Schwarz und Weiß
von
Marc-O
1
2
3
Der Wald hüllte sich in Schweigen. So, als hätte es das Heulen, das von den Hügeln gehallt war, gar nicht gegeben.
Ich zog weiter, den hohen Ton noch in den Ohren, und lauschte auf Wiederholungen, während der frisch gefallene Schnee unter den Sohlen knarrte. Unter dem Eis rauschte der Bach, der beste Pfad für eine lange Wanderung.
Näher als zuvor erscholl das Wolfsgeheul, jagte aus dem Dunkel zwischen den Fichten hervor und kam als Echo von den Bergen zurück. Ich verlangsamte den Schritt, lauschte, blickte um mich. Es war klar: Dieser Ruf galt mir. Denn er bedeutete: >Eindringling<. Und plötzlich war sie da, als wäre sie mit den schweren Schneeflocken vom Himmel gefallen.
„Du bist hier nicht erwünscht.“ Gelbe Augen, flüssiges Gold in reinweißem Pelz. Laubschatten saß auf der Böschung des Wildbachs, den Schwanz abwartend um ihre Beine geschlungen, und blickte auf mich hinab. „Du hast gewildert.“
Das stimmte; ebenso wie die Tatsache, dass ich im Nebelforst nicht erwünscht war. In meinem Bauch lag noch immer der Hase, den ich vor der Dämmerung aus dem Schnee gejagt hatte. Also erwinderte ich:
„Das ist wahr.“
„Du kennst das Gesetz.“
Ein kleiner Teil – ein naiver, emotionaler Geist – von mir hatte diesem Moment entgegengefiebert. Wohlgemerkt: NICHT dem Moment, als Eindringling und Wilderer verurteilt zu werden, sondern Laubschatten zu begegnen. Vielleicht war es allein mein emotionaler Geist, der mich in den Nebelforst zurückgeführt hatte. Der erfahrenere Teil von mir hatte jedenfalls kein Mitspracherecht gehabt.
„Ich kenne das Gesetz.“ Den Schwanz zog ich dennoch nicht ein, sondern wandte der Wölfin meine Flanke zu, senkte den Kopf. Blickte ihr direkt in die Augen, als sie sich anspannte.
Und in diesem Moment betete ich. Auch wenn wir an keine Götter, Teufel oder Dämonen glauben; wir können dennoch glauben. Wir glauben an den Mond, diese Scheibe aus Eis über den Fichten; wir glauben an den Wind im Geäst und die Wildbäche, die sich aus den Bergen ergießen. Unsere Gebete gelten dem Frost, der die Hirsche in unsere Wälder treibt, und dem Donner über den Berggipfeln. Wir verehren die Bäume und das Moos, die Erde unter unseren Füßen und die Sterne über unseren Köpfen.
Und wir glauben an das Gesetz von Reißzahn. Dieses Gesetz sprach vom Kämpfen und Sterben eines jeden. >Töte, oder werde selbst getötet.< Es schrieb uns vor, wie wir zu denken hatten. >Ein Fremder ist ein Feind.< Es schrieb uns vor, wie wir mit den Widrigkeiten dieses Lebens umzugehen hatten. >Ein Feind ist des Todes.<
Ich betete, Reißzahn würde heute nicht zu seinem Recht kommen. Vergebens.
Ein Knurpsen im Schnee, ein fliegender Strich im Mondlicht, ein Schatten auf dem Eis, und dann saß sie mir im Genick. Ich knickte ein, als Laubschatten ihren Angriff vortrug und ihre Zähne zum Einsatz brachte. Ein tödlicher Angriff nach vollendeter Ausbildung, doch nicht gegen mich, denn ihre Fänge schlossen sich um hartes, schweres Leder.
Ich wußte, dass die Menschen mir dieses Leder angehängt hatten. Ich wußte nur nicht, dass sie es >Peilsenderhalsband< nannten. Für mich war es ein nach Mensch stinkendes Anhängsel, doch ungleich praktisch, denn meine Gegnerin hatte sich darin verbissen.
Ich war in die Knie gegangen, als ihr Gewicht auf meine Kehle fiel, doch nun warf ich mich nach oben, schleuderte sie mit mir in die Höhe und wirbelte auf den Hinterläufen herum.
Kampfkraft definiert sich über Gewicht, über die Anzahl der Zähne und die Geschwindigkeit der Läufe, über jugendliche Kraft und gereifte Erfahrung.
