten Mindestvorraussetzungen zum Überleben, aber dennoch viel zu wenig.
Sollte das ewig so weitergehen?
Sollten sie nie wieder etwas riechen, fühlen oder schmecken können?
Nie wieder hören?
Sollten sie den Rest ihrer Tage in diesem Triebwagenzug hausen, dort wo noch ein letzter Funken Normalität geblieben war?
Solange, bis ihnen das Schicksal so gnädig war und sie sterben durften?
Sollte das so sein, so würde er sich lieber erschießen. Aber dann fiel ihm ein, das ja eine Schusswaffe ebenso wenig funktionieren würde. Erhängen könnte man sich, das war auch alles.
Wenn schon Alkohol nicht wirkte, dann brauchte er erst gar nicht an Schlaftabletten zu denken. Oder Zyankali. Er würde ohne Schwierigkeiten an alles gelangen können, was er sich wünschte, es war niemand mehr da, dem man Rechenschaft ablegen müßte für sein Handeln und sein Tun.
Die Welt, ein gigantischer Selbstbedienungsladen. Und man kann es nicht einmal ausnutzen, man kann mit all dem nichts anfangen. Oder doch?
Womöglich Jahrelang so leben?
Drei Leute, die zusammen in dieser Insel des Normalen lebten? Sich irgendwann auf den Wecker gingen? Es nur noch Streit gab?
Bei Raumflügen achtete man sorgfältig auf die Psychologie der Astronauten, wählte sie nach langen Tests aus, probte und kalkulierte wochenlang, wer es mit wem am besten aushielt.
Hat man doch bei Big Brother am besten gesehen, Hundert Tage mit Wildfremden Leuten, Die Kandidaten extra so ausgewählt, damit die Mischung von Charaktereigenschaften der Bewohner so wenig zusammen passten wie es nur ging. Hier würde sie niemand herauswählen.
Oder war das hier ein kosmologisches Big Brother? Eine Kosmische Reality - Soap?
Irgendein Publikum amüsierte sich prima über die drei Deppen dort auf dieser toten Welt. Vielleicht.
Mal sehen, wer als erstes Nominiert wird, wann man anfängt Wetten darüber abzuschließen, ob er selbst oder Werner die Andrea ins Bett kriegen würden.
Aber es gibt im Zug ja nicht mal ein Bett, nicht einmal annährend, nur unbequeme Sitzbänke.
Ha Ha !
Friedhelm bekam Kopfschmerzen.
Und es wurde mit einem Schlag wieder hell.
Urplötzlich, ohne Dämmerung, ohne Vorzeichen.
Es war einfach wieder hell.
Friedhelm stand mühsam auf, seine Knochen taten ihm weh. Er krempelte das rechte Hosenbein nach oben, bis er seine bläulich verfärbte Kniescheibe sah.
Er könnte in eine Apotheke gehen und sich eine Sportsalbe holen, doch es würde ja nicht wirken.
Ha Ha!
Er nahm die Tüte und humpelte mit schmerzverzerrtem Gesicht zum Bahnhof.
Das Licht war wieder seltsam trübe und milchig. War das noch eine Sonne, die ihm schien?
Und was war das für eine Nacht gewesen? Und wie lange hatte sie gedauert?
Er hatte kein Zeitgefühl mehr.
Endlich war er wieder am Gleis, wo ihr Zug stand.
Das seltsame an ihm war, das der vordere Triebkopfteil voller Grafitti - Sprühereien war, man hatte gerade nur die Fenster abgewaschen, doch der hintere, nicht motorisierte Teil, in dem er selbst noch vor weiß Gott wie viel langer Zeit gesessen hatte, als es passiert war, der war in makellosem Verkehrsrot lackiert, nicht eine Spur von Sprayern.
Eine rettende Insel. Nie hatte er sich über den Anblick von auch nur irgend etwas so gefreut wie jetzt.
Friedhelm stieg ein.
Er hörte zum erstenmal seit Äonen, so schien es ihm, das leise Summen eines Lüfters, das Summen eines Transformators und der Neonröhren, hier und dort das ticken von heißem Metall aus der Wagenheizung. Völlig überflüssig, doch er hatte keine Ahnung, wo man es abstellte.
Er setzte sich in die Erste Klasse hinter dem Fahrradabteil.
Dort gab es kleine Tische an den Fenstern, vom Komfort her das einzige, was sich von der zweiten Klasse abhob, vielleicht noch der etwas großzügigere Abstand der Sitze voneinander. Aber nichts, was einen Erste Klasse Aufschlag rechtfertigen würde, wie er fand.
Friedhelm öffnete die Verpackung des Mikroskopes, zog den Styroporblock heraus, in dem die einzelnen Zubehörteile und das Mikroskop selbst steckten. Er baute das Mirkoskop zusammen und stellte es auf den Tisch. Dann öffnete er die Plastikfolie mit den Objektträgern, legte diese bereit, kramte eine kleine Tropfpipette hervor und öffnete dann einen der Joghurtbecher.
Der Becher mit dem grinsenden Konterfei von Dieter Bohlen darauf pries rechtdrehende L - Casei Kulturen an, die Probiotisch auf den Darm wirkten.
Mal sehen, ob es noch diese Bakterien im Joghurt gibt, dachte er sich und machte sich an die Arbeit.
Friedhelm nahm eine kleine Probe aus dem Becher und tropfte sie auf den unteren Objektträger.
