Sag die Wahrheit!
von
Joko
Alexander kam zu mir, als ich mir gerade mein viertes Bier geholt hatte und neben einer Freundin Platz nahm. Die Party war voll im Gange.
"Sie sitzt in der Dusche und heult. Kannst Du Dich mal um sie kümmern?" fragte er gerade so laut, dass nur ich ihn verstand.
Das war ja so klar! Schon auf dem Weg ins Badezimmer stieg die Wut in mir hoch und ich wusste selbst nicht auf wen. Mich? Alex weil er mich gefragt hatte oder diesen Typen, den Andrea ihren Freund nannte.
Doch als ich die Badezimmertür öffnete war die Wut verflogen und wich einer Gefühlsmischung aus Mitleid und Unverständnis.
"Alles klar bei dir?" fragte ich ganz perplex.
Andrea hatte sich auf den Rand der Dusche gesetzt und zog die Nase hoch. Mit dem Blick zum Boden schüttelte sie den Kopf.
Es war zum aus der Haut fahren! Allein bei ihrem Anblick, wie sie hier heulend da saß, stieg die Wut wieder in mir hoch.
"Was ist denn los?" fragte ich nun ich einem etwas fordernden Ton.
"Ach nix eigentlich!" kam zurück, mehr genuschelt als gesprochen.
Normalerweise bin ich geduldiger und einfühlsamer, aber die Scheißwoche in der Arbeit, die zwei Stunden im Stau stehen und das vierte Bier, das nun auf mich warten musste machten mich reizbar.
"Okay, Andrea ich werde nur noch ein einziges Mal fragen was los ist und du hast die Möglichkeit es mir zu erzählen oder du lässt es bleiben und ich gehe!" entfuhr es mir.
Andrea schaute kurz hoch. Eine Träne rollte ihre rechte Wange runter. Ich konnte sehen wie sie nachdachte.
"Es ist wegen meiner Ma. Nun geht das schon anderthalb Jahre so und nun schon wieder eine OP." fing sie an zu erzählen und ich konnte merken wie sie sich zusammenreißen musste um nicht loszuheulen.
"Und dann er. Der sitzt nun da drin und macht Party." erzählte sie weiter.
So, das war's mal wieder. Ich spürte erneut einen Wutanfall hochsteigen und nur mit Mühe erlangte ich die Fassung wieder.
"Hör zu Andrea, du kannst an dieser Situation überhaupt nichts ändern. Ich weiß das das alles sehr furchtbar ist und das du mit Sicherheit sehr traurig bist und Angst hast, aber du kannst wirklich nichts ändern." versuchte ich ihr langsam zu erklären, dass es nichts brachte hier auf der Geburtstagsfeier von Marc, heulend in der Dusche zu sitzen.
"Ich kann das aber nicht mehr. Mich da rein setzen und so tun als wäre nichts und lachen und feiern." nörgelte sie los.
"Dann fahre nach Hause, glaub mir es wird dir keiner böse sein!" sagte ich.
"Ich weiß auch gar nicht wie ich heim kommen soll." meinte sie darauf.
"Also das kriegen wir auf die Reihe. Geld für ein Taxi ist da. Du musst nur Bescheid sagen." entgegnete ich und mir schwante schon was.
"Ich kann aber nicht alleine zuhause sein, da drehe ich einfach durch!" sie kämpfte erneut mit den Tränen und ich konnte sie in diesem Augenblick sehr gut verstehen. In der Situation wäre ich auch nicht gerne allein. Trotzdem wollte ich nicht die Hälfte der Feier im Badezimmer verbringen und diplomatisch über eigentlich klare Sachverhalte diskutieren.
"Ich will das er mitkommt, aber nein, er sitzt da drin und macht wieder einen auf den coolen Macker!" fing sie nun an loszuschnauzen.