Ich war größer als der Durchschnitt, besaß gute Zähne in gesunden Kiefern und die Erfahrung eines Kämpfers, der längst hätte tot sein sollen.
Laubschatten ließ los, als ich sie herumwirbelte; ihre Zähne glitten von meinem Halsband ab, fassten noch einmal, verfehlten meine Kehle. Noch im Sprung schnappte ich selbst zu, jagte ihr meine Zähne in die Schulter, dass es knirschte.
Laubschatten stieß ein gellendes Jaulen aus – ich gab ihre Schulter frei, ließ sie auf dem Eis des Bachlaufs aufschlagen und schnappte direkt vor ihrer Schnauze in die leere Luft, dass meine Kiefer wie Stahlfallen zusammenknallten.
„Gewährt!“, erwiderte ich auf ihr Gnadengewinsel, fuhr herum und jagte wieder den zugefrorenen Bach entlang. Nun ging es um jede Sekunde!
Laubschatten hatte den Rest des Rudels schon vor einer Weile gerufen; doch ohne Zweifel hätte sie es auch wesentlich früher tun können. Sie hatte mir einen Gefallen getan, indem sie mich erst so ungewöhnlich spät stellte. Auch war ich mir fast sicher, dass sie mit Absicht auf das Halsband gezielt hatte; und ich dankte es ihr, indem ich ihre Schulter aufriss.
Was Weibchen anging, hatte ich offenbar Pech.
Dennoch, anders hätte es nicht kommen können. Ich hatte sie ernsthaft überwältigen müssen, um ihre Beihilfe zu meiner Flucht zu decken.
Ich flog regelrecht aus dem Wald heraus und in den Sturm hinein, die Böschung hinauf und ins weite Feld. Stürmte als schwarzer Strich über den Schnee, der hier fest gefroren und eine gute Rennbahn war. Hinter mir erklang das Heulen; diesmal war es nicht allein Laubschattens Stimme.
Plötzlich das Niederfahren von Schwingen direkt neben meinem Ohr – ich blickte zur Seite.
„Klingt, als hättest du Probleme am Hals“, krähte mir der Vogel ins Ohr.
„Ich weiß“, entgegnete ich der Krähe, die sich anschickte, auf Schulterhöhe mit mir zu fliegen. Wie sie es immer tat. „Es ist nicht so gelaufen, wie ich es erhofft hatte.“
„Und was ist passiert? Hast du deine Wölfin wiedergefunden?“
Ich zögerte mit der Antwort, was unsinnig ist. Wir lügen uns sowieso nicht an – warum also mit der Antwort zögern? „Ich habe Blut vergießen müssen.“
Die Krähe schwieg einige Momente lang. Was hätte sie auch darauf sagen sollen. Doch mein Gefährte war schon immer zu geschwätzig gewesen, um lang still zu sein. „Und wohin nun? In deinem alten Revier können wir unmöglich bleiben, oder?“
„Wir verschwinden von hier so schnell wie möglich.“ Meine Schritte wurden länger, raumgreifender, während der Schneesturm heulte und die Krähe zwang, tief über dem Boden zu segeln und sich meinen schwarzen Pelz als Orientierung im Schneegestöber zunutze zu machen.
Die Krähe selbst war übrigens wie ich ein Toter – Ein >Toter< kann in unseren Begriffen auch jemand sein, der noch lebt, doch ist er von seinen Gefährten verbannt und somit zum Tode verurteilt – denn sie war weiß. Eine weiße Krähe, Bote des Unglücks.
Wolf und Krähe jagen gemeinsam, doch sie glauben nicht an dieselben Dinge. Krähen glauben an Schicksal, Wölfe nur an Zufall und pures Glück.
Wir verschwanden aus dem Nebelforst, ein kohleschwarzer Wolf und eine Krähe, fahl wie der Tod; und als der Schneesturm langsam erstarb und der Tag verging, erreichten wir die Hügelkuppe, hinter der ein geisterhaftes Glühen den Nachthimmel umfasste. Eine Kuppel aus Licht, und als wir die Hügelkuppe überwanden, blickten wir auf die Lichter herab.
Menschenbaue, zahllos wie die Sterne, die wir verehren. Heller als der Mond.
„Das ist
1
2
3
Kommentare
Keine Kommentare vorhanden.
Kommentar hinzufügen