Als er fertig war, legte er das obere Deckglas darauf und steckte es in die Halteklemmen auf dem Obkjekttisch. Dann kniff er ein Auge zu und spähte mit dem anderen in die Optik.
Seine Finger justierten die Schärfe.
500 Fach, mehr war nicht drin.
Aber es würde reichen, um Bakterien zu sehen, zumindest nur kleine Zellen, die sich bewegen.
Er justierte die Schärfe, bis er den Joghurt gut sehen konnte.
Joghurt ist nie keimfrei, selbst nicht wenn er sterellisiert wurde, ohne Bakterien würde er erst gar nicht herstellbar sein.
Milchsäurebakterien wandeln den Milchzucker in Milchsäure um, und dicken nebenbei mit ihren Stoffwechselprodukten die Milch an, woraus Joghurt entsteht.
Eigentlich.
Nur das da unter dem Okkular war absolut keimfrei.
Es könnte auch Alpina Wandfarbe sein, schoss es ihm duchr den Kopf.
Friedhelm zog das Objektträgerglas heraus und gab Kontrastfärbemittel auf die Probe.
Wieder die selbe Prozedur.
Und er sah nichts.
Die Probe war bis auf eine trüber Verfärbung durchsichtig. Das Kontrastmittel hatte nirgends angeschlagen.
Friedhelm zog die Luft tief in seine Lungen.
Draußen war kein Leben mehr.
Noch nicht mal Einzeller.
Die Luft draußen war steril wie in einem Hochsicherheitslabor. Und er wußte, was das bedeutete.
Sein Herz klopfte ihm bis zum Hals.
Er hörte plötzlich Schritte.
Werner und Andrea traten in das Abteil und starrten fragend auf das Mikroskop.
"Ich habe von draußen eine Probe mitgebracht!" sagte Friedhelm.
Er war froh, sich wieder mitteilen zu können.
"Und? Was gefunden?" fragte Werner.
Friedhelm spürte die Angst, die sie beide hatten.
Andrea stand stumm neben ihm.
"Ich habe Joghurt untersucht. Normalerweise tummeln sich in einem Gramm hundertausende Milchsäurebakterien. Aber das hier ist so steril wie... Naja, es gibt dort draußen überhaupt kein Leben mehr!"
"Oh Gott!" Freidhelm sah, wie Andrea sich auf eine Sitzbank fallen ließ.
Werner blieb ruhig.
"Die Luft da draußen ist ungesund für uns. Obwohl steril, aber der Körper, beziehungsweise das Immunsystem braucht Keime, auf die es reagieren kann. Ansonsten können sich schwere Allergien entwickeln. Das Immunsystem kann plötzlich körpereigene Zellen angreifen, wenn es keine Arbeit mehr hat. Es übersensibilisiert sich, bis es letzlich bei jedem Staubkorn zum Großangriff bläst! Wir würden das nicht sehr lange überleben, es würde immer schlimmer werden."
Werner nickte. Er wußte, was Friedhelm meinte.
Andrea starrte aus dem Fenster und sprach kein Wort. Sie war fern ab in ihren Gedanken.
Werner warf einen sorgenvollen Blick zu ihr.
Nach einer Weile drehte er sich zu Friedhelm um.
Der ahnte, was in ihm vorging.
"Das nimmt sie sehr stark mit!" konnte Friedhelm noch sagen, als es draußen plötzlich wieder mit einem Schlag dunkel wurde.
Werner und Friedhelm warfen sich einen ängstlichen Blick zu.
"Oh Gott!" kam es wimmernd von Andrea.
Friedhelm blickte nach draußen in die schwarze Finsternis und war froh, das im Waggon die Lichter brannten.
"Das geht auf die Batterie!" meinte Werner plötzlich und ging nach vorn.
Friedhelm wurde nervös.
Zwischen dem ersten und dem zweiten Male, als es dunkel wurde lag weniger Zeit.
Das fiel einem auf, ohne lange darüber nachzudenken. Zumindest ihm war es eben aufgefallen.
In Friedhelm tickte noch eine gewisse innere Uhr, und nach seinem subjektiven Zeitempfinden dürfte es gerade mal zwischen 12 und 13 Uhr sein sein.
Er hörte, wie der Motor mit lautem Rattern ansprang.
Der Zug vibrierte und zitterte.
Werner kam wieder nach hinten.
"Ich lade lieber die Batterie wieder auf, habe keine Lust, 60 Tonnen anzuschieben, nur weil für den Anlasser kein Saft mehr da ist!"
"Habt ihr denn Treibstoff gefunden?" meinte Friedhelm.
"Ja, im ZOB steht ein Bus. Hab aus der Hose des Fahrers den Schlüsselbund gefischt und alle Schlüssel nacheinander am Tankstutzen ausprobiert. Der Vorletzte hat gepasst! Wir brauchen jetzt ein Stück Gartenschlauch, um einen Syphon zu basteln... Und ein paar Eimer, einen Trichter..."
"Wie oft willst du denn hin und her laufen? Ein Eimer fasst 10 Liter, und ein paar Hundert müßten es schon sein!" meinte Friedhelm.
Draussen wurde es auf einen Schlag wieder hell.
"Das war auch kürzer wie vorhin!" meinte Werner plötzlich.
"Ja, ich glaube, das die Intervallen zwischen Hell - Dunkel kürzer werden!"
"Was heißt das?" meinte werner erschrocken.
"Ich weiß es noch nicht! Ich weiß nur, das ich nicht mehr hier in dieser Scheiß Welt bleiben will!"
