Sally (5. Kapitel)
von
*soulmate*
1
2
3
5. VERURTEILT
Die Verhandlung war schon in vollem Gange, doch Sally bekam kaum etwas mit.
Sie war wie in Trance.
Sie saß neben ihrem Verteidiger auf der Anklagebank und gab sich alle Mühe aus diesem Zustand auszubrechen, doch er ließ sich einfach nicht abschütteln. Irgendwann gab sie es auf.
Sie hörte die Stimmen, die sie dem Richter, dem Staatsanwalt und verschiedenen Zeugen zuordnete, aber was gesagt wurde, wusste sie beim besten Willen nicht.
Ganz zu Beginn hatte sie ihre Aussage gemacht. Sie hatte das wiederholt, was sie schon vor ein paar Tagen auf dem Polizeirevier und heute morgen schon ihrem Anwalt gesagt hatte und daher hatte es auch niemanden mehr verwundert, dass sie ihre Tat offen zugab.
Nach ihrer Vernehmung hatte sie wieder neben ihrem Verteidiger Platz genommen und war dann in Gedanken versunken.
War es das jetzt gewesen?
Hatten diese paar Sätze über ihre Zukunft entschieden?
Nein, nicht nur ihre paar Sätze, auch die Aussagen der Zeugen würden entscheidend sein.
Sally kam es komisch vor, dass sie selbst so ruhig war.
Es fühlte sich an, als ob ein Schleier über ihre Sinne gelegt worden war, und sie alles nur gedämpft wahrnehmen konnte.
Als wäre sie eine Art Beobachter. Einer der Zuschauer vielleicht, der diese Jugendliche da auf der Anklagebank mit einem Blick voll Mitleid betrachtete, aber auf keinen Fall fühlte es sich so an, als wäre sie selbst die Angeklagte.
Ob es wohl jedem so erging?
Sally wusste es nicht.
Es war ihr auch egal, denn sie konnte sowieso nichts daran ändern.
Was sie wirklich freute, war, dass dieser Richter Hayden tatsächlich ein sehr gütiger und freundlicher Mensch zu sein schien.
Er war sehr höflich und nett zu ihr und lächelte sie jedes Mal an, wenn er mit ihr sprach.
Ebenso war er zu den Zeugen.
Er achtete darauf, dass keine subjektiven Aussagen gemacht wurden und dass auch niemand direkt oder indirekt beleidigt werden konnte. Sally hatte wirklich Glück mit ihm.
Ab und zu horchte sie auf, wenn ein weiterer Zeuge aufgerufen wurde, dessen Namen sie kannte, weil er vielleicht in der Nachbarschaft oder zumindest irgendwo in der Nähe gewohnt hatte.
Sie fand es interessant, wie die verschiedenen Leute es darstellten, was sie gese-hen und gehört hatten. Ganz objektiv natürlich, wie Richter Hayden es wünschte. Sally erntete anfangs auch ein paar schockierte Blicke, was sie schließlich auf ihr ungepflegtes Aussehen schob und den Blicken keine Beachtung mehr schenkte.
Irgendwann schenkte sie auch den Aussagen der Zeugen keine Aufmerksamkeit mehr, denn ihre Trance gewann wieder die Überhand.
Mit verschwommenem Blick starrte sie ins Leere.
Immer noch wurden Zeugen aufgerufen, einer nach dem anderen.
Es schien kein Ende mehr zu nehmen.
Doch plötzlich rief der Richter einen Namen auf, der Sally auch aus dem tiefsten Koma erwachen hätte lassen und somit mit ihrer kleinen Trance locker fertig wurde:
„Anna Penelope Baldwin, bitte!“
Anni! Sallys Herzschlag beschleunigte sich.
Sie war hier.
Sie war so nah.
Anni.
Die Türen öffneten sich und Sally streckte ihren Hals, um sofort einen Blick auf ihre kleine Schwester erhaschen zu können.
Eine blonde Frau hielt Anni an der Hand, schritt mit ihr den Gang des Gerichtssaales entlang und setzte sich dann mit ihr für die Vernehmung vor den Richter.
Sallys Herz wollte sich gar nicht mehr beruhigen.
Obwohl Anni erst verängstigt und sehr blass auf Sally wirkte, war sie von dem Strahlen, das sich auf dem Gesicht der Kleinen ausbreitete, als sie ihre Schwester entdeckte, überwältigt.
