Sally (17. Kapitel)
von
*soulmate*
1
2
3
4
5
17. VERRATEN
Am nächsten Morgen saß Sally alleine am Frühstückstisch, doch daran hatte sie sich schon gewöhnt. Katy und Tony waren ja in der Schule und Mr. und Mrs. Green waren schon längst draußen bei der Arbeit. Henry saß im Wohnzimmer in seinem Laufstall und spielte mit einem Plüschtier, das sehr nach einem Affen aussah, jedoch keinen Schwanz mehr hatte. Ab und zu gab der kleine ein paar fröhliche Laute von sich, dank derer Sally sich nicht ganz einsam fühlte.
Gerade schmierte sie sich ein Brot mit Erdbeermarmelade, als ihr Blick nachdenklich auf die Obstschale auf dem Tisch fiel, aus der ein grüner Apfel sie freundlich anzulächeln schien.
Schon seit sie aufgewacht war, dachte sie nur an ihre geplante Flucht und wie sie Matt trotzdem wiedersehen könnte. Der Apfel gehörte nun zum ersten Teil.
„Pferde mögen doch Äpfel.“, murmelte sie leise und griff nach dem Obst. Wenn sie Dakota mit einem Apfel bestechen würde, würde sie bestimmt auf ihr reiten dürfen.
Sorgfältig begutachtete sie ihr Fundstück und legte es dann neben ihren Teller.
Inzwischen hatte sie beschlossen, dass ihre Flucht so bald wie möglich stattfinden musste. Heute oder morgen Nacht wollte sie ihren Plan durchziehen. Matts Brief hatte ihr den nötigen Mut dazu gegeben.
Bis es soweit war, war jedoch noch viel zu tun. Als erstes musste sie sich ein wenig Proviant zusammensuchen, danach sollte geplant werden, wie sie unbemerkt aus dem Haus kam und letztendlich wollte Sally natürlich noch unbedingt ihre Pläne mit Tony in die Tat umsetzen. Obwohl sie vorhatte, bald von hier zu verschwinden, wollte sie trotzdem den Brief an Matt verfassen und Tony dazu überreden, ihn abzuschicken. Natürlich ließ sie es sich auch nicht nehmen, Antonia noch ein paar Lektionen in Sachen Selbstbewusstsein zu erteilen und ihr Hilfestellung im Kampf gegen ihre Schwester zu geben. Das hatte sie sich ja geschworen, und Tony verdiente es auch, daran bestand kein Zweifel. Ob aber noch Zeit bleiben würde, damit Antonia Sally das Reiten zeigen konnte, war eher nebensächlich. Notfalls musste es eben auch so gehen.
Sally fand ihre Entscheidung, schon so bald abzuhauen, selbst ein wenig überstürzt, doch die Sehnsucht nach Anni trieb sie voran. Wie Tony es prophezeit hatte, konnte Sally viel Kraft aus dem Brief schöpfen und neue Hoffnung auf-bauen. Natürlich wusste sie, dass Antonia das eigentlich anders gemeint hatte, aber im Grunde hatte sie Recht: Eine Erinnerung daran, dass es da draußen Menschen gab, denen Sally etwas bedeutete, war unbezahlbar.
Nachdem Sally ihr Marmeladenbrot aufgegessen hatte, nahm sie sich zwei weitere, von Megan frisch aufgebackene Brötchen, schnitt sie auf und belegte sie jeweils mit einer Scheibe Wurst und einer Scheibe Käse. Danach ging sie in die Küche, suchte ein Stück Frischhaltefolie und wickelte ihren fertigen Proviant darin ein. Zufällig sah sie neben dem Mülleimer eine kleine, leere Plastikflasche stehen und hob sie kurzerhand auf. Ein paar Mal spülte sie sie am Waschbecken aus und ließ sie dann mit Wasser volllaufen.
„So, das dürfte genügen.“, sagte sie sich dann, packte den Apfel, ihre Brötchen und die Flasche und schmuggelte sie an Henry vorbei nach oben in ihr Zimmer. Wie sie die Sachen während ihrer Flucht transportieren wollte, wusste sie noch nicht. Vielleicht fand sich in ihrem Zimmer ja noch etwas Brauchbares, doch Zeit zum Suchen war erst später.
Jetzt musste sie schleunigst nach draußen und Mrs. Green im Stall helfen, sonst würde Megan noch misstrauisch werden.