Friedhelm nahm das Mikroskop und schmiss es gegen die Wand.
Es zerbrach, die Brocken flogen durch das Abteil.
Werner zuckte zusammen.
"Reiß dich zusammen, Mann!" schrie er Friedhelm an.
"ich könnte hier alles kaputtschlagen vor Wut, wisst ihr das? Denkt nur nicht, das es mir am Arsch vorbei geht, nur weil ich so ruhig bin!"
"Das denkt auch keiner von Dir, Friedhelm!! Wir haben alle Angst!"
"Hört doch auf!" schrie Andrea.
"Ist schon gut! Es tut mir leid!" Friedhelm zog aus Gewohnheit seine Zigaretten und das Feuerzeug hervor und drehte das zündrad, hielt die Zigarrettenspitze an die Flammöffnung, ganz so wie er es schon seit Jahren tat. Und plötzlich sah er die Flamme vor Augen, als er an der Kippe zog spürte er den Rauch in seine Lunge steigen.
Verdutzt über seinen plötzlichen, überraschten Erfolg begann er zu lachen, es klang kollernd und unecht. Werner überlegte, ihm eine Ohrfeige zu geben. Jetzt war Friedhelm am Durchdrehen, der letzte, von dem er dies erwartet hätte.
"Das ist Witzig, wisst ihr das? Die Kippe ist von Draußen! Hier drin brennt sie! Keine Ahnung warum, aber es brennt! Wisst ihr, wie gut das tut?"
Werner schüttelte den Kopf. Er hatte es vor 3 Monaten glücklich hinter sich gebracht mit dem Rauchen. Er blickte nach draußen. Es war alles nur noch ein einziges Rätsel.
Und dann blieb sein Blick an einem roten Güterzug hängen.
"Friedhelm, das ich daran noch nicht gedacht habe!"
"Woran?"
"An den Rettungszug!"
"Und der wird uns jetzt retten, oder was?" keifte Andrea plötzlich aus ihrer Ecke, in die sie sich verzogen hatte.
"Nein, aber der ist voll mit technischem Gerät, und auch Schläuchen! Wir könnten eine Pipeline legen!" erinnerte sich Friedhelm.
Werner nickte.
"Und was soll der Rettungszug sein?" fragte Andrea
"Der ist für Zugunglücke gedacht. In jedem größeren Bahnhof steht so einer. Wenn irgendwo was passiert rückt der aus und fährt bis zur Unglücksstelle! Der ist auch für Tunnelbrände, denn er ist feuerfest und gasdicht! Da drin gibt´s eine koplette Intensivstation, Schläuche, Rettungsgeräte und so weiter!"
"Da drin gibt´s Kilometerweise Schläuche!" Friedhelm grinste.
"Wunderbar! Dann los!"
Es wurd wieder dunkel. Urplötzlich, wieder ohne Vorwarnung.
"Das war höchstens eine Viertelstunde!"
Friedhelm´s Gesicht legte sich plötzlich in tiefe Falten.
"Werner! Weißt du, was quadratisch - geometrische Funktionen sind?"
"Nee, du bist hier der Experte!"
"Aus einer Ganzen wird eine Halbe, aus einer Halben ein Viertel, aus einem Viertel ein Achtel und so weiter! Das heißt das der Rhythmus sich im Quadrat verschnellert!"
"Und weiter?"
Friedhelm warf einen Blick zu Andrea und schüttelte plötzlich den Kopf.
Werner ahnte schlimmes. Andrea, der ihre beider Blicke golten, zeigte keine Regung.
Im selben Moment wurde es draußen wieder hell.
"Los, lass uns schnell die Pipeline legen!" meinte Friedhelm dann plötzlich und lief schon nach draußen.
Andrea starrte aus dem Fenster.
"Los komm, es gibt was zu tun!" Werner rüttelte an ihren Schultern.
Sie stand träge auf und folgte Werner, der über das Gleis auf den Rettungszug zurannte.
Friedhelm hatte schon das Rolltor am "Löschmittel und Gerätewagen" geöffnet und reichte Werner zwei zusammengerollte C- Schläuche heraus.
Immer wieder, bis sie einen ganzen Berg an Schläuchen auf dem Bahnsteig hatten.
Friedhelm winkte schließlich mit den Händen und schüttelte den Kopf, als er wieder einmal heraustrat, mit leeren Händen.
Das war alles an Schläuchen, was da war, verstand Werner, aber es sah gut aus.
Hoffentlich reichte es.
Dann hatte Friedhelm plötzlich zwei Handpumpen und einen dünneren Gummischlauch der Stärke D mit einem Übergangsstück von D nach C unterm Arm, als es wieder dunkel wurde.
Und es wurde wieder hell.
Friedhelm zeigte auf ihren Zug und lief darauf zu. Werner verstand den Wink und zerrte Andrea hinter sich her, die während der ganzen Aktion nur still dabei gestanden hatte.
Atemlos standen sie im Fahrradabteil.
"Ich wußte, das es Vorrichtungen geben muss, um Flüssigkeiten aus Kesselwagen abzupumpen, notfalls auch von Hand, wenn es Explosivstoffe sind... So, und jetzt zum Plan! Werner, du übernimmst das Stück vom Anhänger zur Bahnhofshalle, ich den Rest. Eine Pumpe setzen wir bei dir am Bus, die andere oben am Bahnsteig. Das Gefälle über die Treppe vom ZOB zur Bahnhhofshalle dürfte reichen, um die Sache so am Fließen zu halten!
