Rentiere in der Garage
von
Joko
Als ich gestern in meine Garage fahren wollte, war die bereits besetzt. Dies war verflucht ärgerlich, da ich mitten im Hof eine Vollbremsung hinlegen musste, sodass gleich alle Nachbarn mitbekamen, das ich nun zu Hause war. Außerdem hatte es bereits unterwegs angefangen zu schneien, so richtig dicke Flocken.
Nachdem ich den ersten Schreck überwunden hatte, war ich mir nicht so sicher, ob ich bei vollem Bewusstsein war, denn meine offen stehende Garage hatte sich in ein Weihnachtszimmer verwandelt, das trotz des grellen Scheinwerferlichts recht gemütlich aussah.
Ich rieb mir kurz die Augen und machte meinen Gurt los um auszusteigen, als es auch schon an die Scheibe meiner Fahrertür klopfte.
Als ich mich umsah entfuhr mir ein kurzer Schrei, denn vor meinem Auto stand ein Rentier, dass mit einem ärgerlichen Gesichtsausdruck mit dem Huf gegen die Scheibe donnerte.
Nochmals rieb ich mir die Augen und schüttelte den Kopf, doch als ich erneut hinschaute war das Tier immer noch da, stand nun mit in die Hüften gestützten Hufen vor meinem Auto und schien darauf zu warten, dass ich aussteige.
Mir wurde etwas mulmig und ich überlegt, ob vielleicht die Mandarine schlecht gewesen war, die ich vor drei Stunden im Büro gegessen hatte. Bei Lebensmittelvergiftungen kommt es von Zeit zu Zeit zu Halluzinationen.
Ich machte also den Motor und die Scheinwerfer aus. Als ich die Autotür nur einen Spalt öffnete traf mich ein Donnerwetter an Beschimpfungen:
"Wollten Sie in der Karre eigentlich übernachten oder was? Wir haben keine Lightshow bestellt. Eine Unverschämtheit ist das! Und das auch noch kurz vor Weihnachten. Ich werde mich beim Vermieter beschwerden!" fauchte das Rentier mit hoher Stimme los.
Erst jetzt bemerkte ich die Schürze um die Hüften und den Lippenstift. Schien sich um ein Rentierweibchen zu handeln, die in Rage geraten war.
Verdutzt starrte ich sie an und versuchte einen ordentlichen Satz von mir zu geben: "Verzeihung...., äh..., aber ..., nun ja..., eigentlich..., wie soll ich sagen,....also das ist meine Garage."
"Schatz, mit wem sprichst Du denn da?" kam es nun aus der Weihnachtsgarage und im Garagentor stand plötzlich noch so ein Tier, um einiges größer und breiter. Es trug eine dunkelblaue Jeans und Hatte eine Zeitung im Huf oder besser gesagt am Huf oder wie auch immer.
"Na mit dieser schusseligen Frau hier, die fast mitten in unser Zimmer gebrettert ist!" meinte die Rentierdame vorwurfsvoll.
Die kalte Luft und der Schnee brachten nicht nur meinen Kreislauf wieder auf Touren sondern auch mein Hirn.
"Jetzt mal langsam. Was zum Teufel suchen sie eigentlich im meiner Garage?" wollte ich wissen und nur 'ne Sekunde später wurde mir bewusst, dass ich mit einem Rentier sprach.
"Hat Ihnen Ihr Vermieter denn nichts gesagt? Wir haben die Garage angemietet bis einschließlich dem 24.12.2003.!" entgegnete mir die Rentierfrau etwas freundlicher.
"Verzeihen Sie, meine Frau ist etwas aufgebracht. Es ist das erste Mal seit 50 Jahren, dass wir wieder mal in einer Großstadt sind." sprach mich nun das Jeanstier an und grinste.
"Kommen Sie doch rein in die gute Stube." meinte er und trat neben mich. Er überragte mich um einen Kopf wobei sein Geweih genau so breit schien wie ich hoch.
"W-w-was? W-w-wie?" fing ich wieder an zu stottern. Doch bevor ich noch irgendwas sagen konnte wurde ich schon sanft über die Schwelle geschoben.
"Aber Füße abtreten, ich habe gerade frisch gewischt! Keinen Schnee rein tragen!" hörte ich hinter mir.
Ich tat wie mir befohlen und streifte meine Füße auf der "Hier wohnt Familie Rens" ab.
Meine Garage war zu einer Wohnküche mit Bad mutiert. an der Wand auf die man normalerweise zufährt war nun ein Kamin, vor diesem zwei große Ohrensessel. Der Betonboden war plötzlich Parket mit Flickenteppichen und in der linken Ecke stand nun ein bunt geschmückter Christbaum. Daneben ein alter Eisenofen auf dem Teewasser kochte. Überall an den Wänden waren nun Regale angebracht, die sich unter dem Gewicht von Päckchen, Büchern, Dosen und Weihnachtskrempel bogen.
"Ich dachte Ihr Vermieter hätte Ihnen Bescheid gesagt. Er meinte er würde Ihnen einen Brief in den Briefkasten werfen. Ich bin Richard und das ist Rebecca." fing das Rentier an zu erzählen.
"Angenehm, aber was machen sie eigentlich hier?" wollte ich nun wissen.
"Wollen Sie einen Kakao? Habe gerade frischen gekocht." sprach die Rentier-Dame und trabte zum Herd.
Mir wurde warm in meiner Jacke und ich stand mit Handtasche in der Hand ziemlich verloren in meiner Weihnachts-Renntier-Untervermietungs-Garage und guckte blöd.
"Also Frau.... " fing Richard wieder an.
