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Kategorien > Hilfesuchend > Verzweiflung

STraßenkinder in Venezuela

von Eleóme

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Mein Leben als Gauner begann vor zwei Jahren. Mein Vater weigerte sich, mir ein Paar Nike-Turnschuhe für 8000 Bolívar zu kaufen. Er gab all sein Geld für Pferderennen und Alkohol aus. Ich war niedergeschlagen, und als ein Freund mich fragte, ob ich Geld bräuchte, sagte ich ja. Ich möchte Turnschuhe haben und von meinem Vater krieg ich dafür kein Geld. Der Typ gab mir Drogen. Die sollte ich verstecken. Dafür zahlte er mir wöchentlich 2000 Bolívar. Als alles glatt lief, kaufte ich mir die Nikes. Seitdem habe ich immer Geld“, sagt Felipe, 17 Jahre.

Felipe und seine Freunde Edison und Benjamin leben in Venezuela. Wie zahlreiche andere Kinder und Jugendliche zwischen acht und 18 Jahren wohnen sie auf Caracas’

Flaniermeile, dem Boulevard Sabana Grande. Die Straßenkinder betteln und stehlen. Gelegentlich verdienen sie etwas Kleingeld als Schuhputzer oder Kurier. Das Geld geben sie nicht für Essen, sondern für Klebstoff und Videospiele aus. Einige Straßenkinder tragen teure Markenartikel: Chicago-Bulls-Jacken, Adidas-Schuhe oder NBA-Sweatshirts. Für die Insignien der globalen Jugendkultur wird gedealt und gemordet. Schuhe sind besonders wertvoll: Kinder und Jugendliche stehlen einander die begehrten Markenartikel und kämpfen für ihre Nikes um ihr Leben. Wieso sind sie bereit, für Mode und Stil zu töten und zu sterben?

Die venezolanischen Zeitungen berichten täglich von Gewalttaten, in die Straßenkinder verwickelt sind. Die Elite verbarrikadiert sich hinter hohen Mauern. Die Sozialarbeiter kapitulieren. Polizeiaktionen in den Barrios sind berüchtigt und enden oft tödlich. Die Öffentlichkeit ist sich einig: Schuld an Kriminalität und Chaos sind die zerfallenen Familienstrukturen in den Slums. Die meisten Straßenkinder wachsen bei alleinerziehenden Müttern oder anderen weiblichen Familienmitgliedern auf. Väter spielen in ihrem

Leben nur eine untergeordnete Rolle. Viele sind Alkoholiker, misshandeln ihre Frauen oder haben die Familie verlassen.

Doch die Kleinfamilie nach europäischem Vorbild ist in Venezuela nie die Norm gewesen. In der Sklavenzeit und während des Kolonialismus konnte die Bevölkerungsmehrheit keine stabilen Familienverhältnisse aufbauen. Die Männer waren von den spanischen Großgrundbesitzern völlig abhängig. Und viele Arbeiterinnen mussten den Grundherren als Konkubinen dienen. Die in der Folge entstandenen weiblich geführten Haushalte wurden rechtlich und sozial massiv benachteiligt. Heute sind sie beliebte Sündenböcke für nationale Probleme.

Die einflussreichsten Vorbilder für kriminelles Verhalten finden jugendliche Straftäter jedoch außerhalb ihrer Familien. Es sind die Reichen und Mächtigen des Landes, die Schmiergelder zahlen und ihre Privatkonten füllen. Die Nadelstreifenkriminalität ist in Venezuela in den letzten 20 Jahren exponentiell gestiegen. Präsidenten, Bürgermeister und Gewerkschaftler werden wegen Korruption und Veruntreuung verurteilt und verbüßen dafür nur kurze Haftstrafen. Straßenkinder wissen, wer aus der High Society sich wo Marihuana und Kokain besorgt, und sie sehen auch: Das Justizsystem schont die Reichen.


Markenartikel schützen: Gut gekleidete Jugendliche werden seltener aufgegriffen.



Überall in Venezuela, in den Medien, in den Läden und auf den Straßen sind transnationale Einflüsse präsent. Die Straßenkinder schwärmen für den puertoricanischen Salsa-Sänger Jerry Rivera und die Basketball-Legende Michael Jordan. Einige von ihnen nennen sich daher auch Jordans. Ihr Lebensraum beschränkt sich nicht auf die Straßen und Slums von Caracas. Viele pendeln zwischen den Welten. Il Dottore, ein wohlhabender Arzt lädt einige Jungen zweimal wöchentlich zu sich nach Hause ein. In seinem Hobbyraum spielen sie Nintendo, sehen TV und werden mit Speisen und Getränken versorgt. Abends lädt der Chauffeur des Hauses sie wieder am Boulevard Sabana Grande ab.

Nur wenige Straßenkinder schaffen den Ausstieg aus ihrem Milieu, doch für alle sind Konsumgüter Anker in einer besseren Zukunft. Benjamin lebte seit seinem 12. Lebensjahr auf der Straße. Er war schmutzig, drogensüchtig und sammelte Altmetall. Doch Benjamin besaß einen schwarzen Plastikkamm, der ihn ständig daran erinnerte, dass er die Straße verlassen und ein respektierter Bürger werden könnte. Heute ist er Mitglied einer christlichen Sekte und kümmert sich um andere Straßenkinder. Seinen schwarzen Kamm, den trägt Benjamin stets bei sich

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