Andrea, du hälst einfach die Schlauchkupplung an den Tankstutzen und läßt es einfach reinlaufen!"
"Friedhelm, meinst du, das funktioniert so? Ich weiß nicht mal, wieviel Diesel da in dem Tank ist." Werner legte die Stirn in Falten.
"Leuchte doch mal mit einem Streichholz rein..." Friedhelm grinste, dann wurde er wieder ernst und setzte ein kurzes " Abwarten!" hinzu, als er aufstand und schon wieder auf dem Weg nach draußen war.
Werner kam seine plötzliche Eile seltsam vor.
Er verschwieg ihnen etwas.
Als er nach draußen lief, sah er ihn auch schon mit einem Paar Schläuchen unterm Arm auf den Bahnsteig humpeln. Hatte er sich verletzt?
Er sah, wie Friedhelm einen Schlauch an der obersten Kupplung packte und ihn gekonnt auswarf.
In der Luft entrollte sich der Schlauch in zwei Lagen, und die obere Kupplung blieb auf der oberen Hälfte liegen.
Dann rannte er auch schon humpelnd los und packte sch das andere Ende und zog den ganzen Schlauch glatt.
Werner nahm sich nun auch ein paar Schläuche und rannte die Rampe zur Unterführung hinab.
Oben am ZOB tat er dasselbe wie Friedhelm am Bahnsteig.
Dann schloss er die Handpumpe an den Schlauch an, kuppelte an das andere Ende den dünneren Gummischlauch mit seinem Übergangsstück an und stopfte ihn in den Tankfüllstutzen Stück für Stück nach unten, bis er auf einen Widerstand traf. Wieviel Diesel tankt so ein Bus? Tausend Liter, Zweitausend? Im Stadtverkehr verbraucht man viel, wegen dem Stop and Go Verkehr, das viele Anhalten und Anfahren an Haltestellen, es musste für einen ganzen Tag im Linienverkehr reichen.
Hoffentlich hat man heute morgen getankt. Hoffentlich.
In der Bahnhofshalle traf er Friedhelm. Dessen Kopf war Rot, die Brille verutscht, Schweiß rann ihm über das Gesicht.
Die Angst trieb sie beide zu Höchstleistungen an.
Sie grinsten müde, als sie ihre beiden Schlauchleitungen aneinander kuppelten.
Dann rannte Werner zum Bus und pumpte wie ein Besessener.
Es wurde dunkel und wieder hell.
Hell Dunkel.
Dunkel Hell.
Werner bekam es mit der Angst, der Schweiß rann ihm über den ganzen Körper, er pumpte und sah, wie der Schlauch sich flach aufblähte, wie es durch ihn hindurch schwappte.
Andrea wurden die Arme müde, als sie die Schluchleitung an den offenen Tankstutzen am Zug hielt. Schall für Schwall lief das Heizöl in den großen Tank, ein dünnes Rinnsal.
Es würde lange dauern.
Werner pumpte und pumpte. Unermüdlich, seine Arme schmerzten, sein Rücken, Schweiß rann ihm von der Stirn. Es war eigenartig, mitten im Schnee zu schuften und schwitzen wie im Hochsommer.
Und nahm plötzlich aus dem Augenwinkel heraus eine Bewegung wahr.
Es war Friedhelm, der wild mit den Händen gestikulierte.
Ihm lief der Schweiß über das Gesicht.
Werner ließ die Pumpe gehen.
Friedhelm wischte sich mit einem Taschentuch trocken.
Langsam schritten sie in die Bahnhofshalle.
Und plötzlich blieb Friedhelm vor dem Zeitschriftenladen stehen.
Werner sah es im Vorbeigehen aus den Augenwinkeln, wie Friedhelm plötzlich eine Zeitung in der Hand hielt. Dann schlug er sich mit der flachen Hand an die Stirn und lächlte.
Dabei funkelten seine Augen.
Das war doch jetzt wirklich nicht der ideale Zeitpunkt um sich in Ruhe hinzusetzen und zu lesen.
Zusammen erreichten sie den Zug und ließen sich erschöpft in die Bänke fallen.
"Wo ist Andrea?" fragte Werner erschrocken, als er merkte, das sie nur zu zweit waren.
"Ich habe sie fortgeschickt, damit sie uns etwas zu essen besorgt! Lethargisch ist sie, völlig passiv, Werner. Sie kapselt sich zunehmend nach innen herein ab. Ich musste sie mit etwas sinnvollem beschäftigen."
"Aber das schmeckt doch hier alles wie Watte!" grollte Werner.
"Draußen, Ja! Aber ist dir was aufgefallen?"
"Nein!"
"Erinnerst du dich noch an meine Zigarrette?"
Werner begann zu ahnen. Doch was war daran so wichtig?
Friedhelm gab Werner den halbleeren Becher Kefir, den er ebenfalls aus dem Karstadt mitgebracht hatte. Werner wunderte sich, was das jetzt mit Zigarretten zu tun hatte.
Werner roch an dem Becher.
Unverkennbar. Das roch nach Kefir, es schmeckte nach Kefir.
Gierig trank er den Becher leer.
Das tat gut.
"Der Becher ist von Draußen!" sagte Friedhelm ruhig.
"Was? Du verarscht mich! Den hattest du dabei!"
"Nein! Der ist von Karstadt!" beharrte Friedhelm, mit einem leichten Grinsen auf den Lippen.
Werner stutzte.
"Nun, es ist so, das wir hier drin eine gewisse Normalität behalten haben, während draußen.. Naja, du weißt schon!"
