Rusalka
von
Orangeade
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Wenn das Mondlicht kühl und schwer auf den Blättern ruht und die Nebelschwaden langsam aus der sumpfigen Erde den Hügel hinauf kriechen, dann erwache ich, Rusalka, verlorene Seele, zum Leben. Schattengleich entwinde ich mich aus der Umklammerung knorriger, schwarzer Äste, die mich tagsüber als Heimstatt gefangen halten und setze meine weissen Füsse lautlos über den morastigen Boden. Was suche ich? Ich weiss es nicht, Rastlosigkeit quält mich jede Nacht. Meine Geistergestalt huscht hierhin und dorthin, durch leise im Wind raschelndes trockenes Dickicht, über das erstickte Gurgeln des Bächleins hinweg zum träge ins Wenn das Mondlicht kühl und schwer auf den Blättern ruht und die Nebelschwaden langsam aus der sumpfigen Erde den Hügel hinauf kriechen, dann erwache ich, Rusalka, verlorene Seele, zum Leben. Schattengleich entwinde ich mich aus der Umklammerung knorriger, schwarzer Äste, die mich tagsüber als Heimstatt gefangen halten und setze meine weißen Füße lautlos über den morastigen Boden. Was suche ich? Ich weiß es nicht, Rastlosigkeit quält mich jede Nacht. Meine Geistergestalt huscht hierhin und dorthin, durch leise im Wind raschelndes trockenes Dickicht, über das erstickte Gurgeln des Bächleins hinweg zum träge ins Mondlicht stierenden Tümpel, von dort nach hoch oben schwebend in die klobigen Hände nachtschwarzer Bäume, wo die Wipfel heimlich über merkwürdige Dinge flüstern. Geduckt kauere ich in den Astgabeln und halte Ausschau. Nach was? Ich weiß es nicht.
Ihr denkt, ich bin weit weg von euch, aber das stimmt nicht - ich bin euch sehr nahe. Wenn ich an den Rand meiner sumpfigen Wohnstätte gelange, dort, wo sich die dunkle Silhouette des Waldes vom Hügel abhebt und die Ähren reifer Kornfelder im silbernen Mondlicht schwer ihre Köpfe beugen, dann kann ich sie sehen, eure Stadt. Wie unter einer hellen Glaskuppel liegt sie da, von der Weite des Nachthimmels geschützt und geborgen - und dabei so zerbrechlich. Leises Summen und Rauschen ertönt von ihr, sie schläft und kommt doch niemals zur Ruhe. Wie eine Spinne sitzt sie in ihrem Netz aus kleinen und großen Strassen, auf denen die Autos, Käfern gleich, eifrig entlang kriechen, und das klagende Aufheulen der Stadtbahnen zerreißt die nächtliche Stille.
Ihr denkt, ihr seid weit weg von mir, doch ich war einmal eine von euch. Ich habe euer Leben gelebt, geliebt, gelitten – und war in tiefem Schlaf gefangen, bis mir eines Tages das Herz zerbrach. Erst war es nur ein kleiner Sprung, unmerklich und unauffällig. Doch dann war der Niedergang nicht mehr aufzuhalten, ich klammerte mich an jede Scherbe, an jeden Splitter, jeden Funken Hoffnung trug ich einzeln zu Grabe, solange, bis an der Stelle, an der sich früher mein Herz befand, nur noch ein schwarzes Loch gähnte. Von da an gehörte ich nicht mehr zu euch, meine Gefühle waren erloschen und tot wie eine erstickte Flamme. Ich konnte nicht mehr bei euch bleiben und so zog ich nach draußen, hierher in die sumpfigen Wälder draußen vor eurer Stadt.
Aber mein Schmerz fand kein Ende. Rastlos zog ich über die nackte Erde und streckte die Hände in meiner Verzweiflung hinauf zu den Sternen bis sie so lang und dünn wurden wie Spinnfäden. Doch die Sternenmutter zeigte kein Erbarmen und die Kinder ihres schwarzen Mantels glitzerten aus der Ferne wie eisige Diamanten. Jeder kleine Vogel, der sein Köpfchen nachts in den Zweigen meiner Heimstatt unter das Gefieder steckt, weiß sich in den Armen der Sternenmutter geborgen und träumt seine kleinen, süßen Vogelträume. Nur mich hat sie vergessen, was habe ich ihr getan? Ich bin eine verlorene Seele.
