Schneckenmond
von
Johanna Jottes
Wochen regnet es nun. Jeder Tag beginnt und endet mit dem gleichen monotonen Prasseln. Der herabfallende Regen wird manchmal lauter, manchmal leiser. Kleine Tümpel bilden sich in allen Vertiefungen. Die Pflanzen können kaum noch Wasser aufnehmen. So üppig ist das Grün, dass die Farbe mit den Regentropfen aus den Pflanzen herauszulaufen scheint. Überall dieser silbrige Schimmer...
Sie öffnet das Fenster. Unangenehme Feuchte wabert herein, macht Lüften zum Witz. Verbrauchten Dunst gegen Regendunst tauschen, das ist der einzige Erfolg. Die Wäsche hängt seit Tagen klamm auf der Leine im Keller. Zeitschriften saugen die Feuch-tigkeit auf, die Hochglanzfotos sind gewellt und fühlen sich an wie Filz. Salzstangen werden innerhalb von Minuten matschig.
Grau die Wolkenwand über dem Hügel; auf dem Weg zum Haus finden sich silbrig gewundene glänzende Linien. Wegmarkierungen für die Wassermassen, die den Spuren folgen und sie gleichzeitig verwischen. Heimliche Zeichen für kriechende, braune Leiber. Hellbraun, ziegelbraun, schlammbraun, glänzend, schmatzend, plötzlich in Massen überall zu sehen, rätselhaft, unaufhörlich sich nähernd...
Wann begannen diese Linien? Zuerst auf dem Weg, an einem der wenigen Regentage im Mai. Harmlos, unscheinbar. Mit jedem Regen erschienen einige mehr, nicht nur auf dem Weg, nun auch auf der Treppe. Mit jeder Regenwoche erobern die Kriechspuren eine größere Fläche. Auf der glatten Haustür findet sie die Spuren, auf dem weißen Briefkasten - hier nicht silbrig, sondern braun, mit kleinen Kotkringeln am Ende.
Das erste Mal fühlte sie sich bedroht, als der Steinkübel im Vorgarten über Nacht nur noch Pflanzengerippe barg. Abgenagte Blütenstängel, matschige, klebrige Pflanzenreste. Die Spalte zur Haustür übersponnen von merkwürdigen Linien. Die Haustür bietet Schutz - gegen Feuchtigkeit, triefende Nässe, kriechende Leiber - jedenfalls bisher.
Zwei Wochen später kam das Erschrecken im Waschkeller. Gummiartige, kleine Kringel liegen im Wäschekorb. Im Mohair-Twinset klebt ein brauner Körper, dessen Feuchtigkeit die Wolle aufgesaugt hat...- eklig..! Im kleinen Spülstein an der Waschmaschine sitzen drei von ihnen, schleimig, die Wände abtastend. Sie kommen überall herein! Panik ergreift sie. Was, wenn die Dinger aus dem Waschbecken heraufgekommen sind? Sind sie einmal in der Wasserleitung, werden sie aufwärts steigen....Oder sind sie durchs Fenster ins Becken gekrochen? Was tun? Sie wagt den ganzen Tag über nicht, einen Wasserhahn zu öffnen. Sie fürchtet statt eines klaren Wasserstrahls kot-braune Klumpen, gefolgt von feuchtschimmernden klebrigen Leibern...Blut statt Wasser.....
Vor den Lüftungsschächten schmale silbrige Linien, harmlose Schleimkringel, hinterlassen von den stummen, kriechenden Kreaturen, auf der endlosen Suche nach Ausbreitung. Hastig rennt sie durch alle Zimmer, schließt überall die Fenster. Aufatmen kann sie erst auf dem Balkon. Hier, drei Meter über dem Boden, wird sie sicher sein. Wenn die Sonne doch wenigstens ein paar Stunden scheinen würde und diesen Sumpf austrocknen könnte..!
Plötzlich bricht die Sonne durch den Regen. Boshaft hell, sieh her, so strahlend bin ich im Süden!. Schon schließt sich die Wolkenlücke wieder, der Glanz verlöscht schlagartig. In den verblassenden Strahlen leuchten am Geländer braune Flecken...
Der Regen hält an. Dunkle Wolken lassen die Dämmerung früher kommen. Fröstelnd trotz der Schwüle sieht sie den Mond heraufziehen, verschwommen, in Dunst gehüllt. Einige Dunstschleier sehen aus wie Monster, wie Schlangen. Ist heute nicht Vollmond? Sie zieht die Schultern hoch, denkt an Erzählungen von Fledermäusen, Wölfen, Vampiren.... Am Fenster schimmern verschlungene Silberspuren ...
Sie zwingt sich zur Ordnung, normale Gedanken - Ausziehen, Abschminken, nicht mehr daran denken. Bei Vollmond träumen alle Leute schlecht! Putz die Zähne, wasch Dich, Geh ins Bett, mach' Dir einen Tee! Trockene, warme Laken fühlen, den Kopf ins Kissen kuscheln, das wird helfen! Die Decke ganz dicht um sich feststecken...
Sie will die Zähne putzen, den Wasserhahn aufdrehen, zögert, geht erst zur Toilette. Sie hebt den Toilettendeckel hoch... - glänzende braune Leiber schmatzen über den glatten weißen Beckenrand, gleiten durch Pfützen von Schleim auf den Kacheln - immer mehr drängen nach, ergießen sich aus dem Toilettenbecken, schwappen über den Kachelboden...
Ihr Schrei hallt im kalten Bad -... draußen ist Vollmond.
Kommentare
tixo@gmx.net schrieb:
Wow, die Story is echt gut! :)
Da kommt einem richtig das Frösteln...
SBChris1982@aol.com schrieb:
Ein Grund mehr für uns Männer im Stehen zu pinkeln :-)
Echt Klasse.
Kommentatorin schrieb:
Hm? Was soll das sein? Ich meine, was ist in der Welt los, die du da beschreibst? Also, gegruselt habe ich mich leider nicht und richtig vorstellen, was das für "Leiber" waren konnte ich mir auch nicht, wobei ich aber anmerken muss, dass dein Schreibstil sehr gut ist, nur die Story an sich hat mich eben nicht so besonders gefesselt. Aber Potential ist da, nur Ideen fehlen wohl grade. Aber wird bestimmt noch...
mary schrieb:
hey! die story is echt gut! *großes-lob-geb* aba irgendwie check ich das net mit dem schrei un dem vollmond... naja vll bekomm ich ja eine antwort... munta bleiben!
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