Werner nickte.
Friedhelms Gesicht wurde plötzlich wieder ernst.
"Ich habe Andrea auch weggeschickt, damit sie nicht mithört, was ich jetzt zu sagen habe!"
Werner lief es eisig kalt den Rücken hinab.
"Der Rhythmus beschleunigt sich. Fortlaufend, in absteigender Geometrischer Potenzierung. Die Zeiträume werden immer kürzer! Ob das Tage sind, wer kann es sagen?
Ist ja auch gleichgültig. Fakt ist nur, das es irgendwann einen Maximalpunkt gibt, ein Ende.
Es kann sich nur bis zu einem bestimmten Punkt absteigern.
Dann ist Schluss! Dann gibt es kein Hell - Dunkel mehr!"
"Schluss?"
"Ja, ich vermute dann ist wirklich für uns Schluss! Wir hätten schon von vornherein nicht hier sein sollen! Das wir hier sind, haben wir wohl dem da zu verdanken!"
Friedhelm klappte das Titalblatt der Zeitung auf, die er mitgenommen hatte.
Sie war von Heute, kurz bevor es passierte frisch ausgeliefert.
"Sonnenbeben" prangte es in Fettbuchstaben.
"Ja und?" meinte Werner.
"Wir hatten schon die ganze Woche über Sonnenbeben. Kommt selten vor, aber es passiert.
Dabei wird ein hohes Maß an elektromagnetischen Wellen frei, die sogar die Elektronik in Sateliten stören können! Ein regelrechter Sturm an elektrisch gelanden Teilchen sogar!"
Werner nickte kurz. Er verstand trotzdem keinen Zusammenhang.
"Nicht nur an den Sateliten, auch Mobiltelefone, Radio, Fernsehen. Es gibt sogar ganze Stromausfälle! Flugzeugverspätungen, weil Navigationssyteme gestört werden, Schiffe, die auf Grund laufen weil Echolot oder Sonar nicht gehen"
"Worauf willst du hinaus, Friedhelm. Werner spürte, wie ihnen de Zeit unter den Nägeln brannte, und der hält Vorträge.
"Der Berg, durch den der Tunnel führt besteht aus magnetischem Eisenerz. Wußtest du das nicht? Ich will jetzt nichts falsches an Therorien aufstellen, aber die Idee kam mir eben als ich die Zeitung sah."
"Ja und?" Werner verstand nun gar nichts mehr.
Natürlich wußte er vom "Magnetberg", wie er in der Gegend genannt wurde.
Dort gab es häufig Kompaßstörungen, Löcher im Funknetz, seltsame Leuchterscheinungen, Abnormales Verhalten von Vögeln wie Tauben, die sich am Erdmagnetfeld orientieren.
Aber was sollte dass mit Sonnenbeben zu tun haben?
"Es muss einen regelrechten Elektrosturm gegeben haben. Und der hat den Berg getroffen, als der Zug mitten drin war. Anders kann ich´s mir nicht erklären!"
Werner ahnte nun doch etwas.
"Dadurch gab es tief im Berg, dort wo durch den Gesteinsdruck des Erzes die Masse am dichtesten ist eine Art Störung im Erdmagnetfeld. Also wurde in dem elektrisch leitenden Eisenerz ein Strom induktiert, und jeden Stromführenden Leiter umgibt ein Magnetfeld. Hier nun ein sehr, sehr, sehr starkes.
Und man weiß, das Gravitiation Raum und Zeit beeinflusst! Je höher die Gravitation, desto mehr wird der Raum gedehnt, und desto langsamer vergeht die Zeit. Gravitation und Magnetismus sind ähnlich, nur das der Magnetismus nur auf Metalle wirkt, während die Gravitation auf alles einwirkt!"
Friedhelm zündete sich eine an, nachdem er die andere eben erst im Mülleimer ausgedrückt hatte.
"Das ist experimentell nachgewiesen worden, Werner! Das ist kein Schwachsinn!
An der Nordsee läuft eine Cäsiumatomuhr langsamer als auf dem Gipfel der Zugspitze.
Das hat man gemacht, letztes Jahr irgendwann.
Und es gab eine Differenz von hunderttausendstel Millionstel Sekunden bei etwa 2000 Metern Höhenunterschied. Da die Nordsee näher am Erdmittelpunkt ist, läuft dort die Zeit langsamer ab, wie auf der Zugspitze, die weiter vom Mittelpunkt entfernt ist! Wie gesagt, eine Zeitdifferenz die praktisch gesehen Null, aber Mathematisch gesehen trotzdem da ist!"
Werner atmete tief durch.
Das war der Hammer!
"Und wir sind mit dem Zug mitten durch diese Störung durchgefahren! Für uns hat sich die Raumzeit über einen Wert hinaus überdehnt, so das es uns drei und diesen Zug hier aus dem normalen Raum - Zeit Kontinuum herausgezerrt hat. Musst mal Stephen Hawking dazu lesen, ein brilliantes Genie, Werner! Doch nur uns drei. Warum weiß nur der Liebe Gott. Wir wurden auf dem tempörären Zeitpfeil ausgbremst, Werner, und von ihm herunter gestoßen und sind hier gelandet!"
"Was für ein Zeitpfeil?" fragte Werner.
"Das ist der Weg aus der Vergangenheit über den Augenblick der Gegenwart hinein in die Zukunft.