"Anne." entgegnete ich kurz und versuchte zu lächeln.
"Also, Frau Anne." setzte er erneut an. Ich bekam von links einen Becker heißen Kakao gereicht, der verführerisch und leicht nach Zimt roch.
"Wie sie bestimmt wissen, startet der Weihnachtsmann jedes Jahr an einem anderen Ort der Welt mit dem Geschenke verteilen und dieses Jahr hat er aus der Lostrommel nun mal Stuttgart gezogen." wurde mir nun von Richard erklärt.
"Aaach so." versuchte ich ganz gelassen und entspannt zu tun, während ich mich krampfhaft an dem Kakaobecher festhielt.
"Stuttgart ist ja so katastrophal, wenn man kurzfristig eine Wohnung sucht." meinte nun Rebecca. Sie stand nun vor dem Kamin und sortierte Tannenzweige auf dem Sims.
"Ja das ist wirklich ein Desaster. Wir sind ja auch die Wohnung hier gefunden zu haben! Anstatt Wohnungen zu bauen, ziehen sie überall nur Bürogebäude hoch." winkte ich ab und ertappt mich dabei diese ganze, total abstruse Situation, als normal zu empfinden.
"Ihr Wort in Santas Gehörgang!" meinte Richard darauf. "Ricki und seine Freundin haben nur noch was außerhalb gefunden. Jetzt müssen sie fast 'ne halbe Stunde mit der S-Bahn fahren, bevor sie in der Innenstadt sind."
Ich nickte wissend. "Sie sind also bis 24.12. hier?" wollte ich nun wissen.
"Ja genau. ich denke wir werden so um kurz vor Mitternacht weg sein. Ich hoffe es macht Ihnen nicht all zu viele Umstände die paar Tage draußen zu parken?" fragt Richard.
"Nee ne, geht schon, wenn ich das Auto vor der Garage stehen lassen kann, ich habe nämlich keinen Anwohnerparkausweis mehr." antwortete ich und stellte meinen Becker auf den kleinen Beistelltisch am rechten Sessel.
"Ach was. Kein Problem! War heute nur der Schreck." meinte Rebecca nun in aller Freundlichkeit.
"So nun muss ich aber los. Vielen Dank auch für den Kakao." verabschiedete ich mich und verließ die Garage.
"War nett sie kennen zu lernen Frau Anne. Schönen Abend noch." sagte Richard zum Abschied und schloss hinter mir das Garagentor.
Nun stand ich wieder auf unserm Innenhof. Es war stockduster geworden, aber es schneite immer noch, fast stärker als vorher. Auf meinem Auto lag bereits ein guter Zentimeter.
ich drehte mich um. Am Knauf meiner Garagetür hing nun eine Kleiner Weihnachtskranz und ein kleines Holzschild mit der Beschriftung: R + R Rens.
Ich lief zur Haustür und ging die Treppen hoch. Zu Hause angekommen, kam mir schon mein Freund entgegen aus seinem Zimmer.
"Wo warst du denn so lange?" wollte er wissen.
"Wusstest du, dass unser Vermieter unsere Garage untervermietet hat?" fragte ich ihn.
"Ach ja habe ich vergessen dir zu sagen. Gestern lag ein Brief im Briefkasten. Da hat er geschrieben, dass er das Ding bis zum 25.12. gerne jemand anders überlassen würde." meinte mein Freund. "Ist doch okay oder?"
"Ja. Passt schon!" sagte ich kurz angebunden.
"Hast Du sie gesehen oder wie?" fragte er weiter.
"Gerade eben. Sind nett, aber nicht von hier." antwortete ich, während ich meine Schuhe auszog.
"Glaubst du die sind wirklich nach dem 25.12. wieder weg?" er schaute mich zweifelnd an.
"Da bin ich mir ausnahmsweise verdammt sicher!" meinte ich lachend.
"Wenigstens war ein Gutschein für eine Schlittenfahrt mit echten Rentieren, als Entschädigung beim Brief dabei. Wenn die am 25.12. immer noch drin sind, zahlen wir die Miete einfach nicht!" meinte er nur noch und verschwand wieder im Arbeitszimmer.
Ich ging zum Balkon, der zum Innenhof raus ging. Draußen schneite es wie seit Jahren nicht mehr und unsere Garage hatte um das Tor herum einen schwachen Lichterkranz.
Dieser Wohnungsmangel in Stuttgart ist wirklich ein Desaster!
Kommentare
Heike schrieb:
die story ist echt super. Gut geschrieben und gut ausgedacht. Ich mag sowieso geschichten mit Tieren sehr gerne vor allem wenn sie sprechen. War auch eine gute Idee dass du sie in der Garage hast wohnen lassen. Vor allem hat mir gefallen, wie sie sich untereinander unterhalten haben und das weibliche Ren versucht hat Anne zu erklären warum sie hier nun wohnen. Wirklich eine echt super geschichte.
Solltest öfters mal was schreiben.
Gruß Heike
monikaduennwald schrieb:
Schmunzel - es gibt noch moderne Märchen - und dieses ist besonders gut.
Ich bin auf der Suche nach einer ungewöhnlichen Weihnachtsgeschichte für einen ca 35 minütigen Wortbeitrag im Radio (Bürgerfunk) und da will ich nichts abgegriffenes bringen. Vielleicht kann mir hier jemand helfen:
monikaduennwald@freenet.de schrieb:
zu monika duennwald hier noch meine komplette Mail-Anschrift. sorry ich war so begeistert, dass ich vergessen habe sie einzutragen.
Würde mich wirklich über ehrlich gemeinte Rückmeldungen freuen. Es darf auch was in Reimform sein.
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