"Dann solltest du dir mal Gedanken darüber machen, warum das so ist Andrea!" meinte ich nun und schnappt mir einen der Stühle, die ins Bad ausquartiert worden waren um im Wohnzimmer mehr Platz zu schaffen. Wenn ich schon hier saß, warum dann auch noch unbequem.
"Weiß ich ja nicht! Wenn wir alleine sind ist er immer ganz anders, aber kaum sind wir unterwegs wird er so wie jetzt!" trotzelte sie vor sich hin.
Wie oft hatte ich diesen Satz schon gehört. Diesen oder so ähnliche. Ich höre sie bereits seit Jahren und die aussprechenden Münder habe sich geändert.
Ich wusste was ich nun eigentlich hätte sagen sollen, aber ich brachte es nicht fertig. Vielleicht lag es daran, dass ich mein viertes Bier verlassen musste. So saß ich nun da und versuchte es auf die erklärende Tour.
"Also, es gibt mehrere Gründe warum er nun so ist und nicht anderes, Andrea. Entweder er verdrängt die Geschichte mit deiner Mutter, weil er damit nicht zurecht kommt. Oder er weiß einfach nicht wie er sich verhalten soll. Da kann es so einige Gründe geben warum er sich nun so verhält und nicht anderes." probierte ich ihr vorsichtig klar zu machen, dass dieser Mann einfach nicht genug für sie empfindet, von Liebe gar nicht erst zu sprechen.
"Er verdrängt es!" kam es wie aus der Pistole geschossen.
Mein mit einem Sekt und 3 Bier soviel einem Ahoi-Brause-Wodka vernebeltes Hirn nahm diese Antwort wahr, wollte sie aber nicht so recht verarbeiten. Ich holte tief Luft um ein weiteres Mal einen heftigen Gefühlsausbrauch zu verhindern.
"Du weißt halt nicht warum er sich so verhält, aber daran kannst du nun mal ebenfalls nichts ändern!" hörte ich mich sagen.
"Aber ich wäre doch so gerne mit ihm zusammen." flüsterte sie und mein Herz krampfte sich zusammen, denn auf der einen Seite tat sie mir unendlich leid und auf der anderen Seite brachte mich ihre Dummheit zum kochen.
"Sag's endlich!" schrie mich eine Stimme in meinem Kopf an. "Sag endlich wie es ist, verdammt!" Mir wurde es etwas schwummrig und ich wollte zu meinem Bier.
"Sag die Worte: Er liebt dich nicht, Andrea. Das ist der Grund warum er da draußen sitzt, säuft und Spaß hat, während du hier in der Dusche hockst und heulst! Sehe es endlich ein und beende es! Suche dir einen anständigen Mann, der dich verdient hat und nicht so ein Arschloch!". Es brummte in meinen Ohren und die Stimme schwieg wieder.
"Hör zu Andrea, Du musst tun was für dich gut ist. Wenn Du nach Hause gehen willst, dann geh. Wenn du Party machen willst, weil du nicht allein sein kannst, dann komm mit raus, trink ein Bier und amüsiere dich." redete ich nun auf sie ein um eine Entscheidung herbei zu führen.
"Ich kann nix trinken, einer muss doch fahren!" meinte sie immer noch leise.
"Hör endlich auf es allen recht machen zu wollen. Wenn du saufen willst, dann sauf. Kann dir doch egal sein. Ein Lösung findet sich immer!" motzte ich nun los und wieder hörte ich die Stimme in meinem Kopf: "Mann wie kann man nur so doof sein! Dir geht es beschissen, während er feiert und Du darfst dann auch noch nichts trinken, weil der Herr einen Fahrer braucht. Prima! Entschuldige dich doch gleich für deine Existenz!"
Das war dann einfach zu viel für diesen Tag, diesen Abend und für mich. Ich stand vom Stuhl auf und wandte mich zum gehen.
"Komm wir gehen ein Bier trinken Andrea, hat keinen Sinn hier rumzuhocken!" sagte ich lächelnd und verließ das Bad.
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