Sally (9. Kapitel)
von
*soulmate*
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noch einige Utensilien, die für Sally aussahen wie Haarbürsten, und gegenüber befanden sich drei wunderschön verzierte Sättel.
Mit einem gewissen Widerwillen stapfte Sally hinter Katy her und griff sich, genau wie sie, ein paar Büschel von einem Heuballen.
„Während wir arbeiten, erklär ich dir ein wenig, wie das hier bei uns am Hof so ablaufen wird.“, berichte Catherine und legte das Heu in die Futtertröge.
„Ist gut.“, antwortete Sally und tat es Katy gleich.
„Also, zunächst einmal die Auflagen des Gerichts.“
Sally wurde hellhörig.
Was musste sie wohl alles durchstehen, bis sie hier wieder weg durfte?
„Du darfst, wie du ja wahrscheinlich schon weißt, nicht in die Schule gehen, was ich persönlich jetzt nicht als Bestrafung sehen würde.“ Katy kicherte.
Das war wirklich nichts Neues für Sally.
Das hatte sie ja bei der Urteilsverkündung schon gehört.
„Außerdem darfst du nicht telefonieren oder ins Internet. Du darfst das Grundstück nicht alleine verlassen und eigentlich auch sonst keinen Kontakt zu Leuten haben, die nicht auf diesem Hof leben. Du musst eigentlich immer das tun, was meine Eltern dir sagen, außer du bist aus gesundheitlichen Gründen oder so nicht in der Lage dazu. Falls jemand für dich anrufen würde oder Ähnliches, sind wir nicht dazu verpflichtet, es dir zu sagen, wir können es aber tun. Du darfst dann allerdings nicht zurückrufen. Falls du etwas geschickt bekommen solltest, vielleicht von deinen alten Sachen, dann müssen es meine Eltern erst begutachten und dann können sie entscheiden, ob sie es dir geben oder nicht. Mehr fällt mir jetzt gerade nicht ein.“ Abrupt war Katys Redefluss beendet.
Sally schluckte erst einmal.
Im Klartext hieß das: kein Kontakt zur Außenwelt.
Kein Kontakt zu Matt, und vor allem kein Kontakt zu Anni.
Sie würde in den nächsten fünf Jahren keine Ahnung davon haben, wie es ihrer kleinen Schwester ging. Sie könnten sie nach Südafrika verfrachten und Sally hätte keinen Schimmer davon. Sie könnte an mit einer tödlichen Krankheit angesteckt werden, und Sally würde es nicht mitbekommen.
In diesem Moment malte Sally sich die furchtbarsten Dinge aus, die in fünf Jahren alle passieren konnte. Möglich war fast alles, und sie selbst war machtlos dagegen. Sie konnte gar nichts tun.
In der selben Sekunde, in der all diese Gedanken durch ihren Kopf schossen, hatte sie auch schon einen Entschluss gefasst: Sie musste hier verschwinden, egal was es kostete und so schnell es nur ging.
„Ansonsten hast du es hier bei uns eigentlich ganz gemütlich.“, sprach Katy schließlich weiter, „du hast dein eigenes Zimmer, bekommst deine eigenen Klamotten und jeden Tag das köstliche Essen meiner Mutter vorgesetzt. Ich finde, niemand kocht so gut wie sie.“
Sally wurde aus ihren Gedanken gerissen.
„Hm, ja.“, antwortete sie dann geistesabwesend.
„Kocht deine Mum auch so gut?“, wollte Catherine wissen.
„Ich weiß nicht, ich kann mich nicht mehr daran erinnern.“ Sally wurde erst langsam wieder bewusst, wo sie war.
Katy hielt in ihrer Arbeit inne.
„Du kannst dich nicht mehr daran erinnern?“
Sally schüttelte den Kopf.
„Sie hat eigentlich nicht oft gekocht, aber ich glaube, wenn sie es tat, war es immer sehr lecker. Es gibt Dinge, die vergisst man mit der Zeit.“
Sie senkte den Kopf.
„Ich kann mich noch genau an ihren Duft erinnern. An das Gefühl, sie zu umarmen und an den Klang ihrer Stimme. An ihr zauberhaftes Lächeln und an das Strahlen ihrer blauen Augen. Doch manches vergesse ich langsam. Ich kann dir nicht mit Sicherheit sagen, ob sie eine gute Köchin war oder nicht.“
Katy brauchte ein paar Sekunden, um zu begreifen, wovon Sally sprach.
„Oh.“, machte sie dann, „ich wusste nicht, dass sie...“
„Wie solltest du auch.“ Sally fühlte sich ein wenig in die Situation von gestern zurück versetzt, in der Katy ihr von ihrer verstorbenen Tante erzählt hatte, nur mit vertauschten Rollen.
„Ist das schon lange her?“, fragte Katy.
„Eigentlich nicht. Sie ist vor etwa einem Jahr gestorben, aber mir kommt es vor, als wäre sie schon viel länger nicht mehr da. Seitdem ist so viel passiert.“
Katy nickte verständnisvoll.
„Das Gefühl kenn ich.“ Sie lächelte sanft.
Sally lächelte kurz zurück.
Ein paar Sekunden standen sie schweigend da.
„Wir sollten uns ein wenig beeilen.“, schlug Catherine dann vor und fuhr mit ihrer Arbeit fort, „sonst wir Dad wieder sauer.“
Sally war froh, nicht mehr über ihre Mutter reden zu müssen, und machte ebenfalls mit der Arbeit weiter.
Die Minuten verstrichen ohne ein weiteres Gespräch und so hatte Sally die Gelegenheit, die Gedanken über ihre Flucht wieder aufzunehmen.
Sie rief sich die Ausweglosigkeit ihrer Situation noch einmal in Erinnerung.
Wie sehr es doch schmerzte, zu wissen, Anni nicht sehen zu können, geschweige denn sie in die Arme zu nehmen.
Erst hatte sie ihre Mutter verloren, und jetzt wurde ihr auch noch ihre Schwester weggenommen.
Nein, das konnte sie nicht mit sich machen lassen.
Niemand konnte ihr verbieten, ihren Liebling bei sich zu haben.
Das würde sie nicht zulassen.
Sie würde etwas dagegen unternehmen.
Sie würde fliehen.
Sie wusste nur noch nicht, wie.
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Kommentare
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