Resi und Jakob
von
chiomara
1
2
3
4
Langsam schlurft Jakob durch die Gänge des Seniorenheims. Das Mittagessen hat er ohne viel mit den anderen reden zu müssen ganz gut hinter sich gebracht, nun ist er auf dem Weg zu seinem Zimmer, das eigentlich gar nicht richtig seines ist, sondern das er mit Alois teilen muss. Vielleicht hat der sich ja noch ein wenig in den Garten verzogen, denkt Jakob hoffnungsvoll, denn Alois nervt ganz fürchterlich mit seinem endlosen Gelaber. Alles hier nervt Jakob. Das Haus, mit seinem ständigen Geruch nach Medizin, der Garten, mit dem immer perfekt kurzgehaltenen Rasen, Löwenzahn und Wildblumen findet man hier nicht, die Pfleger, immer aufgesetzt freundlich, und natürlich all die anderen alten Menschen, jeder mit seiner eigenen, traurigen Geschichte. Nur ganz wenige sind wirklich zufrieden und fast sogar glücklich. Die meisten anderen spielen sich selbst etwas vor. Selten sagt mal einer wie unglücklich er hier ist und das er sich für den Lebensabend eigentlich etwas ganz anderes vorgestellt hatte. Viele sind hier, weil die Familie Platz im Haus brauchte, das Zimmer von Oma oder Opa wollte der Teeni für sich haben. Andere waren freiwillig gegangen, um eben der jungen Familie nicht zur Last zu fallen. Manche sind zu Pflegefällen geworden, die Angehörigen kamen damit nicht zurecht. Und solche wie Jakob gibt es natürlich auch, solche, die gar keine Familie mehr haben.
Jakob hatte sogar einmal einen eigenen Bauernhof besessen, doch nach langem Kampf verlor er ihn an einen Baulöwen, der sich in den Kopf gesetzt hatte, dort ein hochmodernes Einkaufszentrum zu bauen. Mit den finanziellen Verpflichtungen kam Jakob nie zurecht, dafür war immer seine Frau zuständig. Als Trude ihren eigenen Kampf gegen den Krebs verlor, nicht mehr da war, um ihrem Mann den Rücken zu stützen, verlor dieser seinen geliebten Bauernhof und landete mehr oder weniger freiwillig hier, im Altenheim Friedenmut.
„Na, Jakob, geht’s zum Mittagsschläfchen?“
Jakob schreckt aus seinen Gedanken. Auf der Bank am Ende des Flures sitzen Peter und Rudi und machen mal wieder ihre doofen Witze. Jakob umklammert seinen Stock ein wenig fester und beschleunigt den Gang. Als er an den beiden vorbei ist, hört er sie miteinander tuscheln. „Also dem Jakob geb ich auch nicht mehr lange, so wie der hier rumschlurft und mit keinem reden will, der stirbt noch vor der Lore an Vereinsamung.“
„Ich bin dabei,“ sagt Rudi „zwanzig Mark drauf. Aber weißt du, die Erna von zweiten Stock hat heut Morgen mal wieder ganz schön gehustet, bei der ist es auch nicht mehr lange.“
„Also gut, auf den Jakob zwanzig und auf die Erna dreißig.“ ,antwortet Peter.
Hoffentlich verschluckst du beim Abendessen dein Gebiss, denkt Jakob ärgerlich und ist nun endlich vor seiner und Alois Zimmertür angelangt. Bevor er öffnet, presst er sein Ohr ganz fest gegen die Tür, um zu horchen, ob Alois drinnen ist, der Kerl schnarcht so laut, dass man ihn auch ohne Hörgerät unmöglich überhören kann. Alles ist ruhig. Gott sei dank, langsam öffnet Jakob die Tür, lugt vorsichtig um die Ecke, niemand da. Erleichtert tritt er ein, geht zum Fenster.
Ein Lächeln erscheint auf seinem sonst so grimmigen Gesicht. Da ist sie ja wieder! Die Schöne von gegenüber. Noch nie hat Jakob ein solch feines, wunderbares, so zartes Wesen gesehen. Sie steht vor einem gepflegten Einfamilienhaus im wunderschönen Garten. Sämtliche Blumensorten blühen um sie herum. Liebevoll streicht sie mit der einen Hand über eine Rosenblüte. In der anderen Hand hält sie eine kleine Harke. Ihr langes, weißes Haar hat sie heute zu einem Knoten gebunden, sogar von dieser Entfernung aus meint Jakob ihre Augen strahlen zu sehen. Sie sind bestimmt blau, so blau wie der Himmel an einem wunderschönen Sommertag.
