Sally (12. Kapitel)
von
*soulmate*
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12. FREUND UND FEIND
Als der Hahn krähte, erwachte Sally mit einem Lächeln auf den Lippen. Viel geschlafen hatte sie nicht, aber das war ihr egal. Sie hatte das Gefühl, dass das Adrenalin, das gestern vor Angst durch ihren ganzen Körper geschossen war, ihr jetzt immer noch genügend Energie für den anbrechenden Tag gab.
Und so war es auch. Voller Freude versorgte sie nach dem Frühstück die Pferde, heute jedoch mit Tony anstatt Katy an ihrer Seite. Wahrscheinlich war das auch besser so, denn Sally wusste nicht, wie sie sich in Zukunft Katy gegenüber ver-halten sollte beziehungsweise verhalten wollte. Sie war definitiv nicht einverstanden mit Catherines Affäre und hatte nicht vor, ihr Verständnis oder Freundlichkeit vorzuspielen, doch sie fühlte sich auch nicht imstande mit ihr darüber zu reden oder sie gar von der Widerwertigkeit ihrer Tat zu überzeugen.
Daher war sie froh, Katy zunächst einmal aus dem Weg gehen zu können. Vielleicht konnte sie diese Gelegenheit auch gleichzeitig nutzen, um Tony etwas besser kennenzulernen. Das hatte sie sich ja sowieso vorgenommen.
Während Sally die Stute Dakota bürstete, so wie Katy es ihr gezeigt hatte, beo-bachtete sie die schüchterne Antonia aus dem Augenwinkel. Sie schien vertieft in die Arbeit zu sein und Sally kaum wahrzunehmen. Ihre dunkelblonden, gewellten Haare waren unbeholfen zu einem Zopf zusammengebunden, doch die meisten Strähnen waren schon wieder herausgerutscht. Im Moment schleppte Tony gerade zwei volle Eimer Wasser Richtung Pferdeställe, leerte sie in den Trog aus und ging mit leeren Behältern wieder zum Hahn. Das wiederholte sie einige Male, bis alle drei Pferde genug zu trinken hatten.
Sally bemerkte, dass Tony mit jedem Mal, wenn sie den Weg zu den Ställen antrat, angespannter aussah. Die schweren Eimer schienen ihr richtig zuzusetzen. Sally konnte gar nicht anders, als sie nicht mehr aus den Augen zu lassen.
Sollte sie ihr vielleicht ihre Hilfe anbieten?
Wollte Tony, dass Sally ihr half?
Oder würde sie sich bloßgestellt fühlen?
Sally konnte das nicht gut einschätzen. Tony war für sie noch völlig fremd.
Gleich hat sie es geschafft, sagte Sally sich dann in Gedanken und folgte Tony mit ihren Blicken.
Plötzlich blieb diese stehen.
Sally verharrte ebenfalls in der Bewegung, woraufhin Dakota sie sofort leicht mit dem Kopf anstupste, da sie weiter gebürstet werden wollte.
Antonia ließ ohne Vorwarnung die gefüllten Eimer auf den Boden fallen, sodass das Wasser fast zur Hälfte heraus schwappte.
Sally schrak leicht zusammen und starrte Tony mit fragendem Gesichtsausdruck an.
„Ist was?“, fragte Antonia auf einmal.
„Wie bitte?“, erwiderte Sally.
„Ob irgendetwas nicht in Ordnung ist, will ich wissen.“, erklärte Tony und sah Sally in die Augen.
„Äh....nein, alles okay. Wieso?“ Sally war verwirrt.
„Weil du mich die ganze Zeit beobachtest.“ Sally konnte den Ton in Antonias Stimme nicht zuordnen. Sie klang nicht wütend oder verärgert, was zu ihren Worten und Gesten gepasst hätte. Sie klang eher, wie Sally sich fühlte, nämlich hoffnungslos verwirrt.
„Oh, das tut mir leid“, entgegnete Sally langsam, „es war nicht meine Absicht, dass du dich.....beobachtet fühlst. Ich wollte nicht aufdringlich erscheinen.“
Antonia runzelte die Stirn und sah zu Boden. Offensichtlich war sie wirklich verwirrt von Sallys Verhalten.
„Ich....ich dachte, wir könnten uns vielleicht ein wenig unterhalten.“, brachte Sally dann hervor und versuchte vertrauenswürdig zu lächeln.