Ihre kleine Anni.
Sie winkte Sally sogar kurz zu, doch dann sagte die Frau etwas zu ihr und Anni musste ihr zuhören.
Sally hätte ihrer Schwester auch gerne gewunken, doch sie wollte ihre keine Angst machen, indem sie ihr ihre gefesselten Hände zeigte. Das alles war wohl furchteinflößend genug für ein so zerbrechliches kleines Mädchen.
Schließlich räusperte sich der Richter und begann mit der Vernehmung.
Der Name der Frau war Hannah Parker und anscheinend war sie Annis neue Pflegemutter. Sie war 33 Jahre alt und verheiratet, wohnhaft an einem Ort, den das Gericht zum Schutz der Familie nicht preisgeben wollte, beruflich nur als Hausfrau tätig und mit der Angeklagten natürlich weder verwandt noch verschwägert.
Sally lief ein Schauer über den Rücken.
Verwandt......mit jemandem, der ihr ihre Schwester wegnahm....was für eine abscheuliche Vorstellung.
Dann wandte sich Richter Hayden mit freundlich Stimme an die kleine Anni.
„Dein Name ist Anna Penelope Baldwin, ist das richtig?“
„Ja.“, antwortete Anni mit ihrer süßen Stimme und wollte dabei anscheinend erwachsen klingen.
„Du bist acht Jahre alt und gehst in die Grundschule, nicht wahr?“
Wieder bejahte Anni.
„Und zur Zeit wohnst du bei der Dame, die gerade neben dir sitzt, oder?“
Anni zögerte.
„Oder?“, wiederholte der Richter.
„Ich...ich weiß nicht...ich bin jetzt schon seit ein paar Tagen bei dieser Familie, aber ich glaube nicht, dass ich da wohne. Ich wohne schließlich zu Hause.“, sagte Anni mit schwachem Stimmchen.
Die blonde Frau, Hannah, lächelte Anni an und streichelte ihr liebevoll über die schwarzen Haare.
„Wir wissen nicht, was wir ihr alles erzählen sollen.“, wandte sie sich dann an den Richter.
Mit einem verständnisvollen Lächeln und gutmütigem Blick nickte Richter Hayden.
Dann setzte er seine Vernehmung fort: „Und die Angeklagte....also das Mädchen, das da drüben sitzt, ist deine Schwester. Ist das richtig?“
Jetzt nickte Anni mit voller Überzeugung.
„Gut.“ Der Richter war zufrieden.
Danach stellte er Anni einige Fragen über den Tathergang und Anni beantwortete diese tapfer. Sie schien immer darauf bedacht zu sein, nur das Beste über ihre Schwester zu erzählen.
Sally war gerührt. Sie wollte Anni so gerne in ihre Arme schließen und ihr tausendmal sagen, wie lieb sie sie hatte. Sie wollte jetzt neben ihr sitzen und ihre kleine Hand halten. Sie wollte dem Richter sagen, dass Anni natürlich nicht bei dieser Familie Parker wohnte, sondern bei ihr. Egal wo, ob es jetzt unter einer Brücke war oder in einer kleinen Wohnung, sie gehörten zusammen. Das konnte ihnen niemand nehmen.
Wenn Richter Hayden eine Frage darüber stellte, wie Anni von ihrer Schwester behandelt worden war, blickte Anni immer zu Sally hinüber und Sally konnte dieselbe Sehnsucht, die sie verspürte, auch in den Augen ihrer Kleinen lesen. Es kostete sie einige Überwindung, nicht einfach aufzustehen und Anni in ihre Arme zu nehmen, doch die Handschellen an ihren Händen erinnerten sie immer wieder schmerzhaft daran, dass das nicht ging.
„Gut, vielen Dank. Du darfst jetzt mit der Dame auf der Seite Platz nehmen.“, verkündete Richter Hayden, nachdem weder der Staatsanwalt noch Sallys Verteidiger Fragen an die Kleine stellen wollten.
Sally war enttäuscht von ihrem Verteidiger. Anni war die beste Zeugin, die man sich als Verteidiger wünschen konnte. Sie würde nie etwas Belastendes über Sally erzählen oder Etwas, dass sie nicht gut dastehen lassen würde, doch
1
2
3
Kommentare
Mary schrieb am 2010-03-06 16:34:01:
Bitte weiter! ;)
Kommentar hinzufügen