Nun bückt sie sich und als sie wieder aufstehen möchte passiert es, sie kommt offensichtlich nicht mehr hoch, vielleicht ein Hexenschuss. Halb gebückt torkelt Jakobs Traumfrau durch den Garten, ruft etwas, doch niemand kommt.
Ich muss ihr helfen! Jakob schnappt seinen Stock und schlurft schneller als je zuvor Richtung Fahrstuhl, vorbei an Peter und Rudi die ihm mit offenen Mündern nachstarren. Aufgeregt hämmert er auf den Rufknopf, doch der verdammte Fahrstuhl lässt sich mal wieder alle Zeit der Welt. Endlich, nach geschlagenen drei Minuten öffnet das Ding seine Türen, Jakob hechtet fast hinein, bleibt dann mit seinem Stock an der linken Tür hängen. Er flucht, zerrt und zieht bis sich der olle Stock endlich löst und die Fahrstuhltüren zufrieden zuschnappen. E drückt er, E drückt er mindestens zwanzigmal bis sich die Türen wieder öffnen und Jakob beim Rauseilen Alois fast umwirft.
„ Ja, Jakob, was ist denn in dich gefahren?“, hört er Alois noch verwundert fragen, dann ist Jakob auch schon im Garten des Heimes. Hier noch schnell durch, dann hab ich’s gleich geschafft, denkt er und sieht von weitem seine Angebetete noch immer gebückt herumkraxeln. Immer näher kommt er ihr, jetzt ist er gestolpert, fängt sich aber wieder und ignoriert auch den Schmerz in der Lunge.
Zum Glück ist der Gartenzaun nicht allzu hoch, Jakob schafft es fast problemlos diesen zu übersteigen. Der Riss im Hosenboden ist egal. Und nun, nun steht er vor ihr, kam schnaufend an wie eine Dampfwalze und hat sie vollkommen erschrocken. Sie sieht nur seine Filzpantoffeln, hört seinen Atem, weicht entsetzt zurück.
„Wer, wer sind sie?? Was wollen sie von mir? Im Haus ist ein großer Hund, den rufe ich jetzt gleich!“
„Oh nein.... ich will nicht.... was denken sie.... ich möchte doch nur....“, stottert Jakob verzweifelt.
Zum Glück sieht sie sein Gesicht nicht, er hat einen hochroten Kopf bekommen, und zwar nicht nur vor Anstrengung.
Seine Stimme hört sich nicht an wie die eines Verbrechers, Resis Schreck weicht Ungeduld. „Ja, was wollen sie denn jetzt?“, fragt sie etwas genervt „sie sehen doch, ich befinde mich in einer recht unglücklichen Situation, ich habe mir beim Bücken irgendetwas ausgerenkt, glaube ich.“
„Ja, deshalb bin ich ja da“ meint Jakob unbeholfen. „Ich habs doch gesehen... da von meinem Fenster aus.“ Jakob zeigt Richtung Altersheim, dann fällt ihm ein, dass sie seinem Finger ja gar nicht folgen kann, schließlich muss sie immer noch auf den Boden gucken. Jakob bückt sich, dreht sein Gesicht nach oben, guckt genau in das ihre. Oh, oooh, ihre Augen sind wirklich Sommerhimmelblau. Jakobs Wangen werden noch roter, er schnauft immer noch ein bisschen. Einige Sekunden sehen sie sich an, dann meint Resi:
„ Wollen sie mir denn nun helfen oder mich endlos anstarren? Lange halte ich das nämlich nicht mehr aus!“
„Oh, Verzeihung, natürlich helfe ich Ihnen, hier nehmen sie meine Hand, ich werde sie zur Bank dort drüben führen.“
Sie richtet sich ein wenig auf. „Ich glaube es geht schon ein bisschen besser.“
Dann legt sie ihre zierliche, kleine, zarte Hand in Jakobs große, raue Pranke. Ein kleiner Schauer überläuft ihn. Langsam, behutsam führt er Resi zur Bank, und gerade als er ihr beim Hinsetzen helfen will, erscheint eine große
1
2
3
4
Kommentare
Keine Kommentare vorhanden.
Kommentar hinzufügen