Schicksal
von
Leviathan
1
Warum leben wir in Demut vor dem Allmächtigen? Nur damit wir in sein geheiligtes Land, das Paradies kommen? Und wieso ist es eine Schande sich das Leben zu nehmen, wenn man in dieser Hölle, die sich Leben schimpft, nicht mehr zurecht kommt. Man will doch nur in das Paradies. Und wenn es das höchste Ziel ist, in eben dieses zu kommen, warum heißt es dann, dass das Leben ein Geschenk Gottes ist? Wie will er uns denn dann belohnen, wenn sein Geschenk an uns schon das Leben ist. Was ist denn dann das Paradies? Und was haben wir denn dann nur für einen grausamen Gott, der die sogenannten Sündiger in die Hölle schickt, obwohl sie eben genau aus dieser geflohen sind. Was ist das nur für ein Gott der uns diese Qual als Leben schenkt?
Kopfschüttelnd sah der Mann sich den Bogen Papier an, den er in der Hand hielt. Er seufzte auf, nahm die Brille von der Nase und rieb sich die Augen.
Er hatte wahrlich schon viel gelesen, zu diesem Thema. Aber so etwas. Wieder schüttelte er den Kopf. Das Thema welches er seinen Schülern gestellt hatte, lautete Bestimmung.
Die Sonne brach durch die dunklen Vorhänge des kleinen Arbeitszimmers hindurch und malte Kreise auf den massiven Eichenschreibtisch.
Der Mann setzte seine Brille wieder auf und las weiter.
An wen soll ich denn denken, wenn ich in der Kirche sitze und der Predigt des Pfarrers lausche? Was für ein Bild soll ich mir von unserem Gott machen? Da ihn doch jede Religion anders beschreibt, da er so viel Leid zu lässt. Was sind das eigentlich für Menschen, diese Pfarrer und Priester? Nur weil sie ein altes verstaubtes Buch studiert haben, denken sie, dass sie über uns andere Menschen urteilen können? Ein Mensch ist schon in der ersten Sekunde seines armseligen Lebens befleckt und voller Sünde. Wie soll denn ein einziger Mensch so viele Sünden sühnen? Und warum bleiben jene verschont die sich unter dem weiten Gewandt Gottes verstecken?
Er runzelte die Stirn, legte das Blatt bei Seite und hielt inne. Die Augen zusammengekniffen saß er da, saß da und wippte mit seinem Oberkörper leicht vor und zurück. Es raschelte als er das Blatt wieder ergriff und weiter las.
Der Gong kündigte das Ende der Stunde an. Seiner Stunde. Die Schüler strömten aus dem Zimmer.
Wie eine Schar Bienen die den Stock zum Honig sammeln verlassen. So saß er auf seinem Pult, die Beine übereinander geschlagen und sann über das Bild nach, welches ihm diese lärmende Menge von Schülern vermittelte.
„Oh, warte mal!“, hurtig sprach er einen Schüler an, der soeben den Klassenraum verlassen wollte. Dieser blieb stehen, sah zu seinem Lehrer. Wortlos.
„Ich wollte mit dir über deinen Aufsatz sprechen.“, er hatte sich erhoben, ging auf den Jungen zu. „Wollen wir zusammen Mittagessen?“, freundlich lächelte er den schmalen Schüler an. Doch er bekam keine Antwort, der Junge blickte ihn nur teilnahmslos an. „Nun was ist? Keine Angst, ich beiße schon nicht.“ „Ich esse nichts.“, damit drehte sich der Schwarzhaarige um und ging. „Halt! Dann bleibe nach dem Unterricht etwas länger, sagen wir um zwei Uhr in diesem Klassenzimmer?“, erwartungsvoll starrte er dem Rücken hinterher.
Was wollte dieser Lehrer denn von ihm? Nur wegen diesem Aufsatz, er hatte die Aufgabe doch erledigt. War das wieder einer von jenen die mit seiner Art zu denken nicht zurecht kamen, - so engstirnig hatte er den neuen Lehrer nicht eingeschätzt. Er runzelte die Braunen, ließ sich vom Strom treiben.
Er war einer von diesen Menschen die in der Gesellschaft untergehen. Er war zu schwach um mit dem „Clan of Success“ schritt zu halten. Er kroch ihm hinterher, vergebens. Und so lebte er in seiner Welt, in seiner Welt der Schmerzen und Qualen. Doch der schmale Junge hatte sich schon seit langem damit abgefunden, was sollte er denn auch an dieser Situation ändern. Er hatte es so oft versucht, hatte diese Bemühen mit Schweiß und Blut bezahlt. „Pass doch auf du Freak!“ Einer der Masse stieß den zierlichen Körper gegen die Spinte. Ein leises Keuchen war die einzige Antwort. Er kannte das schon, es war nicht neues. So erging es ihm immer und was sollte er denn daran ändern. Es war doch eh alles seine Schuld. Wortlos ging er weiter, durchquerte zielsicher die kalten nackten Flure der Schule. Als er nach Draußen schritt atmete er tief auf, hob den Kopf gen Himmel und lächelte leicht. Es war so weit. Die Freude die sein Herz erfüllte konnte er nicht ignorieren und so sah man den Schwarzhaarigen das erste mal seit vier Jahren wieder lachen.
Überrascht stand der Lehrer am Fenster, stand da und blickte ungläubig nach unten. Auf den Schüler der lachend vor dem Schultor stand. Etwas in diesem Lachen machte ihn traurig, machte ihm angst. Langsam drehte er sich um, ging zum Pult packte seine Sachen zusammen und sah zur Türe.
Ein weißes Stück Papier lag dort am Boden. Sauber gefaltet.
Schwungvoll warf er sich die Schultasche über die Schulter. Ein letztes Mal sah er zurück, blickte zu dem Fenster an welchem bis vor ein paar Minuten noch der Lehrer gestanden hatte.
Das Lächeln auf seinen Lippen war nicht erloschen als er über die Straße ging.
Und doch ist diese Hölle, in welche die Sünder kommen, ein Paradies. Denn dort hört man auf zu denken, auf zu fühlen. Gott, ich beuge mich dir. Es ist dein Wille und dein Wille geschehe. Ich bin ein Sünder, einer der Schlimmsten die es gibt. Ich habe keine Reue gezeigt, habe mich nicht an deine irdischen Sklaven gewandt. Ich ziehe die Hölle, der Hölle auf Erden vor. Dein Wille ist geschehen. . .
Die Augen wurden von dem Gelesenen erhoben.
Das weiße Blatt Papier viel geräuschlos zu Boden.
1
Kommentare
Ninni schrieb am 2007-05-08 21:35:02:
WOW!
is zwar schon ne weile her, dass der letze kommentar kam, aber egal.
Vorallem der erste absatz war einfach genial. das entspricht meinen gedanken so ziemlich.
ein ganz dickes Lob . einfach WOW!
Leviathan schrieb am 2006-09-23 13:27:23:
vielen dank^^
freut mich sehr das dich die geschichte so berührt hat.
Bina schrieb am 2006-08-28 12:04:54:
Ich muss sagen das ist eine der besten Geschichten die ich hier seit langem gelesen habe!
Du hast es geschafft mit deinen Worten den Leser (mich) tief zu berühren.
Weiter so!
Kommentar hinzufügen