Rückenschwimmer
von
Basther
1
Bekommt ein Fisch, sobald er seinen Rückenschwimmer gemacht hat einen Orden?
Nein, dann ist er tot. Ich glaube also nicht.
Aber ein Kerl, der 5.000 Menschen feuert bekommt eine Gehaltserhöhung!
„Papa Papa, mein Fisch schwimmt mit dem Bauch nach oben, was ist den mit ihm passiert?“
Lara, guckt ihren Papa traurig an. Sie erwartet eine Antwort. Einen Blick. Ein Irgendwas.
„Papa?“
Keine Reaktion.
Was ist mit dem Vater los? Was macht er gerade?
Zunächst einmal wollen wir die Örtlichkeit klären.
Tragender Punkt dieser Geschichte (momentan) ist die Küche der Zweizimmerwohnung.
Zimmer eins: Kinderzimmer von Lara.
Zimmer zwei: Zimmer vom Papa.
Küche und Bad.
Und die Mama?
Die Mama gibt es leider nicht mehr. Die einen sagen Alkohol. Die anderen sagen Krebs. Wiederum sagen andere, dass sie ihren Lebenswillen verloren hat. Wohin die Mama gegangen ist, ist aber jeden klar. Nur der Grund fehlt leider.
Zu den Personen.
Lara: Fünfjahre alt. Wird in drei Monaten eingeschult. Hat seit zwei Jahren keine Mama mehr.
Zum Papa: 40-Jahre alt. Physisch betrachtet ohne Frau seit zwei Jahren. Psychisch gesehen seit fünf Jahren. Einfacher Arbeiter.
Nun wieder zur Geschichte.
Er sitzt am Küchentisch. In seiner linken Hand hält er eine Zigarette. Er wollte eigentlich aufhören. Vor ihn, auf dem Tisch liegt eine Zeitung ausgebreitet. Er wird sie aber nicht mehr lesen. Neben der Zeitung befindet sich eine Tasse Kaffee. Sie wird nicht mehr ausgetrunken.
In der rechten Hand hält er einen Brief. Förmlich. Kurz. Das aussagekräftigste Wort ist wohl Fristlos, dicht gefolgt von Kündigung, welches die Betreffzeile schmückt. Nebensächlich erscheint die Danksagung für die Arbeit.
„Papa? Was ist denn? Papa?“ Ein neuer Glanz befindet sich in den Augen von Lara. Spiegelnd. Schimmert. Tränenreich.
Der Vater guckt seine Tochter an. Seine einzige Liebe. Seine Stütze.
Er fragt sich, wie er für Lara sorgen soll. Schule kostet Geld. Kleidung kostet Geld. Essen.
Leben steht in Verhältnis von Schulden, die leider Gottes recht hoch angesiedelt sind. Zu hoch.
Er zieht an seine Zigarette und geht wortlos ins Bad.
Die Tochter hört wie er sich Badewasser einlaufen lässt.
Sie nimmt den Brief in die Hand, doch kann sie ihn leider nicht lesen.
Der Wasserhahn hat aufgehört zu laufen.
Stille.
Die Wohnung ist voll von schweigen. Es schreit nahezu aus den Wänden. Keiner sagt was.
Eine halbe Stunde ist vergangen.
Lara, immer noch voll von Trauer wegen des Fisches geht zum Badezimmer. Klopft.
Keine Reaktion.
Sie klopft abermals. Nichts geschieht.
Sie öffnet die Tür. Sieht die Anziehsachen des Vaters ordentlich auf dem Hocker neben dem Klo liegen. Gefaltet.
Sie geht zur Badewanne.
Sieht ihren Vater. Sieht ihn mit dem Bauch nach oben liegen.
1
Kommentare
Christoph schrieb am 2007-04-19 14:43:57:
Hallo Basther,
beim Stöbern bin ich, Gott sei Dank, auf deine Geschichte aufmerksam geworden. Ich finde sie wirklich ausgesprochen gut. Klar strukturiert, sowohl im Geschehen, als auch in den Charakteren.
Ich glaube der Stoff würde sich gut für eine Kurzfilm eignen. Jetzt die Frage wie du zu der Idee stehst.
Ich würde mich freuen wenn du mich kontaktieren würdest. Meine Mail-adresse: christoph-rohrscheidt@hotmail.de. Danke
Valerie schrieb am 2006-11-14 19:49:54:
man spürt den schmerz über deine worte. das ist einfach nur rührend und traurig.
Shenna schrieb am 2006-11-08 23:14:36:
Ich finde den Text sehr gut, da es trotz zum Teil vorhandener Sachlichkeit, der Konflikt nur angedeutet und dehnbar angesprochen wir. Ein Schicksaal das berührt. Herausragend finde ich die Assoziation mit dem Fisch! Sehr Gelungen. Und ein ansprechender Titel-Text -Bezug!
Basther schrieb am 2006-11-03 19:36:39:
Danke euch beiden für die Kommentare. Freut mich wenn euch diese Geschichte zusagt.
Und RisingSun, dir auch noch mal danke, ich habe bis jetzt noch nie für eine meiner Geschichten so ein Lob bekommen :-) Danke
RisingSun schrieb am 2006-11-01 17:05:51:
Fürchterlich traurig. Entsetzlich, aber so wahr.
Und absolut genial. Genial geschrieben. Mit dieser nüchternen, beinahe naiven Schreibweise, die so außerordentlich gut zur Geschichte passt. Und der Titel... Klingt so harmlos, ist es aber nicht. Ich muss sagen, an dieser Geschichte passt einfach alles!
Lucie Li schrieb am 2006-11-01 08:13:15:
Leider wohl nicht immer nur eine Geschichte. Rührt mich zu Tränen. Das arme Mädchen, von allen verlassen. Ich kenne eine änliche Geschichte, leider wahr, das Mädchen ist dann auch gegangen.
Und keiner fühl sich für solche Schicksale verantwortlich.
LG Lucie Li
Kommentar hinzufügen