Schmetterling
von
Denise Rüegg
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Sie betrat ihr Zimmer, schloss die Tür so leise wie möglich hinter sich. Ihre Schritte waren ruhig und langsam. Ihre Art, ihre Erscheinung hatte magisches, etwas von einer Elfenkönigin, schön, stolz, mächtig, weise. Doch ihre grünen Augen zeigten ein wenig Unsicherheit, beinahe Verlorenheit. Ein Schmetterling gefangen in der grossen, modernen Welt, fern von den Blüten und der Natur. Was hatte ihre Flügel gebrochen?
Geschmeidig setzte sie sich auf den Stuhl vor ihrem Schreibtisch. Ihre zarten Hände griffen nach Papier und Stift. Sie zögerte einen Augenblick, sah auf die Digitaluhr auf dem Regal oberhalb des Schreibtisches. 20:19, Mi, 13.02.07. Dann setze sie den Stift auf das Papier und begann zu schreiben.
Doch nur nach wenigen Zeilen faltete sie das Papier sorgfältig zusammen und liess es sacht in den Papiereimer fallen. Sie stütze den Kopf auf ihre Hände und sah aus dem Fenster. Wie fasste man Liebe in Worte, ohne die Verzweiflung hervor scheinen zu lassen? Wie konnte sie ihm ihre tief empfundene Liebe beschreiben, wo sie doch wusste, dass die seine am verblassen war?
Es hatte vor einer Woche begonnen, doch sie hatte es schon kommen sehen. Er wusste nicht, dass sie spürte, was vor sich ging. Er wusste nicht, dass sie Wahrheit nicht ertragen konnte, dass sie versuchte, sie auf irgendeine Weise abzuhalten. Er wusste nicht, dass er mit jedem Schritt, mit dem er sich von ihr entfernte, ein wenig mehr Staub von ihren Flügel nahm, der doch so wichtig war, um zu fliegen. Doch wäre es anders, würde er es wissen?
Sie erhob sich, so elegant, wie sich sonst niemand erheben könnte, sie gong zu ihrem Spiegel, betrachtete sich. War es ihre Schönheit, die ihm den Kopf verdreht hatte? Ihre Art, sich zu bewegen? Oder ihre Fähigkeit, die Magie in der Welt zu sehen? Hatte er sich in sie verliebt, weil sie ihm die wunderbaren Seiten des Lebens gezeigt hatte? Weil sie ihm beigebracht hatte, seine Flügel zu entfalten, um vom Schatten in die Sonne zu fliegen?
So viel hatte sie ihm gezeigt, so viel hatte sie ihm geholfen. Er hatte ihre Liebe genommen, und seine dafür gegeben. Aber jetzt entschwand seine Liebe langsam. Sie konnte sie nicht halten, sie konnte die Wahrheit nicht ändern. Sie musste die Liebe erneut entfachen. Bloss womit? Sie hatte ihm alles gegeben, was sie hatte, ihm alles gesagt, was sie wusste, ihm alles gezeigt, was sie kannte, ihm alles beigebracht, was sie konnte. Und jetzt stand sie mit leeren Händen da. Er hatte alles mitgenommen.
Sie musste einen neuen Weg gehen, ihm auch noch das letzte offenbaren, was sie noch verdeckt hatte. Sie würde ihm ihre Gefühle beschreiben. Nicht mit einem "Ich liebe dich", nein, er sollte alles wissen, jeden Gedanken, ihre Angst ihn zu verlieren, ihre Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft, ihre Träume von Kindern mit seinem dunklen, vollen Haar und ihren grünen Augen.
Plötzlich trat sie erschrocken einen Schritt zurück. Das Mädchen ihr gegenüber weinte. Sie streckte ihren Arm aus, um die Träne weg zu wischen, doch sie berührte nur den kalten Spiegel. Mit einer für sie ungewöhnlich schnellen Bewegung zog sie ihre Hand zurück. Nach einem Augenblick des Zögerns strich sie sich über die Wange. Sie zitterte, als sie die Träne auf ihrem Finger betrachtete. Und die Wahrheit zeigte sich nun in voller Grösse. Seine Liebe war erloschen.
Es war geschehen. Ihre Flügel waren gebrochen, die Hoffnung verschwunden. Er hatte alles mitgenommen. Und er würde nicht zurück kehren.
Sie ging wieder zum Schreibtisch zurück, nahm ein neues Blatt Papier. Doch jetzt nahm sie nicht wieder den Stift, sondern sie nahm die Schachtel mit den Farbstiften hervor. Und sie zeichnete einen Schmetterling, voller Schönheit und Magie.
Und morgen, am Valentinstag würde er die Zeichnung ansehen, und dann würde er sie betrachten, und er würde merken, was er ihr angetan hat. Und er würde sich entschuldigen, und ihr gestehen, dass er sie nicht mehr liebe. Dann würde er ihr die Zeichnung wiedergeben und sie für immer verlassen. Doch ihre Liebe würde er ihr dalassen.
Der Schmetterling bewegte sich wieder, zuerst nur seine Fühler, dann seine Beine. Und schliesslich begann er wieder mit den Flügel zu flattern. Er erhob sich vom Boden, und flog hoch, der Sonne entgegen.
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Kommentare
Wurm schrieb am 2008-03-19 11:55:19:
Wunderschön...
und ich kann Sandra nur zustimmen.
Viele Grüße
Wurm
Sandra schrieb am 2008-02-10 19:16:26:
Oh mein Gott..diese Geschichte ist so wunderschön..Die sollte jeder mal lesen.Ich bin begeistert..Ich danke dir..
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