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Kategorien > HORROR > Grusel

Schreie aus der Vergangenheit

von jungerSchatten

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Schreie aus der Vergangenheit


„Sie können jetzt Herr Michels“, sagte die Sprechstundenhilfe lächelte über ihr Pult gelehnt.
Er nickte stumm. Die Tür zum Behandlungszimmer stand einen Spalt offen, und er trat ein.
„Schließen sie die Tür, Karl.“
Der Arzt stand mit dem Rücken zu ihm und suchte nach etwas.
„Ah, da haben wir sie ja.“
Jetzt drehte er sich um und streckte ihm die Hand entgegen, in der anderen hielt er eine Akte.
Ein dicker, klobiger Ring drückte Karl in die Handfläche, als er sie ergriff. Ihm fiel auf, dass der vordere Teil seines Ringfingers fehlte.
„Es ist ja eine Ewigkeit her, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben. Moment“, er schlug die Akte auf, „vor genau elf Jahren“, fuhr er fort. „Ich weiß noch, damals gingen sie mir gerade bis hier.“
Er hob den Arm und hielt ihn etwas auf Schulterhöhe, einige sekundenlang ausgestreckt.
Karl erinnerte es an den Hitlergruß.
„Ich hoffe sie haben in der Zwischenzeit einen anderen Zahnarzt gefunden. Elf Jahre wären eine lange Zeit ohne Kontrolle.“ Es folgte ein tadelnder Blick.
Karl fand, dass er ihn noch immer so behandelte, als sei er gerade aus der Vorschule gekommen.
Im Allgemeinen hatte sich hier nur wenig geändert, seit seinem letzten Besuch.
Es war noch immer der große, mit hellbraunem Leder bezogene Patientenstuhl der den meisten Platz in Anspruch nahm, noch immer das übergroßen Porträt eines alten Mannes dahinter, noch immer die gleichen weißen Einbauschränke, und ja sogar Dr. Ramstätter sah noch so aus wie vor elf Jahren.
Die intelligenten blauen Augen, eingerahmt von einer schwarzen Hornbrille, das glatt rasierte Gesicht, die riesigen, seltsam grauen Zähne und nicht zuletzt der Geruch nach After Shave, welcher ihn wie eine Wolke umgab. Alles war wie früher.
„Irgendwie habe ich es über die Jahre immer vor mir hergeschoben“, gab Karl kleinlaut zu.
„Jetzt sind sie da Karl, setzten sie sich doch bitte auf den Stuhl.“ Er deutete auf das hellbraune Monstrum.
Karl nahm Platz. Ramstätter ging um seinen Schreibtisch und betätigte einen kleinen Knopf.
„Rita, würden sie bitte kommen.“
Er wandte sich wieder Karl zu. „Wo drückt den der Schuh?“, wollte er wissen.
„Im Unterkiefer, rechts hinten.“
„Aha, lehnen sie sich doch bitte zurück und öffnen sie den Mund.“
Er tat, wie ihm geheißen.
„Schauen wir uns das mal an.“ Die Sprechstundenhilfe erschien in seinem Blickfeld. Sie war also auch seine Zahnarzthelferin. Das blonde Haar fiel ihr über die Schultern und sie lächelte ihn an.
Sie musste etwa in seinem Alter sein und hatte so durchdringend blaue Augen, dass er ihm schwerfiel sie nicht anzustarren. Vorhin war ihm das gar nicht aufgefallen. Das helle Licht blendete ihn und die beiden Gesichter wirkten ein wenig wie Traumgestalten, die auf ihn herabsahen.
„Sie kennen bereits Fräulein Maier?“, sagte Dr. Ramstätter, der Karls Blicke bemerkt hatte.
„Hm“. Es war schwer mit geöffnetem Mund zu sprechen.
„Fangen wir oben an. "Eins-Eins, Eins-Zwei, Eins-Drei" diktierte er seiner Helferin. Für Karl klang das alles wie Fußballergebnisse.
Dieselbe Prozedur erfolgte im Unterkiefer. Erst als der Dr. Drei-Sechs kariös sagte, folgte eine weitere Erläuterung.
„Sie haben eine Menge Zahnstein Karl, den kann ich ihnen sofort entfernen, ihr hinterer Backenzahn erfordert allerdings eine längere Behandlung. Ich fürchte, sie brauchen eine Krone.“
„Müssen sie ihn ziehen?“, wollte er wissen.
„Nein, nicht ziehen, aber präparieren. Ich muss die befallenen Teile ihres Zahnes entfernen und dabei wird nicht viel übrig bleiben. Über diesen Stumpf kommt dann die Krone. Wären sie früher gekommen, hätte vielleicht eine Füllung ausgereicht, so aber muss ich ihn präparieren.“
Für Karl klang präparieren äußerst schmerzvoll.
„Und können sie das jetzt machen?“ wollte er wissen. Er wollte alles so schnell wie möglich hinter sich bringen.
Ramstätter sah auf die Uhr. „Ich kann, es wird aber eine Weile dauern. Ich hoffe sie haben nichts mehr vor.“