Als meine Augen nur noch zum Weinen taugten, verschenkte ich sie. Nun liegen sie am Grunde eines Tümpels, smaragdgrün und wie von goldenen Mückenschwärmen durchzogen und ein dummer, eifersüchtiger Flussgeist behütet sie als seinen Schatz. Dort, wo einmal meine Augen waren, klaffen zwei große schwarze Löcher und sie sehen nachts all die stillen, verborgenen Geheimnisse, die niemand kennen möchte. Sobald aber morgens die Sonne zögerlich ihre ersten Boten ausschickt, erblinden sie und, gefangen in den Ästen meiner Heimstatt, harre ich der Dinge, bis mich der Anbruch der nächsten Nacht wieder ruhelos umher treibt.
Ihr denkt ihr seid so fern von mir, ihr, in eurer gläsernen Stadt. Das seid ihr nicht, ich kenne alle eure dunklen, schmutzigen Geheimnisse, über die ihr die scheinheilige Maske eurer Person legt. Ich kenne die Türen, durch die ich in euren Geist dringen kann, denn ihr seid verworfen und habt eure Unschuld verloren, ihr steht nicht länger unter dem Schutz der Sternenmutter. Wie leicht ist es für mich, von hier draußen, vor eurer Stadt, Eingang in eure Träume zu finden!
Ach, wie lange bin ich hier nun schon draußen? Ich weiß es nicht. Von der Zeit sind meine Haare lang und weiß geworden, die verfilzten, knielangen Flechten verbergen meine durchsichtige Gestalt, wenn sie wie ein weißer Nebel nachts durch das Dickicht der Sümpfe streicht. Wie viele Nächte bin ich hier schon ruhelos umhergewandert? Warum verbirgt die Sternenmutter ihr Antlitz vor mir? Bin ich denn eine Verbrecherin?
Manchmal, untertags, kommt es wohl vor, dass sich einer von euch hierher verirrt, dann brecht ihr dumm und nutzlos durch die Gehölze, reißt die Zweige und Blätter meiner Heimstatt ab und schwatzt unsinniges Zeug daher. Einmal sogar, ein Wahnsinniger, der ein Herz in die Rinde meiner Heimstatt geritzt hat, bis das Blut auf die Wurzeln tropfte, nur um einer lächerlichen Glasscherbe voller Gefühle Ausdruck zu verleihen. An mein Gefängnis gebunden kann ich mich doch nicht wehren, aber warte, bis die Nacht kommt!
Ja, ihr da draußen, in eurer zerbrechlichen Stadt, ihr denkt, ihr seid so weit von mir entfernt, weil ich dem Leben den Rücken zugekehrt habe. Wisst ihr, wer ich bin? Frage nie jemanden, der dem Leben den Rücken zugekehrt hat, nach seiner Vergangenheit, vielleicht war er ein Mörder!
In der Mittagshitze zur Stunde des Pan, wenn die Sonne am Zenit steht, breitet sich ein geheimnisvoller Zauber über die knorrigen Bäume und Sträucher der Sümpfe, und die Vögel, sowie das träge Zirpen der Zikaden verstummen wie auf einen unsichtbaren Befehl. Selten jemand, der zu dieser Zeit erscheint, sich dann überrascht umsieht und wachsam in die fremdartige Stille lauscht. War da jemand? Nein, es ist nur der Gott Pan, der zu dieser Zeit umherstreift. Hüte dich vor ihm, er wird dir das Herz zerbrechen, wie er mir das Herz zerbrochen hat!
Ach, wie leicht ist es für mich, in eure Welt einzudringen! Ich besuche euch in euren Träumen durch die geheime Hintertür eurer niederen Gesinnung. Wenn ihr eisig erstarrt auf dem Rücken liegt und mit panisch klopfendem Herzen aus einem Albtraum erwacht, dann habt ihr mich gesehen, mich, Rusalka, die verlorene Seele. Nein, ich bin nicht weit von euch entfernt, ich sitze euch auf der Brust und nehme euch den Atem, wenn ihr friedlich in euren Betten schlaft. Ich helfe euch, die sumpfigen Wälder vor der Stadt nicht zu vergessen, und eure
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