In ihrer üblichen Arbeitskleidung rannte Sally die Treppe hinab und stürmte aus der Haustür. Die Pferde warteten bestimmt schon auf sie.
Als sie den Stall betrat, sah sie zunächst Mrs. Green, die gerade die Kühe fütterte, aber sie wusste, dass sie den besten Eindruck machen würde, wenn sie sofort an die Arbeit ging. Mit einem fröhlichen „Guten Morgen“ lief sie an Megan vorbei und steuerte geradewegs auf den hinteren Teil des Stalles zu.
Mrs. Green erwiderte den Gruß und schenkte Sally ein freundliches Lächeln.
„Es ist schön, dass man sich auf dich verlassen kann.“, rief sie ihr sogar noch hinterher und ging dann wieder ihrer Aufgabe nach.
Dieser Satz versetzte Sally einen kleinen Stich in ihrem Herzen und sie blieb kurz stehen.
In diesem Moment fühlte sie sich zum ersten Mal so, als würde sie die Familie im Stich lassen, wenn sie ging. Megan war fast wie eine Mutter für sie und Sally würde sie einfach hintergehen.
Sie hinterging sie genaugenommen jetzt schon, da sie wusste, Megan verließ sich auf sie und Sally plante hinter ihrem Rücken ihre Flucht.
Das fühlte sich ganz und gar nicht gut an.
Als würde sie ihre eigene Familie belügen, eine Familie, die ihr vertraute.
Sally musste einmal schwer schlucken, bevor sie weitergehen konnte.
Für Gewissensbisse war nun wirklich nicht der richtige Zeitpunkt.
„Denk einfach an Anni.“, flüsterte sie sich leise zu und betrat den Pferdestall.
Wenn sie an Anni dachte und ihr kleines Gesichtchen vor sich sah, war alles nur halb so schlimm. Für Anni lohnte es sich schließlich, stark zu sein. Anni war es, die sie wirklich brauchte. Alles andere konnte sie entbehren.
Dakota wieherte zur Begrüßung, als sie Sally bemerkte.
„Hallo, du Schöne.“, antwortete Sally und streichelte der Stute sanft über die Mähne. Da sie keines der Pferde bevorzugen wollte, ging sie anschließend auch zu Jacky und Aaron hinüber und tätschelte ihnen den Hals. Die beiden beschwerten sich mittlerweile wenigstens nicht mehr, wenn Sally ihnen zu nahe kam. Dafür hatten sie schon eine Belohnung verdient.
Voller Elan machte Sally sich daran, die Tröge zu füllen, die Boxen auszumisten und anschließend noch die Pferde zu striegeln. Bei Dakota war sie dabei besonders sorgfältig. Auf ihr wollte sie schließlich heute oder morgen eine weite Strecke zurücklegen, da sollte Dakota Sally gegenüber schon sehr wohlgesinnt sein. Nicht auszudenken was es für Sally bedeuten würde, wenn Dakota sie unterwegs abwerfen und sie sich sämtliche Knochen brechen würde. Das wäre dann wohl das endgültige Ende ihrer Pläne.
Kaum war sie mit ihren Aufgaben fertig, stand auch schon Megan in der Tür.
„Fertig?“, fragte sie freundlich.
„Ja, bin soeben fertig geworden.“, antwortete Sally, räumte Eimer und Mistgabel noch zur Seite und folgte dann Mrs. Green zum Ausgang.
Der übliche Tagesablauf setzte sich fort, indem die beiden Frauen Mr. Green auf dem Feld halfen. Hier herrschte keine so angenehme Atmosphäre, wie in der Zeit, in der Sally alleine mit den Pferden war. Hier hieß es wie immer: zuhören und ausführen. Sally gab sich alle Mühe, keinen Ärger mit Paul zu bekommen. Eindeutig am schwierigsten war das, wenn Megan wieder einmal das Feld verließ und zurück ins Haus ging, um nach Henry zu sehen, ihn zu füttern oder ihn schlafen zu legen und Sally alleine mit ihm Mr. Green übrig blieb, doch sie meisterte auch diese Situationen.
Als es schön langsam dämmerte, war die Arbeit für heute erledigt.
„Feierabend.“, brummte Mr. Green, wischte sich
1
2
3
4
5
Kommentare
Keine Kommentare vorhanden.
Kommentar hinzufügen