Vergangenheit und Zukunft, beides ist unendlich. Aber die Gegenwart exestiert nur für milliardstel Millisekunden. Der Flügelschlag eines Kolibri auch von mir aus, oder die Zeit, die das Licht braucht, um einen Meter zurückzulegen. Wer weiß das schon.
Die Gegenwart nehmen wir war, wenn sie schon um Millisekunden vergangen ist, solange brauchen die wahrnemenden Nervenimpulse zum Gehrin. An die Vergangenheit können wir uns auch erinnern. Nur die Zukunft ist offen, Werner. Und sie ist unendlich.
Und uns hat es von diesem Pfeil heruntergestoßen und wir sind hängen geblieben, irgendwo in der Vergangenheit, möglicherweise. Wir sehen die Welt vielleicht tausendstel Millionstel Sekunden vor der Gegenwart, die Welt einen Herzschlag vor dem, was wir kennen.
Aber wir sehen kein Leben, weil es sich nur im Moment der Gegenwart abspielt.
In der Vergangenheit spielt sich nichts mehr ab, alles ist mit fortgegangen nach vorn!"
Werner schüttlete den Kopf. "Nein, das heißt ja, das..." Es überstieg völlig seinen Denkhorizont. Ihm fehlten die Worte, um dem zu widersprechen, was doch Wirklich sein könnte.
"Ja, Werner, so ist das wohl passiert! Es ist nur auf uns bezogen passiert, kein globaler Effekt.
Dem Rest geht es gut, nur wir drei sind von der Zeit ausgeschlossen worden! Vielleicht fährt da grade ein Zug mit drei Fahrgästen weniger an Bord nach Fulda."
"Können wir den Pfeil wieder einholen, vielleicht?" Werner schöpfte Hoffnung.
"Es kann sein. Es kann auch sein, das wenn wir durch den Tunnel fahren das es endgültig um uns geschehen ist... Ich weiß es nicht, und ich habe Angst, Werner!"
"Was passiert, wenn der Rhythmus den Maximalpunkt erreicht?"
"Ich vermute, das dass was wir hier erleben eine Art Echo der Gegenwart ist, die sich vor uns abspielt. Beim Echo, wenn wir in eine Schlucht hineinrufen, verkürzen sich auch die Resonanz - Wellen in Geometrisch absteigender Potenz. So bis zu einem Punkt, an dem das Echo nicht mehr wahrgenommen wird, weil es verschwindet, die Resonanz auch Mathematisch gesehen bei Null angekommen ist. Die Wellenkurve auf Null abflacht.
Ach, was rede ich da so lange rum.
Ist der Maximalpunkt erreicht, sind wir verloren, so siehts aus! Es gäbe keine Zeit mehr, wir wären in unserer letzten Bewegung erstarrt für alle Ewigkeit, oder wie lösen uns einfach ins Nichts auf, wer weiß das schon?"
Werner schluckte.
Im selben Moment kam Andrea in den zug, mit einem Einaufskorb beladen.
"Ich habe Brot, Wurst und Käse und was zu trinken!" sagte sie lächelnd.
Sie freute sich schon auf eine ordentliche Brotzeit.
Nur Werner und Friedhelm konnten sich nicht freuen.
Jetzt mußten sie Schauspielern, das war ihnen ohne jede Absprache klar.
Sie wollten die junge Frau nicht noch weiter ängstigen, es war so schon alles schlimm genug.
Werner ging nach hinten in den anderen Führerstand und schaltete die Zugkontrolle nach dort hin um. Der Motor lief noch immer sauber im Stand, und die Tanknadel stand auf dreiviertel voll. Dem Zug schien der Diesel aus dem Bus gut zu schmecken.
Werner atmetete tief durch und schwang sich in den Lokführersessel.
Andrea hatte Brote belegt und brachte sie zusammen mit Friedhelm nach hinten.
"Wir fahren jetzt zurück zu dem Tunnel, dann kommen wir wieder nach Hause!" hörte Werner Friedhelm ruhig und sachlich sprechen.
Den Mathematiker, Kühl und besonnen, merkte man ihm mal wieder an, schon vorhin bei Friedhelms Theorie hatte er sich wie einer seiner Studenten im Hörsaal gefühlt.
Und er fühlte auch das wäre Friedhelm nicht gewesen, wäre er zusammen mit Andrea durchgedreht.
Friedhelm drückte ihm auch schon eine dick mit Salami und Käse belegte Stulle in die Hand.
Genüßlich aß werner und fühlte sich wieder wie ein Mensch.
Andrea hatte auch Coladosen dabei. Und eine Flasche Sekt, sowie drei Pappbecher.
"Der ist für nachher zum Anstoßen!" meinte sie strahlend.
Werner und Friedhelm tauschten heimliche Blicke aus.
Ob es nachher wirklich dazu kommen sollte?
Der Hell - Dunkel - Rhythmus draussen mutete wie ein Stroboskoplicht in einer Disko an.
Es flackerte nur noch, und wurde immer schneller.
Werner rammte den Fahrschalter mit einem Ruck auf Maximum.
Der Motor jaulte Kreischend auf, die Radreifen scheuerten auf der Schiene durch.
Egal, nichts wie weg hier!
Werner fand den Schalter für den Sandstreuer, der die Haftung erhöhen sollte, wenn die Schienen nass waren. Fauchend schoss feinköriger Quarzsand vor die Radreifen, und der Zug machte einen Satz nach Vorn.
Werner versuchte krampfhaft etwas zu erkennen, doch seine Augen nahmen jede Bewegung nur noch in Zeitlupe war, alles war seltsam verzerrt.