Einer von Tonys Gummistiefeln begann, ein kleines Loch in den erdigen Boden zu bohren, und ihre Arme verschränkten sich hinter ihrem Rücken. Ihr Blick blieb immer noch auf den Boden geheftet.
„Ich wollte dich ein wenig besser kennenlernen. Wir werden ja doch eine ganze Weile zusammen hier leben, oder?“, versuchte Sally das Gespräch anzukurbeln.
Tony machte keine Anstalten, zu antworten.
Fast schien es, als sei sie mit ihren Gedanken schon wieder weit, weit weg.
„Vielleicht können wir Freundinnen sein.“ Schön langsam gingen Sally die Erklärungen aus. Sie ärgerte sich ein wenig darüber, dass Tony nicht das geringste Interesse zeigte.
„Du hast sie gesehen, stimmt`s?“, fragte Antonia auf einmal. Ihre Stimme war nur ein Flüstern.
Sally stand die Verwirrung ins Gesicht geschrieben: „Wen hab ich gesehen?“
„Meine Schwester und.....Ryan.“ Tonys Wangen bekamen eine leicht rötliche Färbung.
Sally hatte es die Sprache verschlagen.
Woher wusste Tony von Katys und Ryans Affäre, wenn Katy so bemüht darum war, sie geheim zu halten?
Und was noch merkwürdiger war: Woher wusste Tony, dass Sally die beiden gesehen hatte?
War sie gestern Nacht auch in den Stall geschlichen?
Diesen Eindruck hatte sie im Nachhinein im Esszimmer jedenfalls nicht gemacht.
„Woher....“, begann Sally, doch Tony ließ sie nicht ausreden.
„Ich weiß schon eine ganze Weile von ihrer Affäre. Ich hab sie zwar noch nie wirklich erwischt, aber die Anzeichen sind sehr eindeutig. Ich hatte befürchtet, dass du sie sehen würdest, als du Ryan wieder hereinholen solltest.“ Ihr Gesicht hatte mittlerweile die Farbe einer reifen Tomate.
„Oh.“ Sally wurde ebenfalls rot, „ja, ich habe sie gesehen.....leider. Ich hätte das von Katy niemals erwartet.“
Endlich hob Tony den Blick vom Boden und sah Sally in die Augen.
„Würdest du sie kennen, wie ich sie kenne, hätte es dich nicht überrascht.“, sagte Tony mit einem Klang in der Stimme, als hätte sie Katys Hinterhältigkeit auf die harte Tour akzeptieren müssen, als wäre sie schon mehr als einmal selbst das Opfer ihrer Schwester gewesen.
Sally empfand augenblicklich Mitleid für die Vierzehnjährige. Sie konnte nicht verstehen, wie man seine jüngeren Geschwister demütigen konnte, da sie ihre eigene kleine Schwester so abgöttisch liebte.
„Ist sie gemein zu dir?“, fragte sie dann vorsichtig.
Tony sah abermals zu Boden.
Allmählich nahm ihr Gesicht wieder eine normale Farbe an.
Sally begriff schnell, dass Tony kein Mensch der großen Worte war, sondern sich auf ihre ganz eigene Weise mit den Leuten unterhielt. Man musste ihre Gesten nur verstehen.
„Ich weiß, was es heißt, gedemütigt zu werden und machtlos dagegen zu sein.“, sagte Sally sanft.
Antonia schwieg, doch ihr Fuß hörte auf, ein Loch in den Boden zu schaben.
Sally deutete das als gutes Zeichen und lächelte.
„Ich habe auch eine kleine Schwester“, erzählte sie dann, „sie ist erst acht und zuckersüß. Ich würde alles für sie tun.“
Vielleicht würde Tony sich öffnen, wenn Sally auch Dinge aus ihrem Leben preisgab.
Tatsächlich stahl sich ein kleines Lächeln auf Antonias Gesicht.
„Sie hat großes Glück mit dir; vollkommen egal, was alle anderen sagen.“, sagte Tony leise.
Alle anderen?
Sally verstand nicht ganz, was Antonia meinte.
Redete Familie Green schlecht über sie?
Hatten sie vielleicht Dinge über sie gehört, die sie lieber geheim gehalten hätte?
Da stand Sallys Herz für einen Augenblick still.
Ein ganz neuer Gedanke kam ihr in den Sinn.
Wusste die Familie darüber Bescheid, was sie getan
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