Die Spritze tat fürchterlich weh. Er spürte die Nadel unterhalb seines Zahnes in das Fleisch dringen und zuckte zusammen. Wie hasste er Zahnarztbesuche. Kein Wunder, dass er es solange vorgeschoben hatte.
Langsam wurde seine rechte Gesichtshälfte taub. Es kribbelte und fühlte sich an, als würden tausende von Ameisen über seine Wange laufen.
„Bitte öffnen sie jetzt den Mund.“ Ramstätter stach mit einer seiner Sonden in das Zahnfleisch.
„Spüren sie das?“
Er hatte es gespürt, aber es war nicht schmerzhaft gewesen.
„Ja, aber nur einen leichten Druck. Er hörte wie er lallte. Seine Lippen waren taub.
„Gut, fangen wir an.“
Karl überlegte, ob er die Augen auf lassen oder lieber schließen sollte. Lieber offen um zu sehen was passiert.
„Den Mund weit öffnen.“
Rita steckte ihm zwei Wattestücke zwischen die Backen und begann seinen Speichel abzusaugen.
Sein Kopf vibrierte, als der Dr. zu bohren anfing.
Es kam ihm vor wie eine Ewigkeit.

Der Pistolenlauf an seiner Schläfe, ließ ihn in erstarren. Der Lauf fühlte sich kalt an, kalt und endgültig. Sie würden ihn ohne weiteres erschießen, wenn er jetzt nicht stehen blieb.
Er hörte sie lachen. Scherze machen. Kräftige Hände drückten ihn zu Boden. Und das alles wegen eines gestohlenen Brotleibes, dachte er.
Kurz darauf wurde er wieder hochgerissen. Er sollte sehen.
Seine Tochter schrie nach ihm, als der Soldat ihr den Mantel von den Schultern riss. Dann schlug er sie, und plötzlich war es ihm egal ob er leben oder sterben würde, er bäumte sich auf, der Pistolenlauf verschwand von seiner Schläfe und er stürmte auf seine Tochter zu.
Ein Schuss fiel.
Er sah an sich herab. Ein kleiner Blutfleck zeichnete sich auf seiner gestreiften Kleidung ab.
Er würde rasch größer. Jetzt hörte er seine Tochter nach ihm rufen, hörte aber auch die Stimmen der anderen.
Er fiel auf die Knie, dann war seine Tochter bei ihm. Sie rief immer wieder seinen Namen, presste ihre Hände auf seine blutende Wunde und sah sich hilfesuchend um. Dann wurde sie von ihm fort gerissen. Sie schrie, Stoff wurde zerrissen. Er schaffte es noch einmal aufzustehen. Das letzte was er sah war der panische Blick seiner Tochter, dann fiel ein zweiter Schuss und alles wurde schwarz.

Karl schreckte hoch. Froh darüber nur schlecht geträumt zu haben, stahl sich ein Lächeln auf seine Lippen. So realistisch hatte er noch nie geträumt, es war faszinierend und erschreckend zugleich.
Er fuhr mit der Zunge über die Goldkrone, die ihm Dr. Ramstätter gestern eingesetzt hatte. Sie fühlte sich glatt und kalt an, wie etwas das nicht in seinen Mund gehörte, doch daran würde er sich schnell gewöhnen, wie ihm Ramstätter versichert hatte. Nachdem er bei seinem ersten Besuch den Zahn präpariert, einen Abdruck genommen und den Stumpf provisorisch mit einem Kunststoffmantel abgedeckt hatte, hatte er ihm gestern die Krone eingesetzt. Mit dem Hinweis, dass der Goldpreis derzeit besonders niedrig sei, hatte er Karl zu einer Goldkrone geraten.
Die

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