Das Flackern wurde stärker.
Die Regionalbahn 65064 verließ den Bahnhof von Fulda.
Werner drückte den Totmannknopf und versuchte dabei, ja nicht nach draussen zu sehen.
Friedhelm war wieder am Rauchen, Werner roch den Qualm seiner Zigarette.
Ihn selbst konnte er nicht mehr sehen bei dem Geflacker.
"Werner!" hörte er plötzlich die vertraute Stimme.
"Ich möchte Dir eben schnell sagen, das ich froh bin, mit Dir zusammen in dieser Außergewöhnlichen Situation zu sein! Ohne Dich stünde ich glaube ich noch immer in diesem Tunnel und wüßte nicht mehr weiter!" meinte Friedhelm mit dünner Stimme.
"Und ohne Dich stünde ich noch immer hier am Bahnhof und wüßte nicht mehr weiter!" sagte Werner. Ein dicker Klos saß ihm plötzlich im Hals, und Tränen der Rührung liefen ihm über die Wangen.
Er fühlte Friedhelms Hand auf seiner Schulter.
"Wenn wir hier heil rauskommen nehme ich nur noch den Bus!" Friedhelm lachte kurz und zog dann die Hand wieder fort.
Andrea war hinten im Zug und hielt sich die Augen zu. Die Angst schlug ihr bis zum Hals.
Das Flackern wurde immer stärker.
"Es wird langsam Eng, fürchte ich!" stöhnte Friedhelm plötzlich.
Seine Augen konnten keinen Unterschied zwischen hell oder dunkel mehr wahrnehmen.
Es war nur noch ein einziges, verschleiertes Grau.
Der Zug schoss mit Höchstgeschwindigkeit über die Strecke.
"Ich hab mir eine Zeitreise immer anders vorgestellt, Friedhelm!"
"Ich mir eigentlich auch, aber es gibt doch so viele Thesen, soviele Denkansätze die eine Zeitreise für unmöglich halten. Denk doch nur mal an das Großvater - Paradoxon!"
"Was ist das?"
"Stell dir vor, du reist in die Vergangenheit und bringst deinen Opa um, BEVOR er deine Oma kennen lernte und deinen Vater gezeugt hat. So wärest du nie geboren worden, aber gleichzeitig hättest du auch nie in die Vergangenheit reisen können, und deinen Opa umbringen, weil wenn es dich nie gegeben hätte hättest du... Ich glaube du weißt, was ich meine!"
"Ich mochte meinen Opa nie besonders gut leiden! Aber ich weiß, was du meinst!"
"Ja, Werner, das ist sie, die Vergangenheit. Jeder Zeitreisende, der es mit einem Apperat bewerkstelligt sich in der Zeit zu bewegen wird das selbe zu sehen bekommen, die Vergangenheit als abgeschlossenes, totes Kapitel. Wenn ich es mal so sehen darf ein kosmologischer Schutz vor dem totalen Chaos, das man anrichten könnte, wenn die Vergangenheit so wäre wie in der Sience Fiction. Den Kapitän der Titanic vor dem Eisberg warnen, Adolf Hitler erschießen, als er noch als junger Mann in Wien lebte, Die Einwohner von Pompeji vor dem Ausbruch den Vesuv warnen ... Alles Sachen, die in der Wissenschaft diskutiert wurden, heftige Debatten auslöste, für Streit sorgte. Was wäre denn dann? Was wäre wenn man es so tun würde? Wie würde sich das auf de Gegenwart auswirken? Sience Fiction Autoren zerbrachen sich die Köpfe über Paradoxien wie das mit dem Opa, aber auch namhafte Wissenschaftler. Nun wissen wir, das es nicht geht, das es von vorn herein nicht geht mit dem zurück reisen. Oder wie Stephen Hwaking es einmal sagte: Wenn man in der Zukunft eine Zeitmaschine baut, so müßten wir von Touristen aus der Zukunft förmlich überrannt werden. Aber es gibt keine Touristen aus der Zukunft... "
Werner nichte und hatte verstanden, was er meinte. So seltsam es auch war, was er erlebt hatte, doch er konnte sich damit anfreunden. So war es also wirklich mit dem Zeitreisen. Unspektakulär, völlig Unspektakulär. So war es also wirklich.
Friedhelm zog die Sonnenblende ganz herunter.
Werner dankte es ihm, so ließ es sich wenigstens aushalten mit dem Geflacker.
Andrea kam nach vorn.
"Glaubt ihr, wir schaffen das?" fragte sie tonlos.
"Ich weiß es nicht!" hörte Werner Friedhelm sagen, als der Tunnel den Zug verschluckte.
Und dann gab es einen grell weißen Lichtblitz.
Werner hörte, wie Andreas Stimme immer langsamer wurde, immer langsamer und immer tiefer.
Die Konsole vor ihm schob sich immer weiter von Werner fort, seine Hände am Totmannknopf waren Kilomterweit entfernt.
Ein seltsames Singen hing in der Luft, Irrsinnige Farben drehten sich in einem immer schneller rasenden Wirbel durcheinander.
Immer schneller.
Der zug schien zu schweben.
Alles drehte sich.
Und dann war es dunkel.
Es hörte sich auf zu drehen.
Und Werner spürte, wie der Zug rückwärts fuhr.
Friedhelm war plötzlich wieder zu sehen, Werner sah seinen Arm, seine Hand, wie sie die Sonnenblende hochzog.
