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Schnell wie der Orient-Express
von
Rommee
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Schnell wie der Orient-Express
Melodien und Farben rauschen beim “Orientalischen Tanz” an der Universität Eichstätt
Diesmal muss alles klappen - ohne straucheln, ohne stolpern. Ruhig schimmern erste Flötentöne aus der alten Musikanlage durch die aufgeheizte Luft. Vier Mädels, wie an einem Faden nebeneinander aufgereiht, hibbeln noch zu den ersten Takten auf ihren Plätzen und fixieren sich im Spiegel. Auftakt: Trommeln donnern kurz über die Flöten. Plötzlich gleiten die Zehenspitzen der Mädchen lautlos das Parkett entlang. Ihre bunten Schleier fliegen wie Adlerschwingen zu den ruhig kreisenden Füßen. Die Farbtupfer segeln durch den Raum und füllen ihn, denn die Spiegel- und Fensterfronten im Gymnastiksaal werfen die Farbflecken wie einen Spielball zwischen sich hin und her. Die spielerische Flötenmusik zwitschert sich zu immer höheren Tönen. Die Schleier wirbeln in schnellen Achten. Die Münzen an den Hüfttüchern der Mädchen klingeln hell wie Glöckchen an einem Weihnachtsschlitten. Noch tanzen die Vier souverän ihre Choreografie. “Zack Zack Zack” ruft dann Trainerin Friederike Dorsch. Tempowechsel. Der Takt rast. Trommeln überschlagen sich. Hüften rotieren. Die vier Mädels fixieren im Spiegel angespannt ihre Füße. Bang! Die Münze eines Hüfttuches schlägt rasselnd auf dem Parkett auf. Da verheddert sich der pinke Schleier und strauchelt ein Fuß erschrocken in die falsche Richtung. Die dazugehörigen Schultern sinken in eine krümmere Alltagshaltung und enttäuschte Augen spiegeln sich. Wieder nichts. Der strenge Blick von Trainerin Friederike streift durch den Raum. Dann: Anspannung, Konzentration und von vorn. Jetzt bloß keine Fehler mehr!
Vor einer Stunde war Katharina Gebler, 24, noch ganz begeistert. “Ich wollte schon immer was mit Tanz machen - und Orientalischer Tanz ist nicht so anstrengend”, sagt die Studentin während sie vor dem Gymnastiksaal wartet bis der Sportkurs vor ihnen fertig ist. Danach muss sie zuerst die Fenster öffnen, um die schweißgetränkte heiße Luft loszuwerden. Als nächstes holt sie ihr farblich mit den knallroten Haaren abgestimmtes Hüfttuch aus der Tasche. “Leider noch kein richtiges mit Münzen und Pailletten und so”, sagt sie. Auch sonst sieht Katharina wenig orientalisch aus mit ihren vielen Piercings im Gesicht, der schwarzen Sternchenleggins und den schmutzigen Socken.
Montag Abend, punkt halb neun - ein modernes türkisches Lied tönt aus den Boxen. Popbeats zu E-Gitarre und fiepsenden Flöten. Jede Tänzerin sucht sich hastig einen Platz vor dem Spiegel. Trainerin Friederike huscht davor und lockert sich. Ihre Arme zupfen über ihrem Kopf die Luft, die Knie beugen sich. Wellig wölbt sich ihr Körper zum Boden, baut sich langsam wieder auf. Elegant und geschmeidig, wie das Aufrichten einer Kobra und nicht so wie die harten Züge ihres Gesichts vermuten lassen würden. Die Studentinnen ahmen sie etwas tapsig und steif nach. Einige küssen fast den Boden. Vier Minuten lang - das ganze Lied über - zupfen, beugen, errichten sie sich. Schultern kreisen zur Lockerung, Hüften sowieso. Das Lied läuft leise aus. Niemand spricht. Nur der Parkettboden knackt und knarzt. Die bunten Hüfttücher klimpern den letzten Hüftkreis aus. Die Fernbedienung klickt. Nächstes Lied - nächste Übung. Mal wippen die Zehenspitzen, schlagen Arme wie Flügel oder wandern die Körper mit dem Becken voran von links hinten nach recht vorn durch den Raum.
“Beim Orientalischen Tanz ist es sehr wichtig seine Körperteile - besonders die Mitte - zu isolieren” predigt Trainerin Friederike, die schon seit 17 Jahren orientalischen Tanz lehrt. “Man muss die Musik aber auch richtig interpretieren. Geht es >Tack Tack Tack< muss man eben abgehackt tanzen und nicht schlängeln.” Im Eichstätter Fortgeschrittenen Kurs tanzen die Mädels einen traditionellen ägyptischen Stil, teilweise auch zu moderner orientalischer Musik. Die Melodien und der Tanz erinnern Katharina an vergangene Türkei-Urlaube. Christina, eine andere Tänzerin, hat nicht nur einen Freund der aus Marokko kommt und den sie bei einem Auftritt kennen lernte: “Ich liebe auch die Kultur, die Sprache, die Länder”, sagt sie lachend.
Kurz vor Ende des Kurses ist die Choreografie für die Sportgala an der Reihe. Trainerin Friederike wirft Schleier in den Raum. Blau, Grün, Bordeaux - mit Goldrand verziert. Katharina schnappt sich blitzschnell einen knallig pinken. Die Mädels schlingen den Stoff um sich und sehen aus wie in gefärbte griechische Togas gewickelt. Die Tröten und Trommeln vermischen ihre Klänge. Füße gleiten und Handgelenke kurbeln schlangenförmig vor dem Körper. Gelenke knacken. Dann wirbeln die Schleier umher oder werden wie Flaggen beim Gewinn einer Olympiamedaille ruckartig in die Luft gestoßen. Die Hüften schwingen zackig. Schon oft waren sie heute an dieser Stelle - immer gab es Patzer. “Zack Zack Zack” - der Tempowechsel. Die Trommeln und Flötenmelodien rauschen schnell wie der Orient-Express. Der Spiegel wirft angestrengte Gesichter in den Raum, wenn sie nicht von den dahinfliegenden Schleiern verdeckt werden. Diesmal klappt es. Der Takt beruhigt sich, Gesichter entspannen und lachen sich triumphierend im Spiegel an. Der Tanz ist aus. Der Kurs auch - schon lange. Sie haben überzogen. Schnell fliegen die Tücher in die Taschen und die Mädels hasten heim. Der Hausmeister schleicht schon herein. Gleich blitzt das Licht aus.
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