Im Selben Moment, als der zug vorwärts aus dem Tunnel schoss. Er starrte ungläubig auf die immer kleiner werdende Tunnelöffnung, dann wie sie hinter der Kurve verschwand.
Überall Bäume, Sträucher, Büsche. Leichter schneefall.
Werner stand ruckartig aus dem Lokführersessel auf und drehte sich um.
Und dann sah er die Leute im Abteil, dicht gedrängt saßen sie oder hielten sich im Stehen irgendwo fest.
Er sah den Schaffner, wie er Reih herum die Fahrkarten kontrollierte und sie mit seinem Stempler entwertete.
"Komm lieber da raus, bevor er dich erwischt" sagte Friedhelm grinsend.
Werner schlüpfte aus dem Führerstand und drückte die Tür hinter sich zu.
Im Richtigen Moment, bevor der Schaffner zu Andrea, Friedhelm und Werner kam.
"Die Fahrkarten bitte!"
Sie kramten ihre Fahrscheine aus ihren Taschen, der Schaffner warf kurze Blicke darauf und ging wieder nach vorn.
Der Triebwagen hupte. Grell heulte das Signal und wurde an den Hängen der Berge zurückgeworfen.
"Haben wir´s geschafft?" fragte Werner.
"Glaube ich schon. Irgendwie habe ich das Gefühl, das wir in einem Zug in Richtung Fulda stehen. Doch frag mich nicht, was für ein Tag heute ist, noch wie spät es ist!" Friedhelm zog die Schultern an. Andrea teilte den Sekt aus. "Ist doch jetzt egal!"
Die Fahrgäste warfen empörte Blicke zu ihnen, wie sie sich zu prosteten, anstießen und ihre Becher leerten.
"Sei lieber still dahinten!" meinte Friedhelm und deutete auf einen älteren Herrn, der sich besonders empörte. "Saufen am Frühen Morgen, wo gibt es denn sowas?"
"Und ich weiß, das du einen Flachmann in der linken Manteltasche hast, alter Freund!" Friedehlm lachte.
Die Kleiderhaufen waren wieder zu Menschen geworden.
Der Zug erreichte Fulda.
Sie stiegen aus. Überall Lärm und Gedränge, der ICE auf Gleis 4 fuhr gerade ab, irgendwo pfiff ein Schaffner. Werner wurde von einer älteren Dame angerempelt, der eisige Wind fuhr ihm durch das Gesicht. Er fror. Und er ertappte sich dabei wie er auf dem Bahnsteig nach den Schläuchen suchte, doch dort wo er sie in Erinnerung hatte liefen nur Menschen hektisch durcheinander. Ein Hund bellte.
Es schien fast wie ein Traum, doch in ihrer Erinnerung würde dieser Tag für immer haften bleiben. Und sie wußten, das dieser Tag sie zusammengeschweißt hatte.
"Wisst ihr was, ich kenne da einen Arzt, der schreibt einen mal so ohne weiteres für einen Tag krank!" meinte Andrea plötzlich, als sie durch die Bahnhofshalle nach draußen gingen. Sie hatte ihr Lächeln wieder gefunden.
"Hast recht, jetzt gehen wir erstmal einen Kaffee trinken!" meinte Werner lachend.
"Wegen mir schon! Aber bitte weit weg von irgendwelchen Zügen oder Bahnhöfen!" sagte Friedhelm.
Sie lachten.
Als sie unter einer Uhr durch kamen blickten alle drei gleichzeitig wie auf Kommando nach oben.
" Zwanzig vor acht!" meinte Werner.
Friedhelm war kurz zur Seite ausgeschert, und kaufte sich eine Zeitung an dem Kiosk. "Das ist vielleicht die, die ich vorhin mitgenommen hab, wer weiß.." sagte er, als er wieder bei ihnen war.
"Aber soll ich euch was verraten? Es ist das selbe Datum wie das, als wir diese seltsame Reise angetreten hatten!"
"Sollen wir nicht irgendwem Bescheid sagen, was los war?" meinte Andrea plötzlich
"Möchtest du deinen Kaffee in der Psychiatrie trinken?" meinte Friedhelm trocken.
"Nee, hast recht. Das behalten wir besser für uns!"
Lachend und Scherzend gingen sie aus der Bahnhofshalle nach draussen.
Kommentare
trutsch@gmx.de schrieb:
ey echt eine super story!!! wahnsinnig tolle idee, super umgesetzt. ich konnte mich richtig hineinversetzen. das einzige was mir net gefallen hat waren die langen beschreibungen vom technikzeugs :) aber sonst total geil!
mach weiter so!!!
trutsch
EinBesucher@web.de schrieb:
Tolle Geschichte und gut geschrienen!
Aber könnte es sein, daß Du da ein wenig bei Stephen King "geklaut" hast?
Mach weiter so!
dg.mc@web.de schrieb:
viel zu gut um in so einer adresse zu stehen
cwillmen@web.de schrieb:
kann mich nur anschliessen, sollte gedruckt im buchladen sein und nicht auf so einer seite.
ich@blubb.de schrieb:
ein wenig geklaut? "wenig" is gut. langoliers im nem deutschen zug, sonst nix.
noe@noe.com schrieb:
Ja, schöne Story, fein von Stephen King geklaut und ein wenig auf Eisenbahn angepasst.
Stephen King beschreibt ein ähnliches Szenario, allerdings mit Bezug auf einen Linienflug. Dieses Szenario ist verfilmt worden. Der Film heisst "Langoliers"
Denoch, nett umformuliert.
BL
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